Die Pubertät des Hundes – Dieser Anschluss ist vorübergehend nicht besetzt …

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Aus aktuellem Anlass – Herr Schmitt, ein inzwischen halbjähriger Beaglerüde, hat uns vor ein paar Wochen „heimgesucht“ – werden ­Erinnerungen an die Pubertät von Herrn Meier – unserem älteren Beagle – wach. Die Pubertät ist vermutlich der Lebensabschnitt, der für Hund und Halter am nervenaufreibendsten ist und je nach Hund inklusive aller Folge­erscheinungen bis zu 3 Jahre dauern kann.

Es ist morgens um halb ­sieben. Lange bevor der Wecker die Chance hat zu klingeln, ist es Herrn Meier, seines Zeichens ein pubertierender Beaglerüde, ein gutes halbes Jahr alt und grenzen- und regellos, wie es sich in seinen Augen für einen Pubertisten gehört, langweilig, und der Tag muss beginnen. Also springt er zunächst ins Bett und startet eine Wanderung durch das­selbige. Dass er dreimal hochkant wieder hinausfliegt kümmert ihn nicht besonders, sondern führt vielmehr nur zu einer Änderung seiner Strategie. Jetzt ­stehen Heulorgien, gegen die auch das Geläut einer kompletten Beaglemeute fast lautlos verblasst, auf dem Programm. Zwecklos, Frauchen ist inzwischen gegen das tägliche morgend­liche Getöse abgehärtet, zieht sich das Kopfkissen über den Kopf und schläft einfach weiter. Da hilft nur Trick 17: lautstark den nächstgelegenen Mülleimer aufsuchen und ausräumen, das hilft immer. So auch diesmal. Beim leisen Knistern der im Beaglemaul zerberstenden Joghurtbecher springt Frauchen fluchend aus dem Bett und das Beagle-eigene Navigationssystem vermeldet: „Sie haben Ihr Ziel erreicht!“. Der Tag kann beginnen.

Wollen wir doch mal sehen, was heute so alles an spannenden Dingen auf dem Programm steht. Erst einmal könnte man ja, nachdem das eigene Frühstück bereits inhaliert wurde, die anderen zwei alten Hundedamen im Haushalt etwas nerven bzw. die eigenen Grenzen austesten. Denn wer so langsam frisst, ist in den Augen des Jungspundes selber schuld und wird vom Beagle mit sofortigem Futterentzug bestraft. Die von den beiden Hündinnen gezeigten Abbruchsignale spornen ihn erst recht zu Höchst­leistungen an – hier bin ich, was ­kostet die Welt?! Größenwahn hat einen Namen …

„Was war das noch?“
Nach einer kurzen Morgenrunde steht Hundeschule auf dem Lehrplan. Wie lustig! Mit Kumpels toben, sich in toten Regenwürmern wälzen, Frauchen im Regen stehen lassen und nebenher, quasi im Vorbeigehen, ein bisschen Sitz, Platz, Fuß. Moment! Sitz? Was war das gleich wieder? Der Pubertätsalzheimer lässt grüßen! Was bisher aus dem Eff-Eff ­funktionierte, ist ganz weit unten im Hundehirn verschwunden und leider nicht mehr reproduzierbar. Dieser Anschluss ist vorübergehend nicht besetzt. ­„Heeeeeerr Meeeeeieer“ ruft ­Frauchen. „Den kenne ich doch auch?“, denkt Meier, „Zumindest habe ich den Namen schon mal gehört, kann ihn aber gerade nicht zuordnen. Na ja, wird schon nicht so wichtig sein wie die hübsche Lady, die da gerade ums Eck kommt“. Außerdem muss Hund ja seinen zahlreichen Verpflichtungen nachkommen und kann sich unmöglich derart sinnlosen Dingen wie Sitz und Platz zuwenden, solange auf dem Platz noch nicht jeder – und ich meine wirklich jeder – Grashalm ausführlich inspiziert und begossen wurde. Denn inzwischen hat Herr Meier die Kunst des Markierens erlernt und wendet sie gerne und ausgiebig an. Sogar Häufchen machen funktioniert auf 2  Beinen, Hintern in die Höh’, und mit wichtiger Kommunikation in Richtung aller, die das interessiert – oder auch nicht. Eigentlich auch egal. Weil aber so ein Junghundekurs gezwungenermaßen lauter Mitkurslinge enthält, die genau dieselben Prioritäten haben, und jeder gerne das letzte Wort beziehungs­weise den letzten Tropfen hätte, ist die einmal in Gang gesetzte Lawine nicht mehr aufzuhalten. Zur Not und mit der nötigen Übung kann man nämlich auch an der Leine fast professionell markieren – und tut das auch, wenn man als pubertierender Jung­spund was auf sich hält. Und das tun sie alle! Markieren funktioniert übrigens auch im Haus wunderbar, eine solch wichtige Tätigkeit muss schließlich trainiert werden, immer und überall. Frauchen erwähnte da mal was von so und so vielen Wiederholungen, die nötig sind, um ein Verhalten zu festigen, da hält Hund sich doch gerne dran.

