Die Deutsche Dogge – Sanfter Riese

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Sie wird von den Freunden ihrer Rasse gerne als der Apoll unter den ­Hunden bezeichnet. Doch ist die Deutsche Dogge nicht nur edel und schön, ­sondern sie verfügt neben ihrer ­Ausstrahlung auch über eine große Sensibilität und einen starken Bezug zu ihrem Halter und ihrer Familie.

Als der Hund ca. 1882 starb, ging die Meldung damals durch die ganze Welt. Die Rede ist von Tyras, dem Doggenrüden des deutschen Reichskanzlers Otto von Bismarck. Die Anekdote erzählt, dass Tyras ausgerissen und mit blutiger Schnauze zurückgekehrt sei. Bismarck, der annahm, sein Hund habe ein Wild gerissen, schlug Tyras mit der Reitpeitsche. Unmittelbar danach brach der Hund zusammen und war tot. Als Bismarck sich entsetzt zu seinem Hund, den er über alles liebte, hinunter beugte, sah er eine Schussverletzung an dessen Brust und erkannte, dass das Blut an der Schnauze das eigene Blut des Hundes war. Bismarck, ein bekannter großer Tier- und Doggenfreund, konnte es sich danach angeblich nie mehr verzeihen, seinen sterbenden Tyras geschlagen zu haben. Als Tyras’ Herrchen 1898 selbst auf dem Totenbett lag, soll er gesagt haben, „Jetzt werde ich Tyras wiedersehen.“

Viele Anekdoten wie diese ranken sich um die Beziehung zwischen Fürst Otto von Bismarck (1815-1898), „Eiserner Kanzler des Deutschen Reiches“, mit ­seinen Doggen. Es sei „sündlich“, habe Bismarck immer gesagt, „sein Herz an ein Tier zu hängen“, doch habe er „nichts Lieberes auf der Welt gehabt“. Auch in seinen politischen Überlegungen habe er sich von seinen Doggen beeinflussen lassen, heißt es. So habe Tyras 1878 den russischen Ministerpräsidenten A. Gortschakow anlässlich einer Audienz beim Reichskanzler in dessen Hinterteil gebissen und die Hose zerfetzt. Ursache dafür sei die sehr ­gestenreiche Sprache des Russen gewesen. Als dieser mit weitausladenden Armen eine schnelle Bewegung zu Bis­marck hin machte, habe Tyras zugebissen. Bismarck soll den Vorfall so kommentiert haben: „Ich habe große Achtung vor der Menschenkenntnis meines Hundes, er ist schneller und gründlicher als ich.“

Die Deutsche Dogge wurde durch ­Bis­marck, den Hunde dieser ­Rasse 60 ­Jahre lang begleiteten, zum „deutschen Reichshund“. Auch „­Bismarck-Hund“ wurde sie genannt und eng mit dem deutschen Nationalstolz verbunden. So bezeichnete der Kynologe Richard Strebel 1904 in seinem ­damaligen ­Standardwerk „Die deutschen ­Hunde“ die Deutsche Dogge als „Symbol ­deutscher Kraft, Geschmeidigkeit und Tapferkeit“ und schrieb über die Rasse, „Deutscher Geist und deutsche Tatkraft haben uns einen Hund geschaffen, der wohl ohne Überhebung als das Vollendetste an Größe, Ebenmaß, Kraft und eleganter Bewegung angesehen werden kann, was je an Hunden geschaffen wurde.“

Vorgeschichte der Deutschen Dogge
Während wir Berichte und Funde kleiner Hunderassen erst aus der römischen Kaiserzeit kennen, hat es große doggen­artige Hunde schon sehr viel länger gegeben. In der vielfältigen vorwiegend älteren Literatur wird über die unterschiedlichsten Ursprünge dieser Hunde spekuliert. So sollen sich ihre Spuren bis zu den alten Ägyptern zurückverfolgen lassen, während andere Zoologen ihre Herkunft aus Tibet postulierten und Tibet Mastiff, in seiner heutigen Form der Do-Khyi, als eine Art Urform aller Doggen vermuteten. Als ­Vorläufer der Dogge werden häufig auch die großen Molosser genannt, die von den ­Römern, Germanen und Kelten meist als Kriegshunde eingesetzt wurden. Der ­griechische Geograf und Dichter Strabo (66 v. Chr. bis 24 n. Chr.), häufig auch als Strabon zitiert, berichtet, dass die Gallier ihre Kriegshunde aus Britannien holten und dass die germanischen Stämme der Kimbern und Teutonen schwere Kampfhunde mit sich führten. Diese Hunde seien in ihrer Heimat Britannien zur Jagd auf wehrhaftes Wild gezüchtet worden, so Strabo. Richard Strebel widmete der Frage des Ursprungs der Dogge großen Raum und meinte, dass die Rasse in Mittel- und Nordeuropa entstanden sein müsste, wobei er hier auch einen Zusammenhang mit den hier lebenden größeren Wolfsformen herstellte (Strebel 1904).

