Alltagsgeschichten – Markenzeichen unvermittelbar

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… oder wie eine Hündin den Weg zurück ins Leben fand

Geschichten, die das Leben schreibt, sind doch am interessantesten. WUFF-Leserin Gitti Pöhling: „Diesen Artikel möchte ich all denen widmen, die es sich zur Aufgabe ­gemacht haben, einem lang ,inhaftierten‘, im Umgang mit Artgenossen und anderen ­Tieren sozial schwachen, völlig nerven-labilen Listenhund ein gutes Zuhause zu geben, oder solches beabsichtigen.“

Vorweg möchte ich erwähnen, dass wir mit genau so einem Exemplar (wie im Vorspann beschrieben) seit nun mehr als sieben Jahren Haus und Bett teilen.

Lisa ist eine schwarz-weiße Stafford- oder Pitbull-Mix-Hündin (keiner weiß es so genau), aus einem der größten Tierheime Deutschlands stammend. Über unser regionales Tierheim erfuhr ich damals von Lisa und ihrer geringen Vermittlungschance in der Großstadt. Spontan und unvoreingenommen bot ich meine Hilfe an. Da wir zuvor Oskar – einen Rottweiler – unser Eigen nannten, waren die entsprechenden Auflagen inklusive des Führerscheins für solche Hunde erfüllt und ich traute mir die Aufgabe zu. Sechs Jahre war sie alt, als wir sie in unser Heim holten. Von ihrer Vorgeschichte wussten wir nichts, nicht einmal, ob sie jemals eine ­Familie oder wenigstens eine Bezugsperson hatte. Aber nun war sie da, unsere ­„Krawall-Biene“!

Benimmregeln – Fehlanzeige!
Lisa, ein schreiendes Etwas mit einem Nervenkostüm wie eine 380 Volt-Steckdose. Unfähig, sich draußen auch nur einen Meter gesittet fortzubewegen. Aber ich hatte mich für sie entschieden und mir eingebildet, dass die Aufgabe, ihr die Benimmregeln für den Alltag beizubringen, zu bewältigen wäre. Doch da hatte ich mich aber gewaltig getäuscht! Die Angst, die in ihr schlummerte, war allgegenwärtig. Wir ahnten nichts Gutes. Sie reagierte panisch auf nahezu alles, was von vorne kam, z.B. auf auffällig gekleidete Personen, führten sie noch Taschen oder Schirme mit oder gingen gar an Krücken oder mit Walking-Stöcken. Dann war es um sie geschehen und es gab kein Halten mehr. Selbst auf Gehwegen wehendes Laub oder ein helles Taschentuch am Wegesrand brachten sie um ihre Fassung.

Eine Steigerung zu all dem waren andere Hunde. Egal welcher ­Größe, lang- oder kurzhaarig, hell- oder ­dunkelfarbig, Mädchen oder Junge, auf alle, ausnahmslos alle, ging sie los. Lisas Wut auf diese Dinge war ungebremst. Mit all ihrer unbändigen Kraft ging sie nach vorne.

Uns wurde klar, warum Lisa keine Chance auf Vermittlung hatte
Im häuslichen Umfeld war der Staubsauger der Feind Nr. 1, egal ob an oder aus. Auch Geräusche des alltäglichen Lebens wie Waschmaschine, Spülmaschine, Kaffeemaschine etc. waren für sie ein Graus. Um sich von ihrem Frust zu befreien, kreiselte sie wie benommen. Es war wirklich schlimm! Lisa aus diesem Wahn wieder „abzuholen“, bedeutete für uns jedes Mal viel Energie und Körperkraft, aber auch auf emotionaler Ebene.

Weiter ging es mit Berührungen ­j­eglicher Art. Sie hegte zwar keine Aggressionen gegen uns, aber bei dem Versuch sie zu streicheln machte sie sich steif und beobachtete uns miss­trauisch und atmete sichtlich auf, wenn die ­„Prozedur“ vorüber war.

Spielen war für unsere Lisa leider auch ein Fremdwort. Im direkten Körperkontakt mit ihr zu toben war unmöglich. Auf Spielzeug war sie so wild, dass wir die völlige Kontrolle über sie verloren. War sie im Besitz des Objektes, wurde es in null Komma nix zerlegt und sogar teilweise gefressen.