Mit einem etwas entnervten ­Frauchen – „an ihrer Frustrationstoleranz muss noch gearbeitet werden, ich bleibe dran!“ – geht es dann wieder nach Hause. Unterwegs lässt sie noch etwas Ähnliches wie „… sollte man höchstbietend an das nächste Labor verkaufen, aber wahrscheinlich wollen die ihn auch nicht“ vom Stapel und Herr Meier fragt sich seither, ob man Labore wohl fressen oder sich in ihnen wälzen kann.

Zuhause ist auch gleich wieder für Abwechslung gesorgt. Frauchen ­kümmert sich schließlich und hat Handwerker ins Haus geholt. Noch spannender als Handwerker sind nur Türen, die von diesen versehentlich Bruchteile von Sekunden offen gelassen werden, denn eines von Herrn Meiers Lebensmottos ist „Wer früher geht, ist länger weg“. Gesagt getan, denn die Komposthaufen der Nachbarn wollen ja auch kein einsames Dasein fristen. Außerdem war da doch neulich die nette Nachbarin mit den tollen Leckerlis, die freut sich bestimmt über Besuch, und Herr Schneider und Frau Oberlader auch. „Bekannt wie ein bunter Hund“ kommt nicht von ungefähr …

Noch schöner als der Ausflug war allerdings das Heimkommen. Nur an den roten Teppich hat keiner gedacht, trotzdem waren alle offenbar sehr erleichtert, als er wieder da war. Er weiß offenbar trotz des derzeit grassierenden Pubertätsalzheimers, dass er nur seine noch in viel zu viel Haut und Fell verpackte Stirn in charmante Runzeln legen muss, damit ihm keiner mehr böse ist. Funktioniert immer, zumindest bisher.

Das Paar nagelneue Schuhe und die erledigte Steuererklärung, die er mit den Abdrücken seiner Zähne ver­schönert hat, lassen wir hier mal unter den Tisch fallen, oder, wie Frauchen es getan hat, in den Mülleimer. ­„Mülleimer, Essen?!“

Der Beagle hat sich übrigens nicht spezialisiert, denn neben Schuhen und Steuererklärungen werden auch Türzargen, Handys, Brillen und Teppiche gerne als Kauspielzeug angenommen. Man ist ja nicht wählerisch. Spannend ist allerdings die Tatsache, dass es selten irgendwelche Paar Schuhe oder gar alte erwischt, sondern grundsätzlich das neueste Paar Lieblingsschuhe daran glauben muss. Die Lieblingssachen des Frauchens werden also automatisch auch zu den Lieblingsspielzeugen des Beagles, was allerdings nur einseitige Begeisterung hervorruft.

Wenn es ihn glücklich macht?! ­Frauchen macht es jedenfalls glücklich, Mantra-artig den ganzen Tag „die Pubertät ist ein Lebensabschnitt – sie geht vorbei“ vor sich hin zu murmeln und ganz fest daran zu glauben.

Pubertät und Adoleszenz
Genaugenommen müsste man zwei verschiedene Begriffe voneinander trennen: die Pubertät und die Adoleszenz. Die Pubertät ist ein Teil der Adoleszenz, und zwar derjenige, in welchem die Geschlechtsreife erreicht wird. Der Hund ist dadurch aber noch lange nicht erwachsen. Es schließt sich die lange Phase der Adoleszenz, des Heranwachsens an, ein Übergangsstadium in der Entwicklung von der Kindheit zum Erwachsensein, währenddessen ein Mensch oder ein Tier zwar biologisch gesehen zeugungs­fähig und körperlich so gut wie ausgewachsen, aber emotional und sozial noch nicht vollends gereift ist. Diese Begrifflichkeiten werden oft durcheinander geworfen bzw. ist oft einfach die Rede von den Flegeljahren oder der Reifezeit. Die Adoleszenz ist die Zeit des Ablösens von der ­Familie und der Entwicklung der eigenen Persönlichkeit eines Hundes, die Zeit zwischen der Geschlechts- und der „Zuchtreife“. Everybody’s Darling war also gestern …

