Der Irish Red Setter – Jagdhund mit Herz

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Zwei Seelen wohnen, ach! in seiner Brust. Was auf ­Goethes Faust zutrifft, stimmt auch für den Irish Red Setter. So ist er gleichzeitig ein unermüdlicher Jagdhund, wie auch ein ­eleganter Begleithund. Er liebt die Familie über ­alles und braucht doch während des Freigangs einen großen ­Radius, um seine Lauflust auszuleben. Bei ­angemessener ­Beschäftigung ist er im Haus ruhig, dafür möchte er in der Natur den Dingen so richtig auf den Grund gehen.

Die große Nachfrage nach dem schönen Roten, die erst vor ein paar Jahren abgeflacht ist, hat den Iren in der Öffentlichkeit seinen guten Ruf gekostet. Denn zum eleganten Begleiter auf den Beifahrersitz eines Sportwagens gebannt, sind die Probleme bei einem so eifrigen Hund vorprogrammiert. Vermehrer, die sich mehr für das Geld als den Hund interessierten, taten das ihrige dazu, um den Roten zu einem nervösen Springball zu formen. Auch heute halten ihn viele für einen nervösen Hund. Dabei kann er nichts dafür, dass wir Menschen ihn so hinreißend schön finden und dabei ganz vergessen, dass seine Bestimmung die unermess­lichen Moorlandschaften Irlands waren.

Der Show- und Arbeitshund
„Schade", findet Susan Stone (­Züchterin, Ausstellungsrichterin, Certodog-Instruk­torin und Hundefotografin). Bei ihr ist der Irish Red Setter sozusagen Familien­tradition und der Hund, der sie seit 40 Jahren begleitet. Seit 31 Jahren ­beschäftigt sie sich selbst mit der Aufzucht dieser Rasse, wobei fast alle ihre Hunde aus Showlinien kamen. Show­linie – das heißt: Imposant, groß 
(55-67 cm), langbeinig, mit üppiger, seidiger Befederung und einem schmelzenden Blick, mit dem auch Richard Gere nicht mithalten kann. Wenn so ein Hund kastanienrot glänzend durch den Ausstellungsring schwebt, verschlägt es den Zuschauern leicht den Atem. Deshalb werden sie gerne gezeigt und deshalb gewinnen sie gerne „Best in Show" – und deshalb verlieben sich Jahr für Jahr so viele Leute unrettbar in diesen Hund.

Susan Stone wurde mit dem Irish Setter groß und auch mit der Vorstellung, mit dem Hund zu arbeiten. So bildete sie beispielsweise ihre Hündin Shannon zum Sanitätshund, Flächensuchhund, Katastrophen- und Lawinensuchhund aus, und gemeinsam wurden sie schließlich als Flächensuchhund bei Redog (Schweizerischer Verein für Such- und Rettungshunde) aufgenommen. Zusätzlich zeigte sie Shannon erfolgreich auf Ausstellungen. Glen schnitt dabei glänzend ab und hat seit 30 Jahren als erster Irish Red Setter einer reinen Showlinie an britischen Field Trials eine ­Qualifikation erhalten. „Auch die Showlinien arbeiten gut und gerne", erzählt Susan Stone. „In der Regel verfügen sie aber nicht über die ­Schnelligkeit und Ausdauer, welche die Trials erfordern. Auch ihre etwas gelassenere Mentalität verhindert, dass sie sich mit Leib und Seele der Arbeit hingeben. Zudem endet der Arbeits­eifer bereits mit 5-6 Jahren. Da sind die Arbeitslinien doch etwas anders."

Der Großvater ihres jüngsten Hundes, Annie, zeigte mit 14 Jahren noch vollen Einsatz auf der Jagd. Annie ist eine Mischung aus Show- und Arbeitslinie. „Sie war von Tag 1 an ein ­Abenteuer. ­Lebendig, fröhlich, tausend Ideen in ­einer Sekunde. Da muss man erst einmal mithalten können." Die Arbeitslinien sind kleiner, leichter (15-20 kg anstelle von 30 kg), quadratischer, ­muskulöser, mit weniger Befederung. Der Blick ist nicht schmelzend, sondern feurig. „Annie wäre ein guter Rettungshund geworden. Sie läuft mit größter ­Sicherheit über die schwierigsten Ge­lände. Das Verbellen hätte sie leicht gelernt. Müdigkeit? Ich muss sie stoppen." Auf einem Spaziergang tanzt Annie neben Susan Stone her, bis sie das Freikommando bekommt, dann beginnt sie zu suchen. Schnüffeln, entspannt den Weg entlang laufen, markieren, das interessiert Annie nicht. Da sind Glen und Erin entspannter. Aber auch sie zeigen das übliche Setterverhalten: Wittern, Fährten, Kreuzen. Aber gedämpfter.