Übliche Erziehungsversuche völlig erfolglos
Wir brauchten dringend Hilfe, also machte ich mich auf die Suche nach einer wirklich guten Hundeschule für uns. Ich recherchierte im Internet, fragte im Bekannten- und Freundeskreis und scheute auch nicht, fremde Menschen mit Hund auf der Straße ­anzusprechen. Schließlich war eine Auswahl getroffen. Telefonisch trat ich mit den Betreibern in Kontakt. Meine Euphorie, das Problem in Angriff zu nehmen, sank jedoch mit jedem Telefonat. Die meisten Hundeschulen durfte ich noch nicht einmal mit Lisa in Augenschein nehmen. Zu schwierig, so die Aussage. Einen solchen Hund in eine Gruppe zu integrieren würde bedeuten, dass aus genau diesem Grund, andere die Gruppe verlassen würden. Dies sei finanziell nicht tragbar. Insgesamt wurden wir von fünf Hundeschulen abgelehnt.

„Ich war getroffen, traurig und wütend zugleich. Aber ich gab nicht auf.“

Über eine Zufalls-Bekanntschaft, auch mit Listenhund, erfuhr ich von einer Hundeschule im Ruhrgebiet, 120 km von unserem Wohnort entfernt. Diese Schule war spezialisiert auf „Kämpfer“ und Hunde, die auffällig geworden waren. Nach einem Telefonat waren wir herzlich eingeladen. Eine Woche später fuhren wir mit Lisa zu unserem ersten Vorstellungsgespräch. Die Aufnahme war klasse, wir fühlten uns gleich gut aufgehoben. Direkt am Auto wurden wir mit Lisa abgeholt, schon hier wurde nichts dem Zufall überlassen. Nach einem langen Gespräch und einer ersten Begutachtung von Lisa durften wir uns in die Samstagsgruppe eintragen.

„Wow, ich war glücklich und hatte große Hoffnung. Aber vor uns lag ein langer Weg.“

An den ersten beiden Terminen musste Lisa mit Maulkorb geführt werden. In den weiteren Unterrichtsstunden durfte sie schon ohne Maulkorb in die Schule. Es waren ständig 3 Hundetrainer anwesend bei circa 15 Hunden. Freitag abends wurde ich schon nervös, wie würde es am nächsten Tag mit Lisa wohl klappen? Aber diese 3 Trainer wussten nicht nur mit schwierigen ­Hunden umzugehen, sondern ­nahmen mir auch meine Angst, Lisa nicht händeln zu können, und ich wurde gelassener. Nach 4-5 Samstagen wurde Lisa auch ein wenig ausgeglichener und nahm sogar meine Ansprache während des Unterrichts wahr. Noch ein paar Wochen weiter war sie in den ­Stunden richtig diszipliniert und ich war erstaunt, wie schnell sie begriff. Lisa wurde zur regelrechten Streberin. Eifrig befolgte sie meine Anweisungen und wurde zum Liebling (fast) aller. Damit hatte ich niemals gerechnet.

Die Krönung waren eine bestandene Begleithundeprüfung sowie Maulkorb- und sogar Leinenbefreiung. Meine Freude war riesengroß und ich war mächtig stolz auf meine Maus. Trotzdem hatten wir noch immer ein großes Problem, denn sie hörte nur auf dem Hundeplatz. Kaum waren wir alleine unterwegs, egal ob Wald oder Stadt, machte sie ihr Ding und war mal wieder kaum zu bändigen.

Durch Zufall lernte ich Thomas kennen. Er war fasziniert von Lisa. Thomas ist kein Hundetrainer, dafür jemand mit viel Einfühlungsvermögen für ­schwierige Hunde. Sein Konzept: Lisa das gemeinsame Spiel mit dem Menschen näher bringen. Unser Ziel war es, sie kontrolliert auslasten zu können. Langsam tastete er sich heran und zeigte Lisa ihre Grenzen auf. Als sie im heimischen Garten ihre Emotionen besser im Griff hatte, verlagerten wir das Ganze nach draußen. Wir hatten ­Erfolge zu verbuchen. Leider zog Thomas aus beruflichen Gründen fort und wir standen wieder alleine vor der Aufgabe „Lisa-Bändigung“.

Ich recherchierte wieder und suchte nach einem Einzeltrainer. Leider ziemlich erfolglos. Mit Einschüchterung, Leinenhieben, Druck-Aufbau und gar Elektro-Halsband wollte man ihr zu ­Leibe rücken. Lisa verlor immer mehr an Vertrauen, das konnten und wollten wir nicht zulassen. Aber mein Ehrgeiz ließ mich nicht los. Es musste doch einen anderen Weg geben, Lisas Emotionen in die richtigen Bahnen zu lenken. Ich löste mich von all dem Geschriebenen, was ich im Laufe der Zeit gelesen hatte, sowie von all den Ratschlägen der vermeintlichen Hundeexperten und arbeitete an meinem ganz persönlichen Konzept. Dabei bezog ich Lisa mit all ihren Macken und Schwächen ein. Ich setzte sie nicht mehr dem Druck aus, hören zu müssen. Sie durfte von jetzt an mit entscheiden.