Der Eintritt in die Pubertät und die Dauer der Adoleszenz variiert individuell und rasseabhängig. Kleinhundehalter haben Glück: beim kleinen Hund beginnt die Pubertät früher und die Adoleszenz ist früher abgeschlossen. Ein Herdenschutzhund hingegen kann schon mal vier Jahre brauchen, bis er wirklich erwachsen ist. Rüden sind langsamer als Hündinnen. Anstrengend ist diese Zeit oftmals, weil sich die Prioritäten des eben noch so unkomplizierten und anhänglichen Welpen nun komplett verschieben. Er wird selbstständiger und zeigt ein gesteigertes Explorations-, also Erkundungsverhalten. Selbstbelohnendes Verhalten bekommt einen größeren Stellenwert, jeder Grashalm hat in den Augen des Hundes phasenweise mehr zu bieten als der Halter. Dem Hund fällt es schwer, sich von für ihn wichtigen und lohnenswerten Dingen zu trennen und sich stattdessen auf seinen Besitzer zu konzentrieren. Ressourcen bzw. deren Verteidigung werden auf einmal wichtig, ebenso wie tausend andere Dinge, die der Hund nun plötzlich im Kopf hat, und auch sein Radius vergrößert sich. Ärgerlich ist hierbei die lernverstärkende Wirkung des Dopamins, der Selbstbelohnungsdroge des Gehirns, die dazu führt, dass diese selbstbelohnenden Handlungen sehr schnell positiv bewertet, erlernt und beibehalten werden.

Wichtig ist es, sich immer wieder ins Bewusstsein zu rufen, dass der Hund das nicht tut, um seinen Halter zu ärgern! All diese Veränderungen im Verhalten sind ein physiologisch völlig normaler Ablauf und dem Hormoncocktail, den Hund gerade genüsslich zu sich nimmt, geschuldet. Wut auf den ignoranten Hund ist also zwar verständlich, hilft aber nicht weiter. Geduld und Verständnis sind also wichtig, auch wenn das leichter geschrieben als getan ist.

Auch hat das Verhalten, entgegen dem, was man immer wieder hört, nichts mit Dominanz zu tun! Die Aufmüpfigkeit des Jungspundes ist vom dominanten Verhalten weiter entfernt als die Deutsche Bahn oder die ÖBB von Pünktlichkeit. „Das hat er ja noch nie gemacht“ wird zu Ihrem Standardspruch in den nächsten Monaten und Jahren werden – und stimmt hier sogar einmal. Wenn wir gestern noch einen kleinen Streber unser Eigen nannten, haben wir jetzt ein Pubertier an der Leine. Und mit ihm ist über Nacht der „Was war Sitz gleich wieder“-Blick aufgetaucht. Die Stressanfälligkeit steigt, und die Reaktionen auf Stressoren werden intensiver.

Ihr Job als Halter ist es nur, dem Hund und seiner Großbaustelle im Gehirn Verständnis entgegen zu bringen, denn er kann nicht anders. Trotzdem dürfen Sie sich natürlich nicht auf der Pubertät des Hundes ausruhen, sondern müssen gegensteuern. Bleiben Sie konsequent, bieten Sie Ihrem Hund Sicherheit, Orientierung und Führung, die er dringend benötigt. Denn der Hund wird nicht von selbst aus diesen Problemen „herauswachsen“, sondern sie werden sich, wenn man den Dingen ihren Lauf lässt, verfestigen und zu immer größeren Problemen heranwachsen. Je länger Sie warten, desto schwieriger wird es.

Wann ist der Spuk vorbei?
Die Pubertät beziehungsweise ihre Späterscheinungen der ­sogenannten Adoleszenz, also der Phase des Erwachsen-Werdens, endet bei unseren Hunden erst im Alter von mehreren Jahren. Leider, werden jetzt diejenigen denken, die ein extrem pubertierendes Exemplar zuhause haben. Auch bei Herrn Meier, der den WUFF-Leserinnen und -Lesern ja bestens bekannt ist, dauerte es eine gefühlte Ewigkeit, bis die letzten Wellen der Pubertät verebbt waren. Und immer, wenn man sich nach zwei eher ruhigeren Wochen vorsichtig zu freuen begann, dass der Spuk nun endlich ein Ende hat, kam eine ­weitere Pubertätswelle, die, subjektiv betrachtet, alles bisher Dagewesene harmlos erscheinen ließ. Bis zum Alter von zweieinhalb Jahren schwankte der Herr zwischen „Lass uns ­morgen die Begleithundeprüfung mit ­Bravour ablegen“ und „Sitz? Was war das gleich wieder? Noch nie gehört“. Danach kehrte langsam dauerhaft Ruhe ein, auch wenn dem Frieden zunächst nicht zu trauen war. Tja, und dank Schmitti ist nach der Pubertät nun vor der Pubertät …

