„Todsünde“ Vermenschlichung?

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1976

Der Ausdruck Vermenschlichung in Bezug auf den Hund wird ­meistens als negativ angesehen. Doch was bedeutet es, einen Hund zu vermenschlichen? Ist das der Gegensatz zu einem ­artgerechten Umgang? Ab wann spricht man von Vermenschlichung eines ­Tieres? Doch wie anders als menschlich  sollten Menschen denken und fühlen können? Auch wenn sie über anderes als Menschliches denken und fühlen. Und wenn dann noch Menschen und Hunde eine ähnliche soziale Organisation aufweisen, wie anders sollte man die Mensch-Hund-Beziehung betrachten?

 „Du vermenschlichst ­deinen Hund!“ Diesen Satz haben einige von uns vielleicht schon mehr als einmal zu hören bekommen. Und diejenigen kennen auch die (Schuld-)Gefühle oder Selbstzweifel, die uns danach beschleichen, oder erinnern sich an allerhand – natürlich vergebliche – Verteidigungsversuche.
Das Gefährliche an diesem Satz „Du vermenschlichst deinen Hund“ ist, dass er einerseits ein vernichtendes Urteil darstellt und andererseits als „Totschlagargument“ keine Diskussion zulässt – mal ganz davon abge­sehen, dass kaum einer klar zu definieren vermag, was als Vermenschlichung zu bezeichnen sei.

Was gilt als Vermenschlichung?
Die Ergebnisse meiner kleinen Internetrecherche zum Stichwort „Vermenschlichung Hund“ stimmen erstaunlich genau mit dem, was ich aus eigenen Beobachtungen zusammengetragen hatte, überein. Als Vermenschlichung werden fast ausschließlich Umgangsweisen eines Menschen mit seinem Hund betrachtet, die ihre Kritiker für (moralisch) äußerst verwerflich halten:

– So betrachten es viele schon als eine Vermenschlichung, wenn der Hund sich auf dem Sofa oder im Bett an seinen Menschen kuscheln darf.

– Andere prangern einen antiautoritären Erziehungsstil für Hunde als Vermenschlichung an, da ein Hund keine Entscheidungsfähigkeit besitze.

– Mit dem Hund wie mit einem Kind, Partner oder Freund zu reden bzw. umzugehen gilt ebenfalls vielen als Vermenschlichung bzw. Zeichen dafür, dass mit unserer Gesellschaft etwas nicht in Ordnung ist (z.B. ­Vereinsamung der Menschen).

– Oft genannt als Beispiel für Vermenschlichung wird auch das Einkleiden von Hunden mit Mäntelchen, Plüschhalsbändern und anderen Accessoires.

– Auch Hunde in einem Grab zu bestatten gilt vielen als Vermenschlichung; denn Tiere „sterben“ nicht, wie sie sagen, sondern sie „gehen kaputt“ oder „verenden“ (So wie sie auch nicht „essen“, sondern ­„fressen“).

– Hundliches Verhalten an menschlichen Moralvorstellungen zu messen und dementsprechend als gut oder schlecht einzustufen wird ebenso als Vermenschlichung betrachtet.

– Ähnlich verhält es sich mit der Übertragung menschlicher Denkweisen auf tierliche Verhaltensmuster.

– Schließlich sprechen immer noch viele Menschen den Hunden – mit Ausnahme von Angst – Gefühle ab, die denen der Menschen ver­gleichbar wären. Demzufolge er­klären sie jede Rücksichtnahme auf die Gefühlslage unserer Hunde als nicht artgerechte Vermensch­lichung.

Daneben melden sich allerdings auch einzelne Stimmen, die wegen der
Ähnlichkeit der Empfindungen von Mensch und Hund eine Vermensch­lichung der Hunde in dieser Hinsicht für richtig halten.

Vermenschlichen: Gegensatz zu artgerecht?
„Vermenschlichung“ bezeichnet also, was auch immer darunter im Einzelnen verstanden wird – bis auf wenige Ausnahmen – einen von Außenstehenden als unangemessen bewerteten Umgang eines Menschen mit seinem Hund. Solcher als unangemessen bezeichnete Umgang (z.B. mit dem Hund zu reden wie mit einem Kind) wird einerseits als moralisch verwerflich betrachtet, weil der Mensch als allein vernunftbegabtes Wesen auf einer höheren Stufe stehe als jedes (andere) Tier. Zudem gilt vielen die „Vermenschlichung“ der Hunde (z.B. das Schlafen im Bett) als Ursache für mangelnde Erziehung oder Sozialisation unserer Vierbeiner. Gleichzeitig wird solchem „vermenschlichenden“ Verhalten der Stempel „nicht art­gerecht“ aufgedrückt.

