Ist der „Tut-Nix-Hund“ der Gutmensch unter den Caniden…?

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Da! Sie haben sich entdeckt. Mit einem Schlag bleiben sie stehen. Die Nasenflügel beginnen zu vibrieren. Erste Fernsondierung startet. Die Körperhaltung ist lauernd. Langsam kommen sie sich näher, pirschen sich heran. Und dann: Plötzlich, wie ein Kaltstart, auf ein den meisten Menschen entgehendes Signal hin, stürmen sie aufeinander los. Und dann pflügen die beiden Hunde mit sichtlicher Freude die Wiese um, rennen was das Zeug hält um die Wette und ­animieren sich immer wieder zum gegenseitigen Jagen. Ganz klar, hier hatte einer aus der Fraktion dieser „Der-Tut-Nix-Hunde“ unsere Gassirunde gekreuzt.

Endlich mal wieder ein normaler Hund, seufzte die Dame im mittleren Alter mit einem erleichterten Lächeln um die Lippen. Den Satz hatten wir zwar schon öfter gehört, aber selten mit so viel melancholischer Emotion. Interessanterweise brachte das Thema auch eine neue Bekannte nur wenig später zur Sprache. Sie hat auch einen dieser „Tut-nix-Hunde“. Er läuft auch immer freudig wuffend und hüpfend auf andere Fellgenossen zu. Doch dafür kassiert sie als Halterin immer öfter Schelte …

Was ist nur geschehen? Warum haben seit einiger Zeit „Tut-nix-Hunde“ so ein schlechtes Image? Warum wird der Begriff schon abwertend verwendet? Irgendwie erinnert mich diese Umdeutung an die von AfD und Pegida beim Wort „Gutmensch“. So wie dieser, gilt „Tutnix“ fast schon als Schimpfwort – zumindest unter den „Hunde-Trumpisten“.

Nur damit wir uns richtig verstehen: Ich meine hier die „Tutnixe“ im wahrsten Sinne des Wortes: also gut sozialisierte Hunde. Und für die ist es völlig normal, dass sie den Kontakt zu Artgenossen suchen. Ja mehr noch, in jedem Fachbuch wird dies sogar für eine gesunde Entwicklung empfohlen – auch wenn wir Menschen erstaunlicherweise die primäre Bezugsperson für unsere ­Canidenfreunde sind.

Und nun sind sie „die Bösen“? Sollen gefälligst an der Leine bleiben? Also ich bin ja sehr für Rücksichtnahme – ist immer wieder ein Thema in unserem Blog. Aber irgendwie erscheint es mir auch unlogisch, dass sich die ­„normalen“ Hunde an die – nennen wir sie mal „weniger normalen“ – anpassen. Wir Menschen kommen doch auch nicht auf die Idee, uns an die weniger sozialisierten Menschen anzupassen. Im Gegenteil, wir versuchen ihnen mit Therapien zu helfen.

Die logische Konsequenz ist dann diese: wenn die „Tutnixe“ sich nicht ausleben können, werden sie sich auch weniger gut sozialisiert entwickeln. Das Problem gewinnt dadurch also nur an Breite. Damit wäre jedoch niemandem gedient (außer vielleicht Hundeschulen, in ­denen dann die Probleme mit der ein oder anderen Methode wegtrainiert werden sollen) und wir nehmen uns damit eine große Freude: spielenden Hunden zusehen.

Wie schon gesagt (man kann es auch nicht oft genug wiederholen): Halter sollten Rücksicht nehmen! Denn es gibt in der Tat Hunde, die keinen Kontakt wollen. Das kann die unterschiedlichsten Gründe haben: schlechte Erfahrungen, Krankheit, Alter etc. Allerdings sollten sich Halter da vielleicht auch fragen, inwiefern der Hund sie nur widerspiegelt. Zumal neuere Studien nahelegen, dass die Persönlichkeitsmerkmale von Haltern wesentlich stärkeren Einfluss auf den Hund haben als bisher von vielen angenommen. Statt also andere abzuwerten, täte vielleicht ein wenig Selbstreflexion gut – schon dem eigenen Hund zuliebe.

Wir – also mein kleiner Doggen-Wookiee Rico und ich – freuen uns jedenfalls immer, wenn wir solche „Tutnixe“ treffen – also die echten jetzt. Mein Döggelchen hat im Idealfall einen neuen Spiel- und Schnüffelkameraden und ich genieße einfach den Anblick der fröhlich rumtobenden und rennenden Hunde. Ist es doch mit einer der ­Hauptgründe für unsere Gassirunde. Angesichts des schlechten TV-Programms meiner Meinung nach auf jeden Fall immer die bessere Alternative. Und wenn ich so die verzückten Gesichter anderer Halter nicht völlig fehlinterpretiere, erfreuen sie sich ebenso daran wie ich. Also liebe „Tutnixe“, tut bitte weiter das, was ihr bisher gemacht habt: eben ganz normale Kontaktaufnahme zu Artgenossen. Und wenn die Halter – egal ob von ­„Tutnixen“ oder nicht – gegenseitig Rücksicht nehmen, dürfte das Ganze auch echt kein Problem sein. Aber vielleicht ist es das ja: Eventuell brauchen wir Menschen ein Problem – einfach als Beschäftigungstherapie. Und wenn wir keines haben, suchen wir uns eben eines – die Einen die „Gutmenschen“, die Anderen eben die „Tutnixe“.

