Achtung giftig! – Unterschätzte Gefahr Birkenzucker (Xylitol)

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Xylitol, sog. Birkenzucker, findet in der Küche als ­Ersatz normalen Zuckers zunehmend Verwendung. Die Substanz ist für Säuge­tiere unbedenklich – mit ­einer großen Ausnahme, dem Hund. Egal, in ­welcher Form sie Birkenzucker ­einnehmen, ob roh oder in Produkten (Keks usw.), kann Xylitol zu Leber­schädigungen und bis zum Tod des Tieres führen.

Alle Jahre wieder werden wir von Medien, Fitnessgurus und Ernährungsexperten mit den neuesten Erkenntnissen rund um das Thema Ernährung bombardiert. Dieses Jahr im Fokus: die Low Carb Theorie. Die sogenannten einfachen Kohle­hydrate, wie sie in Weißbrot, Zucker, aber auch in süßen Getränken und Alkohol enthalten sind, gelten inzwischen nicht mehr als unbedenklich, da sie den Insulinspiegel stark aus dem Gleichgewicht bringen und ­somit Heißhunger auslösen können. Der vollständige Verzicht auf Zucker stellt das Gewohnheitstier Mensch jedoch oft vor eine große Herausforderung, und mittlerweile sind sehr viele Zucker­ersatzstoffe auf dem europäischen Markt zu finden. Einer der bekanntesten davon ist der ­Zuckeraustauschstoff Xylitol, der nicht nur über ein ähnliches Aussehen wie normaler Zucker verfügt, sondern auch über eine ebensolche Süßkraft. ­Allerdings hat er deutlich weniger ­Kalorien als der übliche Haushalts­zucker. Doch woher kommt Xylitol?
Die Substanz kommt als natürlicher ­Zuckeralkohol in vielen Obst- und Gemüsesorten wie Beeren, Blumenkohl und Mais vor. Des Weiteren entsteht sie im menschlichen Körper durch den Abbau von Kohlehydraten in der Leber.

Im Volksmund kennt man Xylitol hauptsächlich unter dem Begriff „Birken­zucker“ – dies ist darauf zurückzu­führen, dass Xylitol in der Holzrinde von Bäumen – zum Beispiel eben der Birke – zu finden ist. Große Bedeutung erlangte Xylitol bereits im zweiten Weltkrieg, als es erstmals von finnischen Forschern aus der Birkenrinde gewonnen wurde und bereits Verwendung als Zucker­ersatzstoff fand.

Einen großen Stellenwert hat Xylitol auch im Bereich der Mundhygiene durch seine prophylaktische Wirkung auf Zahnbelag, Zahnstein und Karies. Schon seit vielen Jahren ist es daher vor allem in Zahnpasten und Kaugummis zu finden. Auch Diabetiker profitieren vom Wundermittel Xylitol, da es kaum Auswirkungen auf den Blutzuckerspiegel hat. Xylitol klingt wie ein Wundermittel, wie eine Revolution in unserer zuckerfreien und von Diäten geprägten Zeit. Es ist nicht verwunderlich, dass Birkenzucker schon in fast jedem Supermarkt erhältlich ist und sich größter Beliebtheit erfreut.

Für Hunde giftig!
Ein großes Problem wird jedoch ­selten erwähnt – so toll Xylitol für uns ­Menschen sein kann, so tückisch und gefährlich ist es für unseren vierbeinigen Freund. Paradoxerweise ist Xylitol eigentlich für alle Säugetiere unbedenklich. Die einzige und größte Ausnahme ist jedoch der Hund.

Xylitol-Vergiftungen manifestieren sich beim Hund in Form von 2 klinischen Syndromen. Zum einen kommt es zu einem Überschuss an Insulin im Körper und daher in weiterer Folge zu einem oft sehr starken Abfall der ­Blutglukose ­(Hypoglykämie). Betroffene Hunde sind lethargisch, zeigen ein ­verändertes Gangbild (Ataxie), erbrechen oder entwickeln sogar Anfälle, die von einem komatösen Zustand sogar bis zum Tod des Tieres führen können. Meistens kommt es bereits innerhalb von 30 bis 40 Minuten zu den ersten Symptomen, manchmal kann es jedoch zu einer ­Verzögerung der klinischen Sympto­matik von bis zu 48 Stunden kommen.

