(Un) Erwünschtes Verhalten: Bellen in Anwesenheit des Halters, Kotfressen und Futterdiebstahl

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Hundetrainerin Liane Rauch und Hundepsychologe Thomas Riepe über das, was viele Hundehalter als die häufigsten „Verhaltensprobleme“ ihrer Hunde ansehen. Oft eher ­unerwünschtes hundliches Normalverhalten als echtes Verhaltensproblem, geben die beiden Hundeexperten und WUFF-Autoren konkrete Ratschläge für manchmal entnervte ­Hundehalter.
Jeder der Autoren aus seiner speziellen Sicht. Es sind drei Arten unerwünschten Verhaltens, die in diesem Teil der innovativen WUFF-Artikelserie behandelt werden: Das übermäßige ­Bellen in Anwesenheit des Besitzers, das Kotfressen und der Futterdiebstahl.

Übermäßiges Bellen in Anwesenheit des Halters

Liane Rauch: So wie schon bei einigen anderen be­schriebenen Formen unerwünschten Verhaltens, bekam auch bei einem übermäßigen Bellen in Anwesenheit des Halters der Hund mit größter Wahrscheinlichkeit vom Halter zu viel „Feedback“.

Aus der Praxisarbeit:
Jessy, eine Tibet Terrier-Hündin aus meiner Hundeschule, „verbellte“ leidenschaftlich ihr Frauchen. Und immer wenn Jessy bellte, steckte Frauchen ihr die besten Leckerbissen in den Schnabel. Für einen Moment war sie dann nämlich ruhig, denn Bellen und Kauen gleichzeitig ist schwer. Nach dem Genuss eines Stückchens Wurst oder Putenbrust ging es dann aber wieder los. Warum sollte Jessy dieses Ver­halten also unterlassen? Bellen bringt ihr Erfolg, sie wäre schön dumm, wenn sie das nicht ausnutzen sollte, und bekanntermaßen sind Hunde ja nicht dumm.

Thomas Riepe: Bei diesem Problem stellt sich für mich zunächst die schlichte Frage, was genau damit gemeint ist. Bellt der Hund, wie im Beispiel von Liane Rauch, um etwas zu erreichen – sei es das Stück Wurst oder auch nur ­Aufmerksamkeit –, dann ist es ein forderndes Bellen. So etwas bekommt man eigentlich relativ leicht in den Griff, wenn man konsequent nicht auf die Forderung eingeht. Situativ wird der Hund dann ignoriert, auch aktiv i­gnoriert, das heißt, der Mensch beschäftigt sich mit etwas, was überhaupt nichts mit dem Hund zu tun hat. Er stapelt ­vielleicht Bücher um oder gießt die Blumen, Hauptsache, es wird nicht auf die hündische Forderung eingegangen und der Hund bekommt keine Reaktion, die mit ihm zu tun hat.

Geduld und Konsequenz
Allerdings fällt es vielen Menschen, aus durchaus ­nachvollziehbaren Gründen, sehr schwer, dieses aktive Ignorieren umzusetzen. Irgendwann platzt dem Menschen dann der Kragen und der Hund bekommt seine Reaktion. Also, Durchhalten ist wichtig! In besonders ­hartnäckigen Fällen kann man den Hund auch so aktiv ignorieren, dass man den Raum verlässt oder aber den Hund aus dem Raum befördert (sanft hinaus geleiten natürlich). Dann die Tür schließt und den Hund da vor sich hinmeckern lässt, wo er ist, ganz allein. Erst wenn er ruhig ist, wird die Tür ­wieder geöffnet. Bellt der Hund wieder, wieder raus. Zwar bekommt er auch dadurch eine Reaktion, aber die Reaktion des Menschen, sich räumlich und sozial von ihm zu trennen, behagt den meisten Hunden nicht. Wenn der Hund also verstanden hat, „immer wenn ich zu viel fordere, bekomme ich nichts und werde von der Gruppe getrennt; und wenn ich ruhig bin, bekomme ich sozialen Kontakt und Aufmerk­samkeit“, dann ist der Durchbruch geschafft – vom ­fordernden Kläffer zum umgänglichen Hausgenossen. Aber, wie gesagt, das erfordert Geduld und Konsequenz!

