Das Leben ist schön?! – Was die Lebensqualität unserer Haushunde ausmacht

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Fast jeder von uns hat das gebräuchliche Wort „Lebensqualität“ im Zusammenhang mit dem Hund schon mal verwendet. Aber wenn man beginnt, sich über die Definition des Begriffes ernsthaft Gedanken zu machen, merkt man sehr schnell, dass die Lebensqualität eines Hundes für uns nur zu erahnen, aber niemals wirklich zu erfassen ist. Im Folgenden dennoch ein Versuch.

Eine Definition von Lebens­qualität findet sich auf Wiki­pedia nur für Menschen (s. ­Kasten auf nächster Seite), nicht aber für Tiere bzw. Hunde. Nehmen wir diese Definition zunächst als ersten Bezugspunkt, so können wir Faktoren wie Bildung oder Berufschancen beim Hund getrost vernachlässigen. Ein Hund wertet zudem auch nicht in Katego­rien wie dem materiellen Wohlstand, er wird sich also nicht subjektiv weniger Lebensqualität zusprechen, weil der Nachbarhund den größeren Ball hat, das teurere Futter frisst oder das wertvollere Halsband trägt. Aber ein auch beim Hund für das Wohlbefinden entscheidender Faktor ist die Gesundheit. Man spricht hier von der gesundheitsbezogenen Lebensqualität.

Die gesundheitsbezogene ­Lebensqualität
Die gesundheitsbezogene Lebensqualität ist ein subjektives psycho­logisches Konstrukt, das den Gesundheitszustand aus der Perspektive des Individuums einschätzt. Die Definition der ­gesundheitsbezogenen Lebensqualität leitet sich aus der WHO-Definition von Gesundheit ab und umfasst (1) physische (also körperliche) Gesundheit, (2) psychisches Wohlbefinden und (3) die so­ziale Integration. Lebensqualität beim Menschen würde demnach also dem Grad entsprechen, mit dem ein vom Einzelnen erwünschter Zustand an körperlichem, psychischem und sozialem Befinden auch tatsächlich erreicht wird. Dass dies eine sehr individuelle Angelegenheit ist, liegt auf der Hand. Manch einer hat bereits mit einem Schnupfen das Gefühl, in der Lebensqualität stark eingeschränkt zu sein, während bei anderen auch mit schweren Erkrankungen und den dadurch verursachten starken Einschränkungen das Gefühl von Wohlbefinden kaum behindert ist. So geben zum Beispiel viele Krebspatienten an, mit ihrer Lebensqualität durchaus zu­frieden zu sein.

Bei uns Menschen ist die Frage nach der Lebensqualität natürlich ­deutlich einfacher zu beantworten, denn man kann uns fragen und wir können antworten. Zur Erfassung der gesundheitsbezogenen Lebensqualität existieren beim Menschen viele Messinstrumente, die sowohl psychometrisch geprüft als auch international verfügbar und normiert sind. Beim Hund ist das deutlich schwieriger, denn wir können ihn leider nicht fragen. Den körperlichen Zustand kann man (vermeintlich) noch beurteilen, in die Psyche eines Hundes hineinzuschauen ist da schon wesentlich schwieriger. Wir können nur das, was wir von außen sehen, nach unseren jeweils eigenen Maßstäben bewerten. Wir können vermuten, dass es ihm gut geht, aber wirklich wissen können wir es nie.

Subjektives Empfinden
Ein entscheidendes Kriterium zur Beurteilung der Lebensqualität ist also das subjektive Empfinden: Lebensqualität wird von jedem Einzelnen unterschiedlich empfunden. Schon unsere eigenen Maßstäbe variieren, genauso wie Hunde und ihre Ansprüche sehr individuell und variabel sind. Auch die Rassezugehörigkeit spielt sicherlich eine Rolle, denn die Bedürfnisse eines Zwergpudels sind andere als die von einem Arbeitshund, wie zum Beispiel dem Malinois. Denn auch wenn Hunde viel mehr als wir Menschen im Hier und Jetzt leben und sicherlich, im Gegensatz zu uns Menschen, nicht mit ihrem Schicksal hadern, so haben sie doch Bedürfnisse, die sie mitbringen und die befriedigt werden wollen.

