Artübergreifende Kommunikation: Dem alten Menschheitstraum näher …

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Lange Jahre glaubte man, das Zeigen von Beschwichtigungssignalen sei nur bei Wölfen zu beobachten, im Zuge der Domestikation seien die Signale weitgehend verloren gegangen und deshalb bei Hunden, je nach Rasse, kaum oder gar nicht zu finden. Bis die Norwegerin Turid Rugaas im Rahmen einer Projektarbeit diesen wichtigen Teil der hundlichen Kommunikation erforschte. Sie beobachtete gemeinsam mit einem Studienkollegen Tausende von Hunden über einen Zeitraum von zwei Jahren, machte Filmaufnahmen und Fotos, füllte Beobachtungsbögen aus, katalogisierte das Material, wertete es aus und stellte das Ergebnis schließlich in ihrem Buch „Die Beschwichtigungssignale der Hunde" vor, das inzwischen in mehr als ein Dutzend Sprachen übersetzt wurde.

Was genau sind die Beschwichtigungssignale und wozu dienen sie?
In älterer Literatur werden bestimmte Körpersignale als „cut-off-aggression-signals" benannt, und auch damit waren schon die Ausdruckselemente gemeint, die Turid Rugaas erforschte. Der Begriff war jedoch unglücklich gewählt, denn die Signale werden nicht erst eingesetzt, wenn bereits vorhandene Aggression unterbrochen werden soll. Die Signale werden nämlich in erster Linie gezeigt, um Aggressionen und Missverständnisse in der Kommunikation gar nicht erst aufkommen zu lassen. Sie dienen also dazu:

• Einem Gegenüber die eigenen friedlichen Absichten mitzuteilen…

• …oder auch ein „Sich-selbst-unwohl-Fühlen" in einer bestimmten Situation zu signalisieren, z.B. wenn ein Artgenosse oder auch Mensch zu schnell und zu forsch auf den Hund zu geht.

• Konflikte gar nicht erst aufkommen zu lassen.

• Bereits entstandene Aggression zu unterbrechen.

• Sich selbst zu beruhigen.

Turid Rugaas war übrigens weder die Erste noch die Einzige, die diese Signale beobachtete. Auch Verhaltensforscher und Biologen wie Konrad Lorenz, Erik Zimen, Klaus Immelmann und andere beobachteten sie und erwähnten sie in ihren Schriften.

Die wichtigsten Signale sind im Kasten (nachfolgend) beschrieben. Viele der Beschwichtigungssignale können wir übrigens auch bei uns Menschen beobachten. Auch wir beschwichtigen, wenn eine Situation zu eskalieren droht, verkürzen den Blick, weil es als unhöflich gilt, ein Gegenüber permanent anzustarren, und auch wir wirken manchmal aufgedreht und albern, wenn wir uns unsicher in einer Situation fühlen.

Das Spannende an den Beschwichtigungssignalen ist, dass sie als Kommunikationsmittel artübergreifend funktionieren, denn wenn wir einem Hund Beschwichtigungssignale senden, versteht er diese, und so können wir ihm Botschaften der Friedfertigkeit, Freundlichkeit oder auch Deeskalation vermitteln. Zusätzlich können wir seine an uns gesendeten Nachrichten verstehen, wenn wir uns im Erkennen und Interpretieren der Signale üben. Mit anderen Worten: Noch nie waren wir dem alten Menschheitstraum von einer artübergreifenden Kommunikation und friedlichen Koexistenz so nahe.

Fehlinterpretationen
Ist man geübt im Erkennen der Signale, erhalten viele vom Hund gezeigte Verhaltensweisen plötzlich eine ganz andere Bedeutung, als man bisher annahm. Hier ein paar Beispiele:

• Der Mensch ruft seinen Hund, worauf dieser langsam auf ihn zu schlendert, dabei in einem Bogen geht, eventuell noch besonders gründlich im Gras schnüffelt. Frühere Interpretation seines Verhaltens: „Der zögert, um seinen Menschen zu provozieren." Oder auch: „Der nimmt Dich nicht für voll, mach mal mehr Druck, damit er weiß, dass er gehorchen soll!" Heute wissen wir, dass er beschwichtigt, vielleicht gerade weil sein Herrchen oder Frauchen mit gereizter Stimme und energischem Ausdrucksverhalten gerufen hat.

• Der Mensch geht mit seinem Hund im Kommando „Bei Fuß!" eine Straße entlang, direkt auf einen anderen Hund zu. Der Hund löst sich aus dem Kommando, um einen kleinen Bogen zu laufen. Frühere Interpretation seines Verhaltens: „Der will nicht gehorchen, verweigert das Kommando." Heute wissen wir, dass er seinem Artgenossen in einem kleinen Bogen ausweichen will, um nicht provozierend zu wirken.

