„Dann machen wir doch selber eine!“

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Der Blog des Herausgebers

Wie kommt ein junger Spitals­arzt 1995 dazu, ein Hunde­magazin mitzubegründen und ein ­Heraus­geber zu werden? Gab es ­damals nicht ohnehin schon genug Hunde­zeitschriften? Was also ­waren seine Beweg­gründe? Wie ist überhaupt die Idee zu WUFF entstanden? Und wie ist es gerade zu dem Namen „WUFF“ gekommen? In über 20 Jahren als WUFF-Herausgeber erlebt man viele spannende ­Dinge und daher gibt es viel zu erzählen. Mit dem Blog von Dr. Hans Mosser schauen Sie hinter die Kulissen und ­erhalten einen Einblick in das, was WUFF ausmacht und so sehr von anderen unterscheidet.

Es war der Anfang des Jahres 1995, und ich ein junger Spitalsarzt mit großen Visionen. Nachdem mich schon als Kind und Jugendlicher der Rauhaardackel Jockl begleitet hatte, ich in meiner Studienzeit aber hundelos war, habe ich mir wieder einen Hund genommen. Arthur, einen American Stafford­shire Terrier. Damals war noch keine Rede von „Kampfhund“, noch kein Thema für die Politik.

Ein Hund kommt ins Haus, da ­musste auch eine Fachzeitschrift her, am besten gleich im Abo. Doch welche sollte es sein? Ich kannte damals keine ­einzige. Ich erwartete mir aber neben den ­üblichen Themen auch eine ­kritische Auseinandersetzung mit dem, was ­damals in der Zucht, der Haltung und der Ausbildung von Hunden im Argen lag, wie man sogar schon in den Tageszeitungen lesen konnte. Der Europarat bereitete eine Resolution vor, um den sog. Qualzuchten ein Ende zu bereiten, und Tierschutzorganisationen liefen Sturm gegen die Rassehundezucht. Aber was lag eigentlich im Argen? Dazu ein paar persönliche Beispiele.

Eine Erkenntnis
Einige meiner Freunde und Bekannten hatten Deutsche Schäferhunde, einer – sein Hund hieß Rufus – war auch Mitglied einer Ortsgruppe des Schäferhunde­vereins. In privaten Gesprächen mit mir erfuhr ich von den Krankheiten ihrer Hunde, dabei vor allem ­Hüftdysplasie, Spondylose und Bauchspeicheldrüsenentzündung. Rufus, gerade einmal ein Jahr alt, hatte gleich alle drei. Ich gewann den Eindruck, dass es nur wenige gesunde Schäferhunde gibt.

Bei einer Hundeausstellung im Frühjahr 1995 standen beim Schäferhundering mehrere Züchter, Halter und Vereinsfunktionäre zusammen, darunter auch das Herrchen des kranken Rufus, allerdings ohne seinen Hund. Blauäugig (auch wenn die meinen braun sind) wie ich damals war, ging ich zu diesem Grüppchen und begann, das Thema der Krankheiten beim Schäferhund anzusprechen. Rasch aber unterbrach mich ein Funktionär und meinte, das seien Einzelfälle, und in seiner Ortsgruppe gebe es überhaupt keine kranken Hunde. Alle in der Runde nickten zustimmend, auch Rufus’ Herrchen, der doch Mitglied dieser Ortsgruppe war. Fragend blickte ich zu ihm und wollte in der Runde schon seinen Rufus als Beispiel anführen, bei dem schon ein Tierarzt empfohlen hatte, den jungen Hund einzuschläfern, weil man ihm ein Leben ohne Schmerzen nicht ermöglichen könne. Doch Rufus’ Herrchen riss die Augen auf und sah mich mit beschwörendem Blick an. „Sag’ nur ja nichts!“ schienen sie zu schreien. Da fiel es mir wie Schuppen von den Augen.

Tabuthema: Das große Schweigen
Ich erkannte, dass mein Bekannter ­seinen Rufus nicht als krank outen wollte, und – ich erkannte, dass das im Verein offensichtlich ein Tabu­­thema war. Später wurde mir genau das bestätigt. Zu­widerhandelnde würden starkem ­sozialen Druck ausgesetzt, wir sagen heute Mobbing dazu. Viele schweigen daher über die Krankheiten ihrer Schäferhunde und leben von der Hoffnung, irgendwann doch einmal einen „guten Hund“ zu bekommen, mit dem man ­Pokale erringen könne. Und ohne Mitgliedschaft im Verein würde diese Hoffnung zerplatzen. So erklärte es mir jedenfalls Rufus’ Herrchen.