Nur weil ein Hund einen Menschen, vielleicht Artgenossenkontakte, Schmerzfreiheit und einen vollen Napf hat, heißt das noch nicht, dass er dadurch automatisch Lebens­qualität besitzt. Auf der anderen Seite kann man nicht mit Sicherheit sagen, dass ein Hund, der zum Beispiel unter einer Stereotypie leidet und sich zum Stressabbau ständig die Pfoten wundleckt oder ununterbrochen seine eigene Rute jagt, keine Lebensqualität hat, auch wenn es für uns so ers­cheinen mag.

Hunde mit Handicap
Ähnlich subjektiv dürfte das Empfinden eines Hundes im Rollwagen (oder zum Beispiel mit amputierter Gliedmaße) sein. Es gibt viele ­Hunde, die damit wunderbar zurecht­kommen, denen man die Behinderung gar nicht anmerken würde, wenn sie nicht den Rollwagen dabei hätten. Andere wiederum kommen überhaupt nicht damit klar, man merkt, dass sie das Gefährt als Fremdkörper wahr­nehmen.

Genau so eine Hündin hatte ich einmal in Pflege. Eine siebenjährige Hündin, die ursprünglich aus dem Auslands­tierschutz kam und vermutlich aufgrund eines Rückenmarksinfarktes gelähmt war. Anfangs funktionierte nicht einmal die Blasenfunktion, und die nötige Physiotherapie durch­zu­führen war schwierig und für die Hündin unangenehm, weil sie Menschen gegenüber sehr scheu war und sich dabei sichtlich unwohl fühlte. Der Rollwagen war für sie anfangs furchteinflößend. Für mich waren die Wochen, in der ich die Hündin betreut habe, auch sehr schwierig, denn ihr Anblick und ihr (vermeint­liches) Leid trafen mich tief. Wäre es meine Hündin gewesen, hätte ich ihr das wohl nicht zugemutet. Das ist auch das, was ich aus dieser Zeit für meine Hunde mitgenommen habe, auch wenn hier die Voraussetzungen andere wären, weil sie Manipulationen durch den Menschen kennen. Aber ich habe, auch aus meiner Zeit als ­praktizierende Tierärztin, den ­Leitsatz, dass nicht der Tod das ­Leiden für ein Tier bedeutet, sondern das Leben unter inadäquaten Be­dingungen.

Die Bedingungen für diese Hündin waren damals auf jeden Fall inadäquat, würde ich sagen. Auf der anderen Seite hat die Hündin aber einen ­tollen Menschen gefunden, der bereit ist, alles für sie zu tun. Sie hat die Scheu vor Menschen verloren, und sie kommt inzwischen besser mit ihrem Rollwagen zurecht, ist also in der Lage, Artgenossenkontakte zu haben, Erkundungsverhalten zu zeigen und die Nähe von Menschen zu genießen. Aber „inzwischen“ ist über ein Jahr später… Ich hätte, wie gesagt, zu jener Zeit bei meinen Hunden anders entschieden, aber genauso ist im Nachhinein die damalige Entscheidung eine vertretbare gewesen. Die Hündin selbst fragen, wie sie entschieden hätte, oder auch, wie sie sich jetzt fühlt, können wir ja nicht.

Gezüchtete Behinderung
Bei den Gedanken um Hunde mit Handicap sei mir noch eine Anmerkung gestattet: Nur zu oft ist es der Mensch, der für die eingeschränkte Lebensqualität von Hunden verantwortlich ist! Man schaue sich nur mal die Anzahl an Qualzuchten an, die einem tagtäglich begegnen. Jeder einzelne ist einer zu viel, denn oft sind das Hunde, die – wenn sie ein Mensch wären – problemlos einen Grad der Behinderung von 50 Prozent und mehr anerkannt bekämen. Ein Mops, der röchelt, „redet“ nicht, wie das oft von den Haltern kommentiert wird, sondern hat massive Atemnot! Manche dieser Hunde können sich nicht einmal mehr hinlegen, weil sie dann keine Luft mehr bekommen. Andere, „tiefergelegte“ Rassen wie der Deutsche Schäferhund, haben chronische Schmerzen im Bewegungsapparat, wieder andere sind fast blind, weil sie durch angezüchtete Hautfalten nicht mehr aus den Augen schauen können. Die Liste ließe sich über chronische Haut- und Ohrenentzündungen, kaum mehr vorhandene Beinchen, überlange Rücken bis hin zu vermindertem Sozialverhalten durch eine eingeschränkte Kommunikation fast endlos fortführen. All das bedeutet für den betroffenen Hund eine massive Einschränkung seiner Lebensqualität! Und das ließe sich verhindern, wenn der Mensch mehr Verantwortung bei der Zucht von Rassehunden zeigen und sein Augenmerk auf das legen würde, was wirklich wichtig ist: die Gesundheit und die damit verbundene Lebensqualität.