• Zwei Hunde rasen spielerisch in großen Kreisen über eine Wiese. Ein dritter bringt sich dazwischen und stoppt das wilde Rennspiel. Frühere Interpretation: „Das ist ein Spielverderber. Der ist eifersüchtig und gönnt den anderen den Spaß nicht." Heute wissen wir, dass dieser Hund über hohe soziale Fähigkeiten verfügt und durch Splitten ein allzu wildes Toben unterbricht, das sich sonst schnell gefährlich aufheizen könnte.

Es gäbe noch viele solcher Beispiele, und bei ihrer Aufzählung fragt man sich unweigerlich, wie viel Unrecht Hunden angetan wurde, weil menschliche Interpretationen ihr Verhalten in völlig falschen Zusammenhang brachten. Sie wurden für ganz normales Sozialverhalten gestraft und oftmals hart und ungerecht ausgebildet. Wie haben sie sich dabei wohl gefühlt? Wie groß war ihre Verzweiflung über unser Nicht-Verstehen?

Umso wichtiger, dass wir uns nun umso aufrichtiger bemühen, mehr über unseren ältesten Begleiter aus dem Tierreich zu lernen, denn es gilt, diese Fehler künftig zu vermeiden. Turid

Rugaas hat uns hierfür mit ihrer Forschungsarbeit über die Beschwichtigungssignale der Hunde den Weg geebnet.

Im nächsten Teil beschäftigt sich die Autorin mit den häufigsten Fehlinterpretationen der Beschwichtigungssignale und mit der Frage, wie Sie deren Einsatz im Alltag mit Ihrem Hund sinnvoll nutzen können.

SIGNALE

Beschwichtigungssignale: Welche Signale gibt es?
Clarissa v. Reinhardt zählt eine Reihe von Signalen auf und erklärt deren Bedeutung im jeweiligen Zusammenhang.

Den Blick verkürzen
Es gilt als unhöflich, unter Umständen sogar provozierend, einem Gegenüber lang anhaltend in die Augen zu stieren. Deshalb wird der Blickkontakt immer mal wieder kurz unterbrochen.

Das Blinzeln
Auch hier geht es wieder darum, einen stechenden, stierenden Blick zu vermeiden. Die Augen werden kleiner beim Blinzeln, so entsteht ein „harmloserer" Gesichtsausdruck.

Den Kopf abwenden
Den ganzen Kopf abzuwenden ist ein noch deutlicheres Signal als das Blinzeln. Der Blickkontakt wird weitgehend vermieden, es wird klar gezeigt, dass nicht provoziert werden soll.

Den Körper abwenden
Wird der gesamte Körper seitlich abgewendet, verstärkt sich die beschwichtigende Wirkung nochmals.

Den Rücken zudrehen
Wird dem Gegenüber der Rücken zugewandt, ist dies eine klare Botschaft dafür, dass kein weiterer Kontakt in dieser Form erwünscht ist.

Das Einfrieren
Eines der stärksten Signale überhaupt ist das vollständige, bewegungslose Verharren in einer Situation. Alle Bewegung kommt zum Stillstand, um jedes Missverständnis auszuschließen. Meist entspannt sich die Begegnung dann auch schnell.

Das geistige „Abtauchen"
Es ist eines der traurigsten Ausdruckselemente, das wir bei einem Hund erkennen können. Ich habe es noch nie gegenüber einem Artgenossen gesehen, sondern immer nur situationsbezogen oder gegenüber Menschen. Der Hund verabschiedet sich regelrecht aus dieser Welt, taucht ab in eine Realität, die fern der unseren ist, weil er den Zustand, in dem er sich befindet, sonst nicht ertragen kann. Häufig zu sehen bei Hunden, die an der Kette oder im Zwinger gehalten werden, oder bei Hunden, die so oft und hart gestraft werden, dass sie lieber gar nichts mehr tun, als einen Fehler zu machen, der nur wieder neue Strafe nach sich zieht.

Langsame Bewegungen
Sie wirken immer beruhigend und deeskalierend. Das Gegenüber hat Zeit, sich auf die Begegnung/die nächste Aktion einzustellen. Der Hund will jedes Missverständnis vermeiden, das durch allzu viel Hektik im Eifer des Gefechts entstehen könnte.

Über den Fang lecken
Dieses Signal wird häufig übersehen, weil es manchmal mit unglaublicher Geschwindigkeit gezeigt wird. Der Hund leckt sich einmal oder auch mehrfach mit seiner Zunge über den Fang.

Das Wedeln mit der Rute
Wird das Wedeln bei niedrig gehaltener, evtl. sogar leicht geklemmter Rute gezeigt, dient es zur Beschwichtigung des Gegenübers.

