Die Bindung zum alten Hund

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Das Märchen vom entspannten Senior

Wie alle Beziehungen ver­ändert sich auch die Beziehung zwischen Mensch und Hund im Laufe des Lebens. Beide Spezies werden im reiferen Alter vermeintlich gemütlicher, ­selbstsicherer und gelassener und sind emotional stabiler … oder vielleicht doch nicht? Immer wieder in der langen gemeinsamen Geschichte von Mensch und Hund passiert es uns Zweibeinern, dass wir unsere tierischen Partner vermenschlichen und ihnen somit menschliche Attribute und Reaktionen zuschreiben. Gilt dies auch für die Bewertung einer „Langzeitbeziehung“ zwischen Tier und Mensch? Oder werden Hunde in ihren goldenen Jahren tatsächlich zu alten Hasen und sind damit weniger emotional abhängig als ihre jungen Kollegen?

Es ist schon lange kein Geheimnis mehr, dass Hunde eine ­besondere emotionale Bindung mit ihren Zweibeinern eingehen. Zahlreiche Stu­dien haben sich im Laufe der Jahre mit der Erforschung dieser speziellen Beziehung befasst und kamen zu dem für Hunderhalter keineswegs über­raschenden Ergebnis, dass die Bindung, die Hunde zu ihren Frauchen und Herrchen aufbauen, der menschlichen Verbundenheit von Babys zu ihren ­Müttern in hohem Maße ähnelt. Wie ­Babys und Kleinkinder suchen auch Hunde kontinuierlich die Nähe zu „ihrem Menschen“ und zeigen sich mutiger und selbstbewusster, wenn der zweibeinige Partner in der Nähe ist. Sowohl Babys als auch Hunde zeigten in Tests zunehmende Anzeichen von Unbehagen und Stressverhalten, je länger ihre Bezugsperson von ihnen getrennt war. Dieser Effekt nennt sich „Secure-Base-Effect“, also der „Sichere-Basis-Effekt“, und wurde unter anderem in einer 2013 vom Department für Kognitionsbiologie der Veterinärmedizinischen Universität Wien durchgeführten Studie bestätigt. Es bedarf keiner Studien, um zu wissen, dass Kinder mit zunehmendem Alter unabhängiger und selbstsicherer werden und sich die Bindung zur „mütterlichen Basis“ stark verändert. Doch wie verändert sich diese Bindung, wenn Hunde älter werden? Werden sie tatsächlich ebenfalls gelassener und leiden somit weniger unter Stress, wenn sie von ihren Menschen getrennt werden?

Dieser Frage widmete sich im Jahr 2013 ein Forscherteam des ­Fachbereichs ­Ethologie an der italienischen ­Uni­versität Padua. Die Studie mit dem Titel „Does Emotional Attachment to an ­Owner Change in Older Dogs?“ (deutsch: Verändert sich die ­emotionale Bindung älterer Hunde zu ihren Besitzern?) machte es sich zur Auf­gabe, die Beziehung zwischen Hunden in ihren goldenen Jahren und ihren Menschen einmal näher zu beleuchten. Als Basis hierfür wurde eine tierische Version des Fremde-Situations-Tests ­genommen. Dieser Test wurde in den 1970er Jahren von der ­amerikanischen ­Entwicklungspsychologin Mary ­Ainsworth entwickelt und ­untersuchte die Beziehung zwischen Kind und ­Mutter. In einer experimentellen Test­situation wurden kindliche Reaktionen in Trennungs- und Wiedervereinigungsszenarien beobachtet, um die indivi­duellen Unterschiede in der Bewältigung von Trennungsstress festzustellen. Dr. Paolo Mongillo, Leiter der oben genannten Studie und Assistant ­Research Professor für Veterinär-Psychologie, erklärt: „Wir suchten bei den Hunden nach den gleichen Merkmalen, die für eine Mutter-Kind-Bindung bezeichnend sind: Suche nach Nähe, Anzeichen von Stress und Unwohlsein bei Trennung, Ausdruck von Selbstsicherheit bei Anwesenheit der Bezugsperson, dem ­„Sichere-Basis-Effekt“, Suche nach Bezugsperson bei angedeuteter Gefahr etc.“.

Studie mit zwei Altersgruppen
Im Zuge der Studie wurden 50 Hunde getestet, von denen die Hälfte acht Jahre oder älter war. Das Durchschnittsalter dieser Hunde lag bei 9,6 Jahren. Die andere Hälfte der Hunde, die unterhalb der Altersgrenze von acht Jahren lag, hatte ein Durchschnittsalter von 4,4 Jahren. Dabei wurde anhand von Videoaufzeichnungen das Verhalten der älteren Hunde während der verschiedenen Testphasen mit dem ihrer jüngeren Art­genossen verglichen. Zusätzlich wurde der Cortisol-Level im Speichel der ­Hunde jeweils nach und vor der Testserie untersucht. Cortisol oder auch Hydro­cortison ist ein Stresshormon, das – wie der Name bereits suggeriert – in Stress­situationen gebildet wird und besonders gut im Hundespeichel nachgewiesen werden kann.

