Kind & Hund

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Mit trauriger Regelmäßigkeit wird von dem „ach so friedlichen" Hund berichtet, der plötzlich und „total überraschend" das Kind angegriffen und verletzt habe. Sieht man sich diese Fälle genauer an und versucht, die Geschehnisse zu rekonstruieren, steht seitens der Eltern meist ausschließlich das Hundeverhalten im Zentrum der Diskussion.
Ein Beispiel aus der Praxis: Ich ging mit meinem Rüden Pablo (angeleint) spazieren, als uns ein kleines Kind von ca. 4 Jahren freudig erregt entgegenlief und Pablo streicheln wollte. 30 Meter hinter dem Kind befand sich die Mutter. Versuchen wir zunächst die Situation aus Pablos Sicht zu verstehen: Ein etwas größeres Lebewesen kommt auf ihn zu, rudert mit den Armen und zeigt die Zähne. Also muss es abgewehrt werden. Erstes Mittel: Blickkontakt aufnehmen, dann versteifen und sich „groß" machen; es kommt immer noch näher – als nächst höheres Signal: Knurren!

Aus der Sicht des Kindes sieht die Sache so aus: Fein, ein Hund (Kind lacht und zeigt dabei die Zähne)! Kind freut sich und läuft auf den Hund zu, um ihn zu streicheln …

Ich fing das Kind ab und erklärte ihm, wie es besser auf Pablo zugehen sollte, um ihn dann streicheln zu können. Das Kind war sehr interessiert und verständig. Als dann die Mutter bei uns war, sprach ich auch sie an. Die Antwort der Mutter: „Dann halten Sie ihren Hund fest, und wenn er gefährlich ist, muss er halt eingeschläfert werden …

"Ein Einzelfall? Mit Sicherheit nein! Wo liegt dann das Problem? Erwarten wir von den Hunden zu viel? Dürfen Kinder alles? Haben Eltern manchmal eventuell eine etwas diffizile Art der Erziehung, oder kritisieren wir Hundehalter fälschlicherweise das Elternverhalten? Korrigieren wir vielleicht zu wenig das Verhalten unserer Hunde?

Kind und Hund im trauten Heim
Tatsache ist: Die meisten Vorkommnisse gibt es im häuslichen Bereich und hier in der Konstellation, in der Hund und Kind sich kennen. Im Folgenden geht es speziell um diese konkrete Situation. Unberührt davon sind Situationen im Außenbereich, in welchem Hunde (auch ihnen unbekannten) Kindern Verletzungen zufügen. Hierbei kann es sich um umadressiertes Beuteverhalten, aber auch, wie im oben beschriebenen Fall, um die falsche Art der Annäherung handeln. Außerdem ist auch das Hundeverhalten eine nur schwer kalkulierbare Variable.

Beispiel 1: Das Kind spielt im Wohnzimmer, der Hund geht zum Kind und nimmt diesem das Spielzeug weg. Als das Kind nach dem Spielzeug greift, knurrt der Hund …

Beispiel 2: Das Kind spielt im Wohnzimmer, als die Mutter das Kind ruft, reagiert es nicht. Der Hund stupst das Kind an, immer noch keine Reaktion. – Da knurrt der Hund das Kind an …

Beispiel 3: Das Kind spielt mit dem Hund, kneift ihm in den Schwanz, piekst in die Augen und turnt auf dem Rücken des Tieres – der Hund geht weg, das Kind hinterher. Der Hund fixiert das Kind, das Kind macht weiter. Der Hund versteift sich, das Kind „spielt" weiter mit dem Hund. Jetzt knurrt der Hund das Kind an …

Drei Beispiele aus der Praxis. Alle Hunde wurden vorgestellt, weil sie ein Kind der Familie angeknurrt hatten. In einem der Fälle kam es zu einem Beschädigungsbeißen gegen das Kind. Die Bissmarken lagen rechts und links von der Nase auf den Wangen. Ich erwähne die Anordnung der Bissmarken ganz bewusst. Der Bereich Gesicht/Kopf ist der mit am häufigsten betroffene Teil bei Bissverletzungen von Kindern. Warum? Der Grund ist relativ simpel. Kinder erkunden ihre Welt häufig mit dem Kopf voran, also ist der Kopf das erste erreichbare Ziel des Hundes.

Unterschiedliche Lösungsansätze
Zurück zu den Beispielen: Im ersten Fall ist eine dringende Verhaltensänderung des Hundes erforderlich, da der Hund eine Verhaltenskontrolle (Wegnahme des Spielzeugs, Durchsetzen der eigenen Interessen) über das Kind ausübt. Diese Verhaltensänderung kann herbeigeführt werden durch z.B. „Rituale" (festgelegte Zeiten, in denen sich nur mit dem Hund beschäftigt wird, zum Beispiel ein Spaziergang mit anschließender Fellpflege, das entspricht dem sog. „grooming" und ist Bestandteil des hündischen Soziallebens), verbunden mit der konsequenten – nicht harten – Durchsetzung von Grenzen (Lass das Kind in Ruhe spielen!). Wichtig ist dabei, dem Hund zu vermitteln: Das Kind gehört genau wie du zur Familie, aber wir entscheiden, wer mit wem wann spielt etc.

