Die größte Hundeausstellung aller Zeiten

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Achtung! Der Aussteller, der seinen Dackel vermisst, möchte bitte ins Messerestaurant kommen, um seinen Hund abzuholen“, tönte es Sonntag morgen aus den Lautsprechern in allen Hallen. Der Dackel hatte offensichtlich andere Interessen als sein Herrchen … Spaß beiseite, es war die größte Hundeausstellung aller Zeiten, die der Verband für das Deutsche Hundewesen (VDH) veranstaltet hatte: 125.000 Besucher „wälzten“ sich zwischen dem 29. Mai und dem 1. Juni 2003 durch die Westfalenhallen in Dortmund und sahen Tausende Hunde, ausgestellte „Schönheiten“ und schöne „Besucherhunde“. In 68 Bewertungsringen richteten 169 Richter aus 35 Ländern 18.716 Hunde. Weltsieger (Best in Show) wurde ein Australian Sheperd aus Italien (s. Kasten). Die meisten Aussteller kamen aus Deutschland, Holland und Italien. Die Schweiz lag auf dem 11. Platz der Länderauswertung der teilnehmenden Aussteller, und Österreich auf dem 16. Platz (s. Kasten).
Während der vier Ausstellungstage fand auch die Obedience-Weltmeisterschaft 2003 statt, die von der Schwedin Christina Ryning gewonnen wurde. Erstmalig fand auf einer Welthundeausstellung auch ein Mischlingshunde-Wettbewerb statt, bei dem jeder Besucher mit seinem Mischling spontan teilnehmen konnte. Bewertet wurden u.a. der Pflege- und Gesundheitszustand sowie die Sozialverträglichkeit der Hunde. Über die Abhaltung eines Mischlingsbewerbes war man allerdings innerhalb des VDH unterschiedlicher Meinung. Kritische Funktionäre teilten WUFF bei einem Besuch am Stand mit, dass sie der Meinung seien, dass ein Mischlingsbewerb in einer Rassehundeausstellung, die ja eine Zuchtschau sei, nichts zu suchen habe. Aber ein Spaß war es für die Teilnehmer allemal.

Großpudel als Blindenführhund
Die Welthundeausstellung bot auch viele Gelegenheiten, interessante Menschen und Hunde, sowie Mensch-Hund-Teams zu treffen. So begegnete Michael Abelski, WUFF-Lesern als Hundesachverständiger bekannt, in der Nähe des WUFF-Standes einer jungen Frau mit einem Großpudel als Blindenführhund. Ein interessantes Gespann, meinte der Hundeexperte – und kurz danach saß die 24-jährige Katrin Berns aus Kleve (Nordrhein Westfalen) mit ihrem weißen Pudel bei WUFF: „Es ist mein erster Blindenführhund“, erzählte Katrin, „ich habe ihn mir nach meinem Gefühl ausgesucht. Ursprünglich hatte ich mich zwar für einen Labrador interessiert, aber bei der Begegnung mit dem Großpudel spürte ich sofort, dieser Hund passt zu mir.“ Das war Anfang 2002. Nach einer Einarbeitungszeit von 4 Wochen wusste sie, dass sie ihr Gefühl nicht getrogen hatte – und seither ist ein derzeit knapp 4-jähriger weißer Großpudel Katrins vierbeiniger Freund und Helfer.

Hundebesitzer für die Hotellerie Gäste zweiter Klasse?
Viele Besucher klagten über die tatsächlich unverschämt hohen Preise der Gastronomie der Dortmunder Westfalenhallen. Knappe 3 Euro für ein Stück Brot mit 3 dünnen Scheiben Käse und ein halbes Tomatchen sind wirklich nicht ohne. Dabei erhielten die rund 1.200 ehrenamtlichen VDH-Mitarbeiter drei Essensbons zu gerade mal 2,50 Euro – für den ganzen Tag, der schon um 6 Uhr früh (!) begann. Wie man da satt werden soll? Aber auch die Hotellerie Dortmunds zeigte sich nicht von der feinsten Seite, wie beispielsweise das nahe der Ausstellung gelegene Hotel Steigenberger Maxx, das dem sonst guten Namen dieser Hotelkette wahrlich keine Ehre machte. Hundebesitzer als Gäste zweiter Klasse – deutlicher als in diesem Hotel konnte man das nicht zeigen. Statt des feinen á la carte-Essens im sonst exzellenten Hotelrestaurant gab es während der Ausstellungstage nur Buffet, und auch dieses nicht vom Feinsten, „fein“ war lediglich der Preis von 19,50 Euro … Eher deftige Speisen, alles irgendwie Gulasch-artig, und kaum etwas dabei für Menschen, die kein Fleisch mögen. Auf die diesbezügliche kritische Frage von WUFF meinte man im Steigenberger Maxx: „Wir haben uns eben auf den Gästekreis eingestellt. Normalerweise haben wir Businessgäste, die essen natürlich abends lieber etwas Leichteres …“ Wie man das so genau weiß, dass Hundebesitzer lieber „Schweres“ essen? Über die vielen anderen Kleinigkeiten, die in diesem Hotel nicht funktioniert haben, wollen wir lieber den Mantel des Schweigens breiten …

