Der Chihuahua

0
896

Viel Hund in kleinem Format

Um Herkunft und Geschichte des Chihuahuas ranken sich so viele Legenden wie bei kaum einer anderen Hunderasse. Kein Wunder, verfügt dieses Hündchen doch ­tatsächlich über eine sehr alte Historie. Ob aus dem Mexiko der Azteken oder – nach neueren Meinungen – aus dem Mittelmeerraum stammend, der Chihuahua wird oft ­unterschätzt. Wer sich näher auf diese Rasse einlässt, wird rasch in ihren Bann gezogen. So klein der Chihuahua auch ist, was ja viele Vorteile hat, so viel Hund ist in ihm …

Der Hund aus Mexiko?
In der kynologischen Literatur über den Chihuahua war es noch bis ins Jahr 1970 unbezweifelt, dass es sich dabei um einen Hund handelt, der schon vor den Azteken, zur Zeit der Tolteken und ­Mayas, in einem Gebiet heimisch war, das in etwa dem heutigen ­mexikanischen Bundesstaat Chihuahua entpricht. Dieser Hund sei damals als „Techichi“ bezeichnet worden. Für mexikanische Hundeexperten ist der „Perro Chihuahueño“ eine Kreuzung aus diesem Techichi und einem haarlosen Hund, der aus Asien stammt (Harman 1955). In der Welt bekannt geworden ist der Chihuahua durch die US-Amerikaner, die ihn als mexikanische Hunderasse ­entdeckten (Räber 1993). In einer kynologischen Rasseübersicht bezeichnet der deutsche Zoologe Theodor Haltenorth den Chihuahua als „Mexikanischen Zwergterrier“ (Haltenorth 1958). Auch wenn manche heutige Hundehalter dem Chihuahua durchaus auch ein terrierartiges Wesen zusprechen würden, so gehört die Rasse natürlich nicht zu den Terriern, sondern zu der FCI-Gruppe der Gesellschafts- und Begleithunde. ­Chihuahueño lautet der offizielle Name dieser auch lt. FCI mexikanischen Hunderasse.

… oder aus dem Mittelmeerraum?
1970 räumte jedoch Mrs. ­Goodchild, eine britische Kynologin und ­Chihuahua-Züchterin, mit der Vorstellung der Rasse als mexikanischen Ursprungs gründlich auf. Ihre Nachforschungen hätten ergeben, dass der ­Chihuahua aus Ägypten auf die Insel Malta gekommen sei. Goodchild war deswegen zu diesem Schluss gekommen, weil man in Malta auf das Jahr 700 zu datierende Hundeausgrabungen fand, deren Schädel eine offene Fontanelle (Schädeldach-Lücke) aufwiesen, ein für Chihuahuas charakteristisches Merkmal. Doch wie Räber betont, sind offene Fontanellen ein grundsätzliches Charakteristikum extremer Zwergwuchsrassen, nicht nur des Chihuahuas. Andererseits gibt es auf Malta Hunde, die dem ­Chihuahua sehr ähnlich sind. Um 1960 soll mit solchen Hunden aus Malta in Großbritannien gezüchtet worden sein. Große Chihuahua-Aus­stellungschampions würden aus solchen Zuchten stammen.
Dass der Chihuahua nicht aus ­Mexiko stammen konnte, will Goodchild auch dadurch beweisen, dass auf einem Fresko von Boticelli in der ­Sixtinischen Kapelle, auf dem die Flucht der ­Israeliten aus Ägypten dargestellt ist, ein Chihuahuakopf abgebildet sei. Das Fresko stammt aus dem Jahr 1482, während Amerika erst 10 Jahre später durch Kolumbus entdeckt wurde. Wäre der Chihuahua ein Hund aus Mexiko, hätte er also nicht schon 1482 auf dem Fresko abgebildet sein können. Während es sich dabei aber lediglich um einen phänotypischen und damit sehr un­sicheren Vergleich handelt, gibt es genetische Ergebnisse, nach denen der Chihuahua tatsächlich europäischen Ursprungs sein könnte.

So gibt es also Hinweise für diese oder jene Ursprungstheorie und unterschiedliche Ansichten zur Rassegeschichte des Chihuahuas, je nachdem, welche Fakten für relevant gehalten werden. Dass es sich beim Chi, wie er liebevoll von seinen Anhängern genannt wird, wohl um eine der ältesten und um die kleinste Rasse der Welt handelt, dürfte weitgehend unbestritten sein.