Beispiel 2: Auch in diesem Fall muss mit dem Hund gearbeitet werden. Der Hund „unterstützt" aus seiner Sicht die Mutter. Das Kind hört nicht, die Mutter reagiert nicht sofort – also unterstützt der Hund die Mutter und „übernimmt" Erziehungsaufgaben … ähnlich dem Verhalten von Border Collies oder Australian Shepherds beim Schafe Hüten. Hierbei kann der Hund anderweitig beschäftigt werden, z.B. Hüten eines Stofftieres ohne Verteidigung gegen andere Familienmitglieder. Alternativ kann der Hund auch über Kopfarbeit ausgelastet und beschäftigt werden. Tolle Anregungen zur Kopfarbeit gibt es im Internet oder im Buchhandel (siehe auch Spiele-Serie in WUFF 2 bis 12/2004 von Christina Sondermann).

Beispiel 3: Hier ist dringend Arbeit mit dem Kind angesagt. Ein Hund ist kein Spielzeug! Er ist eine eigene Persönlichkeit, die mit Respekt behandelt werden muss. Kindern etwas zu vermitteln kann schwierig sein. Hier muss immer eine zum Alter passende Möglichkeit der Einflussnahme erfolgen. Von einem Baby kann man einfach nicht erwarten, dass es weiß, was es heißt, wenn man sagt: „Lass den Hund in Ruhe." In diesem Fall heißt die Devise: „Nur unter konstanter Aufsicht zusammen lassen." Wenn Hunde Kindern Grenzen setzen, handeln sie nicht nach menschlichen Maßstäben. Sie setzen ihre Mittel (Zähne) instinktiv ein.

Bei älteren Kindern (ab 3–4 Jahren) haben Zeichenspiele oft eine positive Wirkung. Im Beisein von Erwachsenen sollten die Kinder mal eine Hundepfote und danach ihre Hand zeichnen. Anschließend vergleicht man die Bilder. Motto: Schau mal, der Hund hat genau wie du 5 Finger etc.. (Hinweis an das Kind: Der Hund hat zwar auch 5 Finger, setzt aber zum Greifen auch seine Zähne ein.) Das weckt Verständnis.

Knurren als wichtiges Signal!
In diesem Zusammenhang möchte ich auf drei Umstände hinweisen:

1. Hunde befolgen zwar manchmal Befehle von Kindern. Deswegen muss das Kind für den Hund aber nicht automatisch rangmäßig über ihm stehen. Geht jetzt ein Kind mit dem Hund Gassi, setzt der Hund vielleicht Befehle des Kindes grundsätzlich um. Ausnahmen bestätigen aber die Regel. Möchte ein Hund seine eigenen „Ideen" (läufige Hündinnen beglücken bzw. einen schicken Rüden bezirzen, andere Hunde begrüßen und spielen etc.) umsetzen, geht er einfach los und zieht das Kind mit. Ein Hund kann bis zum Achtfachen seines Körpergewichtes ziehen!

2. Knurren ist ein akustischer Teil der Kommunikation und geht immer mit anderen – visuell erkennbaren – Signalen (Mimik/Körpersprache) einher. Diese Signale müssen immer beachtet werden, wenn Hundeverhalten beurteilt wird. Dies kann bei Hunden mit dichtem und/oder langem Fell schwieriger sein. Umso mehr ist der Besitzer zum genauen Hinschauen aufgefordert.

Situationsbeschreibung:
Hund und Kind befinden sich in einem Raum. Entweder befasst sich die Aufsichtsperson mit etwas anderem als den beiden, oder sie ist gar nicht im Raum. Das Kind setzt dem Hund zu, der wiederum zeigt sämtliche Signale – und kommuniziert ins Leere. Denn die Aufsichtsperson sieht es nicht und das Kind versteht es nicht. Erst als der Hund knurrt, wird die Aufsichtsperson aufmerksam (wenn sie es hört!). Knurren ist unter Umständen das letzte Signal, bevor es zu Verletzungen kommt.

3. Häufig wird der Hund massiv bestraft, wenn er ein Kind anknurrt. Das ist aber kontraproduktiv. Der Hund wird das Kind vielleicht beim nächsten Mal nicht mehr anknurren, was aber nicht bedeutet, dass er das Verhalten des Kindes auch in Ordnung findet. Das wäre so, als ob Sie Zahnschmerzen haben, dies aber nicht sagen dürfen. (Und Zahnschmerzen können echt nerven …) Wobei es nicht um das Schmerzgefühl per se geht, sondern darum, dass dies bei Mensch und Hund gleichermaßen die Toleranzgrenze sinken lässt.