Die Frau mit den zwei Gesichtern
Eine andere Geschichte aus derselben Zeit. Da gab es eine gutaussehende Frau in ihren Vierzigern, die zahlreiche Kleinhundrassen züchtete. Die Frau ­hatte zwei Gesichter. Das eine war in den lokalen Zeitungen abgebildet, zusammen mit Gesichtern diverser politischer und sonstiger Halbpromi­nenzen. Sie nannte sich Tierschützerin und Hundeexpertin und was weiß ich noch. Doch das, was auf ihrem Grundstück mit einem luxuriösen Haus und einem – zumindest im Inneren – weniger luxuriösen Nebengebäude passierte, zeigte ihr anderes Gesicht. Es hieß, dass sie ihre Hunde, von deren Verkauf sie sehr gut lebte, unter katastrophalen Bedingungen züchte. Und es ging auch das Gerücht, dass sie ihren – seltsamerweise niemals einen Laut von sich gebenden – Kleinhunden von einem extra aus Ungarn kommenden Tierarzt die Stimmbänder durchtrennen lasse. Und von einigen ihrer Welpenkäufer erfuhr man von Krankheiten und Verhaltensauffälligkeiten der Hunde. Doch weil diese schon damals als Hundevermehrerin bezeichnete Frau großen Einfluss in ­ihrer Region hätte und jeder Kritik sofort mit Rechtsanwalt und Gericht drohte, würde es niemand wagen, das öffentlich zu machen.

Auf Kosten der Hunde
Hundeausstellungen waren immer ein Ort, wo man von Insidern auch alle möglichen Informationen bekam. Da ging es nicht nur um die Zucht mit erbkranken Hunden, sondern auch um großes Geld, das durch die Bewertung ausgestellter Hunde möglich sei. So ­würden Vetternwirtschaft und gegen­seitige Bevorzugung das Ausstellungswesen dominieren. Es würde nicht mehr um die Gesundheit oder Leistungsfähigkeit eines Zuchthundes gehen, sondern um finanziellen Profit des Züchters. Und es würde – auf Kosten der Gesundheit des Tieres – nur mehr um „Schönheit“ gehen, bzw. das, was die Richter dafür halten. Doch nicht nur, dass viele Hundevereine tatenlos dem Treiben zuschauten, oft hielten sie sogar ihre schützende Hand über solche Praktiken oder tabuisierten sie.

Das war nur ein ganz kurzer Auszug aus einer Zeit, in der ich durch meinen Hund Arthur mit Themen konfrontiert wurde, die ich mir nicht hätte ärger vorstellen können. Es lag also viel im Argen, wie eingangs erwähnt, und ich war dabei, eine Hundezeitschrift zu ­suchen, die sich kritisch mit diesen ­Dingen beschäftigt.

Teil des Systems
In meinem engeren Freundeskreis befand sich auch das Herrchen des American Staffordshire Terriers Toni, eines Wurfbruders meines Arthurs. Das Herrchen war Gerald Pötz, damals in der Vermessungstechnik beschäftigt.
Von ihm erwartete ich mir einen Rat, da er mir auch in der Erziehung meines Arthurs geholfen hatte, stets gut ­informiert war und wir u.a. auch oft über die Probleme im Hundewesen diskutierten. Gerald besorgte in einer gut sortierten Zeitschriftenhandlung alle Hundezeitschriften, die es damals gab, und wir studierten sie durch. Sehr rasch kamen wir zu dem Schluss, dass sie alle, ausschließlich alle, Teil des Systems waren, das wir so arg fanden.

In der einen Hundezeitschrift wurde in einem Rasseporträt der Deutsche Schäferhund als toller Allrounder beschrieben (was er ja auch ist), die ­gesundheitlichen Probleme der Rasse aber wurden mit keinem Wort erwähnt. Die Probleme einer Rasse zu verschweigen schien uns jedoch wie Betrug am Leser. Ähnlich war es auch in allen anderen Zeitschriften. Rasseporträts waren wie Werbeprospekte, vorenthielten aber potenziellen Hundeinteressenten das, worauf sie wirklich achten sollten. Auch sonst erschien die Hundeszene in allen Zeitschriften in rosaroten Farben.

„Dann machen wir doch selber eine!“
Da begriffen wir, dass es keine Hundezeitschrift gab, die sich kritisch mit den Dingen auseinandersetzt. Und im selben Moment entstand die Idee: Wenn es das, was wir uns vorstellen, nicht gibt, dann machen wir doch selber eine. Und die Idee gewann Gestalt, sodass wir ab Mitte 1995 zunehmend mit der Konkretisierung der Idee begannen, ein Hunde­magazin zu gründen. Unsere Haupt­motive waren es, das Hundeleid in Zucht und Ausbildung zu beenden, Missstände aufzuzeigen, ohne Rücksicht zu nehmen auf Hundevereine und Verbände, völlig unabhängig zu sein und ausschließlich dem Hund und seinem Menschen verpflichtet. Da mich als Mediziner auch die Wissenschaft interessierte, sollten die damals gerade erst beginnenden Studien über die Kognition oder das Verhalten von Hunden und die Ideen zur neuen motivationsbasierten Hundeausbildung in unserem Magazin ebenfalls breiten Raum erhalten. All das sollte auch darin resultieren, die Beziehung zwischen Menschen und ihren Hunden zu fördern und zu verbessern, kurz gesagt, das Leben von Menschen und ihren Hunden schöner zu machen.