Die heutige Deutsche Dogge
Der Beginn der engeren Rassegeschichte als „Deutsche Dogge“ datiert auf das Jahr 1880, als in Berlin die Rassebezeichnung „Deutsche Dogge“ und ihr Rassestandard festgeschrieben wurden. Man verstand damals die Rasse als eine gute Mitte zwischen Mastiff und Windhund, betonte aber noch sehr viel mehr das Doggenhafte wie z.B. den verkürzten Fang oder die starke Backenmuskulatur, als wie dies heute der Fall ist. Gute Beispiele aus dieser Zeit sind die Doggen von Otto von Bismarck, die deutlich massiger und plumper wirken als die heutigen Hunde dieser Rasse.

Nur 11 Jahre nach Erstellung des ersten Rassestandards änderte man ihn allerdings 1891 schon wieder. Der Grund lag darin, dass man die Dogge zu einer „edleren Form“ züchten wollte, wodurch das ursprünglich doggenhafte Aussehen zunehmend verdrängt wurde. Diese Tendenz weg vom Doggenartigen hat dann letztlich zur Rasse geführt, wie wir sie heute kennen. So hat für den Schweizer Kynologen Dr. Hans Räber die Tatsache, dass die Deutsche Dogge zu den doggenartigen Hunden gezählt wird, mehr historischen als anatomischen Charakter (Räber 1993). Denn gerade der schwere rundliche Kopf mit dem verkürzten Fang und gebogenem Unterkiefer ist im heutigen Rassestandard der Deutschen Dogge durchaus unerwünscht, genauso wie der massige Körperbau und die starke Faltenbildung am Hals, was aber Merkmale doggen­artiger Hunde sind.

Und auch der Wiener Kynologe Dr. Hellmuth Wachtel betonte seinerzeit in WUFF, dass die Deutsche Dogge eigentlich nur mehr wenige Merkmale ihrer Rassegruppe aufweise. Wachtel zeigte auch auf, dass die Dogge nach molekulargenetischen Untersuchungen letztlich „keine richtige ‘Dogge’, sondern eine Kreuzungszucht von Dogge und Windhund“ sei, auch fänden sich Hinweise auf die Einkreuzung von Jagdhunden.

Apoll unter den Hunden
Im heutigen offiziellen Rassestandard der FCI wird die Verwendung der Deutschen Dogge als „Begleit-, Wach- und Schutzhund“ angegeben. Im weiteren Text des Standards heißt es dann: „Die Deutsche Dogge vereinigt in ihrer edlen Gesamterscheinung bei einem großen, kräftigen und wohlgefügten Körperbau Stolz, Kraft und Eleganz. Durch Substanz, gepaart mit Adel, Harmonie der Erscheinung, mit einer wohlproportionierten Linienführung sowie mit ihrem besonders ausdrucksvollen Kopf wirkt sie auf den Betrachter wie eine edle Statue. Sie ist der Apoll unter den Hunderassen.“ Die Begeisterung des Verfassers dieses Textes ist aus den dichterisch anmutenden Zeilen deutlich zu spüren, wenn Ausdrücke wie Stolz, Eleganz, Adel und edle Statue verwendet werden, ja, sogar der griechische Gott Apoll als Vergleich bemüht wird.

„Einmal Dogge, immer Dogge“
Dieser Vergleich mit dem Schönheits­ideal der griechischen Antike ist denn auch in vielen Gesprächen mit Doggenfreunden zu hören und findet sich auch in einem Statement des ehemaligen 1. Vorsitzenden des ältesten Rassezuchtvereins Deutschlands, des Deutschen Doggenclubs 1888 e.V. (DDC), Detlef ­Gügel. Von WUFF seinerzeit um eine knappe Charakterisierung der Rasse ­gebeten, findet sich sofort der Hinweis auf den griechischen Gott: „Die Deutsche Dogge strahlt Adel und Eleganz aus, sie ist der Apoll unter den Hunde­rassen.“ Er beschrieb die Deutsche Dogge weiter als ausgesprochenen Familienhund, der sich in der Familie am wohlsten fühle.

