Viehtrieb in New Mexico

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Nach Wochen der Erholung in unserem Haus in Arizona sind wir nun froh, wieder weiterzufahren. Das Auto wird gepackt, das unvermeidliche Dosenfutter mitgenommen und natürlich dürfen wir die Campingsachen nicht vergessen. Die Hunde beobachten uns argwöhnisch, man sieht ihren Gesichtern richtig die Frage an: „dürfen wir mit oder nicht?“ Erst als die Futter- und Wasserschüsseln im Gepäck verstaut werden, scheint sich ihre Spannung zu lösen und Bonita macht heftig schwanzwedelnd Bocksprünge durch das ganze Wohnzimmer. Hie und da erfolgt auch ein Angriff von hinten und ich spüre nur, wie sich schmerzhaft ihre Krallen in meinen Rücken bohren.

Im Grenzgebiet zu Mexiko
Eines frühen Morgens verlassen wir die Ranch und fahren Richtung New Mexico. Nach sieben Stunden Fahrt, natürlich mit mehreren Gassi-Aufenthalten, erreichen wir am Nachmittag El Paso. Diese Stadt liegt an der Grenze New Mexiko, Texas und Mexiko in der Nähe des Rio Grandes, der Fluss, der Mexiko von den Vereinigten Staaten trennt. Immer mehr bevorzugen wir es, im Zelt zu übernachten. Alle Handgriffe sind bereits eingespielt, im Handumdrehen steht unsere Nachtunterkunft und der Lagerplatz ist eingerichtet. Wir sind auf einem KOA Campingplatz, da wir hier im unmittelbaren Bereich der Mexikanischen Grenze doch nicht wild kampieren wollen. Es gibt viele illegale Grenzgänger, die meisten davon ärmste Menschen, die nur nach einer würdigen Existenz trachten, aber es ist eine gewisse Kriminalität doch nicht auszuschliessen. Und so ganz wollen wir uns auf unsere „Bluthunde“ Rodos und Bonita doch nicht verlassen.
Am nächsten Morgen geht es weiter bis zu den Carlsbad Höhlen. Da die Hunde nicht hineindürfen, es ist ein Nationalpark, machen wir nur eine schnelle Besichtigung des riesigen Höhlensystems und fahren weiter zu unserem Tagesziel: Dem White Sands Nationalpark in der Nähe der Stadt Alamogordo. Wir fahren durch die beeindruckenden weissen Sanddünen, fast zwei Stunden sind wir unterwegs, da wir immer wieder anhalten und mit den Wuffis auf die Hügel rauflaufen.

Hunde beim Viehtrieb
Nach wenigen Stunden in Richtung Norden erreichen wir wieder Bergland, das Gebiet um Ruidozo. Hier werden vorrangig Pferde gezüchtet, Quarterhorses und Rennpferde. Rodos und Bonita gefällt diese Gegend ebenso wie uns, überall Grün, viele Bäume und Bäche. Hier wollen wir einige Tage an einem Viehtrieb (Cattledrive) teilnehmen. Es war nicht leicht, das Einverständnis für die Teilnahme zu bekommen, wegen unserer Hunde natürlich. Doch in dieser Hinsicht haben wir gelernt, hartnäckig zu sein, immer wieder zu versichern, dass die Wuffis brav und wohlerzogen sind und nicht stören werden. Und wirklich haben wir das Einverständnis erhalten, einen Teil des Viehtriebes mitmachen zu dürfen.
So erreichen wir eine riesengrosse Ranch, zeigen unseren Hunden die Kälber, um sie mit dieser Art von Lebewesen bekannt zu machen, sehen belustigt zu, wie Rodos sich vor die Herde stellt wie ein General vor seine Armee, um dann jedes einzelne dieser jungen Kühe und Stiere zu beschnüffeln. Als ihm dann eines der Kleinen mit seiner rauhen Zunge über den Kopf schleckt, wird es ihm doch zuviel und nach einem kurzen und empörten Gebell verlässt er schleunigst diese eigenartige Runde.
Der Rancher, der dieses Schauspiel beobachtet hat, schüttelt sich vor Lachen und scheint unsere Wuffis ins Herz geschlossen zu haben, auch wenn sie nicht dem Ideal der hier meist gehaltenen Australian Shepherds oder Border Collies, entsprechen. Etwas später werden wir mit den uns zugeteilten Pferden ins Camp gebracht, welches in den Bergen liegt. Die Gruppe, die schon zwei Tage vorher dorthin gefahren ist, ist nicht sehr gross: Neben den professionellen Cowboys noch 6 Gäste. Von diesem Camp aus werden sternförmig Ritte gemacht, um versprengte und verschollene Rinder zu finden und zusammenzutreiben. Die Stimmung an diesem späten Nachmittag ist bereits sehr gut, da der Tag erfolgreich war und der Durst mit einigen Biers gelöscht wurde. Unsere zwei Streuner, inzwischen an viele verschiedene Menschen gewöhnt, schaffen es, sich innerhalb kürzester Zeit, bei allen Teilnehmern einzuschmeicheln. Rodos mit seinem Kulleraugen-Blick und wie er den Kopf Jedem auf das Knie legt, sobald er etwas Essbares in der Hand hält und Bonnie mit ihrer sanften, etwas distanzierten Art, die Zwei lassen jedes Herz schmelzen.
So verbringen wir einen lustigen Abend mit der Gruppe, reden viel von unseren Abenteuern, die wir bisher erlebt haben und ernten auch manch neidischen Blick, wenn wir erzählen, dass wir seit sieben Monaten einfach nur unser Leben und unsere Freiheit geniessen.

