Rotti Lotte – Mein Hauptgewinn! – WUFF-Leserporträt: Auf den Hund gekommen …

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„Rottweiler sind anders“! Dieser festen Meinung ist die langjährige WUFF-Leserin Irmgard ­Töpelmann, seit sie ein Hundeleben lang mit einem Rottweiler verbracht hat. Genau genommen mit einer Rotti-Hündin namens Lotte. Mit ihren unwiderstehlichen treuherzigen Knopfaugen hat sie jeden um die Pfote gewickelt. Eine Hündin, die offen auf jeden ­Menschen zugegangen ist und ­sämtliche Vorurteile im Keim erstickt hat.

Nichts ahnend kam ich im ­Januar 2002 von der Arbeit nach Hause. Von weitem sah ich meinen Mann im Vorgarten. Stolz hielt er einen Hund im Arm. „Ein Dackel“, dachte ich! Nein, bloß keinen Dackel, denn ich wollte mich nicht zum Streicheln bücken. Näherkommend erblickte ich einen Rotti-Welpen mit unwiderstehlichen treuherzigen Knopfaugen. Das war der Richtige. Mein Mann hatte einen Steckbrief von diesem Welpen entdeckt und den rudellosen Rotti sofort in sein Herz geschlossen. Genauso ging es mir. Mein erster Hund war Liebe auf den ersten Blick. Lotte, wie wir sie nannten, wurde als Flaschenkind aufgezogen und war von 10 Welpen übriggeblieben. Anfangs wunderten sich unsere drei Stubentiger über ­diese neue „komische Katze“, nahmen sie aber problemlos in ihr Rudel auf, da sich Lotte friedlich einordnete.

Von nun an wurden wir sehr aktiv. Gassi-Gehen und ab in die Welpen-Schule, um den kleinen Racker in Schach zu halten. Dort tobte sich die anfangs schüchterne, aber flotte Lotte richtig aus. Da war immer was los, besonders wenn sie auftauchte. Einmal buddelte ein Boxer ein ­großes Loch und legte sich hinein. Lotte setzte sich zur Krönung obendrauf und hatte Mühe, das Gleichgewicht auf dem unter ihr zappelnden Boxer zu halten. Wir lachten viel und es machte Spaß mit ihr zu lernen. Mein Mann lehrte sie, sich anständig in ­Restaurants zu benehmen, und mit mir lernte sie zu reisen. Im Regionalzug Metronom wurden wir immer freundlich behandelt und freuten uns, mit meiner Mutter bei jedem Hafenfest mit Pappboot-Rennen in ­Neuhaus/Oste dabei zu sein. „Das ist die Lotti und die ist ganz lieb“, sagte meine Mutter stolz zu ihren ­Bekannten. Wir genossen die gute Stimmung und Lotte als Entertainerin die vielen Streicheleinheiten von den Besuchern. Verhalfen ihr doch Kunststückchen wie Winke-Winke, Rolle etc. mit dem damit verbundenen Augenaufschlag zu jeder Menge ­Gratis-Würstchen. Auch zu Hause hatte sie einen hohen Unterhaltungswert, wenn auch etwas anderer Art. Nachdem sie einige Schuhe zerlegt hatte, widmete sie sich meinem Fotoapparat, der nach ihrer tierischen Inspektion den Geist aufgab. Welpen-Bilder hatten sich damit erledigt. Dafür wurde „Leben-Retten“ ihr Job.

Tierschutzteam
Da ich schon vorher kranke Igel gesundpflegte, um sie wieder aus­zuwildern, half ich mit Lotte ein Gebiet nach Igeln abzusuchen. Wir fanden aber keine an dem Tag. So brachte ich Lotte bei, kranke Igel anzuzeigen. Sie lernte schnell und freute sich sehr, wenn ich Igel mit nach Hause nahm. Dank Lottes Fleiß und Arbeitseifer gingen mir bald die Namen für die hilfsbedürftigen Igel aus. Lotto, Toto, Hinkelstein oder Willi Winzig sind mir immerhin noch eingefallen. Einmal setzte sie sich hin, um mir einen Igel zu zeigen. Ich hob ihn hoch, fand aber nichts. Doch sie wollte unbedingt, dass ich ihn mitnahm. Zu Hause sah ich, dass er einen großen Riss am Bauch hatte. Lange musste der Igel tierärztlich versorgt und gepflegt werden, bevor er fit für die Freiheit war. Als eingespieltes Tierschutzteam verstanden wir uns ohne Worte. Zusammen mit Lotte Leben zu retten machte mich sehr glücklich.