Andere Doggenhalter ­charakterisieren die Rasse als „edlen, großen und zurückhaltenden Hund, der das Leben in der Familie schätzt.“ Der Ausdruck Zurückhaltung findet sich auch in der Doggenbeschreibung von Tierarzt Heiko Wagner, doch auch er betont den Familienbezug. Die Deutsche Dogge sei „freundlich, liebevoll und anhänglich gegenüber ihren Haltern, besonders gegenüber den Kindern, jedoch zurückhaltend gegenüber Fremden.“

Feinfühliger „Menschen-Hund“
Ausstrahlung, Sensibilität und starker Familienbezug – das sind ­offensichtlich die zentralen Eigenschaften der ­Deutschen Dogge. Aber auch aus einschlägiger Literatur und Gesprächen mit Doggenhaltern gewinnt man den Eindruck, dass die Deutsche Dogge im Kontrast zu ihrer imposanten Größe tatsächlich ein äußerst sensibles Wesen besitzt. Die Deutsche Dogge sucht und braucht die Nähe des Menschen. Sie ist verschmust und sehr anhänglich, ein liebenswürdiger Kamerad der Kinder.

Die Sensibilität der Dogge ist auch im Buch des renommierten Doggenexperten Dr. Friedmar Krautwurst ein ­wichtiges Thema: „Wir besaßen und liebten sechs Rassen, züchteten über 50 Würfe, aber das Wesen der Deutschen Dogge macht eine absolute Ausnahme. Alle 21 Deutsche Doggen, die wir vom Welpenalter bis zu ihrem Ableben besaßen, waren extrem liebevoll auf uns Menschen fixiert. In ihren Augen spiegelte sich sowohl Freude, Dankbarkeit als auch Trauer. Alle unsere Doggen waren ausgesprochen feinfühlig und gelehrig. Grobheiten und Lautstärken ertragen sie schwermütig.“

Was Krautwurst aber auch betont ist, dass bei nicht ideal gehaltenen Deutschen Doggen deren hervorragende Wesensanlage in Scheue und Aggressivität umschlagen kann. Dies deckt sich auch mit den Aussagen von Doggenkennern, die darauf hinweisen, dass bei manchen Deutschen Doggen und solchen aus bestimmten Zuchtlinien die große Sensibilität zu Ängstlichkeit und Unsicherheit führe. Umso wichtiger daher die sorgfältige Auswahl des Züchters, wobei vor allem sog. Massenzüchter gemieden werden sollten. Wie Experten betonen, muss man für eine gute Deutsche Dogge auch warten und ggf. eine weite Reise in Kauf nehmen können.

Haltung einer Dogge: Platzbedarf und Zuwendung
Was sind die Anforderungen an die Halter einer Dogge? Für wen ist eine Deutsche Dogge geeignet, und wem sollte vom Erwerb einer Dogge abgeraten werden?

Dass die Deutsche Dogge kein Hund für eine dauernde Zwingerhaltung sei, darin sind sich alle Hundefreunde einig. Die Größe der ­Rasse ist ein zentraler Punkt. Der Halter einer Deutschen Dogge muss wissen, dass er einen großen Hund bekommt, so zwischen 60 und 80 kg, der gut erzogen sein muss, damit bei Spaziergängen nicht der Hund mit dem Halter, sondern der Halter mit dem Hund unterwegs ist. Dass ein derartig großer Hund auch ordentlich Platz und Betätigung benötigt, ist offensichtlich. Ideal ist ein Haus mit Garten, für Menschen in Wohnungen in Hochhäusern ist sie eher ungeeignet. Auch als ausgesprochener Wachhund, der Wind und Wetter ausgesetzt ist, ist sie schon wegen ihrer Kurzhaarigkeit nicht geeignet. Sie gehört eben zu der Gruppe der Begleithunde. Eine sportliche Familie, mit oder ohne Kinder, wäre sicher ideal. ­Andere Haustiere sind kein Problem. Ausgesprochene Hundesportler sollten sich aber lieber für eine Gebrauchshunderasse entscheiden.

Auch kynologisches Grundwissen und ­Erfahrung im Umgang mit großen Hunden wird von manchem Doggen-Experten als Grund­voraussetzung zur Haltung einer Deutschen ­Dogge gefordert. Ungeeignet sei die Rasse als Ersthund sowie für Menschen, die nur wenig Zeit für den Hund aufbringen könnten. Aus offensicht­lichen Gründen läuft die Rasse durchaus aber auch Gefahr, von einigen nur aus Gründen des Renommees angeschafft und damit missbraucht zu werden.

Das Lebensumfeld und die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen für – vor allem große – Hunde in unserem Land verschlechtern sich zunehmend. Doch werden wir weiterhin nicht auf unsere vierbeinigen Gefährten verzichten. Auch nicht verzichten auf die weitere positive Zukunft einer sensiblen Rasse mit großer Ausstrahlung, die mit ihren Menschen eine so enge und liebevolle Beziehung eingeht, wie die Deutsche Dogge.

Pdf zu diesem Artikel: deutschedogge

 

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