Pdf zu diesem Artikel: gassireport_05_2017

 

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Maximilian Pisacane
GASSIREPORT – http://gassireport.blogspot.de Hier berichten Maximilian Pisacane und Doggen-Mix Rico mal aus ­Hunde-, mal aus Menschensicht von ihren kleinen und großen Abenteuern und vom gemeinsamen bunten Zusammen­­leben. Der Publizist und Medienprofi Maximilian schreibt für diverse Me­dien und berät u.a. Hundeunternehmen in ihrer Kommunikation und Strategie (www.maximilian-pisacane.com). Seit 2013 ist er Herausgeber des sehr erfolgreichen Hundeblogs GASSI­REPORT, mit eigener Facebook-­Seite, Google+, Twitter, Pinterest und ­Instagram, sowie Youtube-Kanal. Und der charmant coole Rico war schon in diversen Medien, spielte sogar bei einem Werbespot mit und hatte auch schon TV-und Messe-Auftritte – nicht schlecht für einen Hund aus dem Tierheim mit schwierigem Start ins Leben!

2 Kommentare

  1. Ich bin schwer begeistert von diesem Artikel. Ich habe über 30 Jahre Hunde und ich habe noch nie den Kontakt mit anderen Hunden gescheut bzw. freuen sich meine Hunde sehr über neue Spielgefährten. Ich kann es schon nicht
    mehr hören und vor allem sehen und es wird meiner Meinung nach immer schlimmer wie die meisten Hundebesitzer ihre Hunde isolieren und abschotten und mich anpöbeln weil meine Hunde fast immer frei laufen. Aber solange sogenannte Hundetrainer die Leute anweisen die Strassenseite zu wechseln statt Begegnung zuzulassen (auch ein Kriterium beim sogenannten Hundeführschein) und erstaunlicherweise Leute sich Hunde zulegen, die eigentlich Angst vor diesen haben wird sich die Lage nur verschlimmern und wir Hundebesitzer, die alle Hunde wirklich mögen bzw dieses auch auf die eigenen Hunde übertragen werden immer mehr zur Minderheit . Meiner Meinung auch ein Problem weil viele die Hunde nur mehr vermenschlichen statt deren Bedürfnisse anzuerkennen (in meinem Wohnort sind die meisten Hunde nur im Garten bzw. werde 2x 10 Minuten ausgeführt) und keiner versteht, dass Hunde sich auch austoben müssen statt an einer kurzen Leine geführt zu werden und vor allem Kontakt zu anderen Hunden und auch Menschen brauchen.

  2. Ja, sehr traurig. Ich freue mich immer schon, wenn ich aus der Ferne einen unangeleinten Hund sehe. Leider werden die dann angeleint, wenn meine beiden gesichtet werden. Dabei sind meine 2 zwar groß, aber doch sehr gemütlich und beide sehr sozial. Es war richtiggehend schwer, für meine heranwachsende Hündin Spielkameraden zu finden, damit sie sich sozialkompetent entwickeln kann. An der Leine ist sie noch etwas rüpelig. Das sieht dann immer so aus, als wäre sie zurecht angeleint und die anderen Halter hätten ihrem Hund einen Gefallen getan. Dabei wäre die Begegnung völlig anders verlaufen, wenn beide Hunde frei gelaufen wären. Es ist immer von Anstand und Rücksichtnahme die Rede, den eigenen Hund auch anzuleinen, wenn ein angeleinter Hund entgegenkommt. Das mag ja sein, wenn es tatsächlich problematische Hunde sind. Aber ehrlich, 90 % der, besonders an einer Flexileine laufenden Hunde, sind nicht problematisch, die Halter sind nur zu ängstlich und/oder zu faul, sich mehr mit Hunden auseinanderzusetzen und ihren eigenen Hunden auch mal was zuzutrauen. Wenn ich schon höre: „Meine knurrt andere gerne mal an und ich hab dann angst, dass die sich rächen.“ Der Hund kommuniziert, dass ihm was nicht paßt. Dann gehen meine wieder, fertig. Die lassen sich von jedem Handtuchverteidigendem Dackel am Strand verscheuchen. Das sind nämlich Hunde und keine Menschen.