Extrem schön – extrem krank … – Hundezucht kritisch gesehen

Es scheint den Menschen zu gefallen: Hunde – extrem groß, ­extrem klein, extrem kurzbeinig, extrem kurznasig, extrem ­faltig, extrem gefärbt, extrem kurzlebig … Die es ausbaden müssen, das sind die Hunde. Sie sind geplagt von Gelenkserkrankungen, Herz­erkrankungen, Stoffwechselerkrankungen, Krebs, ­Hauterkrankungen, Augenerkrankungen und vielem anderen mehr. Und im schlimmsten Fall sind sie so verbaut, dass sie ihr Leben lang um Luft ringen müssen. Was bringt Menschen, die ja wohl not­wendigerweise ihre Hunde lieben, dazu, ihnen all das anzutun? Was haben Hundezuchtverbände und Hundezüchter damit zu tun? Was kann man tun? Ein spannender zweiteiliger Artikel der ­renommierten Genetikerin Univ.-Prof. Dr. Irene Sommerfeld-Stur.

Wenn man mehr als 30 Jahre beruflich mit Hundezucht und Genetik befasst ist und mit Besorgnis die zunehmende Häufung von gesundheitlichen Problemen in so gut wie allen Rassehundepopulationen und ebenso die Vielzahl von verhaltensauffälligen Hunden beobachtet, dann taucht irgendwann mal die Frage auf, wo denn hier der Hund begraben liegt. Was ist die Ursache für die Probleme der Rassehundezucht? Die genetischen Voraussetzungen sind ja bei Hunden nicht anders als bei Rindern und Schweinen oder bei Pferden. Auch bei diesen Tierarten gibt es das Problem der rezessiven Defekte, der Dispositionserkrankungen und der spät manifestierenden Erkrankungen – d.h. der genetischen Probleme, die die Bekämpfung von Erbkrankheiten erschweren. Trotzdem gibt es bei diesen Tierarten bedeutend weniger genetisch bedingte Gesundheitsprobleme. Zudem gab es diese massiven Probleme bei Hunden früher auch nicht. Sonst hätte sich der Hund wohl kaum über die lange Zeit, die er bereits an der Seite des Menschen lebt, erhalten.
Die Fülle von gesundheitlichen und sonstigen Problemen, mit denen sich die Hundezucht heutzutage herumschlagen muss, muss also etwas mit den aktuellen Bedingungen der Hundezucht und wohl auch mit den Menschen, die sie betreiben, zu tun haben.
Im Gegensatz zu Rindern und Schweinen sind Hunde keine Nutztiere. Das Pferd zählt offiziell zwar zu den Nutztieren, hat aber bei einem großen Teil der Pferdebesitzer einen ähnlichen Status wie der Hund. Trotzdem hält sich auch bei den Pferden die Menge an genetisch bedingten gesundheitlichen Problemen in Grenzen. Wo liegen also die Unterschiede?

Leistungsorientierte Selektion beim „Nutztier"
Das Geheimnis liegt in dem Begriff „Nutztier". Ein Nutztier ist ein Tier, das einen bestimmten Nutzen erfüllen muss. Bei Rindern und Schweinen bezieht sich der gewünschte Nutzen auf Fleisch- oder Milchproduktion, bei Pferden auf die Verwendbarkeit als Reitpferd. Jede dieser Nutzungen setzt voraus, dass das Tier, das eine entsprechende Leistung bringen soll, gesund sein muss. Die erbrachte Leistung hat zudem eine große wirtschaftliche Bedeutung. Der Verkauf der tierischen Produkte stellt für Landwirte die Existenzgrundlage dar. Leistungseinbußen durch Krankheiten mindern das Betriebseinkommen und können schlimmstenfalls sogar das »Aus« für einen Betrieb bedeuten. Auch bei Pferden stellen krankheitsbedingte Leistungsminderungen oder -ausfälle ein finanzielles Problem dar. Ein krankes Pferd kann nicht geritten werden, es fallen aber trotzdem Kosten für die Haltung und Fütterung an. Und wenn ein Rinder- oder Schweinezüchter noch relativ leicht die Entscheidung zur Tötung eines kranken Tieres fällt, so ist dieser Ausweg in der Pferdehaltung nur in ganz schweren Fällen gangbar. Viele kranke Pferde belasten das Budget und die Zeit ihrer Besitzer lange Zeit, ohne einen reiterlichen Nutzen zu bringen. Sowohl in der Zucht landwirtschaftlicher Nutztiere als auch in der Pferdezucht hat Gesundheit somit eine sehr hohe Priorität. Und da Leistung und Gesundheit eng miteinander verbunden sind, hat eine leistungsorientierte Selektion im allgemeinen auch einen positiven Einfluss auf die Gesundheit.