Doch hat menschlich bzw. vermenschlichen nicht eigentlich eine positive Bedeutung? Oder sollte sie haben? Schauen wir im Duden nach, finden wir unter vermenschlichen: „1.a. menschlich darstellen, 1.b. menschlicher machen; 2.a. wie einen Menschen darstellen, behandeln, 2.b. in bestimmter Hinsicht wie einen Menschen ansehen.“ Vermensch­lichung wird auch gleichgesetzt mit Anthropomorphismus. Dazu finden wir in Meyers Konversationslexikon (1905): „Die Übertragung menschlicher Eigenschaften auf Nichtmenschliches; eine Erscheinung, deren Auftreten ihre Erklärung darin findet, dass die Auffassung des seiner inneren Natur nach unbekannten Nichtmenschlichen nach dem Vorbilde des menschlichen Wesens das erstere uns begreiflich wird.“

Im Brockhaus-Lexikon von 1996 (Bd. 1) ist unter dem Stichwort Anthropomorphismus zu lesen: „eine Anschauungsweise, die menschliche Eigenschaften oder menschliches Verhalten Außermenschlichem zuschreibt („vermenschlicht“); dabei kann es sich um Naturphänomene verschiedenster Art, um Tiere, Gestirne usw., anderer­seits v.a. um Gottesvorstellungen handeln.“ Für den griechischen Philosophen Xenophanes war Letzteres so selbstverständlich, dass er zu dem Schluss kam: „Wenn Tiere überhaupt eine Vorstellung von etwas Über­tierischem haben könnten, so würden die Löwen ihre Götter in Löwen-, die Stiere in Stiergestalt denken.“

Menschen können nur menschlich denken
Radikal betrachtet, ­vermenschlichen wir alles, was wir uns vorstellen oder denken: von der Stubenfliege oder Ameise bis hin zu Gott, weil wir eben nur als Menschen mit unserem menschlichen Gehirn wahrnehmen, denken und empfinden können. Haben wir überhaupt eine andere Wahl als – in diesem Sinne – zu vermensch­lichen? Wohl kaum, wie schon ­Xenophanes um 500 vor Christus erkannt und durch den Vergleich mit Löwen und Stieren veranschaulicht hat.

Demnach handelt es sich um einen ganz natürlichen Vorgang, der es uns ermöglicht die Welt zu verstehen. So vermenschlichen Kleinkinder vieles, vielleicht fast alles, was ihnen begegnet, um mit den Dingen, der Natur oder auch Gott in Verbindung zu ­treten bzw. zu kommunizieren.

Dasselbe Wort Vermenschlichung, das eben diese typisch menschliche Sichtweise der Dinge bezeichnet, wird den Umgang mit unseren ­Hunden ­betreffend, gebraucht, um einen unangemessenen Umgang mit dem Vierbeiner zu brandmarken. Dabei wird die positive Bedeutung des Wortes Mensch bzw. menschlich aufgegeben und bezeichnet stattdessen einen übertriebenen Egoismus, der die Bedürfnisse des ihm anvertrauten Wesens ignoriert und ihn zum Objekt seiner Wünsche macht (ob nun als modisches Accessoire, Sportgerät oder Kuscheltier).

In New York ist, wie Joachim Bauer (S. 9) beobachtet, der Satz: „he/she is a mensch“ „eine Art Nobelpreis der persönlichen Wertschätzung“. In dem griechischen Hirtenroman aus dem zweiten Jahrhundert nach Christus „Daphnis und Chloe“ tritt eine Ziege auf, deren Menschlichkeit (Griech.: philanthropia – Menschenliebe) dem unmenschlichen Verhalten der ­Menschen gegenübergestellt wird.

Versachlichung eines Lebewesens
Ein Verhalten, das sich über die Bedürfnisse eines anderen Wesens hinwegsetzt, um es für seine ­Zwecke zu nutzen, wäre ­dementsprechend eher als „Versachlichung“, ­Ignoranz bzw. „Unmenschlichkeit“ zu be­zeichnen, da dem Menschen die Fähigkeit zu Einsicht und Empathie und damit die Möglichkeit eines achtsam-respektvollen Umgangs mit anderen Lebewesen durchaus ­immanent ist.

Die Forschung der vergangenen Jahrzehnte hat in zahlreichen ­Studien nachgewiesen, dass die Gehirn­funktionen der Tiere – nicht nur der höheren Säuger – in vieler Hinsicht denen der Menschen entsprechen (siehe Literatur oben). Das bedeutet, dass unsere Hunde – in gewissem Umfang – denken können und nicht nur Emotionen und Gefühle besitzen, die denen der Menschen vergleichbar sind, sondern auch zu Empathie und altruistischem ­Handeln fähig sind. (Dazu sei auch auf die zahlreichen Artikel im Hunde­magazin WUFF von 2014 hingewiesen, die sich mit Beziehung, Bindung und Verständigungsmöglichkeiten zwischen Mensch und Hund befassen.)