Eigenes Konzept
Dies gestaltete ich dermaßen, dass sie sich ihre gruselige Welt ab nun ansehen durfte. Und zwar so lange sie wollte. Während dessen blieb ich im Hintergrund und bedrängte sie nicht mehr. Hatte sie selber verstanden, dass ihr die Mülltonne nix tut und ihr Körper sich entspannte, machte ich auf mich aufmerksam. Kam sie zu mir und schaute mich an, gab es für Lisa ein kulinarisches und verbales Festmahl. Klappte es nicht und sie ignorierte mich oder machte gar „ein Theater“, drehte ich kommentarlos um und setzte den Spaziergang in eine andere Richtung fort.

Diese Strategie verfolgte ich nun tageintagaus. Dabei legte ich keinen Wert mehr auf eine möglichst lang zurückgelegte Wegstrecke, sondern darauf, dass sie sich immer mal wieder auf mich konzentrierte. Dies strengte Lisa enorm an. Mal klappte es richtig gut, dann wieder gab es herbe Rückschläge und sie verfiel in ihr altes Muster. War ich mal wieder nur Luft für Lisa und sie irrte wie ein Nervenbündel umher, brachen wir den Spaziergang ab und wir versuchten es zu einem späteren Zeitpunkt erneut. Das war meine ganz persönliche Art, ihr zu zeigen, wo ihre Grenzen lagen.

Mit diesem Konzept gelang es mir, Lisas Vertrauen zu gewinnen. Wir hatten einen riesigen Schritt nach vorne gemacht und Lisa wurde sichtlich gelassener. In ihrem Vorleben muss sie Schreckliches erfahren haben, dass sie sich auf nichts und niemanden mehr verlassen mochte. Es war ihr enorm wichtig selber abzuchecken, ob etwas gefährlich ist oder nicht. Gehe ich heute mit ihr durch eine Fußgängerzone (wäre früher überhaupt nicht denkbar gewesen), lasse ich sie manchmal inmitten der Menschenmenge sitzen und sie darf einfach beobachten. Wenn sie mich anschaut, signalisiert sie mir, dass alles OK ist und wir setzen unseren Spaziergang fort.

Kommunikation auf Augenhöhe!
Gemeinsam eine Lösung finden, genau das war unser Weg. Für solch einen Hund tagtäglich da zu sein kostet ­enorme Kraft, viele Tränen und auch ganz ehrlich gesagt ab und an auch richtig Wut im Bauch.

Aber eines ist ganz sicher, es ist ein ­unbeschreibliches Glücksgefühl zu sehen, wie ein so traumatisierter Hund wieder zurück ins Leben findet, das Vertrauen wächst und die erlernten Spielregeln im täglichen Leben Früchte tragen. Das macht schlicht stolz. Selbst Lisa sieht man es an, wenn sie ihre Sache gut gemeistert hat. Erhobenen Hauptes trabt sie, mit einem Lächeln im Gesicht, neben mir her.

Diese schwierige Zeit hat uns beide fest miteinander verbunden. Ich selber habe durch Lisa sehr viel gelernt, habe vieles hinterfragt und meine ­Lösung gefunden. Heute geht meine Maus mit mir überall hin und wenn ihr etwas „spanisch“ vorkommt, fragt sie mich.

Ein schönes Gefühl!
Und nun, nach fast sieben Jahren, läuft sie auf Feld und Flur ohne Leine und kann gar nicht genug von unserer ­körperlichen Nähe bekommen. Am ­allerliebsten lümmelt sie am Abend mit uns auf dem Sofa, um dann ­später unter der Bettdecke selig weiter zu ­schlummern. Seit drei Jahren hat Lisa sogar einen besten Freund. Yasam, ein Akbash aus schlechter Haltung, den wir bei uns aufgenommen haben. Eine Seele von Hund, ihr Ruhepol und Kuschelbär, dem sie blind vertraut.

Mit ihren 13 Jahren ist Lisa noch topfit, ein Terrier eben. Ich hoffe sehr, dass sie noch einige Jahre bei uns bleibt und wir noch eine entspannte Zeit miteinander verbringen dürfen.

Pdf zu diesem Artikel: alltagsgeschichte

 

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