Abstraktes Denken bei Hunden?

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Die Vorführung des Border Collies Rico in der TV-Sendung »Wetten dass …« am 23.01.1999 gilt als legendär. Der Hund hatte damals über 50, später sogar über 200 verschiedene namentlich genannte Gegenstände korrekt identifiziert und apportiert. Seither haben sich viele Wissenschaftler für das Phänomen des Wort- bzw. Sprachverständnisses von Hunden interessiert. Damit verbunden auch die Frage, ob Hunde über die bislang nur Menschen zugeschriebene Fähigkeit zu abstraktem Denken verfügen. Denn Hunde verstehen die Wörter nicht nur korrekt, sondern können sie sogar bestimmten Kategorien zuordnen, was die Fähigkeit zur Abstraktion voraussetzt.

Über 20 Jahre ist es her, als der Border ­Collie Rico in der Fernsehsendung »Wetten dass …« am 23. 1. 1999 das Publikum begeisterte. Anhand der Namen konnte er zahlreiche verstreut herumliegende Gegenstände korrekt identifizieren und seinem Frauchen apportieren. Kein Wunder, dass Rico damals »Wettsieger« dieser Sendung wurde. Allerdings soll Rico auch Ursache für einen danach einsetzenden Boom der Nachfrage nach Border Collies gewesen sein.

Einige Jahre danach hatten sich Wissenschaftler vom renommierten Leipziger Max Planck Institut für evolutionäre Anthropologie für Rico interessiert und mit ihm eine Studie gemacht (Kaminski 2004). Deren Ergebnisse dokumentierten das mittlerweile auf über 200 Wörter angewachsene Vokabular von Rico.

Besonderer Gegenstand des Interesses der Forscher war die Fähigkeit Ricos, neue Wörter nach einem Ausschlussprinzip zu lernen (»exclusion learning«), so wie dies Kleinkinder von 3-4 Jahren können. Dieses Ausschlussprinzip bestand darin, dass man zu den Rico schon bekannten Gegenständen einen neuen hinzufügte und Rico aufforderte, diesen zu apportieren; dies obwohl Rico weder den Namen noch den Gegenstand selbst kannte. Und tatsächlich ­brachte der Hund den neuen Gegenstand. Die damit verbundene, bereits recht ­komplexe kognitive Leistung des ­Hundes besteht darin, schon ­bekannte Gegenstände auszuschließen und schlusszufolgern, dass der neue Name dem neuen Gegenstand zuzuordnen sein müsse. Dies spricht dafür, dass Hunde grundsätzlich sog. »rezeptive Sprachfähigkeiten« haben, d.h. Wörter auch konkret verstehen und entsprechende abstrakte Begriffe konkreten Gegenständen zuordnen können.

Doch nicht alle Wissenschaftler sind dieser Meinung. So ist etwa der Psychologe Paul Bloom von der Yale University in New Haven (Connecticut) der Ansicht, dass Rico ein Wort, wie bspw. Ente, nicht auf den Gegenstand, d.h. die Plastikente bezog, sondern nur die Aufforderung seines Frauchens »Such Ente!« als einheitliches Kommando verstand, die Ente zu apportieren (Bloom 2004). D. h. dass Rico also nicht das ­Wort »Such«, d.h. den Begriff zur Aufforderung zu einer bestimmten Tätigkeit, von dem Wort »Ente«, also dem Begriff für einen Gegenstand, unterscheiden konnte. Das sei für ihn alles eins, so Bloom.

Noch heute heißt es auch in Hunde­halterkreisen, dass ein Hund menschliche Wörter nicht konkret verstehen, d. h. bspw. menschliche Begriffe ­bestimmten Gegenständen zuordnen könne. Dass dies aber nicht so ist, sondern dass Hunde tatsächlich vom Menschen ausgesprochene Wortbegriffe mit Gegenständen – und sensationell genug – sogar mit abstrakten allgemeinen Kategorien verbinden können (»mappen« ist der ­korrekte wissenschaftliche Ausdruck dafür), wurde vor knapp zehn Jahren nachge­wiesen (Pilley 2011).

Drei Jahre lang Training
In der wissenschaftlichen Studie, die sich über drei Jahre erstreckte, wurde bei einer Border Collie-Hündin namens Chaser nachgewiesen, dass sie ein Sprachverständnis entwickelte, das dem eines drei- bis vierjährigen Kleinkindes entsprach. Insbesondere konnte durch verschiedene spezielle Versuchsanordnungen nachgewiesen werden, dass Chaser
1. den Sinn von Hauptwörtern ­fonetisch, also vom Klang her, ­unterscheiden konnte,
2. Objekte visuell unterscheiden ­konnte,
3. ein erweiterbares Vokabular hatte und
4. über ein ausreichendes Gedächtnis verfügte.

Für die Wissenschaftler waren das eindeutige Beweise dafür, dass das Lernen menschlicher Sprache bei Hunden derselben Art und Weise entspricht, wie Menschen Sprache lernen.

Unterschied ­zwischen Tätigkeit und ­Gegenstand
In einem weiteren Experiment konnte nachgewiesen werden, dass Chaser unterscheiden konnte zwischen der konkreten Bedeutung eines Wortes für einen Gegenstand einerseits und der Aufforderung zu einer bestimmten Tätigkeit, wie bspw. »Bring«, ­»Pfote« oder »Nase« andererseits. Bring bedeutete natürlich, dass Chaser das geforderte Objekt apportieren sollte, »Pfote« hieß, den Gegenstand lediglich mit der Pfote zu berühren, und »Nase« bedeutete, ihn mit der Nase anzu­stupsen.