Die Bedingungen der Hundezucht
Beim Hund ist das etwas anders. Hunde sind keine Nutztiere. Auch wenn ich Hunde jetzt nicht generell als „Nichtsnutze" bezeichnen will, so sind doch in den meisten Fällen die Anforderungen, die an Hunde gestellt werden, eher im emotionalen Bereich zu finden als im Bereich körperlicher Leistungsfähigkeit. Ausnahmen bestätigen die Regel. In diesem Fall sind es tatsächlich die Rassen, in denen bei der Selektion noch körperliche Leistungen mitberücksichtigt werden, die auch in gesundheitlicher Hinsicht positiv auffallen. Es ist nicht von Ungefähr, dass z.B. Jagdhunde weit weniger ­Probleme mit chronisch degenerativen Gelenkserkrankungen haben. Und das erklärt auch, warum die massive Häufung von gesundheitlichen Problemen beim Hund erst in den letzten Jahren bzw. Jahrzehnten aufgetreten ist. Denn im Gegensatz zu heute waren Hunde früher auch eine Art Nutztiere. In der langen Geschichte der Mensch-Hund-Beziehung konnten nur ganz wenige Menschen es sich leisten, einen Hund „einfach nur so", zur eigenen Freude zu halten. Hunde mussten Leistungen bringen. Sie mussten Herden beschützen oder treiben, sie mussten Höfe bewachen, ihre Besitzer in den Krieg oder zur Jagd begleiten, Schlitten oder Milchwagen ziehen und in manchen Fällen auch ihre Lebensberechtigung damit verdienen, dass sie mit anderen Tieren kämpften. Gezielte Selektionszucht fand in diesen Zeiten wohl kaum statt. Die Selektion beruhte vor allem darauf, dass Hunde, die in den erwarteten Leistungen erfolgreich waren, besser versorgt wurden und damit einfach bessere Chancen hatten, zur Fortpflanzung zu kommen. Kaum einer konnte es sich leisten, Hunde, die nichts taugten, weiter durchzufüttern. Sie wurden sich selbst überlassen oder getötet und damit sank ihre Chance auf Fortpflanzung. Diese simple, aber bewährte Selektions­strategie änderte sich mit der Einführung der verbandsmäßigen Rassehundezucht. Und das ist im Vergleich mit der Länge der Zeit, die Hunde den Menschen schon begleiten, ein sehr kurzer Zeitraum. Umso bedrückender, wenn man bedenkt, was in dieser kurzen Zeit mit den Hunden genetisch passiert ist. Aus einem Prototyp mit funktionell angepasstem Körperbau wurden in vielen Rassen Monstren herausgezüchtet. Extrem groß, extrem klein, extrem kurzbeinig, extrem kurznasig, extrem faltig, extrem gefärbt, extrem kurz­lebig. Und aus großen Populationen mit mehr oder weniger natürlichen Selektionsbedingungen und weitgehender Zufallspaarung wurden kleine bis kleinste geschlossene Populationen gemacht, in denen die Inzucht traurige Rekorde feiert.Die es ausbaden müssen, das sind die Hunde. Sie sind geplagt von Gelenks­erkrankungen, Herzerkrankungen, Stoffwechselerkrankungen, Krebs, Hauterkrankungen, Augenerkrankungen und vielem anderen mehr. Und im schlimmsten Fall sind sie so verbaut, dass sie ihr Leben lang um Luft ringen müssen. Was bringt nun Menschen, die ja wohl notwendigerweise ihre Hunde lieben, dazu, ihnen all das anzutun? Warum ist es notwendig, dass im Tierschutzgesetz ein eigenes Qualzuchtverbot formuliert ist, das den Tatbestand der bewussten Zucht kranker Tiere strafbar macht? Und warum ist ­dieses Qualzuchtverbot praktisch kaum umsetzbar?Im Laufe meiner langjährigen Beschäftigung mit der Hundezucht habe ich natürlich auch sehr viele Züchter kennengelernt. Und auch sehr viel von dem organisatorischen Umfeld der Hundezucht. Und ich habe dabei Beobachtungen gemacht, die einige der Probleme der Hundezucht erklären können.

