Am Anfang ein Fiasko

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Hintergrund
Worum geht’s?
Ich möchte Sie durch meinen Blog, den Sie auch online lesen können, an den vielen, oft spannenden, freud-, aber manchmal auch leidvollen, stets aber authentischen Erfahrungen teilhaben lassen. Der Blog hat ein Open End, weil auch WUFF mit Ihnen als Leserin und Leser, vielleicht auch als (hoffentlich aktiver) Online-Rezipient, vulgo „User“, weitergehen wird (www.wuff.eu).
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Ich wünsche Ihnen eine interessante Lektüre und einen tieferen Einblick in das, was WUFF ausmacht.
Ihr Hans Mosser

Der Blog des Herausgebers

Seine erste Hundeaus­stellung als Aussteller ­seines damaligen Jung­hundes wurde ein Fiasko. Dafür aber gewann er als ersten Autor von WUFF ­immerhin den Wolfs­forscher Erik Zimen. Wie ein junger Spitalsarzt langsam in die Rolle des ­Herausgebers eines Hunde­magazins hineinwächst. Und das gern …

Wie sich die Idee, ein neues Hundemagazin zu ­schaffen, vor über 20 Jahren ent­wickelt hat, habe ich zuletzt beschrieben. Die aus dem Herzen kommende ­Begeisterung für dieses völlig neue Projekt WUFF ist das Eine, die ­konkrete und vor allem professionelle ­Umsetzung ist das Andere. Da lag also viel ­Arbeit vor uns, tatsächlich mehr als wir erwarteten. Denn natürlich haben vor allem im Bereich der ­Hundezüchter und Vereine viele nicht gerade auf ein Hundemedium gewartet, das sich plötzlich kritisch – und völlig unbeeinflusst von ihnen – mit Hundezucht, Hunde­haltung und Aus­bildung beschäftigt. So vieles im Hunde­wesen passierte damals nahezu unter Ausschluss der Öffentlich­keit. In vielen Hundevereinen gab es ein Funktionärswesen, das von finan­ziellen Interessen und Vetternwirtschaft ­geprägt war und weniger von der Liebe zum Hund. Es dauerte nicht lange, und bald blies dem frechen WUFF ein ­heftiger Wind ent­gegen. Aber dazu später mehr.

Zunächst waren also die Strukturen zu schaffen, die für die Produktion einer Zeitschrift erforderlich waren. Re­daktion, Layout, Druck und Vertrieb und die gesamte dafür erforderliche Infrastruktur mussten geschaffen, also ein kompletter Verlag gegründet werden. Ja, und bekannt machen mussten wir unser Projekt natürlich auch, denn ohne Leserschaft keine Zeitschrift.

Wo aber findet man im Jahre 1995 ­Menschen, die sich für Hunde interessieren? Von Internetforen und ­sozialen Medien, in denen WUFF heute in beachtlichem Ausmaß vertreten ist, war damals ja noch keine Rede. So investierten wir einen stolzen Betrag in den Kauf eines flexiblen Messestandes, mit dem wir ab Herbst 1995 auf Hundeaus­stellungen vertreten waren und das geplante Projekt WUFF vor­stellen konnten.

Und wenn wir schon Hundeausstellungen besuchten, warum sollte ich dann nicht auch meinen eigenen Hund Arthur ausstellen? Arthur war immerhin ein in meinen Augen besonders schöner, lieber und guter, ja außer­gewöhnlicher Hund. Er war auch etwas ungestüm, was ich seinem jungen Alter zuschrieb, und doch auch sehr eigenwillig. Sicherheitshalber besuchten wir einen Hundetrainer, bei dem wir ein sog. Ringtraining absolvierten. Dabei lernt man, wie man seinen Hund dem Richter im Ausstellungsring präsentiert. Arthur verhielt sich bei den Trainingsrunden mit anderen Hunden auch stets sehr brav, und so meldete ich ihn auf einer Hundeausstellung in der Jung­hundeklasse der American Stafford­shire Terrier an – noch nicht wissend, was ich mir (und Arthur) damit antat.

Fiasko im Ausstellungsring
Aufgeregt ging ich mit Arthur zum Ausstellungsring und wir beobachteten mit Interesse, wie da die Menschen mit ihren Hunden an der Leine im ­Kreise herumliefen und dabei vor einem gelangweilt wirkenden bärtigen Mann eine gute Figur zu machen versuchten, vor allem aber natürlich auch eine gute Figur ihres Hundes. Irgendwie war diese Situation für mich sehr befremdlich. Während es beim Trainer noch ein Spaß gewesen war, wirkte das hier fast ­skurril. Doch diese Einsicht kam zu spät, jetzt waren Arthur und ich dran.

