Abenteuer Afrika – Guinea und Sierra Leone: Probleme mit Paule

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Es ist alles andere als einfach, in Afrika mit einem Hund zu ­reisen. Aber das Schicksal hat es wohl gewollt, dass Astrid und Loyal bei ihrer Afrikaumrundung mit einem Land Rover auf Dog alias ­Paule stoßen, der sofort das Herz der beiden Abenteurer erobert. ­Allerdings – ohne Paule hätten sie bedeutend weniger Probleme. Waren es vorher die fehlenden Papiere, die nötigen Impfungen sowie Futter und Leine (Teil 1 und 2), so ist es nun Paules Ver­halten ­Kindern gegenüber und auch seine Angst vor Dunkelheit und ­Insekten.

In Guineas Hauptstadt Conakry wohnen wir bei der Familie meines Freundes Mamoudou. Er ist Musiker, lebt in Freiburg und unterstützt seine Familie in Afrika finanziell. In Conakry können wir Paule wieder frei laufen lassen, weil der Innenhof des Hauses von einer Steinmauer umgeben ist. ­Leider finden sich überall Fischreste auf dem Boden, und Paule ist den ganzen Tag damit beschäftigt, jede noch so ­kleine Gräte zu finden. Weil Loyal sich nicht ganz wohl fühlt, bleiben wir eine ganze Woche in Conakry. Mit Paule ist das nicht so einfach: Wir haben noch immer das Futterproblem, weil wir auch hier kein Trockenfutter im Supermarkt finden können. Da Hunde hier eine andere Stellung haben als bei uns, können wir auch nicht einfach die Familie fragen, ob wir von dem für uns gekochten Reis etwas für unseren Hund bekommen können. Deshalb gehen wir nun jeden Morgen zum Markt, um dort heimlich Fleisch­spieße für Paule zu kaufen. Wie geheim zwei Weiße ihre täglichen Einkäufe auf einem Markt halten können, sei einmal dahingestellt. Paule freut sich jedenfalls über das viele Fleisch, wir dagegen sind genervt, weil der Weg zum Fleischspießestand relativ weit ist und wir jeden Morgen eine Dreiviertel­stunde dafür einplanen müssen.

Problem-Kinder …
Ein anderes Problem in Conakry sind die vielen Kinder, die mit uns im Haus wohnen. Paule hat sich inzwischen auf Loyal und mich eingestellt. Wenn allerdings Kinder mit ihm spielen wollen, fängt er immer wieder an zu knurren, und wenn er angefasst wird, schnappt er manchmal nach den Kindern. Wir schimpfen und tadeln ihn, versuchen aber immer wieder Kontakt zwischen ihm und den Kindern herzustellen. Wir wollen auf jeden Fall, dass Paule Kinder toleriert, da es in ­unserem Freundeskreis viele kleine Kinder gibt und wir auch selbst gerne Kinder haben möchten. Paule ist allerdings nicht daran gewöhnt, dass Kinder zu ihm nett sind: Kinder wissen hier gar nicht, wie man mit Hunden umgehen muss. Das Einzige, was sie gelernt haben, ist, die Hunde zu schlagen oder zu treten oder Steine nach ihnen zu werfen. So nähern sie sich Paule häufig langsam und schlagen dann zu. Paule kann natürlich im Vorfeld nicht ahnen, ob es sich um ein nettes oder schlagendes Kind handelt, und knurrt deshalb. Wir verstehen das. Allerdings stellen wir uns die Frage, ob er vielleicht, auch wenn er erst 5 Monate alt war, als wir ihn fanden, bei seinen Erstbesitzern misshandelt wurde und deshalb gestört ist. Uns ist klar, dass wir, wenn Paule nicht aufhört nach Menschen zu schnappen, nicht weiter mit ihm reisen können. Paule wäre dann ein Sicherheitsrisiko. Loyal und ich haben ein langes Krisengespräch und beschließen, unserem Kleinen noch eine Chance zu geben.