Der Jagdhund
Annie wurde zum Jagdhund ausge­bildet, obwohl Susan Stone keine Jägerin ist. Trotzdem fährt sie jedes Jahr nach England, Schottland oder Irland zu den Trials. Trials, das sind Jagdhundeprüfungen für Vorstehhunderassen. Die Hunde werden paarweise auf das Gelände geschickt, um das Feld nach Moorhühnern abzusuchen. Findet der Hund einen oder mehrere Vögel, soll er, ohne zu verbellen, vorstehen. Mit Vorstehen ist ein absolutes Erstarren des Hundes gemeint. Er soll quasi zur Salzsäule werden. Ob er dabei eine Pfote hebt oder nicht, ist unwichtig. Auf diese Weise soll der Hund den Führer auf die Vögel aufmerksam machen, ohne die Vögel zu verschrecken. Nun kommt der Führer heran und lässt den Hund kontrolliert heranpirschen, bis die Vögel auffliegen. Jetzt muss der Hund ins Platz. Auf einer Jagd würde nun ein Vogel ­geschossen. Bei den Trials wird jetzt zwar ein Schuss abgegeben, aber nur um die Schussfestigkeit des Hundes zu über­prüfen. Hunde, die hinter den Vögeln her hetzen, werden disqualifiziert.

Damit der Setter später sauber vorsteht, sollte man ihn von klein auf für das Vorstehen belohnen und das unkontrollierte Hetzen unterbinden. Auch für Nichtjäger ist ein Hund, der vorsteht, viel angenehmer als einer, der wildert. Wo unerwartet Wild auftauchen könnte, gehört der nicht abrufbare Hund an die Leine. Aber auch das unbewachte ­Stöbern abseits der Wege ist eine Vorstufe für späteres Streunen. „Manchmal rufen Leute an und fragen, ob der Setter jagt", erzählt Susan Stone. Sie erklärt den Leuten dann, dass das jeder Hund tut und der Setter als Jagdhund im Besonderen. „Das heißt aber nicht, dass der Setter später automatisch ein Jäger wird. Es liegt am Besitzer, bereits für den jungen Hund Grenzen zu ziehen, dann hat man auch beim ausgewachsenen Hund keine Probleme. Wenn man dem jungen Hund die ersten zwei Jahre zum Hetzen keine Gelegenheit gibt, sollte man ihn später gut kontrollieren können. Denn der Setter will mit dem Menschen ­zusammenarbeiten."

Der bewegungsfreudige Hund
Ein Flächensuchhund wie der Setter macht während der Arbeit viele Kilo­meter. Er läuft von links nach rechts und dann von rechts nach links quer über das Feld. Manchmal über sehr weite Distanzen. Manchmal in schwierigem Gelände. Manchmal in Schnee. Das erfordert eine gute Konstitution, starke Pfoten und einen settertypischen tiefen Brustkasten. In dem Brustkasten finden sowohl eine überdurchschnittlich große Lunge und Herz Platz. Beides ist wichtig, um den Hund während der Arbeit mit ausreichend Sauerstoff zu versorgen.

Überhaupt ist Luft für den Setter sehr wichtig. Während der Arbeit läuft er immer quer zum Wind, denn als Vogelsuchhund muss er die Witterung aus der Luft aufnehmen. Deshalb trägt der Irish Red Setter die Nase hoch, denn Vögel legen keine Fährten auf dem Boden, ­sondern im Wind. Im Idealfall kann er das Feld gegen den Wind absuchen. Doch manchmal erlauben es die Umstände nicht. „Erfahrene Hunde laufen, wenn der Wind aus dem Rücken kommt, ein großes Stück voraus, und arbeiten dann das Feld gegen den Halter ab."