Der Hund, der nicht Hund sein darf
Die Frage nach dem tatsächlichen Grad der Lebensqualität eines ­Tieres drängt sich auch oft auf, wenn die Tiere nicht mehr ihrer Art gemäß leben dürfen. Artgerechte Haltung versucht sich an den natürlichen Lebensbedingungen der Tiere zu orientieren. Das heißt, man sollte versuchen, ihre Bedürfnisse weitgehend zu befriedigen und ein Lebensumfeld zu schaffen, welches ihren ursprünglichen Lebensweisen möglichst nahe kommt. Auch wenn der Hund sich dem Menschen angeschlossen hat und man von Co-Evolution spricht, so bleibt der Hund doch ein Canide, der die Bedürfnisse eines Caniden hat. Aber viele Menschen neigen dazu, ihren Hund zu vermenschlichen und seine hündischen Bedürfnisse zu ignorieren. So zum Beispiel bei völlig missverstandenen Kleinhunden, denen das Dasein als Hund abgesprochen wird und die stattdessen ein Leben als modisches Accessoire führen müssen. Artgenossenkontakte gibt es für das soziale Lebewesen Hund in diesen ­Fällen kaum mehr, auch die Bewegung ist oft eingeschränkt, weil sich der Hund in einer passenden Tasche ja viel besser macht als auf seinen eigenen vier Beinen. Sich einfach mal genüsslich im Dreck zu wälzen, wie die meisten Hunde das nun mal gerne tun, bleibt für viele ein lebenslanges Wunschdenken.

Stress lass nach!
Einen großen Einfluss auf das Empfinden von Lebensfreude hat Stress. Viele Hunde sind dauerhaft stressenden Einflüssen ausgeliefert und haben kaum die Chance, diesem zu entkommen. Das gilt zum Beispiel für Hunde in schlechter Haltung. Aber oftmals sind es auch „gerettete“ ­Hunde aus dem Ausland, die hier ein Leben im Dauerstress fristen, weil sie unter ständiger Reizüberflutung leiden. Viele von ihnen finden sich nach einer Eingewöhnungsphase hier gut zurecht, bei anderen bleibt dieser Zustand eines Dauerstresses bestehen. Das ist natürlich auch abhängig von den Erfahrungen, die der Hund bisher gemacht hat. Ist es wirklich ein „echter Straßenhund“, ein verwilderter Haushund, der zum Beispiel aus Ost­anatolien kommt? Oder hat er dort, wo er bisher gelebt hat, bereits (am besten positiven) Kontakt zu Menschen und zur Zivilisation gehabt. Ich vermute, dass es auch mit der Lebensqualität der Yanomami Indianer vom Orinoco nicht mehr weit her wäre, wenn sie von Marsmenschen gerettet würden und fortan im Stress in Manhattan Downtown leben müssten …
 
Ganz bestimmt würde sich auch kein Hund eine gesteigerte Lebensqualität durch den ständigen Besuch von Ausstellungen, Messen oder Weihnachtsmärkten attestieren. Wird Stress zum Dauerzustand, macht er Psyche und Körper krank und wirkt sich negativ auf die Lebensqualität aus. Anders kann das hingegen bei kurzfristigem Stress sein, der aktivierend wirken kann und nötig ist, um mit Stressoren umgehen zu können. Hinterfragen Sie einfach immer wieder, wie viel Stress Ihr Hund tatsächlich hat, ob dieser für ihn zu bewältigen ist, ob Ihr Hund ausreichende Ruhephasen hat, und ob er sich zurückziehen kann, wenn er will. Und lassen Sie ihn vielleicht auch einfach mal zuhause, wenn die nächste Messe ansteht.