Kinderfreund und Katzenversteher
Lotte fing an, auch Igel auf der ­Terrasse zu melden, indem sie mich anschaute und zur Terrassentür ging. Eines Tages entdeckte sie ein alleine an unserem Teich spielendes kleines Kind. Durch Nachfragen in der Nachbarschaft fand ich schnell die Mutter. Das Mädchen wurde Lottes beste Freundin und begleitete uns oft beim Gassigehen. Andere Nachbarskinder gesellten sich dazu. Ich kaufte Lotte ein Halsband beschriftet mit: „Ich bin ein Kinderhund“, denn sie liebte Kinder sehr und freute sich riesig über Fußbälle, die sie von ihnen geschenkt bekam. Für meinen Mann war es ein schönes Erlebnis, wenn er in einer Hochhaussiedlung an einer Wiese vorbeikam, auf der Kinder spielten, die Lotte streicheln wollten. Als es mehr Kinder wurden, stellten sie sich in einer Reihe auf, streichelten Lotte, während die Mütter aus dem Fenster winkten. Auch die Katzen fühlten sich mit Lotte immer wohler. Kater Tarzan begleitete uns morgens beim Gassi­gehen und hopste vor Freude nebenher. Mutig meisterte er ein Foto-shooting mit Debra Bardowicks für das Buch „Lieblingshunde“, weil seine Lotte dabei war. Der schüchterne Kater Teddy blühte auf, als ich ein orthopädisches Hundebett kaufte, worin er gerne mit Lotte lag. Schön war zu beobachten, wie Lottes Freundschaft zu den Katzen mit den Jahren intensiver wurde. Tarzan fing an mit ihr zu spielen. Manchmal stellte er sich aufrecht hin, um sie zu umarmen und zu küssen. Auch Kater Teddy wollte von ihr Küsschen und fing an mit ihr auf „seine Art“ zu „reden“. Dabei wurde er immer selbstbewusster. Er hielt Lotte sein Köpfchen hin. Gerne schleckte sie ihn ab. Beim Tierarzt war sie sehr besorgt und jaulte, wenn dort kranke Katzen waren. Nur das Mäusefangen ließ sie sich von unserer „Killerkatze“ Luzifer nicht beibringen.

Wir finden unseren eigenen Weg
Als Lotte größer wurde, verließen wir die Hundeschule und trainierten im Rottweiler-Verein. Dass sie aber dort nach kurzen Trainingseinheiten immer wieder ins Auto gesperrt werden musste, verstanden weder sie noch wir. Weil sie Fortschritte machte, schlug man uns eine Schutzhunde­ausbildung vor. Nicht unsere Welt! Wir beendeten das Training und bildeten sie alleine weiter aus. Lotte passte sowieso auf uns auf. An einem Abend fing sie an laut zu bellen und beruhigte sich nicht. „Alles gut“, sagten wir. Nichts war gut, denn am nächsten Tag war mein Fahrrad vor der Haustür weg. Lotte bellte zum Glück sehr selten. Aber wenn sie bellte, gingen wir von da an der Ursache nach. Beim Spaziergang mit angeleinter ­Lotte sprach mich ein Handwerker an. ­„Rottis können viel lernen, auch ohne Leine“, sagte er mir und zeigte dabei auf seine Uhr, wo sein eigener Rottweiler abgebildet war. Mein Ehrgeiz war geweckt, sie so zu erziehen, dass sie alles bisher Erlernte und noch mehr auch leinenlos konnte. „Filmkatzen auszubilden ist bestimmt schwieriger als einen Hund zu trainieren“, sagte ich mir. Mit Konsequenz und viel Lob lernte sie, gehorsam ohne Leine zu folgen. Im Restaurant sowie in unserem nicht eingezäunten Garten blieb sie brav unangeleint sitzen. Auf sie war Verlass. Dies kam uns Jahre später zugute, als am 01. April 2006 das Hamburger Hundegesetz auch Rottweiler heimsuchte und zu Listenhunden (Kat. III) machte. Ein Aprilscherz? Leider nein! Kaum, dass ich Lotte im Hunderegister angemeldet hatte, wurde ich schriftlich belehrt, einen „gefährlichen Hund“ zu haben. So schnell hatte ich die Hamburger Behörde bis dato noch nie erlebt. Mit dem Bestehen des Wesenstestes und der Gehorsams­prüfung zur Leinenbefreiung erledigte sich das Thema zum Glück. Dabei half mir auch das Lesen der WUFF, wo ich als Ersthunde­besitzerin viel über ­Hunde erfahren habe, um sie gut führen und verstehen zu können. Durch den Artikel: „Wenn Rottis tanzen“ (WUFF 11/04) wurde ich auf diese lehrreiche Zeitschrift aufmerksam und lese sie bis heute mit Begeisterung. Dass sich die Redaktion von Anfang an gegen die Rasselisten engagiert hat, schätze ich besonders.

