Hündinnen nehmen Umwelt anders wahr als Rüden

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In der Wahrnehmung – und folglich auch der Beurteilung – der Umwelt besteht zwischen Rüden und Hündinnen ein Unterschied. Das haben Forscher des „Clever Dog Lab“ herausgefunden. Diese ­Einrichtung ist als wissenschaftlicher Verein organisiert, der mit der Abteilung für Kognitionsbiologie der Universität Wien assoziiert ist und die Kognition und das Verhalten von Haushunden untersucht.

Hündinnen nehmen ihre Umwelt anders wahr als Rüden. Das zeigt eine Studie am ­„Clever Dog Lab“ des Departments für ­Kognitionsbiologie der Universität Wien, die kürzlich in der Wissenschaftszeitschrift „Biology Letters“ der Royal Society veröffent­licht ­wurde. In dem Experiment ­wurde untersucht, wie Weibchen und ­Männchen auf die überraschende Veränderung der Größe eines Balls reagieren. Die Hündinnen schenkten dem viel mehr Aufmerksamkeit als die Rüden.

Kognitive Geschlechterdifferenzen wurden bereits mehrfach nachgewiesen, etwa bei der ­räumlichen ­Orientierung von Nagern und ­Primaten. Man hat auch Erklärungen dafür. So besetzen bei Nagetieren die Männchen größere Gebiete und brauchen demnach auch eine bessere räumliche Orientierung, die sich wahrscheinlich im Laufe der Evolution durch Selektion ausbildete.

Die Wissenschaftler der Universität Wien ­haben nun erstmals Unterschiede der Geschlechter in der sogenannten physikalischen Kognition bei einem nichtmenschlichen Säugetier gezeigt, bei der es um das Verständnis physikalischer Grund­regeln geht, etwa dass ein Objekt, wenn es kurz verschwindet, seine Größe nicht verändert.

Corsin Müller und seine Kollegen vom „Clever Dog Lab“ haben dazu ein ­Experiment mit 50 Hunden, die Hälfte davon Rüden, durchgeführt. Die Tiere mussten mit ihren Besitzern im Labor Platz nehmen, den Menschen wurden die Augen verbunden, um den Versuch nicht durch ihre Blicke bzw. Kopfbewegungen zu beeinflussen. Dann konnten die Tiere beobachten, wie ein Ball dahinrollt, hinter einer Wand verschwindet und dann wieder auftaucht. Bei jedem zweiten Mal erschien nach der Wand allerdings ein Ball mit ­deutlich anderer Größe.

Die Rüden schauten dem Ball nach der Wand rund 17 Sekunden nach, gleich, ob er seine Größe verändert hatte oder nicht. Die Hündinnen ­dagegen beobachteten den Ball nach dem ­Wiederauftauchen im Schnitt elf ­Sekunden lang, wenn er gleich groß blieb, schenkten ihm aber 35 Sekunden lang ihre Aufmerksamkeit, wenn er seine Größe verändert hatte.

Erklärungsmodelle
Nach Ansicht Müllers sind grundsätzlich drei Mechanismen für die Erklärung dieses Geschlechterunterschieds vorstellbar. Die eine Möglichkeit wäre Selektionsdruck, was der Wissenschaftler aber bei den Hunden für sehr unwahrscheinlich hält, „weil es dann einen unterschiedlichen Selektionsdruck zwischen Rüden und Hündinnen geben müsste, und dafür gibt es keine Hinweise“, so Müller gegenüber der Austria Presseagentur.

Das Ganze könnte auch mit Erfahrung zu tun haben, ein Mechanismus, der bei Menschen oft genannt wird: So soll etwa unterschiedliches Spielzeug bestimmte Unterschiede zwischen ­Buben und Mädchen erklären. Auch dafür ­gebe es bei Hunden kaum Hinweise.

Als wahrscheinlichste Erklärung geht der Wissenschaftler davon aus, „dass das Ganze gar keine Funktion hat, sondern schlicht und einfach ein Nebenprodukt der Geschlechtshormone ist“. Diese würden nicht nur die primären Geschlechtsmerkmale ausbilden, sondern auch Einfluss auf die Differenzierung des Gehirns haben. Ein leicht anders aufgebautes Gehirn bei Männchen und Weibchen könne solche Unterschiede in der Wahr­nehmung verursachen, ohne dass dies eine ­Funktion habe.

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