Die Zuchtverbände
Hundezucht ist verbandsmäßig organisiert. Hundezüchter sind also üblicher­weise Mitglieder in Zuchtverbänden und müssen sich somit auch an die Vorgaben dieser Zuchtverbände halten. Und das ist gleich eine der Wurzeln der Probleme. Denn im Gegensatz zu den landwirtschaftlichen Nutztieren, bei denen die Zucht und damit auch die Struktur und Organisation der Zuchtverbände über das Tierzuchtgesetz geregelt ist und von den Landeslandwirtschaftkammern kontrolliert wird, gibt es für die Hundezucht kein entsprechendes Gesetz. Hundezuchtverbände sind somit private Vereine, die ausschließlich über das Vereinsrecht geregelt sind. Die Vorlage eines Verbandsstatuts sowie eine Anzeige bei der Vereinsbehörde genügen, um einen Zuchtverband zu gründen. Es gibt keinerlei offizielle Qualifikationsprüfung; jeder, der das möchte, kann einen Zuchtverband ins Leben rufen. Das heißt nun nicht, dass die Hundezucht von lauter einzelnen ­Kleinverbänden bestimmt ist. Es gibt die großen Zuchtverbände, wie den Österr. Kynologenverband (ÖKV) in Österreich oder den Verband für das deutsche Hundewesen (VDH) in Deutschland, die ihrerseits wieder dem internationalen Dachverband, der Fédération Cynologique Internationale (FCI) angeschlossen sind. Und es gibt weitere große und kleinere Zuchtverbände, eine Vielfalt, die nicht nur für Hundekäufer nicht leicht zu überschauen ist. Eine Reihe der kleineren Zuchtverbände sind als sog. Dissidenzverbände entstanden, wenn Züchter, die mit der Zuchtpolitik ihres Verbandes unzufrieden waren, austraten und einen eigenen Verband gründeten. Alle diese Verbände sind private Vereine, deren Gründung keiner besonderen Qualifikation bedarf. Unzufriedenheit mit den verbandsgesteuerten Zuchtstrategien gibt es häufig. Nicht jeder Züchter, der der Arbeit seines Zuchtverbandes kritisch gegenüber steht, tritt jedoch aus und gründet einen neuen Verband. Viele versuchen sich durchzusetzen und eigene Ideen im Zuchtverband umzusetzen, mal mit mehr, mal mit weniger Erfolg. Meistens mit weniger. Denn Entscheidungen über Änderungen der Zuchtpolitik müssen das demokratische Konstrukt der Verbandsstruktur durchlaufen. Da gibt es Mitgliederversammlungen, Generalversammlungen, Zuchtausschusssitzungen und vieles mehr. Alle diese Treffen müssen organisiert werden, es muss rechtzeitig dazu eingeladen werden, Anträge müssen ebenso rechtzeitig gestellt werden und wer bei welchen Entscheidung mitstimmen darf, ist in vielen Fällen nur schwer zu durchschauen. Die Folge ist, dass Neuerungen, wenn überhaupt, nur sehr langsam umgesetzt werden können. Denn wenn z.B. aus formalen Gründen eine Abstimmung über die Neueinführung einer genetischen Untersuchung in der jährlichen Mitgliederversammlung nicht gültig war (und das passiert häufiger als man denkt), dann kann die nächste Abstimmung erst ein Jahr später, bei der nächsten Jahresversammlung stattfinden. Und in dieser Zeit hat der genetische Defekt, der mit der Untersuchung eingedämmt werden sollte, Zeit sich ungehindert auszubreiten. Hundezuchtverbände haben ein ­weiteres systemimmanentes Problem. Sind