Drama Hundebegegnung…

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Die Kolumne zum Thema „Alltagsprobleme mit dem Hund" .
Tierpsychologin, Hundetrainerin und WUFF-Autorin Yvonne Adler beantwortet Ihre Fragen. Schicken Sie uns Ihr Alltagsproblem mit Ihrem Hund — kurz formuliert und mit 1-2 Fotos. In dieser Ausgabe geht es um das Thema problematischer Hundebegegnungen.

Liebe Frau Adler!

Ich habe seit viereinhalb Jahren einen unkastrierten Labrador-Rüden namens Seven. Das Problem ist, dass er ständig an der Leine zieht, obwohl ich ständig an dem Problem ­arbeite. Ein viel schwierigeres Problem ist jedoch, dass er auf entgegenkommende Hunde grundsätzlich aggressiv reagiert. Ich weiche daher entgegenkommenden Hunden meistens aus und wechsle die Straßenseite, weil es ein echter Kraftakt ist, ihn in seiner Rage zu bändigen. Es ist egal, ob der Hund weiblich oder männlich ist, sobald er den anderen Hund sieht, stellt er seine Ohren auf, seine Rute ist grundsätzlich nach oben gerichtet, wenn wir draußen sind. Teilweise bekommt er auch einen Kamm, aber das ist eher weniger ausgeprägt. Er fängt an zu knurren und zu bellen, und wenn ich ihn am Halsband zurückziehe, versucht er sich aus diesem mit aller Kraft herauszuwinden und schnappt teilweise sogar nach mir. Er prescht mit seinem ganzen Gewicht nach vorne und ist wirklich richtig aggressiv! Es ist daher nicht immer angenehm, mit ihm spazieren zu gehen. Auch wenn er nicht an der Leine ist, reagiert er des Öfteren aggressiv auf andere Hunde. Und selbst wenn diese unterwürfiges oder ängstliches Verhalten zeigen und weglaufen, hört er nicht auf, sondern rennt hinter ihnen her, während er knurrt und versucht zu schnappen. Wenn ich sein Lieblingsspielzeug (einen Ball) mit mir führe, dann wird er teilweise noch wütender, was jedoch wahrscheinlich daran liegt, dass er dies verteidigen will. Aber selbst wenn ich den Ball in der Hand habe und sich ein Hund nähert, begegnet er diesem sehr aggressiv mit Knurren und Schnappen. Was seine Aufmerksamkeit betrifft, so hört er oft schlecht(wenn ich ihn z.B. rufe, lässt er sich oft Zeit, bis er zu mir kommt), es sei denn, ich habe den Ball bei mir. Dieser motiviert ihn am meisten,. Leckerchen findet er nicht so spannend und damit kann ich ihn auch nicht motivieren. Ich kann ihn mit dem Ball zwar ablenken, wenn uns ein Hund entgegen kommt, aber das lenkt schließlich nur von dem eigentlichen Problem ab und kann auf Dauer, ­denke ich, nicht die Lösung sein. Ich weiß nicht, was ich dagegen tun kann, dass er so aggressiv ist! Früher war er nicht so und ich kann mich auch an kein Ereignis erinnern, das dazu geführt haben könnte, dass er sich so verhält. Zu Hause ist er der liebste Hund. Ich hoffe, dass ich Ihnen durch meine Beschreibung ein angemessenes Bild von meinem Hund vermitteln konnte und Sie vielleicht einen Tipp für mich haben!

Vielen Dank im Voraus für Ihre Antwort. Lieben Gruß, Sarah Laukamp.

Liebe Frau Laukamp!

Sie meistern die Konfliktsituationen mit Seven schon sehr gut, indem Sie anderen Hunden weit genug ausweichen, damit Seven mit seinem momentanen Verhalten nicht noch mehr solche Erfahrungen sammeln kann. Dies ist eine wichtige Maßnahme, um am Anfang auf die übersteigerte Aggression gegen Artgenossen zu reagieren. Zu Beginn eines Trainings ist es unabdingbar, dem Hund keine Möglichkeit mehr zu geben, Erfolg mit dem bisherigen Verhalten zu haben.

Bevor Sie mit dem Training starten, sollten Sie im Vorfeld überprüfen, ob Sevens Aggression vielleicht ­physische Gründe hat. Deshalb rate ich Ihnen, Ihren Hund auf jeden Fall von einem Fachtierarzt bzw. Chiropraktiker untersuchen zu lassen, da seine Aggression mit körperlichen Schmerzen zu tun haben könnte. Wenn dem so ist, ist sein Verhalten nur dazu da, die anderen Hunde auf Distanz zu halten, weil er die Erfahrung gesammelt haben könnte, dass Artgenossen Schmerzen (z.B. Rückenschmerzen) bedeuten. Außerdem sollten Sie sich neues Equipment zulegen, damit dem Hund auf keinen Fall unangenehme Empfindungen zugefügt werden. Dazu eignet sich zum Beispiel ein gut ­sitzendes Brustgeschirr.

Anschließend sollten Sie auch Ihr ­eigenes Verhalten betrachten: In stressigen Situationen dürfen Sie nicht mit einem schnellen Griff ins Halsband reagieren! Dies kann nämlich dazu führen, dass Sevens Verhalten immer heftiger wird. Durch das Festhalten am Halsband kann es passieren, dass ihm die Luft wegbleibt, er erschrickt, oder ein Schmerz am Kehlkopf entsteht. In weiterer Folge führt das dann zu einer Fehlverknüpfung und für Seven bedeuten andere Hunde dann vielleicht Schmerzen und Atemprobleme. Aus dieser Sichtweise ist sein Verhalten nur verständlich. Er will, dass die anderen Hunde verschwinden, um so den Schmerzen zu entgehen.