Liane Rauch: Bei Jessy half die altbekannte Methode des Umdrehens. Bellte sie, kehrten wir ihr den Rücken zu. War sie ruhig und hielt sie kommentarlos Blickkontakt, gab’s was Leckeres. In schwerwiegenderen Fällen, z.B. anhaltendes Bellen im Haushalt, kann man wieder das „im Regen stehen lassen“ versuchen. Verlassen Sie einfach den Raum, in dem sich der Hund befindet, zur Not können Sie hinter sich die Türe schließen, damit Ihnen der Hund nicht ständig an den Hacken hängt. Und wie Thomas Riepe auch schon bemerkt: Geduld und Konsequenz sind hier am wichtigsten, vor allem wenn sich dieses Verhalten bereits über einen längeren Zeitraum durch immer wiederkehrende falsche Bestätigung verfestigt hat. BITTE BEDENKEN: Es gibt Rassen, vor allem in der Hütehundegruppe, die eifrig zu allem ihren Kommentar abgeben. Meine Collies und Shelties „quatschen“ begeistert, ausdauernd und in allen Tonlagen. Dessen muss man sich bewusst sein, wenn man sich mit einer dieser ­Rassen den Haushalt teilt. Und das hat nichts mit sogenanntem „Problembellen“ zu tun. Diesen Rassen ist „Sprachgewandtheit“ angeboren.

Welches Bellen ist gemeint?
Thomas Riepe: Wie ich vorher ja schon erwähnt hatte, ist es wichtig abzuklären, was mit „Bellen in Anwesenheit des Besitzers“ überhaupt gemeint ist. Bei forderndem Bellen ist es letztlich logisch, dass uns der Hund durch seine Aktion des Bellens keine Reaktion abverlangen sollte. Dann verlangt er immer mehr … Es kann aber auch gemeint sein, dass der Hund an der Tür, am Fenster oder im Garten bellt – ggf. um irgendwelche – in seinen Augen „­Feinde“ – zu verscheuchen. Ruft der Besitzer dann unaufhörlich „Aus“ oder „Ruhe“ in Richtung des Hundes, besteht die Möglichkeit, dass der Hund denkt, dass sein Mensch mit ihm gemeinsam den Feind verbellt, ihm, dem Hund, aber die wichtigere Rolle dabei zukommt, weil der Mensch ja hinter ihm steht und „bellt“.
Besser wäre es in solchen Fällen, wenn der Mensch ganz ruhig zum Hund geht, in Richtung des „Feindes“ schaut und sich dann kommentarlos umdreht und weggeht. Das ­vermittelt dem Hund, dass der Mensch dort keine Bedrohung sieht, die es zu verscheuchen gilt. Aber, bitte be­denken Sie, dass dieses Verhalten oft in seiner Inten­sität durch das menschliche Verhalten des „Mitbellens“ und „Ruhe!“-Schreiens entstanden ist. Man kann ein solches Verhalten, das man dem Hund oft über Jahre antrainiert hat, nicht in einem Tag wieder ändern. Das ist eigentlich das Hauptproblem. Der Mensch macht lange etwas falsch und will den Fehler dann innerhalb von Minuten ausbügeln. Das geht nicht. Sie müssen sich durch Ruhe und ­Souveränität erst einmal das Vertrauen des Hundes neu erarbeiten, dass Sie mit dem Feind fertig werden können. ­Natürlich kann man in diesen Fällen auch mit Ersatzverhalten arbeiten, welches man dem Hund anbietet, wenn er nicht weiß, wie er mit dem Feind umgehen soll. Ihn zum Beispiel immer dann, wenn er bellt, zu sich rufen und irgendetwas machen lassen, was er kann. Z. B. Sitz oder Platz und das dann  belohnen. Aber Vorsicht! Es gibt auch Hunde, die so etwas gnadenlos ausnutzen und immer dann am Fenster bellen, wenn sie ein Leckerchen wünschen – und aus Ihrem ­Angebot an Ersatzverhalten ein Spiel machen, wo es Leckerchen gibt. Man muss das Ganze immer ­individuell sehen – wie am Anfang dieser Serie schon erwähnt, ­sollte man Tipps immer nur als Anregung sehen und diese ­Anregungen individuell anpassen. Und diese Tipps auf gar keinen Fall mit pauschalen Wahrheiten verwechseln.