Hunde-Kuh-Jagd
Sobald am nächsten Morgen die Sonne aufgeht, werden wir geweckt. Es gibt ein ausgzeichnetes Cowboy-Frühstück mit Kaffee, Eiern und Speck, die Morgentoilette fällt ziemlich dürftig aus, die Pferde werden gefüttert und eine Stunde später sitzen wir bereits im Sattel. Nachdem mein Mann und ich Reiterfahrung haben, dürfen wir alleine hinaus, nicht jedoch ohne dem Versprechen, uns nur in der Nähe aufzuhalten. Allerdings erhebt sich genau hinter dem Camp ein etwas abstrakter Hügel, der einen guten Markierungspunkt abgibt. Die Hunde freuen sich, als es los geht. Hier sind die Wege nicht staubig, es gibt viele Wiesen, Büsche und natürlich eine Menge an fremden Gerüchen.
Plötzlich hören wir ein Geräusch und entdecken eine kleine Gruppe von jungen Kühen. Ganz ängstlich stehen sie aneinandergedrängt und blicken uns mit ihren grossen, braunen Augen furchtsam an. Rodos, der von diesen Tieren anscheinend begeistert ist, stürzt auf sie zu, um seine neuen Freunde zu begrüssen. Doch, entweder sind diese Kälber Hunde nicht gewohnt oder die Begrüssung ist ihnen zu hektisch, jedenfalls stürmen sie geschlossen davon. Unser kleiner Terriermischling, der einen gewissen Jagdinstinkt nicht leugnen kann, rennt fröhlich hinterher und Bonita, die ihren Rodos liebt, möchte ihm in nichts nachstehen. Sind wir Menschen sonst in solchen Situationen durch unsere unzureichenden zwei Beine behindert, haben wir in diesem Fall ja vier Beine unter uns und jagen in wildem Galopp, die Namen unserer Lieblinge laut rufend hinter dieser wilden Horde her. Gottseidank geht den Hunden bald die Puste aus und sie werden langsamer und zum Glück ist keiner der Cowboys in unserer Nähe, um dieses Schauspiel zu beobachten.

Den Pferden vertrauen
Schliesslich entdecken wir die Kühe in einer kleinen Senke und schaffen es, uns leise und vorsichtig an sie heranzupirschen, Rodos ständig mit leisen Worten zurückhaltend. Irgendwie scheint er es jetzt verstanden zu haben und auch die Kälber wirken erschöpft und so nehmen wir sie in unsere Mitte, nur um dann festzustellen, dass wir nicht mehr wissen, wo wir eigentlich sind und wo wir hin wollen. Selbst der markante Hügel ist von dieser Senke aus nicht zu sehen. Ich mache meinem Mann den Vorschlag, den Pferden zu vertrauen, denn die wissen meist instinktiv den richtigen Weg zum Futterplatz und so ermuntere ich meinen „Lucky“, den Weg nachhause zu suchen. Und wirklich, mein Fuchs-Wallach biegt plötzlich bei einer kleinen Lichtung scharf rechts ab, erklimmt einen kleinen Erdwall und ein paar hundert Meter weiter entdecken wir das Camp. Als wir einreiten, allerdings ohne Kühe, die mussten wir wegen unserer Orientierungslosigkeit in der Talsenke lassen, werden wir mit grossem Hallo empfangen. Nachdem wir fast fünf Stunden unterwegs waren, hat man sich schon Sorgen um uns gemacht. Unsere tapferen Hunde fallen einfach um und sind innerhalb von Sekunden eingeschlafen. Wir versorgen unsere Pferde und nehmen unser verspätetes Mittagessen ein. Dann müssen wir den anderen Gästen von unserem Abenteuer erzählen, allerdings lassen wir die Hunde-Kuh-Jagd aus. Den Rest des Tages ruhen wir uns lieber aus und beschliessen, am nächsten Morgen doch lieber mit der Gruppe mitzureiten.

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