Die Vorderkörpertiefstellung
Die Vorderkörpertiefstellung zur Beschwichtigung ist von der, die als Spielaufforderung gemeint ist, deutlich zu unterscheiden. Bei der Spielaufforderung sehen wir eine hohe Bewegungsintensität, der Hund hopst und springt, oft wird dies von fröhlich auffordendem Bellen begleitet. Die Vorderkörpertiefstellung zur Beschwichtigung hingegen verläuft lautlos und zeigt eine niedrige Bewegungsintensität – der Hund verharrt für ein paar Sekunden in dieser Position, ehe er sich entweder hinlegt oder langsam wieder aufrichtet.

Hinsetzen/Hinlegen
Auch das Hinsetzen oder Hinlegen kann als Beschwichtigungssignal dienen. Große Hunde setzen das Hinlegen zum Beispiel ein, um einem unsicheren Gegenüber ihre Friedfertigkeit zu versichern. Junge Hunde setzen sich bei Unsicherheit abwartend hin, um mit der Begegnung (insbesondere mit älteren) Artgenossen keinen Fehler zu machen, der einen „Rüffel" nach sich ziehen würde.

Gähnen
Ein Hund gähnt nicht nur bei Müdigkeit, sondern auch, um eine angespannte Situation zu entspannen. Ob das Gähnen als Beschwichtigungssignal eingesetzt wird oder ob der Hund einfach nur müde ist oder aus einem anderem Grund gähnt, erkennt man am restlichen Ausdrucksverhalten und natürlich an der Situationsbezogenheit.

Im Bogen gehen
Eines der häufigsten zu beobachtenden Signale ist das Bogen Laufen. Es gilt als unhöflich und kann leicht als Provokation vom Gegenüber aufgefasst werden, frontal aufeinander zu zu rennen.

Schnüffeln
Ein Hund schnüffelt nicht nur, wenn er sich geruchlich orientieren will. Manchmal tut er es auch, um ein Gegenüber zu beschwichtigen. Den Unterschied erkennt man daran, dass er sich beim beschwichtigenden Schnüffeln mit verstohlenen Blicken versichert, dass sein Signal dort ankommt.

Splitten
Das Splitten kann mit hohem Tempo (zum Beispiel während eines Rennspiels) oder auch langsam schlendernd ausgeführt werden. Dabei bringt sich ein Hund meist seitlich kommend zwischen zwei andere, zwischen denen er mehr Abstand gewahrt wissen möchte.

Einen Vorderlauf anheben
Diese Verhaltensweise ist vermutlich aus dem Futterbetteln der Welpen abgeleitet. Der Hund hebt einen der Vorderläufe deutlich sichtbar an und verharrt einen kurzen Moment in dieser Position, um seine friedlichen Absichten kund zu tun.

Urinieren
Hier gilt es zunächst einmal zu unterscheiden, ob der Hund uriniert, weil er einfach „mal muss" und die Blase entleeren möchte, oder ob er markiert, um eine Reviergrenze oder Ähnliches zu kennzeichnen, oder ob er schließlich beschwichtigt, um die Spannung aus einer Situation zu nehmen. Handelt es sich um Letzteres, kann dies deutlich dadurch erkannt werden, dass der Hund – ähnlich wie beim Schnüffeln – vorsichtig zu seinem Gegenüber schaut, um zu sehen, ob seine beabsichtigte Botschaft dort auch ankommt.

Übersprungshandlungen
Gerade junge Hunde, manchmal aber auch ältere, setzen ein betont verspieltes Verhalten ein, um dem Gegenüber Ungefährlichkeit zu signalisieren. Sie hopsen, springen, bellen und fiepen – zeigt sich das Gegenüber dann ebenfalls freundlich, beruhigen sie sich meist schnell wieder. Auch bei Übersprungshandlungen – wie bei den meisten Verhaltensweisen eines Hundes überhaupt – kommt es auf die Berücksichtigung des Gesamtzusammenhanges an, will man erkennen, ob es sich um ein Beschwichtigungssignal handelt oder ob es aus einem anderen Grund gezeigt wird. Denn Übersprungshandlungen zeigt ein Hund auch, wenn er sich zum Beispiel nicht zwischen unterschiedlich möglichen Handlungsweisen entscheiden kann und aus dieser Unentschlossenheit heraus Unsicherheit überspielen will. Eine weitere Intention für das Zeigen von Übersprungshandlungen ist die, einen Erregungsstau abzubauen, zum Beispiel weil eine ursprünglich beabsichtigte Handlung nicht gezeigt werden kann.

WUFF INFORMATION

Zum Nachlesen …

Wer mehr über die Bedeutung und Anwendung der Signale wissen möchte, dem seien folgende Bücher, Videos, DVDs zu empfehlen:

• Turid Rugaas: Die Beschwichtigungssignale der Hunde

• v. Reinhardt/ Nagel: calming signals workbook – Das Arbeitsbuch zu den Beschwichtigungssignalen

• Begleitend zu den Büchern gibt es das Video bzw. die DVD.

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