Diskussion – Hundetraining heute Zwischen Gewalt und Wattebausch…

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Die unterschiedlichen Zugänge von Hundetrainern in der ­Erziehung und Ausbildung von Hunden sowie im Umgang mit ­Problemverhalten sind ­Themen dieser Diskussionsserie – in WUFF einer der ­Schwerpunkte des Jahres 2012.
Für WUFF-Leser eine nützliche Orientierung in der „Hundetrainerszene" und über die unterschiedlichen ­angewandten ­Methoden. Und darüber hinaus finden sich auch konkrete Tipps, die ­Frauchen oder Herrchen im Alltag mit ihrem vierbeinigen ­Familien­mitglied anwenden können.

Es ist aktuelle Wissenschaftslage, dass nachhaltiges Lernen unter Stress oder Angst (und damit unter Gewaltmaßnahmen) eingeschränkt bis unmöglich ist. Vielmehr sind es Verhaltensweisen wie Neugier, Spiel und exploratives Verhalten, das bei Menschen und ­hochentwickelten Tieren eine Schlüsselposition für das Lernen – und damit in der Aus­bildung – spielen (s. Dr. Frank Wörner in seinem dreiteiligen Artikel „Guter Lehrer, guter Hund" (in WUFF 2, 3 und 4/2005). Für eine immer größer ­werdende Mehrheit der ­Hundetrainer ist das selbstverständlich und es besteht dafür auch großer Konsens, solange es die Erziehung und Aus­bildung des Hundes betrifft.

Begriffs-Wirrwar

Weniger Konsens besteht aber schon bei Methoden, die bei verhaltens­auffälligen (bspw. sozialaggressiven) Hunden anzuwenden sind. Während die einen versuchen, das Problem mit Ignorieren, Vermeidung oder Ablenkung in den Griff zu bekommen, sind andere der Meinung, dass es in der Therapie von ­Problemverhalten nicht immer ohne Zwangsmittel gehen kann. Begriffe, die in diesem Zusammenhang oft genannt werden, sind „Abbruch­signal", „Einwirkung" oder ­„Maßnahme". Sind diese ­fachlich klingenden Termini in Wahrheit Tarn­begriffe für Zwang, Gewalt und ­Brutalität, wie manche mutmaßen? Wo aber beginnt Zwang? Und ab wann wird aus Zwang Gewalt?

Gelten die eingangs geschilderten Erkenntnisse über das Lernen auch für die Korrektur von Problemverhalten? Und gelten sie auch für Hunde zu einem Zeitpunkt hohen Erregungszustandes? Lässt sich ein sozialaggressiver Hund, der beim Anblick eines anderen Tieres „völlig ausrastet", allein durch positive Motivation von seiner (offensichtlichen) Absicht einer Attacke abbringen? Löst das „Ignorieren" von Problemen tatsächlich alle Probleme, wie es manchmal empfohlen wird?

Streng genommen ist Zwang Teil des normalen Lebens des Haushundes wie auch seines Menschen, sei es, dass der Hund im Straßenverkehr an der Leine gehen muss oder sein Frauchen oder Herrchen – gezwungener­maßen (sic!) – jeden Morgen zur Arbeit fahren muss, auch wenn es vielleicht lieber noch im Bett liegen würde. Eine derart weite Auslegung von Zwang hilft also in der Diskussion über Methoden der Erziehung, Aus­bildung und Therapie von Hunden nicht ­wirklich weiter.

Oft unsachliche Diskussionen

Was wohl zunächst einmal sinnvoll wäre, sind klare Begriffsbestimmungen. Denn nicht selten zeigt sich in Diskussionen von Hundeleuten, wie sehr ein unterschiedliches Verständnis von Begriffen das Gespräch be- oder verhindert. Darüber hinaus werden Diskussionen unter Hundetrainern mitunter auch auf persönlicher statt auf sachlicher Ebene geführt. Und immer wieder hört man auch, wie auf dem einen oder anderen Seminar sogenannter „Trainer-Gurus" mit persönlichen Unterstellungen schwarz-weiße Freund-Feind-Bilder aufgebaut werden. Das aber nützt dem normalen Hundehalter und seinem vierbeinigen Familienmitglied wenig.