Eines möchte ich an dieser Stelle gerne noch „loswerden“. Wenn Hundebellen über ein gewisses Maß hinaus geht und unangenehm wird, kann und sollte man daran arbeiten, wie Liane Rauch und ich es beschrieben haben. Aber jeden Beller, jedes Geräusch der Lautäußerung eines Hundes sollte man nicht sofort unterbinden. Schließlich waren wir, die Menschen, es ja, die aus dem selten bellenden Wolf den viel bellenden Hund gemacht haben. Und wozu? Zu unserem eigenen Nutzen, damit uns der Hund vor Gefahren warnt. Wir haben den Beller „gemacht“, und heute, wo es uns nicht mehr passt, sollen Hunde gefälligst ruhig sein …

Unklare Verhältnisse
Liane Rauch: Eine weitere Schwierigkeit, die Hunde ­heute haben, ist oftmals die „Unklarheit“ von uns Menschen. Einerseits sollen Hunde aufpassen, verbellen und in ­Gefahrensituationen Radau machen, andererseits ­sollten Hunde dann aber auch noch unterscheiden können, WER denn nun der Feind an der Tür ist, wie Thomas Riepe schon so treffend geschrieben hat. Man kann nicht einmal vom Hund verlangen zu bellen, wenn jemand zum Haus kommt, und dann aber auch wieder nicht. Einmal So und Einmal Anders gibt’s beim Hund nicht. Also entweder – oder. Ich persönlich wünsche, dass meine Hunde erst mal ­richtig Lärm machen, wenn es an der Tür klingelt. Natürlich machen sie das auch, wenn „Freund“ klingelt.

Kotfressen

Liane Rauch: Pauschal wird oft gesagt, der Kot fressende Hund habe Mangelerscheinungen. Das kann ich nach jahrzehntelanger Hundehaltung nicht bestätigen. Ich behaupte nun mal, dass meine Hunde sehr ausgewogen ernährt werden, und trotzdem haben auch sie schon mal Kot gefressen. Der eine mehr, der andere weniger. Früher hab’ ich auch noch alles Mögliche ausprobiert, teure Nahrungsergänzungsmittel vom Tierarzt oder Joghurt. Nichts hat wirklich geholfen. Dann habe ich angefangen, diesen „Sammelwahn“ zu beobachten. Hündinnen zeigten bei mir diese Unart häufiger als Rüden. Im Frühjahr und Herbst war das Verlangen nach einem „Snack“ zwischendurch größer, da haben sogar meine Althunde hin und wieder mal zugegriffen. Erstaunlicherweise ist dieses Verhalten ab einem Alter von etwa 3 Jahren bei fast allen meinen Hunden von alleine verschwunden.

Thomas Riepe: Wenn ein Hund über die Maßen viel Kot von Artgenossen frisst, empfiehlt sich zunächst der Gang zum Tierarzt. Es ist nämlich durchaus möglich, dass bei einem solchen Hund die Bauchspeicheldrüse entzündet ist oder nicht richtig arbeitet. Die Bauchspeicheldrüse regelt beim Verdauungsprozess unter anderem die Verwertung der Fette. Wenn diese Verwertung nicht richtig funktioniert und der Hund dadurch nicht genügend mit Fetten versorgt wird, kann es sein, dass er alles zu sich nimmt, wo Fette enthalten sind – eben auch Kot. Aber das muss letztlich der Tierarzt abklären.

Frisst Ihr Hund nur gelegentlich Hundekot, schauen Sie sich den Kot einmal genauer an. Ist es immer Kot mit der gleichen Färbung? Dann liegt die Vermutung nah, dass der Hund, von dem der Kot stammt, mit Futter gefüttert wurde, welchem besonders viele und hartnäckige Duft- bzw. Lockstoffe beigemischt wurden. Lockstoffe, die auch den Verdauungsprozess überstehen können.

Frisst Ihr Hund den Kot von anderen Tieren, ist das maximal unangenehm für den Menschen, aber nicht schädlich für das Tier – so wird der Kot von Pflanzenfressern gern als pflanzliche Vitaminquelle genutzt. Kotfressen kann man in meinen Augen dem Hund auch untersagen und ihn mit einem Abbruchsignal wie „AUS“ oder scharf gesprochenem „Lass das“ davon abbringen. Vorausgesetzt, man hat dieses Abbruchsignal vorher eingeübt. Aber, bitte daran denken, bei unnatürlich starkem Verlangen nach Hundekot bitte erst einmal den Tierarzt aufsuchen.

Futterdiebstahl

Liane Rauch: Erfolg und Misserfolg ist, wie wir wissen, die einzige Strategie, nach der ein Hund lebt. Metchley, mein Jungrüde, hat gelernt: Parkbänke sind toll. Dort liegen immer wieder mal Essensreste und Brösel herum. Er würde, würde ich ihn lassen, zielsicher alle, wirklich ALLE Bänke ansteuern, an denen wir auf unseren Wanderungen vorbeikommen. Hätte er bei diesen Bänken niemals Erfolg gehabt, niemals ein Stück heruntergefallenes Brötchen gefunden, glauben Sie, er würde sich für diese Bänke interessieren?

