… und dann kam Sheila

0
2119

Alltagsgeschichten

Nach dem Lesen dieses Artikels werden Sie sich ­fragen: „Wer bitte nimmt sich freiwillig einen Beagle?“ ­Familie Nessmann konnte dem Blick der Beagle-Hündin ­Sheila im Tierheim nicht widerstehen. Allen Vorsätzen zum Trotz zog Beagle-Dame Sheila bei der Familie ein. Dem ­un­widerstehlichen Beagleblick folgten Taten und Sheila zeigte ihr wahres Beagle-Gesicht …

Wie lange war ich weg gewesen? Zwanzig Minuten? Dreißig? Lange genug, um unserem neuesten Familienzugang die Möglichkeit zu geben, den Inhalt meiner Handtasche klein geschreddert im gesamten Wohnraum zu verteilen. Die Verursacherin des Chaos fand ich genüsslich dösend vor dem Kachelofen vor. Amüsant, eigentlich. Wären da nicht die leere Tube Handcreme, eine Lippencreme-Dose ohne Inhalt, ein Lippenstift-Etui ohne Lippenstift, eine säuberlich gereinigte Plastikverpackung, in der sich vor meiner Abwesenheit 50 Stück Kaugummis befunden hatten, sowie ein halb geleertes Hände-Desinfektionsmittel. Mir war durchaus bewusst, mit einem Beagle unter einem Dach zu leben, der vor nichts Essbarem halt macht, doch Kosmetika? Desinfektionsmittel? Diese großzügige Erweiterung der Speiseliste war mir neu.

Ich packte die gefräßige Beagle-Dame ins Auto und informierte den Tierarzt meines Vertrauens über unser baldiges Erscheinen. Kurze Zeit nach Verabreichung eines Brech-Mittels kam der ­Inhalt meiner Handtasche in einheit­licher Konsistenz wieder zum Vorschein. Mit Ausnahme der 50 Kaugummis. Diese waren völlig unversehrt; auf ­keinem einzigen befand sich eine Biss-Spur. Mein von Übelkeit noch sichtlich gezeichnetes Beaglechen schmiegte sich an mich und war für jede Streicheleinheit dankbar. Das war nicht immer so.

Wie dies bei unserem ersten Hund Daisy der Fall gewesen war, sollte auch unser zweiter Hund aus einem Tierheim stammen. Dieses Mal war es jedoch nicht ich, die prompt ihr Herz verlor, sondern mein Göttergatte. Bei unserer Ankunft im Tierheim erwartete uns am Eingangstor ein kleines Rudel Hunde, allen voran eine Beagle-Hündin mittleren ­Alters. „Ja ist die süß, was ist denn das?“ fragte mein Mann, der den Blick nicht von der Hündin abwenden konnte. Ich erklärte ihm gerne, dass das ein ­Beagle sei, für den wir uns nicht entscheiden, wo wir uns doch darüber einig waren, dass ein Hund mit ausgeprägten jagdlichen Ambitionen ausreichend ist. Nach etwa einem Jahr konsequentem Training war Daisy aus jeder noch so verlockenden Situation verlässlich abrufbar. Ich war gerne bereit, bei Hund Nummer zwei auf dieses langwierige Training zu verzichten.

Wunsch und Realität liegen oft ­meilenweit voneinander entfernt
Von einer Mitarbeiterin des Tierheimes erfuhren wir den Namen des hübschen Beagles: Sheila. Sie befand sich seit etwa einem halben Jahr im Tierheim. Über ihre Vorgeschichte war wenig bekannt; sie dürfte jedoch bereits „durch ­mehrere Hände gegangen sein“. Nachdem wir am Freilauf-Gelände einen positiven ersten Eindruck gewonnen hatten, ­vereinbarten wir ein weiteres Treffen, bei dem auch unsere Hündin Daisy dabei sein sollte. Gesagt, getan.

Die Hunde beschnupperten sich freundlich, zeigten darüber hinaus jedoch keinerlei Interesse am jeweils anderen. Nach einem gemeinsamen Spaziergang erbaten wir einige Tage Bedenkzeit. Mein Mann besuchte Sheila mehrmals und ich studierte diverse ­Beagle-Rasseporträts und Ratgeber, die mir letztlich alle ein wenig übertrieben und überzogen schienen. So schlimm konnte es doch nun wirklich nicht sein! Was sollte an der Erziehung eines ­Beagles so schwierig sein? Alles nur eine Frage der Konsequenz.