Sachliche WUFF-Diskussion

In der hier beginnenden WUFF-Diskussions-Serie über Hundetraining, zu dem auch der Umgang mit Problemverhalten gehören soll, werden Trainer und Experten genauso wie ganz normale Hundehalter zu Wort kommen. Die Serie und damit das Thema wird ein Schwerpunkt dieses Jahres, weil wir von der WUFF-Redaktion denken, dass gerade hier hoher Aufklärungsbedarf besteht.

Wir wollen Freund-Feind-Bilder in der Hundetrainerszene abbauen helfen und eine sachliche – durchaus auch harte, aber stets faire und respekt­volle – Auseinandersetzung fördern. Die Diskussion soll auch kein Selbstzweck sein, sondern ihr Ziel ist ein konkreter Nutzen vor allem für den Hundehalter. Er wird einerseits einen Überblick über die „Hundetrainerszene" und dort vertretene Methoden erhalten, was ihm nützlich sein kann, wenn sich ihm Fragen über die Er­ziehung und Ausbildung seines vierbeinigen Gefährten stellen. Zum anderen hat er auch die Möglichkeit, sich selbst in die Diskussion einzubringen oder Fragen zu stellen, die wir Experten ­weiterleiten (Kontaktinfo siehe Seite 6). Und schließlich werden auch verschiedene Anregungen und Tipps zur Sprache kommen, die dem Hundehalter und seinem Hund im ­Alltag nützlich sein können. Letztlich ist das Ziel dieser Diskussion, ­unse­rem vierbeinigen Gefährten gerecht zu werden und das ­Zusammenleben von Mensch und Hund schöner und ­entspannter gestalten zu können.

Ausgangspunkt

Auf den Artikel über den Versuch der Resozialisierung eines abnorm ge­steigert sozialaggressiven Hundes mittels eines„Trainingsspaziergangs" (von Hundetrainer Christoph ­Clemens in WUFF 11/2011, S. 22 ff.) kamen viele Reaktionen, sowohl zustimmende wie auch ablehnende. Vor allem die im Artikel verwendeten Ausdrücke „Abbruchsignal", „­Zwangseinwirkung" oder „impulsartige Einwirkung über das ­Kopfhalfter" fanden viel ­Widerspruch. Nicht jedoch bei ­Nathalie ­Winter, die sagt, Clemens‘ Beitrag spreche ihr aus der Seele, sowohl als Halterin eines nicht einfachen Hundes wie auch als Hundetrainern. Die ­Mitinhaberin einer Hunde­schule betont, dass es in der Erziehung von Hunden so wie in der von ­Kindern mit Liebe allein nicht getan sei. ­Vielmehr bedürfe es zusätzlich auch Grenzen und Regeln. Ähnlich auch einige ­weitere Beiträge, in denen auch darauf hingewiesen wurde, dass antiauto­ritäre Erziehung in der ­Hundeausbildung fehl am ­Platze sei, weil wirkungslos und ja auch schon in der Kindererziehung lange obsolet.

Problem-Management und Clickern

Doch antiautoritäre Erziehung sei nicht gleichzusetzen mit einem „Training mit positiver Bestärkung mit Markersignalen", erklärt Martina Schoppe, die eine Hundeschule betreibt und viel mit Clickertraining arbeitet. Auch werde unangemessenes oder gefährliches Verhalten des Hundes natürlich nicht ignoriert, sondern durch Management unmöglich gemacht, oder „wenn es mal doch auftritt (wer perfekt ist, darf mich mit einem Wattebausch bewerfen), wird es eben mit einem zuvor gelernten Signal für ein Alternativverhalten abgebrochen". Und Martina Schoppe weiß wovon sie spricht: „Ich habe vorletztes Jahr einen Hund aus dem Tierschutz übernommen, der allein schon beim Anblick von Fahrrädern, Autos, Vögeln, anderen Hunden und Menschen schreiend aus der Haut gefahren ist. Es war ziemlich unmöglich, ihn nur per Leine fest-, geschweige denn unter Kontrolle zu halten."

