Rückruf-Training

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Notfallsrückruf, Jackpot­belohnung und Futterparty

Die Kolumne zum Thema ­„Alltags­probleme mit dem Hund“.  WUFF-­Autorin Yvonne Adler, Tier­psychologin, akademisch ­geprüfte Kynologin und  Hunde­trainerin,­­ ­beantwortet Ihre Fragen. Schicken Sie uns Ihr Alltagsproblem mit Ihrem Hund, kurz formuliert und mit 1 bis 2 Bildern. In dieser Ausgabe geht es um das Thema sicheres Abrufen.

Liebe Frau Adler!
Mein Portugiesischer Wasserhund ist drei Jahre alt und wir haben viel mit ihm ­trainiert. Egon ist auch ganz ­wissbegierig und sehr folgsam. Da er im Freilauf draußen kaum zu bändigen ist, haben wir ­einen Notfallsrückruf antrainiert, wo Egon eine Jackpotbelohnung ­bekommt bzw. eine Futterparty. Dies klappt ­eigentlich perfekt, doch leider folgt er nun auf einen normalen Abruf nicht mehr, sondern wartet immer auf Entfernung, bis ich den Notfallsrückruf mit „Leckerli“ sage, und erst dann kommt er. Egal, wie laut ich rufe oder wie viel. Ich hoffe, Sie können uns helfen!
Liebe Grüße, Susanne Süß

Antwort von Yvonne Adler:
Liebe Frau Süß!
Unsere Hunde lernen auf verschiedenste Arten. Unter anderem sind sie sehr schlau darin, Dinge schnell zu erfassen, die sich aus Hundesicht besonders für sie lohnen. Daher ist es auch nicht verwunderlich, dass Egon abwartet und nur mehr bei dem Rückruf kommt, bei dem es besonders gutes Futter gibt.

Unter einer Jackpot-Belohnung versteht man, dass der Hund entweder vom heiß geliebten üblichen Leckerchen mehr bekommt, etwa eine Handvoll, oder dass er etwas ganz besonders Gutes, das er als besonderen Leckerbissen empfindet, erhält. Es gibt auch Hunde, die einen Ball und das damit auszulebende Jagdverhalten als Jackpot verstehen. Wenn man mit verschiedenen Belohnungen arbeitet, dann ist es wichtig, die Lerntheorien der Hunde zu kennen und diese im Training auch richtig einzusetzen.

Lassen Sie mich dies verdeutlichen: Immer dann, wenn Sie den normalen Rückruf anwenden und Egon nicht kommt, macht er eigentlich einen ­„Fehler“. Wenn Sie nun den „Fehler“ über Ihren Notfallsrückruf „Leckerli“ korrigieren und Egon dann kommt – und Sie auch noch Jackpot geben – dann lernt Ihr Hund, den Fehler in Kauf zu nehmen, da danach ­etwas viel Besseres und Tolleres aus seiner Hundesicht folgt. Ihr Hund lernt also den Ablauf (Fehler) mit! Immer dann, wenn ein Hund den gleichen Fehler ­immer wieder macht, sollten wir Menschen uns fragen, wie wir die Übungs­gestaltung verändern könnten, sodass der Hund direkt zum Erfolg kommen kann und sich nach­haltig das Training zum gewünschten Ziel ent­wickelt.

Sie haben nun mehrere Adaptions­möglichkeiten:
1.) Sie üben mit Ihrem Hund den ­normalen Rückruf in unterschied­lichem Schwierigkeits- sowie Ablenkungsgrad und variieren hier Ihre Bestärkung /Belohnung, ohne dass Egon Sie durchschauen kann, welche Belohnung für ihn folgt. Für einen ganz tollen Rückruf gibt es auch bei diesem ­Kommando eine ­Jackpot-Belohnung. Aber nur dann, wenn Egon es sich auch wirklich verdient hat und es eine besonders gute Leistung war.
2.) Sie rufen Egon gleich mit Ihrem Notfallsrückruf und verhindern so über Ihr Management, dass eine (für Sie) unerwünschte Verhaltenskette weiterbesteht und Egon einen Fehler in Kauf nimmt, der darin besteht, den normalen Rückruf zu ignorieren und auf den Notfallsrückruf zu warten, um zum Jackpot zu kommen.
3.) In Ihrem Fall würde ich den ­bestens funktionierenden Notfallsrückruf nicht verschlechtern, indem Sie Egon dafür keine Jackpot-Belohnung oder Futter­party mehr geben. Denn gerade die Erwartungshaltung von Egon auf den Jackpot lässt diesen Rückruf so gut funktionieren.

Es muss sich für Egon immer ­„lohnen“, zu kommen! Deshalb sollten Sie sich für Ihren Hund interessant ­machen und in der Bestätigungs- bzw. ­Belohnungsform auch mal variieren. Ein lustiges Rennspiel zwischen Ihnen und Egon kann auch Spaß bereiten und er dieses total lustig finden. Außerdem verstehen Hunde eine echte und ehrlich ge­meinte soziale Anerkennung mittels eines Lobes sehr gut, und dies ist auch immer mal wieder eine gute Ver­stärkungsform.

Bitte beachten Sie aber unbedingt bei ­Ihrem Notfallsrückruf, dass Sie Egon eine Erwartungshaltung auf Jackpot „miteintrainiert“ haben. Daher kann Ihr Hund bei Ausbleiben des Jackpots aufgrund der erhöhten Erwartungshaltung und Aufregung auch hohen Frust empfinden und Ihnen diesen anschließend auch auf Hundeweise mitteilen. Ich persönlich begrüße gut funktionierende und richtig aufgebaute Rückrufformen sehr, da dies dem Hundehalter Sicherheit gibt und ein Hund, der gut abrufbar ist, einfach mehr Freiheiten genießen kann. Auch wenn man immer bedenken muss, dass es ­niemals eine 100-prozentige ­Garantie geben kann. Schließlich sind Hunde fühlende und denkende Lebe­wesen und keine Maschinen.

Ich wünsche Ihnen und Egon, dass Sie weiterhin mit Spaß und Freude für Mensch & Hund beim Training dran bleiben und den daraus resultierenden und verdienten Erfolg eines folgsamen Hundes genießen können.
Ihre Yvonne Adler

Pdf zu diesem Artikel: ratgeber_erziehung_0117

 

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Yvonne Adler
Yvonne Adler lebt und arbeitet seit mehr als 20 Jahren mit Hunden. Sie schloss das Studium zur Tierpsychologin mit Auszeichnung ab und ist zudem eine von Europas ersten akademisch geprüften KynologInnen. Neben ihrer Tätigkeit als Sachverständige für Hunde, absolviert sie laufend weitere in- und ausländische Aus- und Fortbildungen im Bereich der Kynlogie, um stets auf dem aktuellsten Stand der internationalen Hundewissenschaft zu sein. Kontakt: Yvonne Adler – Adler Dogs® www.adler-dogs.at

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