Germanischer Chihuahua in ­römischer Kolonie am Niederrhein?
Räber verweist in einem WUFF-Artikel darauf, dass es schriftliche und archäologische Hinweise auf Zwerghunde erst seit der römischen Kaiserseit (27. v. Chr. bis 76 n. Chr.) gebe, im germanischen Raum erst seit dem 4.-6. Jahrhundert. „Der kleinste bisher aufgefundene Zwerg aus dieser Zeit stammt aus der römischen Kolonie Xanten am Niederrhein. Er maß knapp 18 cm, entsprach also einem sehr kleinen Chihuahua“, schreibt Räber („Zwerghunde – Hundezwerge“, WUFF 4/2008, S. 26 ff.).

Chihuahua: Vorsicht Suchtgefahr
8 Jahre ist es her, dass in WUFF das letzte Chihuahua-Rasseporträt erschien. Darin war zu lesen: „Der Chihuahua macht süchtig! Wer einmal bei dieser Rasse gelandet ist, kommt nie wieder von ihr los.“ Den Chihuahua gibt es in zwei Varietäten, mit langem und mit kurzem Haar. Der Kurzhaar-Chihuahua ist an sich die ursprüngliche Form, wie sie auch in der Historie immer beschrieben wird, während es das lange Haar beim Chihuahua erst seit dem 20. Jahrhundert gibt.

Wie kann man den Chihuahua kurz und knapp charakterisieren? Eine ­Züchterin beschreibt das Besondere dieser Rasse mit der Vielfalt der Farbschläge sowie der einzigartigen, jeweils unterschied­lichen Persönlichkeit der beiden Varietäten der Rasse. Der Langhaar-­Chihuahua sei anmutig und schön, der Kurzhaar-Chihuahua stolz und edel. Für beide gelte: „Ein kleiner Hund mit dem Herzen eines Löwen.“ Der Chihuahua ist selbstbewusst, temperamentvoll und furchtlos. Er ist sehr viel Hund in kleinem Format. Das Selbstbewusstsein vieler Exemplare dieser Rasse dürfte sich tatsächlich umgekehrt proportional zu ihrer Größe verhalten, was auch der Autor des Porträts aus eigener Erfahrung kennt. Und gerade das ist vielleicht auch eines der Geheimnisse, warum ein Chihuahua tatsächlich eine große Anziehungskraft auf einen ausübt, wenn man sich einmal näher mit ihm befasst.

Wir kennen das, die abgedroschenen und abwertenden Ausdrücke, mit denen manche Zeitgenossen diese kleinen Hunde bezeichnen. Doch ist unnatürliche Verhätschelung weder ein Attribut der Rasse noch die erforderliche Haltungsform für den Chihuahua. So schreibt Räber treffend über diese Rasse: „Trotz seiner Kleinheit muss er keineswegs verhätschelt werden, obschon er sich solches durchaus gefallen lässt – welcher andere Hund tut dies nicht auch?“, aber eine Notwendigkeit dazu bestünde keineswegs, so Räber. „Der Chihuahua ist ein Hund und will als solcher behandelt werden“, fährt der Kynologe weiter fort (Räber 1993).

Geeignet oder nicht?
Die Frage des Zusammenpassens von Hund und Halter ist eine der zentralen Fragen in der Hundehaltung. Würde schon vor der Anschaffung eines Hundes mehr Wert auf die Beantwortung dieser Frage gelegt, hätten wir keine überfüllten Tierheime und ­sicherlich deutlich weniger sog. Problem­hunde. Häufig ist zunächst die Frage wichtiger, für wen eine Rasse NICHT geeignet ist. Denn auch eine Liste von positiven Punkten kann einen entscheidenden Negativpunkt nicht entschärfen. Ein Chihuahua ist für einen hektischen Menschen völlig ungeeignet, genauso wie für Menschen ohne Zeit.

Zucht und Gesundheit des ­Chihuahuas
Der Chihuahua gilt als kleinster Hund der Welt. Mit dieser Kleinheit, viel mehr aber noch im Falle einer extremen Zwerghundezucht, sind auch bekannte Auswirkungen auf die Gesundheit verbunden. Über dieses Thema ist in WUFF schon mehrfach publiziert worden, weshalb hier darauf verwiesen wird: So in einem Artikel des Schweizer Kynologen Dr. Hans Räber über Zwerghunde („Zwerghunde – Hundezwerge“, WUFF 4/2008, S. 26 ff.) und in einer Publika­tion des Wiener Kynologen Dr. Hellmuth Wachtel („Das Kindchenschema beim Hund“, WUFF 3/2008, S. 28 ff.).

