Geniale Vampire: Lebenskünstler Zecke

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Im Unterschied zur Flohbekämpfung, die – wie in der vergangenen Ausgabe berichtet – mit floh­tötenden Kontaktgiften, Wachstumsregulatoren und Entwicklungshemmern an verschiedenen ­Punkten des Lebenszyklus des Flohs ansetzen kann, fehlen solche Möglichkeiten in der Zecken­bekämpfung. Umso bedeutsamer ist die Kenntnis der Biologie der Zecken, im Besonderen ihrer bevorzugten Stellen am Hund, sowie das Wissen um die Zeiten ihrer größten Aktivität und um ihr Gefahrenpotenzial für die Übertragung von Krankheiten wie Borreliose, Babesiose (sog. Hunde­malaria), Anaplasmose und FSME auf den Hund.

Ab wann werden Zecken aktiv?
Zecken beginnen ihre von uns ungeliebte Aktivität ab einer Umgebungstemperatur von plus 7 Grad, also etwa ab März bis hinein in den November, wobei es zwei Häufigkeitsgipfel gibt: April bis Juni sowie September bis Oktober. Vor allem bei höherer Luftfeuchtigkeit beginnen die Zecken dann von den feuchten Bodenschichten an bodennahem pflanzlichen Bewuchs bis zu einer maximalen Höhe von 80 cm hochzuklettern. Mit ihrem Sinnesorgan, das auf Temperatur, Erschütterung sowie andere Reize, darunter auch das von Säugetieren ausgeatmete Kohlendioxid, reagiert, erkennen sie das Näherkommen ihres Wirtes, in unserem Fall des Hundes. Ist dieser in unmittelbarer Nähe, spreizt die Zecke ihr vorderes Beinpaar auseinander und lässt sich – sozusagen mit ausge­breiteten Armen – auf ihn fallen.

Welche Stellen sind es, die Zecken beim Hund bevorzugen? Am häufigs­ten finden sich Zecken am Hund im Bereich des Kopfes sowie am Hals und an den Beinen (Földvári 2005). Und dies aus einem ganz einfachen Grund: Weil sie dort als erstes auf den Hund fallen. Im Gegensatz zu den Flöhen, die sich aufgrund ihrer flachen Körper­form auf der Hundehaut rasch im Fell bewegen, sind die Zecken nämlich bewegungsfaul und beißen sich am Hund dort fest, wo sie gerade hinfallen. Nach Meinung des Parasitologen Georg Duscher vom Institut für Parasitologie der Veterinärmedizinischen Universität Wien tun sie das nicht, weil diese Stellen für sie ideal wären, sondern weil sie ganz einfach weder Energie noch Zeit verschwenden, um zu ihrer Blutmahlzeit zu gelangen (Duscher 2013).

Wer nun meint, dass eine Zecke auf der Haut sofort ein Blutgefäß des Wirtes ansticht und planlos zu saugen beginnt, irrt sich gewaltig. Die Art und Weise, wie Zecken zu ihrer Mahlzeit kommen, ist alles andere als banal. Vielmehr in einem hochkomplexen Vorgang heften sie sich an den Wirt, verhindern dabei, dass der Wirt davon etwas mitbekommt, und extrahieren sich aus dessen Blut nur das Beste. Dieser im Detail wirklich spannende Vorgang  und die dadurch übertragbaren Erkrankungen werden am Ende des Artikels erklärt (siehe Hintergrund).

Schutz vor Zeckenstichen
Grundsätzlich gibt es – neben diversen Hausmitteln, die hier mangels Studien zu ihrer Wirksamkeit nicht weiter behandelt werden können – zwei Präparatgruppen, die gegen Zecken eingesetzt werden. Es sind dies die sog. Repellents, welche durch einen für Zecken abstoßenden Geruch den Befall des Wirtes verhindern sollen, sowie Akarizide, die Zecken töten. In einer Studie von Michael Leschnik von der Kleintierklinik der Veterinärmedizinischen Universität Wien wurde nachgewiesen, dass der Wirkungsgrad dieser Zeckenmittel sowohl als ­Einzelpräparat als auch in Kombination eher gering war (Leschnik 2013). Als Grund wird allerdings nicht die mangelnde Wirksamkeit der Mittel, sondern vielmehr die Nachlässigkeit der Hundebesitzer bei deren Anwendung genannt.

Die Arbeitsgruppe um Leschnik untersuchte auch das Ausmaß der Infektion der Hunde durch Krankheitserreger, die von Zecken über­tragen werden. Dabei zeigte sich durch immunologische Tests, dass bei rund zwei Dritteln der untersuchten Hunde während der 11-monatigen Studienphase eine solche ­Infektion stattgefunden hatte. Allerdings ­wurden nur drei der 90 untersuchten Hunde tatsächlich auch krank – sie entwickelten eine Babesiose.