Durch die Kombination von drei verschiedenen Objekten und den drei verschiedenen Kommandos konnte zudem das Wortverständnis von Chaser nachgewiesen werden. Denn die Hündin verstand bspw. die beiden Wörter »Bring Elefant« nicht, wie es der eingangs erwähnte Prof. Bloom bei Rico vermutet hatte, einfach als ein einziges Kommando, sondern ­vielmehr unterschied Chaser die Aufforderung zur Art der Tätigkeit (»Bring«, ­»Pfote«, »Nase«) von der Art des Gegenstandes, den es betraf. Ohne dass die ­Hündin vorher ausdrücklich dazu ­trainiert worden war, konnte sie die neue Bedeutung der Kombination von zwei Wörtern verstehen. Für uns erwachsene Menschen eine Selbstverständlichkeit, ist dies aber, wie Psychologen sagen, eine sehr komplexe kognitive Leistung, die Kleinkinder erst im Alter von drei bis vier Jahren entwickeln.

Sensationell: Denken in Kategorien
Doch damit nicht genug – regelrecht sensationell ist die Tatsache, dass die Wissenschaftler auch nachwiesen, dass Chaser in Kategorien denken konnte – ein Beweis für die Leistung zu abstraktem Denken. So verstand die Hündin bspw. den Unterschied zwischen Spielsachen, Bällen und Frisbees. Überprüft wurde diese Fähigkeit in folgender Untersuchungsanordnung: Chaser wurden 16 Gegenstände vorgelegt, darunter 8 Spielzeuge und 8 andere Gegenstände. Jedesmal, wenn die Hündin aufgefordert wurde, ein Spielzeug zu bringen, apportierte sie ein solches und nicht einen anderen der Gegenstände. Nach 8-maliger Aufforderung waren schließlich alle 8 Spielzeuge von ihr korrekt erkannt und apportiert worden. Diese Versuchsanordnung wurde mehrmals mit verschiedenen Spielzeugen und Nicht-Spielzeugen wiederholt, und Chaser lag immer in 100% der Fälle richtig.

Dies ist umso bemerkenswerter, als die Hündin ja auch die individuellen Namen der Spielzeuge kannte, wie also bspw. Ente. Dieselbe Versuchs­anordnung wurde auch mit Bällen und Frisbees durchgeführt. Auch da identifizierte Chaser stets korrekt die Kategorie Ball oder Frisbee, unab­hängig vom konkreten Namen des jeweiligen Gegenstandes. Sie konnte also sowohl einen Gegenstand mit mehreren Begriffen verbinden als auch einen Begriff mit mehreren Gegenständen.

Wie bildet der Hund Kategorien?
Chaser konnte die Bälle vermutlich aufgrund ihrer einheitlich kugeligen Form (unabhängig von ihrer Größe, Struktur oder Farbe) als der Kategorie Ball zugehörig identifizieren, ebenso wie die Frisbees aufgrund ihrer flachen runden Form. Die Spielzeuge hingegen hatten weder eine einheitliche Form, noch Struktur oder Größe. Die Forscher nehmen an, dass die Hündin diese Gegenstände daher aufgrund abstrakter Charakteristika wie bspw. ihrer Funktion unter die Kategorie Spielzeug subsummiert haben muss. Denn Geruch komme, wie Prof. Reid, einer der Studienautoren, auf Nachfrage von WUFF erklärt, als Unterscheidungsmerkmal nicht in Frage. Um dies auszuschließen wurden die Gegenstände nämlich auch gewaschen. Zudem wurden, so Reid, manche Gegenstände auch doppelt gekauft und dann anstatt des schon bekannten, möglicherweise mit dem Geruch der Hündin behafteten Gegenstandes alternativ der Hündin präsentiert. Chaser behandelte jedoch diese »Doppelgänger-Gegenstände« genauso wie alle anderen, sie kannte ihre Namen, apportierte sie korrekt und ordnete sie auch der richtigen Kategorie zu. Geruch konnte also in der Unterscheidung der Gegenstände keine Bedeutung haben.

Fazit
Wie die Forscher sagen, hätten die verschiedenen Experimente und zahllosen Tests mit Chaser bewiesen, dass die Hündin verstand, dass Gegenstände einen Namen haben. Sie war fähig, anhand menschlicher Hinweise diese Namen zu lernen und richtig zuzuordnen, sowie ihr Vokabular innerhalb von 3 Jahren auf 1.022 ­Wörter auszuweiten. Die Hündin verstand den Unterschied der Bedeutung von Gegenständen und von Tätigkeiten und kombinierte diese Bedeutungen so wie dies Menschen tun. Weiterhin wurde auch nachgewiesen, dass Chaser neue Wörter durch das Ausschluss­prinzip verstehen und lernen konnte. Und schließlich konnte der sensationelle Nachweis erbracht werden, dass die Hündin auch abstrakte Kategorien verstehen, d.h. in Kategorien denken konnte.

Literatur

Die im Artikel zitierte Literatur in alphabetischer Reihenfolge.

• Bloom Paul. Can a Dog Learn a Word? Science 2004; 304: 1605-1606.
• Kaminski Juliane, Call Josep, Fischer Julia. Word Learning in a Domestic Dog. Evidence for »Fast Mapping«. Science 2004; 304:1682-1683.
• Pilley John, Reid Alliston. Border collie comprehends object names as verbal referents.Behavioural Processes 2011; 86,2: 184-195.

 

 

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