Zur Frage der Weiterentwicklung der Zucht des Chihuahuas weisen Zuchtverbände darauf hin, dass jede gewollte Verzwergung einer Rasse dieser schade. Das Ursprungsland Mexiko schreibe im Standard ein Gewicht bis zu 3 kg vor. Die in der Werbung gezeigten „Teacup-“ oder „Mini-Chis“ gebe es nicht wirklich, und gerade diese Auswüchse würden in der Öffentlichkeit Ressentiments gegen die Rasse erzeugen. Da der Chi der kleinste Rassehund ist, hat er auch die längste Lebenserwartung aller Rassehunde. Sein Durchschittsalter beträgt 12 Jahre, aber es gibt auch wesentlich ältere Chis! Rassetypische Krankheiten soll es im deutschsprachigen Raum kaum geben, erfahren wir von Chi-Experten. Mit erworbenen und eingezüchteten Mängeln und Fehlern behaftet seien nur Chis aus Ländern, in denen aus finanziellen Gründen gezüchtet würde. Krankheiten seien kaum zu erwarten, und wenn, dann nur bei dubioser Abstammung sowie schlechter Aufzucht und Ernährung.

Andere Hundeexperten weisen allerdings doch auf einige typische Krankheiten beim Chihuahua hin, die in erster Linie aufgrund seiner rassetypischen Kleinheit bedingt sind. So bestätigen auch Züchter wenige Schwachpunkte der Rasse. Wie bei anderen Kleinhunderassen würde manchmal die Patella-Luxation (lose Kniescheiben) vorkommen, weshalb in der Zucht nur Chihuahuas zum Einsatz kämen, die von dieser Krankheit frei sind. Zur offenen Fontanelle herrscht die Züchter-Meinung, dass dies früher als Rassereinheitsmerkmal gegolten habe, heute aber kaum mehr vorhanden sei, und wenn doch, dann meist nur bei besonders kleinen Tieren, die ohnehin in der Zucht keine Verwendung fänden.

Grundsätzlich – und das gilt für jede Hunderasse – ist die Wahrscheinlichkeit, einen gesunden Hund zu bekommen, bei seriösen Züchtern natürlich deutlich größer als bei Hundehändlern. Eine ­Garantie wird aber naturgemäß niemand abgeben können. Woran man einen seriösen Züchter erkennt, ist in WUFF schon oft Thema gewesen. So wird empfohlen, dass sich Welpen­interessenten vorher die Zuchtstätte genau ansehen sollten, insbesondere auch die Elterntiere. Dies bestätigen auch Hundeexperten, da dies die Wahrscheinlichkeit eines Erwerbs von Welpen aus dem Hundehandel oder unseriösen Quellen deutlich vermindere.

Pflege und Haltung
Der Chihuahua stellt in dieser Hinsicht relativ geringe Anforderungen an seinen Halter, wie viele Freunde dieser Rasse betonen. Ein wenig Bürsten ab und zu sowie das Kürzen der Krallen bei Bedarf und die übliche Hundepflege. Zur Haltung in kleinen Wohnungen ist er schlichtweg der Idealhund. Gar nicht selten findet man den Chihuahua auch auf Hundesportplätzen, vor allem auch beim Agility. Kein Wunder, will dieser Hund doch auch gerne gefordert werden.

Fazit
Fasst man die Informationen aus der Literatur sowie von Chihuahua-Züchtern und -Haltern zusammen, lässt sich Folgendes sagen: Der Chihuahua ist offensichtlich ein temperamentvoller Hund mit sehr starkem Bezug zu seinem Halter. Er fordert Aufmerksamkeit und zeigt dabei einen großen Einfallsreichtum, diese auch zu erregen. Zwischen den beiden Haarvarietäten gibt es auch Wesensunterschiede: So sind die kurzhaarigen eher forscher, bisweilen auch sehr dickköpfig, die langhaarigen von eher ruhiger und sanfter Natur. Trotz seiner geringen Größe ist der ­Chihuahua ein ganzer Hund mit allem, was einen solchen ausmacht. Dessen muss man sich ganz klar bewusst sein. Auch wenn er klein ist, benötigt er Auslauf und ­Anforderungen, damit er entspannt leben kann.

In den verschiedenen Rassebeschreibungen des Chihuahuas wird immer wieder eine alte indianische Legende zitiert. Nach dieser begleitet der Chihuahua die Seele seines verstorbenen Herrn über neun gefährliche reißende Flüsse der Unterwelt bis ins Paradies. Um das bewältigen zu können braucht er Eigenschaften wie Treue, große Ausdauer und Mut. Über diese verfügt der kleine große Hund auch heute noch allemal!

Keine Kommentare