Die zweite sehr gefährliche Ausprägung einer Xylitol-Intoxikation äußert sich in einer akuten Nekrose (Zerstörung) der Leberzellen. Der im Blut herrschende Zuckermangel führt zu einem Zer­reißen der roten Blutkörperchen und einer daraus resultierenden Freisetzung von Bilirubin. Ist ein großer Teil der Leberzellen zerstört, kann es im schlimmsten Fall zu massiven Störungen der Blut­gerinnung kommen.

Symptome, die auf eine Lebererkrankung hindeuten, sind unter anderem gelbe (ikterische) Schleimhäute, Apathie sowie Erbrechen. Treten Blutungen in der Unterhaut, blutiges Erbrechen oder schwarzer Kotabsatz auf, muss an eine Blutgerinnungsstörung gedacht werden. All diese Symptome können bereits 1-2 Stunden nach Aufnahme des ­Birkenzuckers beobachtet werden. Es muss jedoch nicht zwingend zu einer Hypoglykämie und einer Leber­erkrankung kommen. Bei etwa 75 % der betroffenen Tiere kommt es lediglich zu einer Schädigung der Leber.

Symptom-orientierte Therapie
Hat der Hund mehr als 0,1g / kg Körpergewicht Xylitol aufgenommen, ist eine aggressive Therapie erforderlich. Die Behandlung kann leider nur symptomatisch erfolgen. Wenn Sie den Verdacht haben, dass Ihr Hund irgendwie in den Genuss von Birkenzucker gekommen ist, teilen Sie dies bitte unbedingt dem ­behandelnden Tierarzt mit. Liegt ein ­Unterzucker vor, muss dem Patienten über einen Venenzugang eine glukose­haltige Infusionslösung zugeführt werden. Dekontaminationstechniken (Magen- und Darmspülungen, Auslösen von Erbrechen) sind bei einer ­Xylitol-Vergiftung nicht zielführend. Die Substanz wird über die Schleimhäute so schnell resorbiert und in den Blutkreislauf weitergegeben, dass eine Entfernung nicht mehr möglich ist. Auch Aktivkohle hat sich als wenig sinnvoll erwiesen. Da häufig auch eine massive Verschiebung der Elektrolyte (vor allem Kalium) vorliegt, ist eine Korrektur der Abweichung mit speziellen Infusions­lösungen dringend anzuraten. Kommt es durch eine massive Schädigung der ­Leberzellen zu einem starken Verlust der Gerinnungsfaktoren und Blutplättchen, ist in vielen Fällen sogar eine Bluttransfusion notwendig.

Die Prognose ist abhängig von den klinischen Symptomen. Liegt eine ­Hypoglykämie ohne Leberschädigung vor, ist die Prognose gut und Ihr Hund wird mit hoher Wahrscheinlichkeit wieder vollständig genesen. Bei einer schweren Zerstörung der Leber gekoppelt mit einer Störung der Blutgerinnung ist die Prognose sehr vorsichtig zu ­stellen. Unter Umständen kann sogar der Tod eintreten.

Ähnlich wie Frostschutzmittel ist ­Birkenzucker auch für den Hunde­gaumen sehr wohlschmeckend und sollte daher möglichst „hundesicher“ aufbewahrt werden. Dasselbe gilt natürlich auch für Kuchen oder Kekse – erhitzt ist Xylitol genauso gefährlich wie im Rohzustand.

WUFF-Information
Quellen

Im Artikel habe ich auf folgende ­Literaturquellen verwiesen:

http://www.xylit.net, Peterson ME: Topical Review. Xylitol. Topics in Compan An Med (2013) 18-20.

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