Schöne Zeit
Da wir Lotte mit viel Liebe ausgebildet haben, war sie sehr menschen­bezogen. Ich weiß, so einen Seelenhund bekomme ich nie wieder. Die Vielseitigkeit und der Arbeitswille eines Rottweilers haben mich faszi­niert. So konnte Lotte auch als Filmhund bei den „Pfefferkörnern“, „Der Dicke“ etc. eingesetzt werden. Obwohl sie eifrig ihr Bestes gab, buchte man uns leider wegen Rassenvorurteilen wenig. In Hamburg sprach sich von politischer Seite einzig und allein Herr Dr. Wieland Schinnen­burg, als Vertreter der FDP, strikt gegen die Rasseliste aus. Ansonsten ist konsequenter Einsatz gegen die Rasseliste hier kaum zu finden. Doch wir ließen uns nicht unterkriegen und genossen gemeinsam zwei schöne Urlaube in Schweden, dem Land ohne Rasseliste und der vielen Seen. Das Toben im Wasser gefiel Badenixe Lotte ­besonders.

Zu Hause gab es mich draußen nur „im Doppelpack“. Ich erinnere mich an sehr schöne Erlebnisse. An den unbekannten Müllmann, der von ­seinem Wagen abstieg, zu uns lief, um Lotte zu streicheln, und sich so ­freute. Auch an eine ältere Dame in der S-Bahn, die von Lotte angehimmelt wurde, daraufhin ihre Tasche öffnete und ihr frisch gekauften Aufschnitt schenkte. Lotte begegnete allen vertrauensvoll und freundlich, dem Postboten genauso wie dem Tierarzt. Trotz häufiger Krankheiten war ihre Lebensfreude ansteckend. Wenn sie einen begrüßte, wackelte der ganze Hund vor Freude. Verspielt bis ins hohe Alter erfreute sie Kinder und ältere Menschen mit Kunststückchen. Wir haben Lotte als zuverlässig und äußerst wesensfest erlebt. Weder ein vollbesetzter Schulbus noch eine Schlange, die ihr während einer Messe auf den Kopf fiel, konnte sie aus der Ruhe bringen.

Leider verschwand Lotte aus ­unserem Leben so überraschend, wie sie gekommen war. Trotz zahlreicher Tierarztbesuche blieb ein Lebertumor unentdeckt. Plötzlich nach 11 Jahren, für die wir unendlich dankbar sind. Rottweiler können uns viel Freude schenken, wenn wir sie lassen, ihren Bedürfnissen nachkommen und ihre Talente fördern. Besonders, wenn wir ihnen vermitteln, was wir selbst vor­leben: Respekt und liebevollen Umgang mit anderen Lebewesen. Bis die Zeit für einen neuen Herzens­brecher gekommen ist, lernen unsere „Sibirischen Taiga-Tiger“ Ivory und Johnny Walker schon mal „Fremdsprachen“ vom hundeerfahrenen Kater Tarzan. „Die Lotte, die hättet ihr auch geliebt“, würde er ihnen sagen.

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