Aus der Praxisarbeit:
Mein einziger Tipp hier: Aufräumen
Geben Sie Ihrem vierbeinigen Gefährten schlicht und einfach keine Möglichkeit auf Erfolg. Ich halte nichts von solchen Ratschlägen wie Wurst mit Pfeffer als Köder aus­zulegen. Erstens sind die meisten Hunde sogenannte „Schlinger“, sie bemerken den Pfeffer also überhaupt nicht, und zweitens können scharfe Gewürze in großen Mengen zu gesundheitlichen Schäden führen. Mein Metchley ist wirklich ein absoluter Allesfresser. Stehlen tut er aber bis heute nichts, auch nicht in fremden Wohnungen. Er hat es einfach nicht gelernt.

Thomas Riepe: Da hat Liane Rauch vollkommen recht. Der wichtigste Tipp ist schlicht und ergreifend, aufzupassen, dass keine Nahrung unbeaufsichtigt herumsteht. Ein Hund stiehlt die Nahrung auch nicht. Er ist nicht hinterhältig oder böse, wenn er sich etwas nimmt. Laut seinem Verständnis ist Nahrung, die irgendwo herumliegt, zum Fressen da. Fertig! In der Natur ist Nahrung etwas Existenzielles, eine Lebensgrundlage. Und solche Nahrung lässt man nicht verkommen und unbeachtet liegen. Ein Hund also, der Nahrung frisst, die unbeachtet irgendwo herumliegt, ist also vollkommen normal und handelt nach dem natürlichen Bedürfnis, überleben zu wollen. Sicher kann man dem Hund durch ­Training sogenannte Tabus beibringen, zu denen auch ge­hören kann, bestimmte Nahrung an bestimmten Orten nicht aufzunehmen. Das halte ich aber für nicht gut – dadurch wird der Hund immer mehr zum funktionierenden Roboter erzogen und darf kein normaler Hund sein. Und ein normaler Hund nimmt sich nun einmal Nahrung, die ­herumliegt und auf die niemand Anspruch erhebt. Ich denke, es ist für Menschen durchaus zumutbar, etwas aufzupassen und aufzuräumen.

Anders stellt es sich natürlich dar, wenn der Hund einem Menschen die Nahrung aus der Hand „stiehlt“. Das darf man dem Hund natürlich nicht erlauben. Stiehlt der Hund ­anderen Hunden im Haushalt das Futter, müssen Sie als Hundebesitzer immer darauf achten, dass alle Hunde ­genügend Futter abbekommen und es keine Streitereien gibt. Am besten füttert man dann in getrennten Räumen.

Die vorangegangenen Beispiele beziehen sich übrigens auf „Futterdiebstähle“ bzw. Nahrungsaufnahme im Haus. ­Draußen erlaube ich meinen Hunden nicht, irgendetwas aufzunehmen, im Ansatz einer solchen Tätigkeit gebe ich immer sofort ein Abbruchsignal. Man weiß ja nie, was der Hund sonst aufnehmen könnte. Das Abbruchsignal ist für den Hund in dem Fall auch in Ordnung, er denkt dann eben, ICH würde auf die Nahrung Anspruch erheben. Was aber natürlich nicht so weit führen sollte, dass ich die ­ver­gammelte Maus auch wirklich vertilgen muss …

In den nächsten WUFF-Ausgaben werden in gleicher ­Weise weitere Probleme mit unerwünschtem Hunde­verhalten behandelt.

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Liane Rauch

Liane Rauch arbeitet seit über 12 Jahren mit Hunden und führt seit 8 Jahren ihre eigene Hundeschule "Naseweis". Die Beziehung zwischen Halter und Hund ist zentrales Element und Philosophie ihrer Ausbildung.

Kontakt:
Liane Rauch,
Hundeschule Naseweis,
D-83512 Wasserburg am Inn
Mail: liane_rauch@gmx.de
www.hsnaseweis.jimdo.com
Telefon: +49 (0) 8071/ 51942 -----------------------------------

Thomas Riepe

Thomas Riepe ist Hundepsychologe, Referent und Autor von Fachbüchern zum Thema Hundeartige. Den Schwerpunkt seiner Arbeit als Hundepsychologe hat er auf die Verbesserung der Kommunikation zwischen Mensch und Hund gelegt, sowie auf Resozialisierung von Hunden, die durch menschliches Fehlverhalten ausgelöste, übersteigerte Aggressionen zeigen. Kontakt:
Tel. +49 172 9491766
www.riepehunde.de

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