Sheila überwindet den Zaun
Als Nicht-Beagle-Halter stellt man sich so manches einfacher vor, als es sich in der Realität erweist. Wir holten Sheila „auf Probe“ nach Hause. Nach einem ausgedehnten Spaziergang mit beiden Hunden durfte sie unseren – absolut ausbruchsicheren – Garten erkunden. Fünf Minuten später war sie verschwunden. Wir fanden sie am ­Komposthaufen eines Nachbarn gierig Abfallreste verschlingend. Tags darauf wurde das gesamte Grundstück mit einem engmaschigen Maschendrahtzaun ummantelt; doppelt hält besser. Daisy zeigte sich in den ersten Wochen dominant Sheila gegenüber, fand jedoch bald Gefallen an der Unterwürfigkeit ihrer neuen Mitbewohnerin, die sie anstandslos als ranghöher akzeptierte und sich stark an ihr orientierte. Ihren Menschen gegenüber verhielt sich Sheila lange Zeit reserviert und skeptisch. Sie ließ sich ungern anfassen und reagierte panisch auf Versuche, sie körperlich einzuschränken oder gar festzuhalten (das Abtrocknen ihrer Pfoten nach einem Spaziergang war schier unmöglich). Diese Skepsis wich nur langsam. Sie ist bis heute vorsichtig geblieben und vertraut uns weit nicht so bedingungslos wie Daisy.

Ich recherchierte ein wenig und brachte in Erfahrung, dass Sheila von einem Hunde-Händler stammte, der seine Tiere aus Osteuropa bezieht. Ihre ­körperlichen Mankos und ausgeprägten Allergien ­hatten mich dies bereits vermuten ­lassen. Daisy und Sheila bildeten bald ein starkes Minirudel, was mich bei gemeinsamen Spaziergängen im heimatlichen Revier mit minderer Freude erfüllte. Da war sie wieder; die Daisy über viele Monate hart abtrainierte Leinenaggression. Multipliziert mal zwei. Zwei vorbildhaft agierende Hunde, solange sie einzeln ausgeführt werden. Gemeinsam jedoch treten sie als unbesiegbares Duo auf, was sie jedem unerwünschten oder gar fremden Hund lautstark mitteilen.

Der Jagdinstinkt ist stärker …
Beim Erlernen der Grundkommandos war Sheila dank Futterbelohnungen eifrig und konzentriert bei der Sache. Um den Rückruf unter Ablenkung zu üben nahm ich sie an die Schleppleine und trainierte täglich mit ihr. Woche um Woche, Monat um Monat. Es dauerte ein ganzes Jahr, bis ich an dem Punkt angelangt war, der Realität ins Auge zu sehen: Ein Leben an der Leine für unseren jagdbegeisterten Beagle. Solange Sheila über intakte Riechzellen verfügt gibt es keine Möglichkeit, sie von einer Fährte abzubringen, mit Ausnahme einer Leine und eines ausbruchsicheren Geschirrs. Ihr Jagdinstinkt ist stärker als jeglicher Anreiz, den wir ihr bieten können. Sobald eine „heiße“ Spur ihren Weg kreuzt – was in unserem ländlichen Raum des Öfteren vorkommt – ist sie nicht mehr ansprechbar. Sie beginnt zu zittern, stimmt ein Bellen an, das jeden Seehund vor Neid erblassen lässt, und inhaliert die Fährte mit der Lautstärke eines Bodenstaubsaugers. Ich habe unter Berücksichtigung diverser Trainertipps viele Stunden im Wald ­verbracht ­(„Ausharren, bis sie sich beruhigt hat …“ uvm.), bis ich mir eingestehen musste, gegen diesen übermächtigen Urinstinkt machtlos zu sein.

Nach dem Fressen ist vor dem ­Fressen
Im Leben unseres Beagle-Weibchens gibt es zwei Prioritäten: Fährten und Fressen. Fressen finden und innerhalb von Sekunden in den Magen befördern. Nach dem Fressen ist vor dem Fressen. In diesem Sinne ist Sheila auch immer darum bemüht, Haus und Grundstück sauber zu halten: Der Küchenboden ist zu jeder Zeit frei von ­Essenskrümeln. Es ist überflüssig, sich aufgrund hinuntergefallener Nahrungsmittel zu bücken. Trotz 15 in unmittelbarer Nachbarschaft lebender Katzen – die immer wieder gerne unseren Garten als Katzenklo benützen – gibt es auf dem gesamten Grundstück kein einziges Kot-Häufchen. Ebenso wenig wird man solche ­Hinterlassenschaften auf unseren ­Spaziergeh-Routen finden. Mehr als einmal habe ich mich gefragt, ob ich es tatsächlich mit einem Caniden oder einem Alien in Hundegestalt zu tun habe.

Und doch hat mich das Zusammenleben mit Sheila vieles gelehrt: Gelassenheit zum Beispiel. Die Dinge nicht immer allzu ernst zu nehmen. Vor allem aber seine vierbeinigen Mitbewohner ohne Wenn und Aber zu akzeptieren wie sie sind. Wir teilen unser Zuhause heute nicht mit einem „pflegeleichten Zweithund“, sondern mit einer ganz besonderen Hunde-Persönlichkeit. Einer ­geballten Ladung Charme auf vier ­Pfoten. Beagle eben.

Pdf zu diesem Artikel: alltagsgeschichte_sheila

 

Keine Kommentare