Den „kinderlieben" Hund gibt es nicht
Ein weiterer wichtiger Umstand: Das Aufeinanderfolgen von Signalen zur Verhaltensbeeinflussung des Gegenübers (in diesem Fall des Kindes) erfolgt je nach Hund mehr oder weniger ausgeprägt und in unterschiedlicher zeitlicher Abfolge. So können die Signale auch sehr schnell aufeinander folgen. Zeigt ein Hund Kindern gegenüber ein stark unterdrücktes oder zurückhaltendes Verhalten, wird er schnell als „kinderlieb" bezeichnet. Mittlerweile findet man sogar unter dem Suchbegriff „kinderliebe Hunde" im Internet Rasseportraits oder Anschriften von Züchtern. Dabei gibt es grundsätzlich keine kinderlieben Züchtungen. Kinderliebes Verhalten eines Tieres ist eine Kombination aus erlerntem Verhalten und Erfahrungen, welche das Tier selbst macht, aber auch vorgelebt bekommt, und es wird ebenfalls durch Selektionszucht beeinflusst. Zusätzlich kommt aber auch hier die Individualität des Tieres zum Tragen.

In dem Diagramm wird deutlich, wie wichtig es ist, die Signale (auch Knurren) zu beachten und keinesfalls zu ignorieren oder gar zu unterdrücken. Der Aussage „Der Hund ist kinderlieb" ist immer mit Vorsicht zu begegnen. Egal, ob es sich dabei um eine Pauschalisierung einer Rasse, einer Zuchtlinie oder um ein Individuum handelt. Diese Aussage suggeriert, dass Hunde Kinder als Kinder erkennen. Das heißt, den Begriff „Kind" kennen, nach menschlichen Maßstäben bewerten und ihren Umgang darauf abstimmen würden.

Knurren beachten, aber nicht unterdrücken oder bestrafen!
Hunde sind Rudeltiere, integrieren sich, bzw. lassen sich in den menschlichen Hausverbund integrieren – bleiben aber Hunde mit eigenen Bedürfnissen und einer eigenen Art sich zu äußern. Als „kinderlieb" beschriebenen Rassen wird häufig eine sehr hohe Reizschwelle bzw. große Toleranz nachgesagt. Ein Hund, der nicht knurrt, wenn ihm ein Kind den Finger ins Auge steckt, hat entweder gelernt, Schmerz in Verbindung mit Kindern erdulden zu müssen (Angst vor Bestrafung), oder er toleriert das Fehlverhalten des Kindes, da er seinen Familienanschluss nicht verlieren möchte – was er befürchtet, wenn er sich wehrt. Was wiederum für ein (freiwillig?) nicht sehr autarkes und selbstsicheres Tier spricht. Zusätzlich entsteht dadurch aber auch die Gefahr, dass der so friedliche Hund irgendwann mal richtig „ausrastet", wenn das Leidenspotenzial erschöpft ist und er einfach nichts mehr erdulden kann. Diese Hunde werden dann häufig euthanasiert mit der Begründung: „Der Hund war doch immer so lieb und hat nun plötzlich angegriffen, ist also ab sofort unberechenbar …"

Ein Tier hingegen, das gelernt hat, dass sowohl seine Signale verstanden werden, als auch diese Signale gezielt einzusetzen, ist wesentlich seltener „plötzlich und unerwartet" auffällig! Deshalb: Wenn in einem Haushalt Kinder und Hunde leben, kann das absolut gut und wichtig für die Entwicklung der Kinder sein, wie uns Psychologen sagen. Kinder lernen sehr viel von Hunden und über sie. Gerade im Umgang mit Verantwortung und Disziplin, aber auch mit Erfahrungen wie Zuneigung und Umgang mit anderen zwei- und vierbeinigen Lebewesen, kann der Hund eine Bereicherung für das Kind sein. ABER: Hund und Kind nie ohne Aufsicht alleine lassen! Sensibel den Umgang zwischen Hund und Kind beobachten und schon bei kleinen Anzeichen von negativem Stress des Hundes adäquat reagieren. In der Grafik (s. oben) sieht man, wie wichtig es ist, hundliche Signale zu beobachten, um Verletzungen auf Seiten des Kindes und Leiden auf Seiten des Hundes zu vermeiden.

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ist ausgebildeter Tierpsychologe (IK), Verhaltensbeurteiler und Fachautor mit Sitz in Düsseldorf. Die fachliche Orientierung hat den Schwerpunkt auf der Psychologie & Neurologie des Hundes mit dem Hauptaugenmerk auf kommunikative Signale.
  • Kontakt: www.hundesprache.net
  • Aktuelles Buch: „Mensch-Hund-Psychologie“

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