In einigen Fällen kann der Hundebe­sitzer auch durch anderes Verhalten eine übersteigerte Aggression bei seinem Hund hervorrufen. Viele Leute unterschätzen immer noch, wie stark sie ihre eigene Stimmung auf den Hund übertragen können und damit die Lernerfahrung beeinflusst wird. Wenn Sie zum Beispiel sehen, dass sich ein Hund nähert, beginnen Sie vielleicht schon die Leine zu straffen, um Seven möglichst kurz halten zu können. Eventuell ist auch Ihre Stimme angespannt. Diese Faktoren genügen bereits, um Seven mitzuteilen, dass sich ein Hund nähert. Sie sind sozusagen das „Warnsignal", da Sie dieses Verhalten nur zeigen, wenn Sie in der Nähe einen anderen Hund sehen. Seven hätte also ausreichend Zeit, um sich auf die „Randale" vorzubereiten. Deshalb sollten Sie auf jeden Fall auch Ihr eigenes Verhalten beobachten.

Nun zum Training: der Hauptteil ist, dass Seven lernen muss, dass ­andere Hunde für ihn etwas „Gutes" und ­„Tolles" bedeuten. Damit meine ich kein gemeinsames Spiel mit Artgenossen, da er ja hier anscheinend auch Probleme hat. Diese Unverträglichkeit, vielleicht mangels positiver Erfahrung, sollte zusätzlich in einem anderen Training bearbeitet werden. Zuerst ist es wichtiger, sich auf das Leinen­führigkeitsproblem zu konzentrieren.

Damit für Seven andere Hunde etwas Positives bedeuten, rate ich Ihnen zu folgendem Vorgehen: Sie sollten mit Seven in den Trainingssituationen zu jeder Zeit eine große Distanz zu anderen Hunden einhalten. Diese Entfernung muss so sein, dass er noch gar nicht auf den anderen Hund reagiert. Dabei sollten Sie außerdem ­besonders gute Leckerli mitnehmen. Sobald Seven den anderen Hund erblickt und sich neutral verhält, sagen Sie ein Kommando wie z.B. „Fein, ein Freund!" und geben ihm ausreichend viele gute Leckerli. Für das Training ist wichtig, dass Sie wirklich VIELE Leckerchen an ihn verfüttern, sobald er einen anderen Hund sieht. Sie sollten sich z.B. 50 kleine Wurststücke herrichten und diese in der Situation verfüttern. Danach ist die Trainingseinheit beendet. Von einem Spiel mit dem Ball rate ich hier ab, da der Ball Seven nur aufputschen würde und er auch den Blick vom Artgenossen abwenden würde.

Wichtig ist, dass Seven Sie nicht anschauen muss, er muss auch nicht Sitz oder Platz machen, er soll ja auf den Hund schauen, damit er lernt, dass ein anderer Hund „Leckerchen und Wohlfühlen" bedeutet. Außerdem ist es von großer Bedeutung, dass Sie darauf achten, dass Sie ein ­weiches und ruhiges Kommando geben, damit sich die Situation durch Sie nicht anspannt. Achten Sie hier auch ­wieder auf Ihre Körpersprache. Die Leine immer locker halten und dafür sorgen, dass die Gesamtsituation entspannt ist. Bei diesem Training ist Ihr Gefühl sehr wichtig, die Distanz muss so weit sein, dass Seven auf keinen Fall in sein altes Verhalten fällt, und Sie müssen entspannt sein, damit Sie ­gemeinsam Erfolg haben. Sie müssen Seven das ruhige und gelassene Verhalten ­vorleben.

Natürlich müssen Sie die Situation so gestalten, dass der andere Hund auf keinen Fall die Distanz verringern kann und Sie bei jeder Trainingseinheit mit Seven ein Erfolgserlebnis haben. Die Entfernung ist hier der ­wichtigste Punkt! Außerdem sollten Sie mit sehr kleinen Annäherungsschritten trainieren, also die Distanz nur sehr langsam verringern. Dieses Training ist eine „Gegenkonditionierung", die viel Zeit und Ausdauer verlangt, da der Hund schon Erfahrungen gesammelt hat und erst mit sehr viel Übung zu dem (von Ihnen gewünschten) „neuen Verhalten" kommen kann. Danach ist die Trainingseinheit beendet und Sie verlassen die Situation.

Ich wünsche Ihnen und Seven, dass Ihr gemeinsames Training großen Erfolg bringt und Seven bald lernt Artge­nossen auch entspannt zu begegnen.

Ihre Yvonne Adler

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Yvonne Adler
Yvonne Adler lebt und arbeitet seit mehr als 20 Jahren mit Hunden. Sie schloss das Studium zur Tierpsychologin mit Auszeichnung ab und ist zudem eine von Europas ersten akademisch geprüften KynologInnen. Neben ihrer Tätigkeit als Sachverständige für Hunde, absolviert sie laufend weitere in- und ausländische Aus- und Fortbildungen im Bereich der Kynlogie, um stets auf dem aktuellsten Stand der internationalen Hundewissenschaft. zu sein. www.adler-dogs.at

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