Und nicht zuletzt sind Tiere, und ganz besonders Hunde, die schon Jahr­zehntausende lang in der Gemeinschaft mit Menschen leben, in der Lage, eine Bindung zu „ihren“ Menschen aufzubauen, die der Bindung zwischen Eltern und Kindern oder der zwischen Partnern vergleichbar ist. Julius, Beetz u. a. (Vgl. ­Literatur) bezeichnen deshalb Hunde, die im Familienverbund mitleben, als Kumpan-Tiere. Das bedeutet für uns Menschen gleichzeitig auch eine Verpflichtung unseren Kumpan-Tieren gegenüber, nämlich für sie zu sorgen, sie mit ihren ureigenen Bedürfnissen wahrzunehmen und diesen Bedürfnissen auch Rechnung zu tragen, kurz gesagt, diese vierbeinigen Hausgenossen als denkende und fühlende Familienmitglieder ernst zu nehmen. Hunde sind soziale Lebewesen, die auf unsere Nähe und Aufmerksamkeit, unsere Zuwendung und Liebe angewiesen sind. Und sie brauchen Verlässlichkeit und Klarheit von Seiten des Menschen, die Möglichkeit Selbstwirksamkeit zu erleben, d.h. Wahlmöglichkeiten wahrnehmen zu können.

Gehen wir noch einmal zurück zu der im Duden unter 2.b. für „vermenschlichen“ angegebenen Bedeutung „in bestimmter Hinsicht wie einen Menschen ansehen“, so können wir feststellen, dass eine Vermenschlichung in diesem Sinne genau dem entspräche, was wir Menschen unseren Kumpan-Tieren schuldig sind. Wie nah uns unsere Familienhunde stehen, wird z.B. deutlich, wenn wir beobachten, wie selbstverständlich (Klein-)Kinder (analog und empathisch) mit ihren vierbeinigen Familienmitgliedern kommunizieren können. Überhaupt waren Menschen, die in enger Ver­bindung zu ihren Hunden gelebt haben und leben, schon immer in der Lage, auf die Bedürfnisse ihrer vierbeinigen Freunde einzugehen, ihre Gefühle zu verstehen und zu erwidern.

Hunde – fühlende Wesen mit ­kognitiven Eigenschaften
Wenn „Vermenschlichung“ trotz dieser Erkenntnisse immer noch als Tadel für einen respektvollen Umgang mit dem (Familien-)Hund benutzt wird, liegt der Verdacht nahe, dass es sich hier um Nachwirkungen der alten ­cartesianischen Denkweise, die in Tieren seelenlose Automaten ohne Gefühl und ohne Denkvermögen sah, und des ihr zugrunde liegenden anthropozentrischen Weltbildes handelt.

Bekennen wir uns also dazu, ­unsere Hunde zu vermenschlichen, oder ­besser dazu, sie als Mitglieder in unserem Familienverbund „in bestimmter Hinsicht wie Menschen zu ­behandeln“, indem wir sie als fühlende und ­denkende Wesen achten!

INFORMATION

Kurz zusammengefasst

1. Menschen können kaum anders als zu vermenschlichen, weil sie nur wie Menschen denken und fühlen können.

2. Zu vermenschlichen ist in mancher Hinsicht notwendig, um ­andere Wesen verstehen zu lernen bzw. mit ihnen kommunizieren zu ­können.

3. Der Begriff Vermenschlichung eignet sich nicht zur tadelnden Bezeichnung von Fehlinterpretationen tierlichen Verhaltens oder Missachtung tierlicher Bedürfnisse.

4. Der Begriff Vermenschlichung ist nicht geeignet zur Aufrecht­-
er­haltung der Vorstellung von der Überlegenheit des Menschen über alle anderen Lebewesen.

LITERATUR UND STUDIEN:

■  Bauer, Joachim, Prinzip Menschlichkeit. Warum wir von Natur aus kooperieren. Heyne TB 2008
■  Beck, Elisabeth, Wer denken will, muss fühlen, 2003
■  Bekoff, Marc, Das Gefühlsleben der Tiere, 2008
■  Brockhaus – Die Enzyklopädie in 24 Bänden, 20. Aufl. 1996
■  Duden, online
■  Hundemagazin WUFF 2014
■  Julius, Henri/ Beetz, Andrea u. a., Bindung zu Tieren. Psychologische und neurobiologische Grundlagen tiergestützter Interventionen, Hogrefe 2014
■  Miklósi, Dr. Ádám, Hunde. ­Evolution, Kognition und Verhalten. Kosmos 2011
■  Schmitz, Friederike (Herausg.), Tierethik. Grundlagentexte. ­Suhrkamp TB 2014

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