Warum ist der Hund in der Pubertät so anstrengend?
Aus neurobiologischer Sicht entsteht in der Pubertät ein temporäres Frontal­hirndefizit mit all seinen Folgen. Und da das Frontalhirn derjenige Teil des Gehirns ist, der Impulse kontrolliert, Handlungen plant und die Folgen von Handlungen abschätzt, ist klar, dass der pubertierende Hund all das vorübergehend nicht leisten kann. Impulskontrolle und Risikoabschätzung sind also nicht unbedingt die Stärke pubertierender Junghunde. Auf der Ebene der Botenstoffe spielt hier das Dopamin eine wichtige Rolle. Dopamin kann man als die Selbstbelohnungsdroge des Gehirns bezeichnen, es wirkt als Verstärkersystem für innere Impulse und sorgt dafür, dass ein Impuls in eine Handlung umgesetzt wird. Dieses dopaminerge System ist in der Zeit der Pubertät am stärksten ausgebildet, und wegen seiner selbstbelohnenden Funktion sind Junghunde immer begierig auf eine Stimulation dieses Systems, quasi immer auf der Suche nach dem Dopamin-Kick. In der Humanpsychologie spricht man hier vom „sensation seeking“ (sensation im Sinne von Empfindung). Je schlechter also in der Pubertät die bremsende und hemmende Funktion des präfrontalen Cortex funktioniert, der ja für Handlungsplanung, Folgenabschätzung und Impulskontrolle zuständig ist, und je stärker der dopaminerge Sprit zum Antrieb vorhanden ist, desto größer wird die Risikobereitschaft und desto häufiger wird dann riskantes Verhalten gezeigt. Deswegen ist ein Bungeesprung mit Seil auch manchen pubertierenden Jugendlichen schon nicht mehr genug.

Dazu kommt, dass der Mandelkern (= die Amygdala), das emotionale Bewertungszentrum des Gehirns, welches die Wahrnehmung und die Reaktionen steuert, sich in dieser Phase vergrößert und empfindlicher und intensiver auf Reize aus der Umwelt reagiert. Dies bedeutet, dass Reaktionen emotionaler ausfallen. Dies ist leider auch ein guter Nährboden für Aggression. Der Canis pubertus testet also seine Grenzen aus und ist auch in Auseinandersetzungen risikobereiter. Das ist biologisch durchaus sinnvoll, denn kein Jungwolf oder Junghund würde abwandern und eine eigene Familie gründen, wenn das nicht so wäre und er statt dessen auf ein ­risikoloses, sicheres Leben mit Bausparvertrag und ­Vorgartenidylle aus wäre – aber das macht diese Zeitspanne eben zu einer der anstrengendsten im Hunde(halter)leben.

Gewinner – Verlierer?
Klarer Gewinner der Pubertät ist das vordere Stirnhirn, das mit Entscheidungsfindung, rationalem Handeln und der Lösung von Problemen befasst ist.Andere Bereiche der Großhirn­rinde, die für die Verknüpfung von Informationen und damit für die (vernünftige) Bewertung von Außenreizen und deren rational sinnvolle Beantwortung zuständig sind, ge­hören ebenfalls zu den Gewinnern der pubertären ­Umorganisation.

Die Verlierer des Umbauprozesses in der Großbaustelle pubertierendes Hundehirn sind insbesondere Teile des limbischen Systems, also des für Emotionen zuständigen Teils des Gehirns. Dort wird vor allem die Wirksamkeit von erregenden Botenstoffen, wie etwa des natürlichen Stimmungsaufhellers Serotonin und des bereits erwähnten Dopamins verringert. Was hier stattfindet, also emotionale und unüberlegte Handlungen, wird also nicht mehr so stark positiv bewertet und entsprechend nicht mehr so ­häufig gezeigt.

