Deutscher Schäferhund: Geborener Musterknabe?

0
2688

Mythen in der Hundewelt

Die FCI (Fédération Cynologique ­Internationale) fasst in den Rassengruppen 1 – 3 sogenannte ­Gebrauchshunde zusammen. Gruppe 1 Hüte- und Treibhunde, Gruppe 2 Pinscher, Schnauzer, ­Molossoide, Schweizer Sennenhunde und in der Gruppe 3 die Terrier. Allen voran scheint jedoch der Deutsche Schäferhund eine „harte Hand“ zu benötigen. Doch ist das wirklich so? WUFF-­Autorin Liane Rauch geht diesem Mythos auf die Spur.

Den Schäferhundrüden Santana konnte ich viele Jahre beobachten. Ich lernte ihn im Alter von 9 Wochen kennen. Er war ein aufgeweckter, lustiger, frecher kleiner Welpe. Seine Halter hatten Großes mit ihm vor. Er sollte die Gebrauchshundeprüfung nach IPO ablegen und später als Zuchtrüde angekört werden. Zum Leidwesen der Halter zeigte Santana so überhaupt keinen „Ehrgeiz“. Im Alter von 1 Jahr musste ich mir von den Haltern sagen lassen: „Er braucht halt die harte Hand. Man muss den Hund erst brechen und dann neu aufbauen.“

In den nächsten Jahren veränderte sich Santana folgenschwer. Kurz nach „dem Brechen“ entwickelte er panische Angst vor anderen Hunden und Menschen. Santana musste regelrecht gezwungen werden, den sicheren Garten zu verlassen. Er verlor seine Fröhlichkeit, seine Lebenslust, seine Seele. Wenn wir ihm begegneten, hatte er traurige, leere Augen.

Das schlimmste Erlebnis hatten wir an einem sonnigen Herbstnachmittag. Ich war mit meinen Collies unterwegs, als wir Santana samt Halter am Inn trafen. Santana geriet beim Anblick meiner ­Collies dermaßen in Panik, dass er davon lief, über die viel befahrene Straße, und nach Hause rannte. Santana starb Jahre später als gebrochener Hund.

Gebrauchshund, Sporthund und Diensthund
Zuerst sollten diese drei Begriffe de­finiert werden. Einerseits werden diese Hunde, die die unterschiedlichsten Aufgaben ausführen müssen, in einen Topf geworfen, andererseits werden viele dieser Rassen völlig unterschätzt.

Gebrauchshund: Das ist der Oberbegriff für alle Hunde, die eine ganz spezielle Aufgabe erfüllen müssen. Mit diesem Begriff sind Hüte-, Treib-, Jagd- und Diensthunde überschrieben. Jeder Rassehund der FCI-Gruppen 1 – 3 darf, kann und muss bei entsprechender Ausbildung zu einer Gebrauchshundeprüfung zugelassen werden. Also auch oft unterschätzte Rassen wie Sheltie, Affenpinscher oder Yorkshire Terrier.

Sporthund: Dies sind sogenannte Gebrauchshunde, die nur im sportlichen Bereich geführt werden. Dies können Hüte-Wettbewerbe sein, obwohl der dort geprüfte Hund im „privaten Leben“ keinen regelmäßigen Kontakt zu Vieh hat. Such- und Fährtenprüfungen z.B. für Retriever-Rassen, wobei die Hunde niemals jagdlich eingesetzt werden. Oder sogenannte Sport-Schutz-Hunde, die keiner dienstlichen Schutzarbeit nachgehen. Außerhalb der sportlichen Prüfungen lebt der Hund als „normaler Familienhund“ in privater Haltung.

Diensthund: Ein Diensthund füllt in der Regel nur einen ganz speziellen Aufgabenbereich aus. Bei Polizei, Zoll und Militär wird dieser Hund auch ausschließlich von einem Diensthundeführer, der eine dementsprechende staatliche Ausbildung hat, geführt. Der Diensthund lebt zwar bei seinem Hundeführer, verbleibt aber im Besitz der Behörden. Kann der ­Diensthundeführer seiner Aufgabe nicht mehr gerecht werden, muss der Hund in der Regel ­abgegeben werden und der Diensthundeführer bekommt einen neuen Hund und umgekehrt (siehe Fall Polizeihund Sam, der 2016 durch die Medien ging).

Braucht der Deutsche Schäferhund nun wirklich eine harte Hand?
Nein – warum auch? Vom Grundwesen her sind Schäferhunde sehr ­kooperativ und teamorientiert. Sie wurden ja schließlich dafür gezüchtet, mit dem Schäfer zusammen zu arbeiten. Es ist also eher kontraproduktiv, einen eigentlich von Grund auf arbeitswilligen Hund über Zwangsmaßnahmen zu Leistung anzutreiben. Lässt man den Schäferhund machen, wird er für seinen Halter sowieso alles tun.

Darüber hinaus habe ich die mir bekannten „Deutschen“ als sehr feinfühlig und sensibel erlebt. Lilli, die 7-jährige Schäferhündin, hat bei der Therapie­arbeit sehr oft den richtigen Riecher, welchem unserer Patienten und Bewohner es nicht so gut geht. Ich glaube nicht, dass Lilli diesen Menschen gegenüber so offen wäre, hätte man sie mit harter Hand ausgebildet. In der gleichen FCI-Gruppe geführt wie der Bobtail, der Collie und der Welsh Corgi, käme doch auch niemals jemand auf die Idee, in der Ausbildung dieser Rassen eine harte Hand anzuordnen.