Wie geht Martina Schoppe nun in so einem Fall vor? Dies ist u.a. auch deswegen interessant, weil Anhängern von Methoden, die ausschließlich auf positiver Bestärkung basieren, oft vorgeworfen wird, dass sie Hunde in hohem Erregungszustand nicht händeln könnten. Doch Schoppe wendet in diesem Fall den sog. „Geschirrgriff" (nach Blaschke-Berthold, Anm.) an, notfalls mit beiden Händen. Das sei für den Hund die Ankündigung, dass er nun gleich körperlich eingeschränkt würde. Allerdings musste dieses Signal, also der „Geschirrgriff", konditioniert werden, da der Hund in seiner starken Erregung wild um sich geschnappt habe. Die Konditionierung erfolgte mittels Clicker. Die Hunde­trainerin hat mit diesem Konzept bei ihrem Hund offensichtlich Erfolg, wenn sie erzählt: „Ich kann nun mit ihm normal durch die Stadt gehen, ohne dass ich etwas nach ihm werfen müsste, ohne dass ich ihn mit was auch immer besprühen müsste. Und er kann mittlerweile an lockerer Leine gehen, ohne ausflippen zu müssen, weil er dafür ein Ritual gelernt hat, das er inzwischen selbständig einleitet. Er macht Sitz und zeigt mir die Dinge an, d.h. wir bleiben gelegentlich stehen, bis ein Gefährt an uns vorbei ist, und wir gucken das Ding an, und er wird dafür belohnt."

Keine aversiven Trainings­methoden

Warum sie keine aversiven Trainingsmethoden anwendet, erklärt Martina Schoppe so:

• „Weil ich sie nicht brauche,


weil ich eine gute Beziehung zu ­meinen Hunden nicht torpediere,

• weil sie ineffektiv sind,


weil sie bewirken, dass ich dem falschen Verhalten Aufmerksamkeit schenke und es alleine dadurch schon bestärke,


weil ich damit unweigerlich in einen Konflikt mit dem Hund treten würde, und


weil positive Wege nachhaltig funktionieren, Vertrauen, Bindung und Kooperationsbereitschaft stärken."

Die Vorbesitzer ihres Hundes hätten ihn deswegen im Tierheim abgegeben, weil man mit den aversiven Methoden nicht nur nicht weitergekommen war, sondern alles dadurch noch schlimmer gemacht hatte, so Schoppe.

Ist sie nun die perfekte Trainerin, die jedes Verhaltensproblem bei jedem Hund ohne „Zwang" beheben könnte? „Nein, aber ich habe zu meiner großen Freude ein riesiges Netzwerk von positiv arbeitenden Kollegen, von denen so mancher auf gewisse Probleme spezialisiert ist, und einer findet immer eine positive Lösung."

Zwangseinwirkung erzeugt ­weiteren Konflikt

Hundepsychologe und WUFF-Autor Thomas Riepe sieht die Kernfrage des Artikels von Christoph Clemens darin, „ab welcher Grenze es möglich bzw. sogar notwendig ist, Zwangsmittel in der Hundeerziehung oder Therapie einzusetzen." Die im Artikel erwähnten Zwangsmittel könnten durchaus kurzfristig wirken – sie würden das unerwünschte Verhalten aber nur unterdrücken. Dies deswegen, weil der Hund Angst vor der Einwirkung habe. Die Mittel seien aber nicht geeignet, negative Verknüpfungen im Gehirn zu ändern. „Im ­Gegenteil", so Riepe, „der Ratschlag einer impulsartigen Einwirkung über ein Kopfhalfter (vermutlich ist damit ein Ruck gemeint) ist eine schmerzhafte Starkzwangmethode." Mit Therapie habe das nichts zu tun, sagt Riepe und verweist darüber hinaus noch auf ein besonderes Moment beim Auftreten eines Konfliktfalles hin, wie dies bspw. eine Hundebegegnung bei einem sozial­aggressiven Hund darstellt. ­Riepe erklärt, dass in so einem Konflikt­fall eine Zwangseinwirkung auf den Hund durch den Halter nicht nur nicht nachhaltig wirke („bei hohem Erregungslevel nützt weder positive noch negative Einwirkung"), sondern sogar einen weiteren Konflikt für den Hund erzeuge, nämlich einen mit seinem Halter.