Beziehung auf Distanz
Überhaupt arbeitet der Irish Setter auf großer Distanz zum Führer, was einerseits selbständiges Denken voraussetzt, aber auch eine hohe Aufmerksamkeit gegenüber dem Führer. Denn auch wenn der Setter gerade auf der anderen Seite des Feldes unterwegs ist, hat er den Führer immer auf dem Radar. Die ­Kehrseite – auch der Führer muss ­seinem Hund immer in Gedanken folgen. Leine los und Hund vergessen ist beim Setter eine schlechte Idee. Denn ohne eine immer wiederkehrende Kontaktauf­nahme wird sich der Radius des Setters bis auf ungeahnte Distanzen ausweiten. „Deshalb erfordert die Ausbildung eines Setters auch viel Aufmerksamkeit von Seiten des Halters", erklärt Susan Stone. „Wobei der Setter wie viele Jagdhunde nicht so gut über das Futter motivierbar ist. Bewegung, das ist der eigentliche Jackpot. Für manche Hundetrainer ist das eine ziemliche Herausforderung. Es erfordert Flexibilität bei der Ausbildung und dass der Mensch mitdenkt. Am ­besten erreicht man den Setter, wenn man beobachtet, was er gerne tut, und ihn damit abholt. Aber", fügt Stone hinzu, „der angehende Setter­halter muss kein Hundeprofi sein. Er sollte aber offen sein und gemeinsam mit dem Hund dazulernen. Schließlich geht es nicht darum, den Hund in eine Form zu pressen, sondern ihm zu zeigen, wann welches Verhalten angemessen ist." So werden alle Beteiligten viel Freude am gemeinsamen Zusammensein haben.

Ein angemessenes Zuhause
Überhaupt sollte man sich als an­gehender Setterhalter sehr gerne an der frischen Luft aufhalten. Denn hinaus möchte dieser Naturbursche jeden Tag, bei jeder Witterung und das gleich für mehrere Stunden. Zudem sollte man sich im Vorfeld auch Gedanken machen, ob man auch in der näheren Umgebung genug Platz hat, um den Setter laufen zu lassen. Mit dem Fahrrad, beim Ski­jöring oder der Joggingrunde kann dem Setter Gelegenheit gegeben werden, sich auszupowern. Aber auch Kopfarbeit tut diesem aufgeweckten Hund gut. Am liebsten löst er Aufgaben, bei denen er Nase und Körper einsetzen kann. Lastet man den Iren gut aus, nennt er auch ­gerne eine Wohnung sein Zuhause, obwohl er gegen ein Haus mit Garten bestimmt nichts einzuwenden hat. ­Außerdem zeigt er nach getaner Arbeit gerne seine anschmiegsame Seite. Denn der ­Setter liebt die Familie und ausgedehnte ­Streicheleinheiten. ­Stundenlanges Alleinsein bekommt ihm ebenso schlecht wie monotone Tage im Garten. Alleingelassen und unausgelastet wird sich dieser wunderschöne Hund zu einem Landschaftsgärtner und Innenarchitekten wandeln, der Sie teuer zu stehen kommt und auch die Nachbarschaft lautstark auf seine Langeweile aufmerksam macht. Als Wachhund ist der Irish Red Setter nur bedingt zu gebrauchen. Als ausgesprochener Menschenfreund wird er eher wegen seltsamer Geräusche als ungebetener Eindringlinge bellen.

Entstehungsgeschichte
Wachhund zu sein war ja auch nie seine Aufgabe. Der Irish Setter kann bis in das Jahr 1700 zurückverfolgt werden. Hervorgegangen ist er vermutlich aus den aus Frankreich importierten Epagneuls. Der Epagneul gilt als eine sehr ursprüngliche Arbeitsrasse, die schon seit mehreren hundert Jahren für die Jäger im Einsatz ist und sich auch heute noch großer Beliebtheit als Vorstehhund erfreut. Aber auch Pointer und große Spaniels, die 1555 ebenso als Vorstehhunde arbeiteten, haben vermutlich ­ihren Teil beigetragen. So kann man auch den Spaniel in der Kopfform von einigen Settern noch deutlich erkennen.