Gassi-Tragen
Paule hat übrigens auch große Angst vor Insekten und vor der Dunkelheit. Das führt dazu, dass er nach Einbruch der Dunkelheit nicht mehr Gassi gehen möchte und uns dann nachts weckt, wenn er Druck verspürt. Loyal ist darüber sehr genervt, weil er mehrere Nächte hintereinander aufstehen muss, um mit Paule rauszugehen. Oft läuft Paule dann keinen Schritt: Er lässt sich von Loyal auf dem Boden absetzen, geht in die Hocke, pinkelt, stellt sich wieder hin und schaut zu Loyal herauf mit Augen, die sagen: „Ich bin fertig. Jetzt kannst du mich wieder reintragen!" Unser Hund ist in mancher Hinsicht wirklich verwöhnt! Paule hebt übrigens nicht wie andere Rüden sein Bein, sondern geht in die Hocke, um zu pinkeln. Das haben wir hier bei allen Rüden so gesehen. Leider passiert es dabei immer wieder, dass Paule sich selbst anpinkelt, beziehungsweise in seiner eigenen Pfütze steht. Wir wissen nicht, wie wir ihm beibringen sollen, das Bein zu heben. Wahrscheinlich wird er es nicht tun, bis er es einmal bei einem anderen Rüden sieht. Wir begnügen uns damit, ihm die Pfoten zu putzen, bevor er ins Auto darf.

Von Conakry aus schaffen wir es in zwei Tagen nach Freetown, der Hauptstadt von Sierra Leone. Am Vortag haben dort Wahlen ­stattgefunden, und da mit Unruhen gerechnet wurde, war die Grenze am Wahltag geschlossen. Sierra Leone blickt auf 11 Jahre Bürgerkrieg zurück. Das Land ist erst seit wenigen Jahren befriedet. Wirklich stabil ist die politische Lage noch immer nicht. Deshalb kommen wir mit einem etwas mulmigen Gefühl nach Freetown. Unsere Angst ist allerdings unbegründet: Alles ist ruhig. Das Ergebnis der Wahlen wird erst eine Woche nach der Wahl verkündet. Wir atmen auf. Durch Zufall lernen wir Maria und John kennen, bei denen wir ein paar Tage wohnen. Maria ist Deutsche, die mit ihrem Partner John das Schulprojekt „WaMaGriSo" betreut.

Sie leben in einem Haus, in dem es ein Gästezimmer und ein richtiges Bett gibt. All das ist neu für Paule: Er war noch in keinem richtigen Haus, geschweige denn hat uns in einem Bett schlafen gesehen. Als wir das Zimmer betreten, ist er – schwupps – aufs Bett gesprungen und versteht es gar nicht, dass er da nicht bleiben darf. Im Auto darf er doch auch überall hin. Wir stellen seine Kiste neben das Bett. Da er nachts aber von Insekten geplagt wird, holen wir ihn mitsamt der Kiste unters Moskitonetz, das heißt zu uns ins Bett. Bis zum Morgen bleibt er in seiner Kiste, danach versucht er auf Hundeart uns zu über­reden, ihn doch zwischen uns im Bett zu dulden!

Endlich Hundefutter in Sicht!
In Freetown finden wir im Supermarkt endlich, wonach wir schon lange gesucht haben: Hundefutter! Als wir es Paule zum ersten Mal anbieten, schnüffelt er daran, geht danach drei Schritte rückwärts und schaut uns an. Seine Augen sagen ganz klar: „Was soll das denn? Wo ist mein Futter?" Ich versuche, ihm mit der Hand ein paar Kroketten zu geben. Er probiert, spuckt es aus, probiert es erneut. Danach verteilt er die Kroketten im Zimmer. Wir sammeln sie wieder ein. Stellen ihm erneut den Napf hin. Gegen Abend probiert er das Futter. Und frisst alles auf. Es scheint doch nicht so schlecht zu schmecken. Er schaut zu Loyal und wedelt mit dem Schwanz. Ganz klar, er will mehr! Wir sind erleichtert! Das wird unsere Fahrt durch den Busch ungemein erleichtern.