Tipp des Hundepsychologen

Für die Situation eines hohen Erregungsniveaus des Hundes gibt ­Thomas Riepe folgenden Rat: „In einer solchen Situation wäre es vernünftig, wenn man z.B. mit einem aufkonditio­nierten ‚Entspannungswort‘ den Stresslevel so weit herabsetzt, dass der Hund wieder ‚ansprechbar‘ ist, und man dann von ihm eine Ersatzhandlung verlangen kann, die man auch positiv verstärkt." Riepe hat darüber hinaus aber auch noch einen interessanten und unkonventionellen Vorschlag für das geschilderte Problem vorzuweisen, der aber ausdrücklich nicht als pauschale Lösung anzusehen sei: „Ein einfacher Weg ist oft, einen Hund, der anderen Hunden gegenüber leinenaggressiv ist, mal jemand anderem ‚an die Hand" zu geben, während der eigentliche Hundeführer sich dem ‚feindlichen Hund‘ nähert, diesen dann streichelt und sich freundlich und ruhig mit ihm beschäftigt." Man werde sich wundern, so der Hundepsychologe, wie oft der leinenaggressive Hund in so einer Situation „verwundert dreinschaut und ruhiger wird." Ziel dieser einfachen aber ungewöhnlichen Handlung sei es, dem Hund zu zeigen, dass der für ihn so negativ verknüpfte fremde Hund ja gar keine Gefahr ist.

„Das Ganze wird dann durch Distanzverkürzung etc. regelmäßig, ganz ruhig und souverän trainiert, bis die Verknüpfung des Hundes sich zumindest so weit geändert hat, dass nicht jeder fremde Hund ein potenziell gefährliches Monster ist. So demonstriere und zeige ich meinem Hund ernsthafte Führungsqualitäten". Und darum würde es bei einem leinen­aggressiven Hund letztlich gehen, meint Riepe. Die negative Verknüpfung müsse „überschrieben" und gewandelt werden, und man müsse seinem Hund Ruhe und Souveränität vorleben.

Natürlich sei das nicht im Handum­drehen erreichbar, weiß Riepe: „Es erfordert Geduld und Konsequenz, ist aber auch für die Beziehung insgesamt förderlich."

Antwort auf Kritik

Christoph Clemens, der Autor des eingangs erwähnten Artikels, wurde mit den kritischen Ausführungen konfrontiert und antwortet dazu: „Zunächst möchte ich Martina Schoppe für die sachliche Kritik danken und sie zu ihrer Fähigkeit zur fachlichen Diskussion beglückwünschen. Leider sind diese beiden Tugenden in der Hundetrainerwelt heutzutage nur selten zu finden." Konkret weist Clemens nochmals ­darauf hin, dass die Vermeidung von Konfliktsituationen einerseits kein Problem löse und man andererseits trotzdem in die Situation kommen könne, die man eigentlich vermeiden wollte: „Für den Fall der Fälle trainiert Frau Schoppe ein Signal für ein Alternativverhalten auf. Dieses Signal ist nichts anderes als ein Abbruchsignal, wie es ja auch so benannt wurde. Auch der beschriebene „Geschirrgriff" ist nichts anderes als ein Abbruchsignal und dazu noch eine Zwangseinwirkung, wie z.b. ein Leinenruck, wobei man bei diesem Begriff nicht automatisch und ausschließlich auf eine ‚schmerzhafte Starkzwangmethode‘ schließen darf. Ob der Hund nun ein Alternativverhalten auftrainiert bekommt oder ob einfach ruhiges und angemessenes Verhalten sozial oder gerne auch mit Leckerchen bestätigt wird, bleibt jedem selbst überlassen", so Clemens, der im Übrigen ­Martina Schoppe „vollkommen Recht" gibt, wenn sie darauf hinweist, „dass ­häufige und regelmäßige Zwangs­einwirkungen auf den Hund nachhaltige negative Auswirkungen haben können und nicht zuletzt zu einem zusätzlichen Konflikt zwischen Hund und Halter führen können." Genau auf diesen Umstand habe er in seinem Artikel hingewiesen, so Clemens, dass nämlich einer Zwangseinwirkung immer eine soziale Kompensation des eben Geschehenen erfolgen müsse. Abschließend stellt Christoph ­Clemens in seiner Stellungnahme fest, dass Martina Schoppes und ­seine Vor­gehensweise bei schwierigen Hunden gar nicht so unterschiedlich sei. „Nur weil man die Dinge anders nennt, müssen sie nicht grundlegend ­verschieden sein", so Clemens.

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