Treffen mit Freunden
Am WUFF-Stand haben viele alte und neue Leser die Gelegenheit genutzt, um mit „WUFF-lern“ zu reden, wohltuendes Lob zu spenden, Kritik zu äußern, Ideen einzubringen. Mancher Keim für einen neuen Artikel ist dort gelegt worden. Auch einige bekannte Autoren und Fotografen schauten auf einen Kaffee vorbei, empfanden den WUFF-Stand als eine Oase der Ruhe.
Trotz all der Enge, die durch den Ansturm der Aussteller und Besucher auf der Welthundeausstellung gegeben war, trotz Hitze, Ausstellungsnervosität, Dauerlärmpegel und allem, was eben dazu gehört, war die offensichtlich gute Vorbereitung und Organisation zu spüren. Lautsprecherdurchsagen, die drohten, beispielsweise die Ausstellungshalle 3 zu schließen, wenn die Aussteller keinen Gang zwischen den Ringen mehr frei ließen, oder die – allerdings erst ab dem dritten Ausstellungstag erfolgten – ständigen Durchsagen, man möge bei dieser Hitze keine Hunde im Auto lassen, sonst würden diese polizeilich aufgebrochen, zeugten von den Bemühungen, entstehende Probleme in den Griff zu bekommen.

Hitzetod auf dem Parkplatz
Und tatsächlich – man musste die Halle 3 nicht schließen … Allerdings kamen in Autos auf den Parkplätzen in praller Sonne bei Temperaturen um 30 Grad mindestens 8 Hunde ums Leben, und zahllose weitere mussten qualvoll leiden. WUFF-Redakteurin Iris Strassmann konnte da von Flensburg aus, mit Telefon und Computer „bewaffnet“, wenigstens die letzten beiden Tage der Ausstellung etwas helfen (siehe Kasten). Der VDH veröffentlichte mehrere Tage nach Ende der Ausstellung, als die Kritik an seinem mangelnden Einsatz auf den Parkplätzen immer unüberhörbarer wurde, auf seiner Homepage folgendes Statement: „Das Personal des VDH, engagierte Mitglieder von VDH-Mitgliedsvereinen und Tierschutzorganisationen sowie die Polizei haben die Parkplätze rund um die Westfalenhallen kontinuierlich überwacht und zahlreiche Autos aufbrechen bzw. abschleppen lassen“. Diese Stellungnahme hat aber die Kritik an den Zuständigen nur umso mehr angeheizt, denn stimmte diese Aussage, wären ja wohl nicht mindestens 8 Hunde zu Tode gekommen und hätten zahlreiche weitere nicht erbärmlich gelitten, was durch die Videoaufnahmen des Tierrettungsdienstes „Arche 90 e.V.“ dokumentiert wurde.

Das Fazit
Tatsächlich eine Hundeausstellung der Superlative, kynologische Glanzlichter und tolles Rahmenprogramm, noch nie waren so viele Hunde ausgestellt, noch nie so viele Besucher dabei, aber leider auch noch nie so viele tote Hunde … Rechtzeitige Kooperation hätte schon im Vorfeld einiges gegen die Verantwortungslosigkeit von vielen Hundebesitzern erreichen können. Aber alle Beteiligten haben zuletzt zusammen gearbeitet und daraus gelernt. Und Austellung hin oder her – dass das Problem und die Verantwortung für Hundehaltung immer am oberen Ende der Leine liegt, das wurde auch seitens des Veranstalters in öffentlichen Aussagen stets betont. Als Vorgeschmack auf die World Dog Show 2004 in Rio de Janeiro ging die Veranstaltung mit brasilianischen Rhythmen zu Ende.