Es war eine aufregende und ­spannende Zeit mit der Entwicklung von ­Konzepten, der Kontaktaufnahme mit vielen Hundeleuten und Hundevereinen, der Produktion einer sog. Nullnummer und dem Kauf eines Messestandes. Die finanziellen Investitionen und der zeitliche Aufwand waren beträchtlich. Wir steckten unser Einkommen in das Projekt und nahmen nicht unbeträchtliche Kredite auf. Damals war auch eine Zeit, in der Kredite noch deutlich einfacher zu bekommen waren als heute, und das vor allem als Arzt mit einem sicheren Spitalsposten. Ich erinnere mich noch gut an meinen ersten Bankbesuch, in dem ich dem Berater das Projekt schilderte und er mich, der ich keine Sicherheiten vorweisen konnte, einfach fragte: „Herr Doktor, kein Problem, wie viel brauchen Sie?“.

Wie kam WUFF zum Namen?
Die ersten Überlegungen entstanden, wie wir das Magazin wohl nennen sollten. Ich ­dachte an Namen wie „Canis familiaris“ oder „Der Haushund“ und ähnliche Bezeichnungen. Die Idee Geralds war komplett anders. Er sagte einfach „WUFF“. „Wie, einfach WUFF?“ fragte ich. „Ja, WUFF drückt alles aus. Ein Wort, ein Begriff, von dem jeder sofort weiß, worum es geht“, meinte er. Tatsächlich, eigentlich genial. Wir kamen in unserem Titel ohne das Wort Hund aus, das damals fast alle Hunde­zeitschriften in irgend­einer Form im Namen hatten. Damit haben wir uns zudem auch klar von ­allen anderen unterschieden. Ein „Alleinstellungsmerkmal“ meinte Gerald stolz, was ihm dann auch einmal von einem Marketingexperten bestätigt wurde. Und nun ging es daran, die Produktion der ersten Ausgabe von WUFF zu organisieren, die Nummer 1/1996. Was dazu alles nötig war, wie wir schon für die erste Nummer zu außergewöhnlichen Autoren kamen und die damit verbundenen ­Erlebnisse, erzähle ich Ihnen in der nächsten Ausgabe, außerdem über das für mich beschämende Fiasko meiner ersten und seither auch einzigen Hunde­ausstellung, in der ich meinen damals jungen Hund Arthur ausstellte.

Der Blog

Worum geht’s?
Seit über 20 Jahren bin ich Monat für Monat der Herausgeber des Hundemagazins WUFF, dessen Mitbegründer ich bin. Ich habe seither viele Menschen und ihre Geschichten mit ihren Hunden kennengelernt, in diesen über 20 ­Jahren zahllose Gespräche geführt über alles, was man sich nur vorstellen kann, und beileibe nicht nur über Hunde.
Ich habe große Freude mit der Herausgabe ­dieses Magazins erlebt, aber es gab auch schwierige Stunden. Weil aber die Freude überwogen hat, konnten sie bewältigt werden. Ich hatte und habe das Glück, durch meinen Hauptberuf als Arzt und damit mit einem überdurchschnittlichen Einkommen nicht auf WUFF als Einnahmequelle angewiesen zu sein, so wie ich auch heute diese Tätigkeit ehrenamtlich betreibe – übrigens einer der großen Unterschiede zu anderen Medien.

Open End!
Ich möchte Sie durch meinen Blog, der heute beginnt und den Sie auch online lesen können, an den vielen, oft spannenden, freud-, aber manchmal auch leidvollen, stets aber authentischen Erfahrungen teilhaben lassen. Der Blog hat ein Open End, weil auch WUFF mit Ihnen als Leserin und Leser, vielleicht auch als (hoffentlich aktiver) Online-Rezipient, vulgo „User“, weitergehen wird (www.wuff.eu).

Schreiben Sie mir, fragen Sie mich!
Ihre Reaktionen auf meinen Blog – so wie auch auf alle Artikel in WUFF – sind jederzeit willkommen und werden ggf. auch publiziert (jedoch nicht ohne Ihr Einverständnis). Und wenn Sie irgendetwas wissen wollen, das mit WUFF zu tun hat, fragen Sie mich einfach! (mosser@wuff.eu)

Ich wünsche Ihnen mit diesem Blog eine ­interessante Lektüre und einen tieferen ­Einblick in das, was WUFF ausmacht,
Ihr Hans Mosser.

Pdf zu diesem Artikel: hundeblog_1216

 

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Dr. Hans Mosser
WUFF Chefredakteur

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