es in den Zuchtverbänden der landwirtschaftlichen Nutztiere in erster Linie ausgebildete Fachleute, die für die Erstellung und Umsetzung von Zuchtprogrammen verantwortlich sind, so sind es in den Hundezucht­verbänden in überwiegender Mehrheit Laien. Zumindest, was eine entsprechende Ausbildung in den genetischen Grundlagen der Hundezucht betrifft. Denn wie schon gesagt, es bedarf keiner speziellen Qualifikation, um einen Zuchtverband zu gründen, und auch die Vergabe von Funktionen im Rahmen eines Zuchtverbandes erfolgt im Allgemeinen nicht primär auf der Basis von fachlicher Qualifikation, sondern weit eher auf der Basis der Bereitschaft von Züchtern, bestimmte Aufgaben und Funktionen zu übernehmen. Denn auch das ist eine Besonderheit von Hundezuchtverbänden. Mit wenigen Ausnahmen sind alle Funktionen Ehrenämter. Die nicht unerhebliche Arbeit für einen Zuchtverband erfolgt also unentgeltlich und muss neben den sonstigen beruflichen Tätigkeiten erledigt werden. Es darf dabei aber nicht übersehen werden, dass Ehrenämter eben auch Ehren bringen und die Möglichkeit der Machtausübung und Einflussnahme und somit dem Prestige der Funktionäre nützlich sind. Nicht immer beruht daher die Motivation zum Engagement in einem Zuchtverband auf idealistischen Motiven. Wie auch immer, es wäre gar nicht möglich, für jede verantwortliche Funktion in einem Zuchtverband ausgebildete Fachleute zu finden. Betrachtet man allein die mehr als 100 Verbandskörperschaften im ÖKV, dann liegt es auf der Hand, dass es so viele in Genetik ausgebildete Fachleute gar nicht geben kann. Die Folge ist aber nichtsdestoweniger, dass damit in den meisten Fällen Entscheidungen über Zuchtmaßnahmen und Zuchtstrategien in der Hand von Laien liegen. Bemerkenswert in diesem Zusammen­hang erscheint die Tat­sache, dass inzwischen die Erlaubnis zur Führung von Hundeschulen an eine ­fachliche Qualifikation gebunden ist. So begrüßenswert dieser Umstand ist, so wünschenswert wäre es, dass im Zuchtbereich, in dem ja letztlich die ersten Weichen für jedes Hundeleben gestellt werden, ebenfalls Qualifikationsanforderungen gestellt werden.Und diese sollten sich nicht auf die Zuchtverbände beschränken. Denn nicht nur die ­Verbandsfunktionäre sind zum großen Teil genetische ­Laien, dasselbe gilt für einen Großteil der Züchter. Und das ist die zweite Wurzel der Probleme. Denn auch für Hundezüchter gibt es keinerlei fachliche ­Qualitätsanforderungen, was genetisches Grundwissen betrifft. Die meisten Zuchtverbände überprüfen vor der Vergabe eines Zwinger­namens allenfalls die örtlichen Haltungs- und ­Aufzuchtbedingungen, und viele Zuchtverbände bieten Fortbildungsseminare an, in manchen Verbänden ist sogar der Besuch eines Erstzüchter­seminars verpflichtend. Aber diese Maßnahmen können nur als Tropfen auf dem heißen Stein betrachtet werden, bedenkt man den Umfang und die Komplexität des Wissenschaftsbereiches der Genetik.

Im nächsten WUFF wird daher der zweite große Problemkreis der ­Züchter beleuchtet (zweiter und ­letzter Teil dieses Artikels).

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