Zutaten für Lebensqualität?
Zur Beurteilung der Lebensqualität im Krankheitsfall und zur Entscheidungsfindung in einer Situation, in der man die gesundheitliche Verantwortung für sein Tier und dessen weiteres Leben übernehmen muss, helfen ­vielleicht die folgenden Fragen:

■    Ist eine dauerhafte Schmerzfreiheit des Patienten gewährleistet?
■    Welche soziale Komponente bringt die Behinderung für den Hund mit?
■    Sind dem Tier Artgenossenkontakte und Sozialverhalten noch möglich?
■    Bleibt ein gewisses Maß an Selbstständigkeit erhalten?
■    Kann das Tier weiterhin Freude empfinden?
■    Kann es Explorationsverhalten, also Neugier- und/oder Spielverhalten zeigen?
■    Kann es noch Komfort- also Pflegeverhalten zeigen?
■    Kann dem Bewegungsdrang dieses Tieres mit der Behinderung ent­sprochen werden?
■    Lässt mein Umfeld das Leben des Tieres mit Behinderung zu (es ist ein Unterschied, ob man mit einem gelähmten Hund im 5. Stock oder ebenerdig wohnt)
■    Bin ich als Mensch in der Lage, mit der Behinderung meines Tieres umzugehen?
■    Bringe ich als Halter die Bereitschaft mit, den Patienten angemessen zu betreuen und zu ­pflegen?
■    Habe ich die finanziellen Mittel, um den Hund angemessen zu ver­sorgen und um teure Therapien, die unter Umständen zum Erhalt der Lebensqualität notwendig sind, zu finanzieren? (Leider, auch wenn es verwerflich erscheinen mag, ist der finanzielle Aspekt nicht außer Acht zu lassen, wie Erfahrungen aus der Praxis zeigen)
■    Und, falls einzelne Fragen mit einem „nein“ beantwortet werden: besteht Aussicht auf eine Besserung der Situation?

Entscheidend ist also sowohl das individuelle Tier, um das es geht, die Bedürfnisse, die es hat, die Art des Eingriffes bzw. die Schwere der Einschränkungen, die dieser mit sich bringt, und auch die Bereitschaft und die Möglichkeit des Menschen, das Tier zu unterstützen und zu betreuen. All das sollte in die Entscheidungsfindung pro oder kontra Leben mit Behinderung einbezogen werden.

Diese, und sicherlich viele weitere Fragen, sollte sich der Hundehalter vorher stellen und ehrlich beantworten und die eigene Verlustangst nach Möglichkeit hintanstellen. Denn diese Entscheidung sollte immer im Interesse des Tieres und nicht des Menschen gefällt werden!

Gleiches gilt für den behandelnden Tierarzt, der in der Pflicht steht, nicht nur über die medizinischen Möglichkeiten, sondern auch über den Sinn und Unsinn von diesen aufzuklären. Das gilt natürlich in erster Linie für große Eingriffe, die unter Um­ständen Einfluss auf das gesamte ­weitere Leben des Tieres (und das des dazugehörigen Menschen) haben. Selbstredend kommt ein Hund mit zum ­Beispiel nur einem Auge oder amputierter Rute ohne große ­Einschränkungen seiner Lebens­qualität zurecht. Und ebenso viele Hunde auch mit großen Einschränkungen wie einer Querschnittslähmung, aber eben nicht alle. Beobachten Sie Ihren Hund gut und möglichst ­objektiv. Stellen Sie Ihre Entscheidung immer wieder in Frage, werden Sie nicht betriebsblind. Fragen Sie Ihren ­Vierbeiner immer mal wieder, und er wird Ihnen seine Lebensfreude ­zeigen. Oder auch nicht …

HINTERGRUND

Definition Lebensqualität

Auf Wikipedia lautet die Definition für Lebensqualität folgendermaßen.
„Mit dem Begriff Lebensqualität werden üblicherweise die ­Faktoren bezeichnet, die die Lebensbedingungen in einer Gesellschaft beziehungsweise für deren ­Individuen aus­machen. Im allgemeinen Sprachgebrauch wird mit Qualität des Lebens vorwiegend der Grad des Wohlbefindens (subjektives Wohl­befinden) eines Menschen oder einer Gruppe von Menschen beschrieben. Ein Faktor ist der (materielle) Lebensstandard, daneben gibt es aber eine Reihe weiterer Faktoren wie Bildung, Berufschancen, sozialer Status, Gesundheit, Natur und andere. Man spricht bei diesen Faktoren auch vom immateriellen Wohlstand.“

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