Im Alter eine stärkere Bindung?
Der Test selbst bestand, ganz nach dem Vorbild aus der Humanforschung, aus verschiedenen Phasen. Die Hunde wurden einzeln von ihren Haltern in einen Raum geführt. Danach kam eine fremde Person hinzu und versuchte, mit dem Hund zu interagieren. Im Anschluss verließ der Hundehalter, also die Bezugsperson, den Raum, nach einer Weile gefolgt von der fremden Person. Die Hunde wurden für eine kurze Zeit allein im Raum gelassen, bevor ihre Bezugs­person zurückkam. Mongillo: „Während dieser ­Testphasen sammelten wir alle Daten, die im Zusammenhang mit dem Ausdrucks­verhalten der Hunde standen, zum Beispiel, wie lange die Hunde mit dem Fremden spielten, wie gestresst sie zu sein schienen, wenn ihr Halter den Raum verließ usw. Dabei kam heraus, dass alle Hunde mit dem Fremden spielten oder interagierten, solange ihre Bezugsperson dabei war. Verließ diese jedoch den Raum, warteten sie oftmals an der Tür, zeigten sich aufgeregt und suchten nach der Rückkehr ihres Halters verstärkt dessen Nähe.“

Die Videoaufnahmen ergaben, dass die älteren Hunde in diesen etwas stressigen Situationen zunächst vermehrt die Nähe ihrer Halter suchten, sich aber nach einer Weile sehr viel passiver gegenüber der fremden Person und der Gesamt­situation zeigten als die etwas jüngeren Vierbeiner. Die Senioren interagierten weit weniger mit den Personen und zeigten sich auch weniger besorgt, als ihre Bezugspersonen den Raum verließen – sie standen nicht so häufig wartend an der Tür und jaulten weniger. Hunde beider Altersklassen zeigten in ihrem Verhalten eine enge Bindung an ihren Halter und waren weitaus selbstbewusster, solange sich „ihr Mensch“ im gleichen Raum aufhielt. Mongillo interpretiert die Testergebnisse folgendermaßen: „Wie schon in anderen Studien wurde erneut gezeigt, dass Hunde ein starkes Bindungsverhalten an den Tag legen. Wir haben jedoch zum ersten Mal aufgezeigt, dass dies auch auf ältere Hunde zutrifft. Zwar zeigten sich die älteren Hunde im Test weitaus passiver, ihr Cortisol-Level war allerdings weitaus höher. Dies zeigt uns, dass ältere Hunde weniger gut mit Trennungsstress um­gehen können als jüngere Hunde.“

Doch wie ist diese Schlussfolgerung in Einklang zu bringen mit der Tatsache, dass die älteren Hunde vermehrt dem Anschein nach ruhig dalagen und sich äußerlich weitaus unbeeindruckter vom Geschehen um sie herum ­zeigten? Dieses Verhalten erklären sich die Forscher folgendermaßen: Ein Mangel an sichtbarem Stressverhalten ist nicht gleichbedeutend mit einem besseren Umgang mit Gefühlen. Die Passivität, die von den älteren Hunden an den Tag gelegt wurde, ist vielmehr ein Zeichen von aktiver Unterdrückung von Stressverhalten und nicht etwa Ausdruck von Gelassenheit in Stresssituationen. Obwohl die älteren Hunde also sogar mehr Stress in diesen für sie unangenehmen Situationen empfanden als ihre jüngeren Zeitgenossen, was durch den Cortisol-Level nachge­wiesen werden konnte, haben sie gelernt, ihr Verhalten besser zu kontrollieren. Sie spielen sich nicht mehr auf oder zeigen ihren Stress offen, wie sie es in jungen Jahren getan hätten.

Fazit
Was bedeuten diese neuen ­Erkenntnisse für jeden von uns, der einen Hund im besten Alter seinen Partner nennen darf? Wir müssen uns darüber klar ­werden, dass ältere Hunde ihre Bedürfnisse immer weniger durch ihr Verhalten äußern. Ein „ruhiger“ und augenscheinlich entspannter Hund könnte also nur nicht mehr in der Lage oder willens sein, seine Bedürfnisse durch aktives Verhalten zu verdeutlichen. Gründe dafür können dabei vermutlich sowohl auf Erfahrungswerte als auch auf mögliche körperliche Ursachen zurückgeführt werden. Ganz konkret rät Mongillo: „Halter sollten ihren älteren Hunden vermehrte Aufmerksamkeit schenken und ihnen genügend Ein­drücke und Anreize bieten, um sie aktiv und interessiert zu halten. Gleichzeitig sollten ältere Hunde auf keinen Fall, zum Beispiel durch große Veränderungen oder stressige Erlebnisse, überfordert werden. Dies könnte beispielsweise passieren, wenn man seinen älteren Hund über längere Zeit in fremde Obhut in eine ungewohnte Umgebung gibt.“

Tägliche Routine ist also gerade für ­ältere Hunde ungemein wichtig und tröstend und gibt ihnen Sicherheit. Wer seinen betagten Vierbeiner gut genug kennt und sich auch in Seniorentagen noch aktiv und regelmäßig mit ihm beschäftigt, läuft außerdem weniger Gefahr, eine Übersprungshandlung wie ein Stressgähnen als entspannte Geste fehlzu­inter­pretieren. Wie in jeder guten Langzeitbe­ziehung sollte man also auch bei Hunden mit den Jahren lernen ­„zwischen den Zeilen zu lesen“.

Pdf zu diesem Artikel: bindung_alter_hund

 

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Sylke Schulte
Sylke Schulte arbeitet seit Beendigung ihres Anglistik / Germanistik-Studiums als freie Journalistin und setzt ihre Begeisterung für Tiere in Artikeln für verschiedene Fachzeitschriften um. www.diesprachpraxis.de

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