Übrigens hat sich das Wort Setter aus der Bezeichnung „Sitting Dog" zu ­„Sitter" und schließlich zu Setter entwickelt. Was vor allem auf das gezeigte Verhalten beim Vorstehen hinweist, denn einige Setter setzen oder legen sich dafür hin. Heute wird der Setter von der Fédération Cynologique Internationale (F.C.I.) der Gruppe 7 (Vorstehhunde) und Sektion 2 (Britische und Irische Vorstehhunde) zugeteilt, wobei ein sattes Kastanienbraun verlangt wird. „Früher waren die verschiedenen Setterschläge uneinheitlich. Oft waren sie Schecken mit schwarzen, roten und weißen ­Flecken", erzählt Stone. Heute sind beim Irish Red Setter nur noch kleine ­weiße Zeichnungen auf Brust, Stirn oder Pfote erlaubt. Schwarze Haare gelten als zuchtausschließendes ­Kriterium. Welcher Hund das reine Kastanienrot brachte, weiß man heute nicht mehr. Und dass der Irish Setter schließlich in die zwei verschiedenen Rassen Irish Red and White Setter und Irish Red Setter aufgeteilt wurde, ist dem Umstand zu verdanken, dass der Irish Red Setter bei den Ausstellungen viel erfolgreicher war. Jedoch hielten ihn Jagdfreunde bald für einen reinen Frauenhund und wandten sich umso mehr dem Red and White Setter zu.

Pflege
Die beiden verschiedenen Linien unter­scheiden sich in Temperament, der Optik und auch dem Pflegeaufwand. Grundsätzlich reicht es, den Setter regelmäßig zu bürsten und zu kämmen. Je mehr Wert man dann auf eine lange Befederung legt, desto größer wird der Aufwand. Denn in den feinen, seidigen, langen Haaren verfangen sich leicht Samen, Kletten oder klebrige Sachen. Außerdem ist es gerade bei langer Befederung wichtig, das Fell nicht verfilzen zu lassen, ansonsten wird ein Besuch beim Hundefriseur unumgänglich. Ansonsten ist der Irish Red Setter pflegeleicht, der neben den üblichen Dingen wie ­Tierarzt, hochwertigem Futter und frischem Wasser keine besondere Behandlung braucht, um zu beeindrucken.

Beeindruckend
Beeindrucken kann dieser Hund, wenn er ruhig ausgestreckt vor dem Kamin­feuer liegt. Wenn er an der Seite seines Halters die Straße entlang schwebt, wenn er im vollen Galopp der Erdanziehungskraft zu trotzen scheint. „Und das ist ja dann auch das Schönste", findet Susan Stone. „Dem Setter zusehen, wie er über die Felder kreuzt. Die Augen halb geschlossen. Die Nase im Wind."

Hintergrund
Gesundheit des Setters

Die Vereinheitlichung der Rasse, die Isolation von anderen Schlägen und die einseitige Gewichtung der Zucht im Hinblick auf Show- oder Leistungserfolge brachten dem Setter auch gesundheitliche Probleme.

Bekannte Krankheitsbilder sind
• Epilepsie,
• Magendrehungen,
• Progressive Retina Atrophie (PRA: Fortschreitender Netzhautschwund),
• Hüftgelenksdysplasie und ein
• erhöhtes Vorkommen von Krebs.

Die PRA kommt heute dank des Einsatzes von DNA-Untersuchungen allerdings kaum mehr vor.

Im Zusammenhang mit der Epilepsie wurde ein finnisches Forschungsprojekt ins Leben gerufen, welches die Vererbung von Epilepsie untersucht. Die Resultate sollen sowohl den Hunden wie auch den Menschen zugutekommen. Um Fortschritte zu erzielen ist das Forscherteam auf Blutproben von an Epilepsie erkrankten Irish Red Settern oder gesunden über 7 Jahre alten Irish Red Settern angewiesen. Wer einen passenden Hund besitzt und das Projekt unterstützen möchte, kann eine Blutprobe spenden. Informationen dazu findet man unter:http://www.koirangeenit.fi oderranja.eklund@helsinki.fi.

Der verantwortungsvolle Züchter ist heute stark bemüht, den verschiedenen Erbkrankheiten Einhalt zu gebieten. Wie auch Susan Stone erklärt: „Er setzt nur ­gesunde, wesensfeste Hunde zur Zucht ein. HD-Untersuchungen sind heute die Norm, soll ein Hund in die Zucht kommen." Auch international arbeitet man verstärkt zusammen, um einen hohen Genfluss zu ermöglichen. Trotzdem tun sich viele Züchter bei der Vermischung von Show- und Arbeitslinien noch schwer.

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Anna Hitz
lic. phil. Anna Hitz ist mit Irish Terriern aufgewachsen und beteiligt sich seit vielen Jahren an der Aufzucht von Welpen. Seit 1998 arbeitet sie in einer Hippotherapiepraxis, hat 2011 das Lizenziat in Germanistik erreicht und schreibt seit 2011 Beiträge für diverse Hundemagazine. Heute hält sie einen Irish Terrier, ein italienisches Windspiel und eine spanische Windhündin.

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