Zeit zwischen Zeckenbiss und Infektion
Führt nun jeder Biss einer infizierten Zecke sofort zur Infektion des Hundes (bzw. des Menschen)? Nein, zeigen die Studien, die es zu dieser Frage gibt. Die kürzesten Übertragungs­zeiten der durch Zecken übertragenen Erreger, d.h. die Zeit zwischen Beginn des Anheftens der Zecke bis zum Eindringen (Inokulation) der Erreger in die Saugwunde des Wirtes, betragen bspw. bei den Borrelien 16–65 Stunden. Bei Erregern der Anaplasmose erfolgt die Erregerübertragung innerhalb von 24 Stunden, und die Auwaldzecke benötigt eine 48 Stunden ­dauernde Blutmahlzeit am Wirt, bis die Erreger der Babesiose auf den Hund übertragen sind (Heile 2007).

Wenn also nach diesen wissenschaftlich gesicherten Informationen die früheste Übertragung eines Erregers von der Zecke auf den Wirt erst nach 16 Stunden beginnt, müsste man eigentlich auf der sicheren ­Seite sein, wenn man den Körper am Ende eines Tages konsequent nach Zecken absucht und ggf. vorhan­dene entfernt. Der Parasitologe Prof. Dr. ­Eberhard Schein von der ­Freien Universität Berlin bestätigte WUFF gegenüber die Ansicht, dass bei einer Entfernung innerhalb von 12 Stunden eine Übertragung von Erregern sehr unwahrscheinlich ist. Der Experte warnt jedoch vor falscher Sicherheit, denn: „Sie finden im Fell die kleinen Nymphen (Anm. d. Red., rund 1 mm großes Entwicklungsstadium der Zecke) nicht, schon gar nicht bei großen langhaarigen Rassen.“ Und ­leider übertragen auch die Zeckennymphen die Krankheitserreger.

Zecken richtig entfernen
In Hundehalterkreisen hört man nicht selten die Empfehlung, man solle eine Zecke herausdrehen. Manchmal wird sogar eine bestimmte Drehrichtung empfohlen. Studien zeigen allerdings, dass beim „Herausdrehen“ einer anhaftenden Zecke eine ­große ­Wahrscheinlichkeit besteht, dass kleine Zeckenteile in der Haut verbleiben, die dann umso schwieriger zu entfernen sind. Hingegen bleiben beim geraden Herausziehen der Zecke nach oben seltener Zeckenteile in der Haut, und wenn doch, dann sind diese größer als bei der Drehmethode und daher leichter zu entfernen (De Boer 1993).

Am besten ist es daher, mit einer abgerundeten Pinzette oder einer Zeckenzange die Zecke so nahe wie möglich an der Hautoberfläche anzufassen und dann gleichmäßig und zügig gerade nach oben ­herauszuziehen. Sollte Ihnen keine Pinzette zur Verfügung stehen, soll man die Finger verwenden, allerdings wird ein Handschuh empfohlen. Für die Entfernung von Zecken bei ­Menschen wird empfohlen, die Stelle vor und nach der Prozedur zu ­desinfizieren (Needham 1985, De Boer 1993, Gammons 2002).

Wenn Zeckenteile in der Haut ­verbleiben
Auch wenn man eine Zecke wie vorhin beschrieben richtig entfernt, bleibt vor allem beim Holzbock ein Teil des langen, mit Widerhaken besetzten Stechrüssels immer wieder einmal in der Haut stecken. Ist das gefährlich? Hat das einen Einfluss auf die Erregerübertragung? Der Parasitologe Prof. Schein zu WUFF: „ Für die Übertragung von Erregern hat dieser Vorgang keine Bedeutung.“ Bleibt ein Teil des Stechrüssels in der Haut zurück, so solle man die Haut an der Einstichstelle desinfizieren, der Rest würde als Schorf nach einigen Tagen von selbst abgestoßen, so der Experte.

Zeckenmittel richtig anwenden
Wie die oben erwähnte Studie von Michael Leschnik zeigt, hat eine rund dreimalige Behandlung der Hunde mit Zeckenmittel innerhalb der 11-monatigen Studiendauer nicht ausgereicht, eine Infektion der Hunde mit Krankheitserregern durch Zeckenbisse zu verhindern. Leschnik empfiehlt daher als Schlussfolgerung seiner Studie, Hundebesitzer über die Anwendung von Akariziden ausreichend zu ­informieren, um durch Zecken übertrag­baren Erkrankungen vor­zubeugen.

HINTERGRUND

Genial und effizient: Die Blutmahlzeit der Zecke

Die Blutmahlzeit einer Zecke erfolgt durch einen äußerst komplexen Mechanismus, mit dem sich der Parasit zuerst in der Haut des Hundes bzw. des Menschen verankert, sich dann einen blutigen „Ernährungsteich“ bildet und schließlich durch Einbringen von Speichelsekret in den Blutkreislauf des Wirtes ggf. vor­handene Krankheitserreger übertrögt.

Zunächst schlitzt die Zecke mit ihren skalpellartigen Mundwerkzeugen die Haut des Wirtes auf und führt danach einen gezahnten Rüssel in die kleine Hautwunde ein. In Verbindung mit dem sog. Zement aus den Speicheldrüsen verankert sie ihren Rüssel dann fest in der Haut. Durch Ausscheidung von lokal betäubenden Substanzen verhindert sie, dass der Wirt diesen Vorgang spürt.
 