>>> WUFF ZAHLEN & FAKTEN


World Dog Show 2003

Veranstalter: Verband für das Deutsche Hundewesen e.V. (VHD)
70.000 m2 Ausstellungsgelände
18.716 Rassehunde ausgestellt
weitere 1.800 Hunde in div. Bewerben
ca. 1.000 Hunde im Mischlingswettbewerb
18 hauptamtliche Mitarbeiter der VDH-Geschäftsstelle + 100 befristet eingestellte + ca. 1.200 ehrenamtliche Mitarbeiter
220 Industriefirmen und 100 Infostände



>>> WUFF – INFORMATION


Drama auf der Welthundeausstellung 2003:
Hunde starben qualvollen Hitzetod in Autos


1996 schrieb WUFF-Herausgeber Hans Mosser über die damals in Wien stattgefundene Welthundeausstellung im Vorspann (WUFF 7+8/1996): „Welthundeschau! Kynologische Glanzlichter und tolles Rahmenprogramm. Aber auch Hundeschmuggel aus Ungarn und Polen und Tod eines Hundes im Auto bei extremen Außentemperaturen.“ Warum nur lernt man nichts daraus? Ist ein einziger Hund, der in einem in der prallen Sonne parkenden Auto qualvoll verendet, schon zu viel, so waren es in Dortmund während der vier Tage der Welthundeausstellung laut inoffiziellen Polizeiinformationen mindestens 8 Hundeleben, die durch die Schuld Ihrer dummen Besitzer ausgelöscht wurden. Und zahllose weitere Hunde litten erbärmliche Qualen in den überhitzten Fahrzeugen auf den weiten schattenlosen Parkplätzen. Trotz guter Vorbereitung von allen Seiten fehlte wohl die Kommunikation und Kooperation von Veranstalter, Hallenbetreiber, Vertretern von Polizei und Veterinärbehörden und Tierschutzorganisationen. Der offizielle Polizeibericht spricht von 54 Einsätzen an den vier Tagen, da Hunden in geschlossenen Autos der Hitzetod drohte, 11 Fahrzeuge mussten polizeilich geöffnet werden, da die Besitzer trotz laufender Hallendurchsagen nicht erschienen. 3 Strafanzeigen wurden gestellt. Dieser Bericht erfasst natürlich nicht alles andere drum herum oder was mit den Tieren nach ihrer Bergung geschah. So kämpfte bei Redaktionsschluss noch ein Bordeaux-Doggenrüde um sein Leben, und Tierschützer haben weitere Strafanzeigen gestellt.
Der Tierrettungsdienst der Stadt Dortmund, „Arche 90 e.V.“, und viele freiwillige Helfer versorgten die erschöpften geborgenen Tiere vor Ort und brachten kollabierte Hunde in tierärztliche Behandlung, wo sich teilweise dramatische Szenen abspielten. So wollte ein Hundehalter seine 2 Kaukasenwelpen, die infundiert werden mussten, unbedingt mitnehmen. Da die geschwächten und dehydrierten Winzlinge einen Transport nicht überstanden hätten, beschlagnahmte die Polizei die Kleinen und brachte sie in eine geheime Pflegestelle. Da in Nothilfe zahlreiche Anhänger und Fahrzeuge von verzweifelten Tierfreunden aufgebrochen und Tiere gerettet wurden, ist eine genaue Zahl der Opfer nicht zu ermitteln (Weitere Informationen auf der Website http://www.arche90.de).

Hoffnung für die Zukunft
Die Tierrettung „Arche 90 e.V.“ und der Veranstalter VDH hatten sich nach einer vorangegangenen Vermittlung durch Iris Strassmann, Leiterin der WUFF-Deutschlandredaktion, am letzten Ausstellungstag im Veranstaltungsbüro getroffen, wonach innerhalb der Hallen für in Hitze-Not geratene Hunde endlich ein kühler Platz mit ausreichend Wasser eingerichtet und noch mehr Hilfe organisiert wurde. Mit Telefon und Computer bewaffnet half die WUFF-Redakteurin von Flensburg aus mit, das Problem zu lösen. Es bleibt zu hoffen, dass für die Zukunft dieser Weg der Kooperation verstärkt gegangen wird, um allen Eventualitäten trotzen zu können. Dass sich Tierfreunde freiwillig gerne zur Verfügung stellen werden, haben schon die diesjährigen Rettungsaktionen gezeigt. Der größte Wermutstropfen aber bleibt: Die Unvernunft der Hundehalter, die diese Dramen zu verantworten haben, die das strahlende Welt-Hundefest überschatteten!

