Diskussion: SOS Rassehund – Einkreuzungsprojekt zur Rettung einer Hunderasse vom VDH abgelehnt

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Der Bericht von Alexander Däuber über ein geplantes Einkreuzungsprojekt beim Duck Tolling Retriever (Toller) in der vorigen Ausgabe von WUFF (7-8/2010) unter dem Titel „SOS Rassehund“ hat großes Aufsehen erregt. Dass die Rassehundezucht ungebremst auf eine Katastrophe zusteuert, wenn sich nichts ändert, ist nicht nur die Meinung des Präsidenten des TCD. Auch namhafte Kynologen und Wissenschaftler bestätigen dies. Mit dieser Ausgabe beginnen wir anhand des konkreten Beispiels des Tollers eine grundsätzliche Diskussion. Im Folgenden zunächst die Stellungnahme des zuständigen Dachverbands, des VDH, sowie Pro- und Contra-Wortmeldungen.

Die Vorgeschichte: Der einzige Spezialverein in Deutschland für die Rasse Nova Scotia Duck Tolling Retriever (kurz: der Toller) ist der Nova Scotia Duck Tolling Retriever Club Deutschland e.V. (TCD). Dessen Präsident Alexander Däuber wies in der vorigen Ausgabe von WUFF (7-8/2010) anhand wissenschaftlicher Studien und Expertenmeinungen nach, dass es bei der „genetischen Situation“ dieser Rasse praktisch 5 nach 12, der Karren also bereits völlig verfahren ist. Lt. einer Studie der finnischen Genetikerin Dr. Katariina Mäki, in der sie weltweit die Daten von 28.668 Tollern auswertete, ist die Rasse genetisch extrem verarmt („Population structure and genetic diversity of worldwide Nova Scotia Durck Tolling Retriever …“, Journ. of Animal Breeding and Genetics, Feb. 2010), ihr Inzuchtniveau liege bei 26%, so Mäki. Das bedeutet, dass der durchschnittliche Verwandtschaftsgrad in der Toller-Population höher ist als der von Vollgeschwistern (25%)! Dass ein Verwandtschaftsgrad höher sein kann als der zweier Geschwister, übersteigt an sich das menschliche Vorstellungsvermögen, dennoch ist dies bei dieser Rasse nachweislich der Fall. Eine Verpaarung von Lebewesen, die enger miteinander verwandt sind als Geschwister, wäre ein Verbrechen an den Nachkommen der Tiere, so Experten und Tierschützer, da durch die exzessiv hohe Inzucht Schäden und Leiden an den Nachkommen zu erwarten sind.

Tatsächlich gilt der Toller heute in der Wissenschaft bereits als traurig-ideales Beispiel für das Studium genetischer Defekte durch Inzuchtprobleme, wie Inzuchtdepression, nachlassende Fruchtbarkeit, Vitalitätsverlust, Zunahme von Erbkrankheiten, übermäßig gehäuftes Auftreten von Autoimmunerkrankungen, eine sinkende Lebenserwartung und neue Erbkrankheiten (Wilbe et. al, Immunogenetics, 2009; Hansson- Hamlin et al, Acta Vet Scand. 2009; Hughes et al., Tissue Antigens, 2010; Wilbe et al, Nature Genetics, 2010).

Aufgrund des exzessiv hohen Verwandtschaftsgrades lässt sich der Toller nur mehr durch Einkreuzung einer anderen Rasse retten, ist die nahezu einhellige Meinung der Wissenschaftler. Andernfalls – so sagen populationsgenetische Modelle voraus – würde die Rasse in absehbarer Zeit aussterben.

Rettung des Tollers durch Einkreuzung: Stellungnahme des VDH
Der Verband für das deutsche Hundewesen (VDH) als Dachverband des TCD muss solche Einkreuzungen grundsätzlich genehmigen. Doch der entsprechende Antrag des TCD wurde vom VDH vorerst abgelehnt. In einer Stellungnahme gegenüber WUFF betont der VDH, dass es sich nicht um eine Ablehnung des Antrags handle. Vielmehr erwarte man vom TCD weitere Informationen. Erst dann sei eine Entscheidung über die beantragte Einkreuzung möglich.