Corona und Lilli leben bei Christina Landmann und unterstützen sie bei ihrer Arbeit als Tierheilpraktikerin und Hundetrainerin. Christina Landmann über ihre zwei Schäfer-Damen: „Corona stammt aus einer bayrischen Zucht und ist jetzt 9 Jahre alt. Lilli haben wir vor 6,5 Jahren aus dem Tierheim geholt. Der Deutsche Schäferhund ist für mich der perfekte Begleiter, der sich durch angeborenen und angemessenen Wach- und Schutztrieb auszeichnet. So ruhig und unkompliziert sie im Haus sind, so begeistert sind sie beim Sport dabei. ­Begleithundeprüfungen, Obedience-Prüfungen und spielerische Unterordnung, gemixt mit Intelligenzspielen und kleinen Tricks, sind unsere Beschäftigungen. Lilli arbeitet zusätzlich noch als Therapiehund. Meine Ladys sind immer dabei und weit gereiste Globetrotter. Meine Erfahrungen haben gezeigt, dass Schäferhunde, die über die sogenannte „Harte-Hand“ erzogen wurden, vermehrt submissives Verhalten und Angstreaktio­nen bis hin zum Abschnappen zeigen. Ein Kreislauf ohne Ende, da der Halter ja dem Hund Fehlverhalten unterstellt und seine Methoden noch verschärft. Wenn ich meine Corona anschreien würde, würde sie auf den Hacken umdrehen und gehen. Und würde ich Lilli zu sehr einengen, würde sie als sehr charakterstarker Hund ihren Freiheitstrieb wahrscheinlich noch mehr ausleben. Konsequent aber fair und liebevoll, DAS ist die beste Ausbildung für den Deutschen Schäferhund.“.

Abrichtung unter Zwang gehört der Vergangenheit an
Ärgerlicherweise gibt es noch immer Anhänger der „Harten-Hand-­Methoden“. Da wird mit Zwicken, Treten und Schlagen gearbeitet. Auf einem Hundeplatz dieser Couleur wurde mir geraten, ­meiner Colliehündin einfach mit der flachen Hand fest auf den Kopf zu schlagen, wenn sie bei der Unterordnung nicht schnell genug ins Platz geht.

Hunde, die nach diesem Motto ausgebildet werden, gehen sehr oft in Meide- und Angst-Verhalten bis hin zu Wehr-Verhalten über. Dies kann, macht ein Hund die gegenteilige Entwicklung von Santana durch, in unkontrollierbarer Aggression enden. Es tut mir in der Seele weh, wenn ich Hunde mit angelegten Ohren, gesenktem Kopf und eingezogener Rute über die Hundeplätze kriechen sehe. Hunde müssen bei der Arbeit vorne lachen und hinten wedeln, sage ich immer, und vor allem keine Angst vor dem eigenen Halter haben.

Selbst die Diensthundeausbildung bei den Behörden hat inzwischen einen riesigen Schritt in Richtung positiver Verstärkung bei der Ausbildung gemacht. Erfolge traten bei einer spielerischen Ausbildung und dem gezielt positiv geförderten Wunschverhalten der Hunde schneller ein. Polizei, Zoll und Militär haben ihre Methoden inzwischen revolutioniert und arbeiten kaum mehr über Zwang oder Angst- und Meide-Verhalten der Hunde. Es soll sogar vorkommen, dass gestandene Zöllner ihre Hunde clickern. 🙂

Baya und Mounty brauchen auch eine harte Hand – ZUM STREICHELN
Familie Lodes über Baya (5 Jahre) und Mounty (8 Jahre): „Mit Baya, unserer Hündin, gehe ich nun seit 5 Jahren auf einen Hundeplatz. Sie ist eher mein „Mädchen“, dem ich auch nichts abschlagen kann. Trotzdem muss sie natürlich das kleine Ein-Mal-Eins des Hunde-Knigge beherrschen. Sie hat jetzt nicht so viel Ehrgeiz bei den Unterordnungsübungen, aber die Hindernisparcours läuft sie mit Leidenschaft und konzentriert ab. Unsere Hunde sollen souveräne Begleiter im Alltag sein, und das erreicht man am besten über positive Ausbildung. Mounty ist mehr der Hund meines Mannes. Anfangs, als Mounty zu uns kam, kannte er nur Frauen und hat sich daher erst nur an mich gebunden. Doch mein Mann hat nicht aufgegeben und mit ihm die Welpenschule, den Junghundekurs und die weitere Ausbildung übernommen. Der Deutsche Schäferhund gefällt mir besonders wegen seiner Ausgeglichenheit und seiner Liebe zu Menschen, egal ob groß oder klein. Die harte Hand ist bei Schäferhunden völlig fehl am Platze. Wir legen viel Wert auf Fairness. Am wichtigsten ist einfach eine klare Linie, und wenn alle am gleichen Strang ziehen, braucht es weder laute Worte noch Schläge.“

Deutscher Schäferhund: Geborener Musterknabe?
Zum Schluss möchte ich noch eine Frage in die Runde werfen: Warum tut der Rasseverband so wenig, um den guten Ruf der Hunde wieder herzustellen? Der Deutsche Schäferhund ist rundum eine tolle Rasse. Ein Allrounder, der, ist er gesund, alles mitmacht. Hochintelligent, loyal und lernwillig – der perfekte Begleiter für Sport, Freizeit und Familie.

Da wir sehr viel mit Schäferhunden unterwegs sind, spreche ich aus Erfahrung, wenn ich sage, andere Hundehalter weichen uns beim Gassi aus. Ja, teilweise fliehen sie regelrecht. Deutsche Schäferhunde lösen bei vielen Menschen, auch Hundehaltern, Ängste und Misstrauen aus. Ich und sicher unzählige Schäferhunde-Fans finden das sehr traurig.

Pdf zu diesem Artikel: mythen_schaeferhund

 

Keine Kommentare