Stellungnahme des Veranstalters
Der VDH war wie erwähnt erst am 4. Ausstellungstag – nach heftiger Intervention von WUFF – bereit für eine Zusammenarbeit mit dem Tierrettungsdienst „Arche 90 e.V.“ und der zuständigen Polizeistation Dortmund-West. Polizei und Tierretter erhielten erst von WUFF-Redakteurin Iris Strassmann, die am Samstag von der katastrophalen Situation erfahren und dann sofort Kontakt mit der Polizeistation Dortmund-West aufgenommen hatte, den Rat, sich mit dem VDH-Sekretariat direkt in Verbindung zu setzen. Strassmann konnte beiden auch gleich die richtige Telefonnummer geben. Erst ab diesem Moment begann die Zusammenarbeit von Tierrettung „Arche 90 e.V.“, Polizei und VDH. Nach Ende der Ausstellung distanzierte sich der VDH in einer auf seiner Homepage veröffentlichten Stellungnahme nachdrücklich vom tierschutzwidrigen Verhalten der Hundehalter und kündigte weitere Maßnahmen an: Die betreffenden Hundehalter, sofern sie ermittelt werden können, erhalten Hausverbot für alle Dortmunder Ausstellungen und – wenn es sich um Aussteller handelt – ein Ausstellungsverbot für alle VDH-Veranstaltungen.



>>> WUFF ZAHLEN & FAKTEN


Länderauswertung

Die Aussteller kamen aus folgenden Ländern (in Klammern die Meldezahlen – angegeben werden nur die Länder mit über 100 Meldungen):

1. Deutschland (7660)
2. Holland (2048)
3. Italien (1103)
4. Frankreich (873)
5. Dänemark (779)
6. Belgien (772)
7. Schweden (731)
8. Finnland (692)
9. Tschechische Republik (664)
10. Russland (462)
11. Schweiz (445)
12. Polen (392)
13. Ungarn (388)
14. Spanien (280)
15. Norwegen (266)
16. Österreich (210)
17. Großbritannien (143)



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Die TOP 20 der WHA

Die ausgestellten Hunderassen mit den höchsten Meldezahlen (in Klammern):

1. Golden Retriever (383)
2. Labrador (326)
3. Berner Sennenhund (296)
4. Neufundländer (272)
5. Rhodesian Ridgeback (254)
6. Cocker Spaniel (251)
7. Dalmatiner (211)
8. Deutsche Dogge (schwarz+gefleckt) (207)
9. Barsoi (193)
10. Irish Wolfhound (192)
11. Siberian Husky (187)
12. Whippet (186)
13. English Bulldog (186)
14. Deutscher Schäferhund (185)
15. Westhighland White Terrier (182)
16. Beagle (181)
17. Bordeaux Dogge (176)
18. Normalteckel Rauhaar (171)
19. Tibet Terrier (170)
20. Collie Langhaar (169)



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Obedience-Weltmeisterschaft 2003
Ein Bericht von Birgit Janßen

Vier Tage Obedience WM waren vier Tage voller Spannung und Darbietungen auf höchstem Niveau. Gerichtet wurden 97 Teams in jeweils 10 verschiedenen Disziplinen von Marita Berg (S), Giorgio Clemente Grosso (I) und Joop de Reuss (NL).
Weltmeisterin wurde Christina Rynning aus Schweden mit ihrer 6-j. Border Collie Hündin Nezzy. Mit einer vorzüglichen Benotung von 303,00 (von 320 max.) Punkten löste sie den amtierenden Weltmeister und Teamkollegen John Eklöf (Schweden) ab. Er erreichte Platz 2 mit der Traumbenotung von 302,83 Punkten mit seinem 8-j. Border Collie Rüden Lizzroy´s Loy. Aller guten Dinge sind drei, und so wurde auch der dritte Platz nach Schweden vergeben an Sofie Akerberg mit Border Collie Young Pauls Mitzi mit 302,66 Punkten. Herausragende Leistungen zeigten aber auch die Teams aus den anderen insgesamt 15 Nationen. Bester Österreicher wurde mit Platz 26 Wilhelm Arnreiter mit Border Collie Ben of Magic, und die beste deutsche Teilnehmerin, Chantal Studt, errang mit ihrem Border Collie Duke den 28 Platz. 2/3 der teilnehmende Hunde waren Border Collies, und der Rest andere Rassen wie z.B. Golden Retriever, Bobtail, Schäferhund, American Staffordshire Terrier.

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