Zudem will der VDH vom TCD wissen, ob die Erkenntnisse über den Toller auch für die „in Rede stehende Population“ – also die deutschen Toller – gelte, „was nicht sicher ist, da die Daten bei einer anderen erhoben worden sind.“ D.h. für den VDH sind die Daten der wissenschaftlichen Analyse von weltweit 28.668 Toller-Exemplaren (Mäki 2010) nicht relevant genug, um das Problem des Tollers auch in Deutschland anzuerkennen. Dazu Alexander Däuber, 1. Vorsitzender des TCD: „Dr. Mäki hat die weltweite Population erfasst – mehr kann man nicht tun! Der VDH fordert unverständlicherweise von uns, in einer völlig ingezüchteten Population – die nachweislich mit verschiedenen Autoimmunerkrankungen belastet ist – weiter zu züchten, um Daten zu sammeln. Das ist nicht notwendig, da bereits mehrere rassespezifische wissenschaftliche Studien und Gutachten vorliegen, die das Dilemma deutlich anzeigen. Weiterhin sind die m. E unberechtigten VDH-Forderungen nach Ansicht verschiedener Experten und Ministerien unter tierschutz-/ verbraucherschutzrechtlichen Aspekten nicht zu verantworten. Konsequenterweise hat der TCD seinen Züchtern/ Deckrüdenbesitzern empfohlen, die Zucht vorerst einzustellen.“

Weiterhin will der VDH in seiner Stellungnahme gegenüber WUFF vom TCD unter anderem wissen, welche Rassen und wie viele Individuen eingekreuzt und wie betreffende Hündinnen ausgewählt werden sollen und wie der Heimatklub der Rasse in das Projekt einbezogen werden soll. Erst wenn entsprechende Informationen übermittelt würden, könne der VDH sich zu dem Projekt konkret äußern.

Alexander Däuber wundert sich allerdings über diese Forderung, denn „der TCD hat dem VDH bereits im ersten Antrag all‘ diese Fragen ausführlich und unter wissenschaftlicher Beratung beantwortet. Darüber hinaus wurde dem Tollerverein die wissenschaftliche Begleitung des Einkreuzungsprojektes zugesichert (Univ.-Prof. Dr. Sommerfeld- Stur, Dr. Mäki, Dr. Wachtel).“

Und auch die Ergebnisse von Wissenschaftlern aus verschiedenen Ländern geben Däuber Recht. Schwedische Wissenschaftler nutzen den Toller derzeit als „ideales Modell“ zum Studium genetischer Defekte (Kerstin Lindblad-Toh, Nature Genetics, 2010), wie bereits erwähnt wurde. Schon 2007 schrieb die Wissenschaftlerin Helene Hamlin von der Universität Stockholm, dass der Toller in relativ großem Ausmaß von einer „gewöhnlich Tollerkrankheit genannten Krankheit befallen“ sei, von der man annimmt, dass sie eine autoimmune Grundlage habe, was mittlerweile bestätigt ist.

Heftige Reaktionen
Die Reaktionen auf den Toller-Bericht im vorigen WUFF waren teilweise sehr heftig. So kritisierte Christoph Schalley aus Calw (Baden-Wuerttemberg), lt. eigenen Angaben u.a. „Züchter und Deckrüdenbesitzer im Deutschen Retriever Club“, dass der Toller „unfreiwillig Opfer des Gesundheitsfanatismus mancher seiner Anhänger“ sei, und berücksichtigt dabei aber nicht die zahlreichen im Artikel zitierten wissenschaftlichen Belege. Die Ablehnung des TCD-Antrags durch den VDH sei, so Schalley, internationaler Konsens der führenden Toller-Zuchtvereine. Und Schalley sieht in dem WUFFArtikel auch den Versuch, einen kleinen aufmüpfigen Verein in einer Opferrolle gegenüber dem VDH darzustellen.

Boxer-Züchterin und Hundeexpertin Mag. Kerstin Piribauer, Autorin des Artikels auf Seite 24 ff., fand den WUFF-Artikel hingegen sehr gut: „Herzlichen Glückwunsch

• an Alexander Däuber für diesen ebenso sachlichen wie mutigen Artikel,
• an den TCD, einen solchen Funktionär mit Sachkenntnis und Weitblick in seiner Mitte zu haben,
• an den Toller, weil Menschen mit Engagement alles versuchen, die Rasse zu erhalten, und
• an WUFF für den Mut, diesen Beitrag zu veröffentlichen.“

Mangels Platz kann sich die Auswahl der Reaktionen nur auf die beiden eben zitierten beschränken, doch werden wir die Angelegenheit weiter verfolgen und weitere Beiträge zum Thema Toller in einer der nächsten Ausgaben veröffentlichen.

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