Mein Hund muss gespürt haben, wie peinlich es mir war, in einer Reihe mit ca. 15 anderen Haltern dieser Rasse in einem mit einem Band abgegrenzten Rechteck mehrmals im Kreis laufen zu müssen. Und dies auf Kommando bzw. eine herablassende Handbewegung des Richters, der auf mich noch dazu eine unsäglich unsympathische Ausstrahlung hatte. Die Mehrheit meiner Kreis-Mitläufer war nahezu festlich gekleidet und ihr Bewegungsmuster glich mehr einem Hopsen oder bei manchen einem Schweben als einem bloßen Laufen. Neben ihnen liefen ihre Junghunde und blickten brav und diszipliniert zu ihren Herrchen oder Frauchen auf.

Ich empfand mich irgendwie der ­Lächerlichkeit preisgegeben, das war kein Platz, wo ich mich wohlfühlen konnte. Mein Arthur war ähnlicher ­Meinung, doch unterlag er deutlich weniger dem sozialen Zwang als ich, der einfach nur mehr auf eine Handbewegung des Richters hoffte, die das peinliche Schauspiel beenden sollte. Weil also auch Arthur dieses Schauspiel eher befremdlich schien und er wohl meine Gefühlslage spürte, begann er sich für andere Hunde im Ring zu interessieren.

Die erste Runde war noch gar nicht fertiggelaufen, da straffte sich plötzlich die spezielle Ausstellungsleine. Arthur dachte wohl, er müsse nun im Mittelpunkt des Kreises stehen. Ich war so überrascht von der Richtungsänderung meines Hundes zur Ringmitte hin, dass ich an der gespannten Leine ihm fast nachstolperte. Ungerührt liefen die anderen weiter. Mit peinlich entschuldigenden Blicken sah ich zum Richter, der die Augenbrauen hob und die Stirn runzelte und schließlich auch noch den Kopf schüttelte. Dann wies er mich mit einer lässigen Handbewegung an, mich wieder in den laufenden Kreis einzureihen. Was einfach klingt, war schwer getan. Mühsam musste ich nun den sich sträubenden Arthur, der partout im Zentrum des Rings bleiben ­wollte, wieder an den Rand zerren. Kaum hatte ich mich eingereiht, interessierte sich ­Arthur für den Hund hinter uns, was den Gleichklang meiner Schritte empfindlich störte. Auch machte es kein gutes Bild, wie ich Arthur hinter mir herzerrte, ganz im Gegensatz zu allen anderen, die mit brav zu ihnen aufblickenden Hunden anmutig im Kreise schwebten. Dann aber rückte der vor uns befindliche Hund ins Interesse Arthurs. Der war ein ­schneeweißes Exemplar, der – nach vorheriger ­Behandlung durch den Halter – wie eine dicke weiße Wolke wirkte. Mir schien es auch, dass er bei jedem Schritt ein bisschen staubte. Ob da sein Frauchen nicht mit etwas Puder nachgeholfen hat? Während ich vorher Arthur nachzerren musste, um nicht wieder den Lauf des Kreises zu stören, hieß es jetzt für mich zu verhindern, dass Arthur mich nach vorne zerrte. Für Arhtur schien das alles eine Gaudi zu sein, für mich war es nur Peinlichkeit und Stress.

„Da muss noch einiges geschehen!“
Nach mir endlos scheinenden drei Runden war das Schauspiel endlich zu Ende. Die Hunde mussten nun einzeln zum Richter gebracht werden, der sie untersuchen wollte. Sein Gehabe wirkte sehr fachmännisch, als er die Hunde betastete. Die Halter mussten dann das Maul des Hundes öffnen, damit er auch deren Zähne begutachten konnte. All das hatten ­Arthur und ich im Vorfeld mit dem ­Trainer – problem­los – geübt gehabt. Aber so weit kam es dann gar nicht. Als sich der – wie erwähnt mir unsympathische – Richter über meinen Hund beugen wollte, um ihn zu untersuchen, missverstand Arthur das. Er glaubte nämlich, dass der Mann mit ihm spielen wollte. Kurz danach waren mehrere staubige Abdrücke der Vorderpfoten meines Hundes auf dem stahlblau glänzenden Anzug des Richters zu erkennen. Mit einem sehr verächtlichen, fast Ekel ausdrückenden Gesichtsausdruck erhob sich der Mann wieder, mir zuzischend, er habe ja ohnehin schon alles gesehen.

Schließlich mussten wir uns alle auf Geheiß des Richters mit den Hunden in einer Reihe aufstellen. Die drei Besten wurden herausgerufen, bekamen eine Rosette und eine schöne Urkunde. ­Arthur und ich hingegen bekamen weder Rosette noch Urkunde. Ich erhielt immerhin einen Händedruck des Richters (Arthur ignorierte er völlig) und sollte mir dann die Bewertung beim Richtertisch abholen. In überheblicher Manier, so als ob er mir nun ein Geheimnis verkündete, raunte er mir dann noch ins Ohr, dass „bei diesem Hund noch einiges geschehen“ müsse. Ich habe nicht genauer nachgefragt, was er meinte. Dass dies meine erste und zugleich letzte Hundeausstellung war, wird nicht schwer zu verstehen sein.