Wenn wir, beziehungsweise unser Hund, diesen Zustand erreicht haben, haben wir und unser Hund es geschafft und die Pubertät überstanden. Willkommen im Leben, erwachsener Hund!

Stress lass nach!
Während der Pubertät kommt es aber auch zu einer starken Erhöhung der Aktivität der ­Nebennierenrinde, die das Stresshormon Cortisol ­produziert, wodurch die erhöhte Stressanfälligkeit in dieser Zeit erklärlich wird. Außerdem kommt es zu einer verstärkten Ausschüttung des sogenannten Elternhormons Prolaktin, einem Gegenspieler des Cortisols. Der gesamte Hormoncocktail aus Stresshormonen, insbesondere Cortisol, Sexualhormonen, Nervenwachstumsfaktor, Prolaktin und anderen versetzt den Organismus in eine heftige Berg- und Talfahrt. Dies belegen Unter­suchungen an Menschen, Hunden, Affen und anderen Tierarten, der Stresshormonspiegel ist bei allen Säugetieren während der Adoleszenz am höchsten. Daher kann es beispielsweise auch passieren, dass der Hund in seiner Welpenzeit Mülltonnen sehr spannend fand und keinerlei ­Schwierigkeiten damit hatte und nun plötzlich der Meinung ist, Mülltonnen seien böse, Junghunde-fressende Monster.

So kompliziert diese Zusammenhänge auch sein mögen, so wichtig sind sie doch für das Verständnis für den Hund und seine Achterbahn der Gefühle. Also rufen Sie sich all das immer ins Gedächtnis, wenn Ihr Hund Sie mal wieder auf die Palme bringt. Und denken Sie daran: die Pubertät bzw die Adoleszenz ist nur ein Lebensabschnittsgefährte! Und das werden auch wir uns immer wieder sagen, wenn der kleine Herr Schmitt demnächst alles bisher Gelernte in Frage stellt und sein verständnis­loser Gesichtsausdruck fragt, was Sitz gleich wieder war …

HINTERGRUND

Chaos auf der Baustelle: ­Hormonelle Abläufe im pubertären Gehirn

Den Startschuss für den Eintritt in die Pubertät gibt das Hormon GnRH, das sogenannte Gonadotropin Releasing Hormon. Dieses Hormon aktiviert die Freisetzung der ­Geschlechtshormone aus den Geschlechtsorganen, was wiederum zu vielfältigen Umbauten im Gehirn führt. Das Gehirn wird also zur Großbaustelle. Die Folge sind mehr Zuständigkeiten für die ­Hirnregionen, die für rationale Entscheidungen und sogenannte kognitive, also höhere geistige Leistungen zuständig sind. Dafür bekommen die emotional reagierenden Teile des sogenannten limbischen Systems weniger Gewicht. Das Verhalten wird also insgesamt vom emotionalen und infantilen Handeln weg und zum mehr rationalen, erwachsenen und vernünftigen Verhalten hin verlagert – wenn die Adoleszenz überstanden ist. Der große Gewinner dieser Aufgabenneuverteilung ist das sogenannte Frontalhirn, das unter anderem dafür zuständig ist, Entscheidungen zu treffen, Informationen im Kopf zu behalten, eine gewisse Planbarkeit zu ermöglichen und schließlich für das „Multitasking“ . Beim Umbau kommt es zur Umwandlung von sogenannter grauer Substanz in weiße Substanz. Die weiße Substanz enthält schnellere Nervenverbindungen und ist leistungsfähiger. Die Umwandlung von grau in weiß liegt an der fortschreitenden Myelinisierung der Nervenfasern. Die weiß erscheinenden Myelinhüllen oder –scheiden sind Isolierungen um die Nervenfasern, die Kurzschlüsse verhindern und für eine effektivere und 50-fach beschleunigte Reizweiter­leitung sorgen.

Wissenschaftler gehen davon aus, dass der kognitive Leistungsabfall zu Beginn der Pubertät auf die Umwandlungsprozesse der grauen zur weißen Masse zurückzuführen sei („Was war „Sitz“ gleich wieder?). Im pubertären Gehirn werden also die bisherigen „Kupfer­kabel“ zu einer schnellen Datenautobahn ausgebaut. Unnötige Neben­strecken werden abgebaut und dadurch werden die Verknüpfungen optimiert und die Leitungsgeschwindigkeit wird deutlich beschleunigt. Und wie auf jeder anderen Baustelle herrscht ­während des Baus das Chaos.

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