Man spricht deutsch
Auf der Straße werden wir durchs Autofenster von Martin auf Deutsch angesprochen: „Seid ihr wirklich aus Deutschland bis hierher gefahren?", will er von uns wissen. Wir bejahen, worauf er uns seine Karte gibt. „Ruft mich an, dann können wir uns mal treffen!" Martin lebt seit vielen Jahren mit seiner Frau und seinem Sohn in Freetown. Sein Haus wird von mehreren Hunden bewacht. Deshalb kennt er sogar einen richtigen Hundeshop. Dort finden wir endlich nicht nur ein Halsband und eine Leine für Paule, sondern auch einen Plastikknochen und Leckerlis. Jetzt sind wir endlich richtig ausgestattet. Mehrere Wochen mussten wir ohne Halsband und ­Leine auskommen. Das war gar nicht so ­einfach!

Martin lädt uns für Samstag zu einer Strandparty ein. Dort lernen wir ­andere Expats (Menschen, die im Ausland leben), aber auch Einheimische kennen. Martins Sohn spielt mit Paule, der sich zum ersten Mal richtig nett verhält. Leider findet Paule auch Grillreste auf dem Boden und schnüffelt und frisst den ganzen Abend. Loyal macht mit ihm mehrmals einen kleinen Gang am Strand, aber Paule ist viel zu abgelenkt, als dass er sein Geschäft verrichten würde. Einmal riecht er Fisch, ein anderes Mal kommen ­Kinder, danach ist es zu dunkel und beim ­letzten Mal jagt er lieber Krabben. Loyal ist davon ziemlich genervt.

Gegen Mitternacht sind wir ­wieder bei Maria und John und gehen ­schlafen. Gegen eins wird Paule unruhig und will raus. Ich selbst schlafe so tief, dass ich davon nichts mitbekomme. Loyal drückt ihn zurück in seinen Korb. Das geht mehrere Stunden so. Man muss dazu sagen, dass ­Freetown keine sichere Stadt ist und deshalb die ­Häuser nachts ziemlich ­verriegelt werden. Bei Maria und John ist nicht nur die Haustür mehrfach verschlossen, sondern auch die Hoftür. Das heißt, nachts haben wir keine Möglich­keit rauszukommen. Auch nicht mit Paule. Als Loyal gegen 5 Uhr morgens endlich eindöst, wird er von einem unglaublichen Gestank geweckt: Paule „sitzt" auf der Kante seiner Box und verrichtet seine Notdurft direkt auf Loyal. Dabei schaut er ihn so traurig an, nach dem Motto: „Ich will ja auch nicht, aber ich kann es nicht länger halten!"

Auch mich weckt der Gestank schnell. Loyal düst ins Bad, um sich zu waschen. Doch Paule ist noch nicht fertig. Auch unser Bettzeug bekommt ein Häufchen ab! Igitt!!! Das Problem ist nicht nur, dass es bei der Hitze bestialisch im Zimmer stinkt, sondern dass wir auch ein Wasserproblem haben: Es gibt noch maximal anderthalb Eimer Wasser im Haus. Wir füllen den Wasserkocher und versuchen mit kochendem Wasser dem Gestank und den Flecken zu Leibe zu rücken. Wir brauchen zwei Stunden, bis wir ­Paules Hinterlassenschaft einigermaßen beseitigt haben! Danach sind wir ­beide todmüde. Paule scheint die Situation sehr peinlich zu sein: Er schaut uns sehr traurig bei unserer Reinigungsaktion zu. Wenn wir ihn anschauen, schaut er schnell weg.

Glücklicherweise sind jetzt um 7 Uhr auch Maria und John wach und wir können mit Paule nach draußen. ­Paule hat scheinbar aber schon alles in unserem Bett gelassen und schnüffelt nur durch die Gegend. Loyal schimpft laut. „Der kommt nie wieder in unser Bett! Was für eine Sauerei!" Den restlichen Vormittag verbringen wir schlafend. Paules Kiste steht neben unserem Bett …

Zwei Tage später geht es für uns ­wieder in den Busch. Hier in den ­Dörfern haben wir zumindest kein Problem mit abgeschlossenen Türen. Paule schafft es endlich auch, im ­Dunkeln Gassi zu gehen.
Wir atmen auf.

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