Der erste Abonnent
Doch es ging uns ja nicht um eine ­Karriere im Ausstellungsring, ­sondern um die Präsentation von WUFF auf ­unserem Messestand, auf den ich mich mit Arthur nach meinem traumatischen und dramatischen Erlebnis wieder zurückzog. Und wir erregten ­tatsächlich mit WUFF großes Interesse. Es gab ­sogar schon die ersten ­Bestellungen für ein Abo, noch bevor die erste Ausgabe überhaupt gedruckt war. Ich erinnere mich sogar noch an unseren ersten Abonnenten, einen Züchter von ­Schapendoes aus dem Burgenland. Und dies, obwohl wir in unseren ­Gesprächen vieles in der Hundezucht stark ­kritisierten. Doch war gerade dieser erste Abonnent nicht einer der vielen Massen­züchter, denen es mehr um die Einnahmen aus dem ­Welpenverkauf ging. Er gehörte vielmehr zu den Vertretern der seriösen Hundezucht, die der Weiterentwicklung einer Rasse dienen.

Großer Zuspruch der Menschen und zahlreiche weitere mehrere Hundert Abobestellungen, die wir auf dieser Hundeausstellung erhielten, waren ­einerseits Balsam auf meine vom Ring-Erlebnis gequälte Seele und be­stätigten andererseits unsere Entscheidung, ein kritisches und unabhängiges Magazin auf die Beine zu stellen.

Erik Zimen – super und teuer
In den 1990ern waren die Hundebücher von Eberhard Trumler und die Wolfsbücher von Erik Zimen gerade häufig diskutierte Literatur. Und Zimen war überhaupt sehr präsent, vor allem auch im Fernsehen. Erika Trumler führte die Forschungsstation Wolfswinkel ihres Mannes nach seinem Tod ­weiter und veranstaltete im Rahmen der von ­Trumler gegründeten Gesellschaft für Haustierforschung auch jährlich im Herbst ein Symposium in Wissen im Westerwald. Damals kamen dort wirkliche Fachleute der Hundewelt zusammen, wie Zimen, Räber, Wörner, Wachtel oder Feddersen-Petersen.

Wir – schon mittendrin in der Produktion der allerersten Ausgabe von WUFF für den Januar 1996 – wussten, das Städtchen Wissen war für uns ein Pflichttermin. Auch war Zimen als Referent angekündigt, und den wollte ich unbedingt für einen Artikel in der ersten WUFF gewinnen. Gesagt getan, wir meldeten uns an und buchten ein idyllisches Hotel am Rand eines kleinen privaten Flugplatzes in Birken-Honigsessen, nahe bei Wissen. Wir kamen allerdings mit dem Auto, und Toni, der Hund von Gerald Pötz, war mit dabei.

Wir konnten dort sehr gute Kontakte mit Hundefachleuten schließen und vor allem konnte ich mit Zimen reden, der damals einen Vortrag über die Domestikation des Hundes hielt. Zimen war der Meinung, dass es eine Frau gewesen sein musste, die einen Wolfswelpen mit ihrer Muttermilch aufgezogen habe und so Anstoß für die Hundwerdung des Wolfes gewesen sei. Das war eine völlig neue Idee, ich war begeistert von ­seinem Vortrag, Zimen musste unbedingt ­darüber in WUFF schreiben.

Doch der berühmte Erik Zimen machte es mir nicht leicht. Er wusste um seine Bekanntheit und tatsächlich rissen sich ja auch stets alle Medien um ihn. Einem jungen Arzt für die erste Ausgabe eines geplanten Hundemagazins einen Artikel günstig zu überlassen, kam für ihn nicht in Frage. Der Preis für den Artikel, den er mir nannte, war unglaublich hoch, damit wäre unser ganzes Redaktions­budget für die erste Ausgabe bereits aufgebraucht gewesen. Um es kurz zu machen, er ging mit seiner Forderung keinen (damals noch) Pfennig nach unten und ich wollte ihn aber unbedingt haben. So wurde der Deal beschlossen und Zimens WUFF-Artikel in den beiden allerersten Ausgaben über die Domestikation ist heute noch legendär und auch aktuell wie vor 20 Jahren. Leider ist Erik Zimen 2003 im Alter von 62 Jahren gestorben.

Aus der Zeit unseres ersten Besuches in Wissen stammen viele Bekanntschaften, die sich zum Teil zu Freundschaften entwickelt haben, darunter auch zu Dr.  Hellmuth Wachtel, der uns viele Einblicke in die Hundewelt ermöglichte und mir ein wichtiger Gesprächspartner wurde (www.wuff.eu/wachtel-nachruf). Mehr dann zu diesen ersten und entscheidenden WUFF-Kontakten zu den Größen der damaligen Kanidenwelt, was zudem nicht immer nur harmonisch ­verlaufen ist, in meinen ­nächsten Berichten. Fragen, ­Kommentare und ­Anregungen sind willkommen! ­(mosser@wuff.eu).

Pdf zu diesem Artikel: hundeblog_0117

 

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