Fest verankert geht es nun an die Vorbereitung der Blutmahlzeit. Nun scheidet die Zecke über ihren Rüssel verschiedene gefäßaktive (darunter die ­Blutgerinnung hemmende) und immunwirksame Substanzen aus, wodurch sich ein sog. „feeding pool“ bildet. In diesem „Ernährungsteich“ bleibt das Blut flüssig und außerdem werden  immunologische Abwehrreaktionen des Wirtes unterdrückt.

So genial diese Vorbereitungstätigkeit ist, so „ausgefuchst“ geht es nun mit der eigentlichen Blutmahlzeit weiter. Die Zecke begnügt sich nämlich nicht mit bloßem Blut, nein, sie will das Beste! Sie giert nach dem Blutkonzentrat mit kostbaren Blutbestandteilen, darunter auch den verschiedenen ­Blutkörperchen. Sie erzeugt sich nun selbst ein Blutkonzentrat auf folgende Weise: Zunächst saugt sie  das flüssige Blut aus dem Ernährungsteich an, extrahiert dann in einem weiteren Schritt daraus das Wasser und belässt lediglich das Blutkonzentrat in ihrem Körper, der dann zunehmend anschwillt. Das aus dem Blut extrahierte Wasser pumpt sie über ihre Speichel­drüsen einfach wieder in den Wirt zurück. Und das genau ist es, was die Gefährlichkeit einer Zecke ausmacht. Über diesen „Wasserkreislauf“ gelangen nämlich die Krankheits­erreger, die sich ggf. in den Speicheldrüsen der Zecke befinden, in den Blutkreislauf des Wirtes.

Wenn die Zecke vollgesogen ist, zieht sie ihren Rüssel wieder zurück und fällt auf den Boden, wo sie mit der Verdauung des Blutkonzentrates beginnt. Anschließend verwandelt sie sich in ein neues Entwicklungsstadium, das je nach Klima einige Monate dauern kann. Danach ­verharrt die Zecke für einige Zeit in Ruhe, klettert dann wieder auf die bodennahe Vegetation und lauert wieder auf einen neuen Wirt. Beim Holzbock kann bis zu ein Jahr zwischen zwei Blutmahlzeiten liegen.

Durch Zecken übertragbare Krankheiten beim Hund

In Mitteleuropa kennt man vier Krankheiten des Hundes, die durch Erreger verursacht werden, welche durch einen Zeckenbiss ­übertragen werden: Borreliose, Babesiose, ­Anaplasmose und FSME. Natürlich ist aber nicht jede Zecke von einem Erreger befallen. Und ist sie es doch, dann kommt es nur bei wenigen Hunden tatsächlich zu einer mani­festen Erkrankung.

Borreliose

  • Erreger: das schraubenförmige Bakterium Borrelia burgdorferi
  • Symptome: Unspezifisch, treten erst  Tage oder Wochen nach der Infektion auf. Appetitlosigkeit, Fieber, Müdigkeit. In weiterer Folge abhängig vom Organbefall (v.a. Gelenke mit Lahmheits­symptomen).

Babesiose (sog. Hundemalaria)

  • Erreger: Babesien (Einzeller), v.a. in Mittelmeerregionen, aber auch in einigen Gebieten in Mittel­europa.
  • Symptome: Folgen der Blutarmut (durch Zerfall roter ­Blutkörperchen).Kann unbe­handelt zum Tode führen.

Anaplasmose

  • Erreger: Bakterium
  • Symptome: Mattigkeit, Fieber, Gelenkschmerzen

FSME

  • Erreger: Virus (Erkrankung des Hundes sehr viel seltener als des Menschen)
  • Symptome: Fieber, starke neurologische Störungen, kann tödlich enden.

LITERATUR

In der Reihenfolge der Erwähnung im Text: 

• G. Földvári, R. Farkas. Ixodid tick species attaching to dogs in Hungary. Veterinary Parasitology 129 (2005) 125–131

• G. Duscher, A. Feiler, M. Leschnik,  A. Joachim. Seasonal and spatial distribution of ixodid tick species feeding on naturally infested dogs from Eastern Austria and the influence of acaricides/repellents on these parameters. Parasites & Vectors 2013, 6:76

• M. Leschnik, A. Feiler, G. Duscher, A. Joachim. Effect of owner-controlled acaricidal treatment on tick infestation and immune response to tick-borne pathogens in naturally infested dogs from Eastern Austria. Parasites & Vectors 2013 Mar 9;6:6

• C. Heile C, E. Schein, Vet-MedReport 2007;5:2

• C. Heile et al., Praktischer Tierarzt 2007;88: 8, 584–590

• De Boer R, van den Bogaard AE., Removal of attached nymphs and adults of Ixodes ricinus, J Med Entomol. 1993;30:748-752

• G.R. Needham. Evaluation of five popular methods for tick removal. Pediatrics 1985:75(6):997-1002

• M. Gammons, G. Salam, Tick removal, Am Fam Physician. 2002;66:643-645

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