Animal Hoarding – Wenn Tierliebe krankhaft wird

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Animal Hoarding beschreibt das krankhafte Verhalten des Tierhortens. Solche „Tierhorter“ verlieren den Überblick über ihre Tieranzahl und können somit keine artgerechte Haltung mehr gewährleisten. Der Tiroler Hortungsfall, der im Februar dieses Jahres an die Öffentlichkeit gelangte, zeigt deutlich, dass das spezifische Sammeln von Tieren vor allem Hunde betrifft. Doch wie kann es dazu kommen, dass eine Frau 46 Hunde in ihrem Haus hält, ohne dass die Nachbarn darauf aufmerksam werden? Was löst dieses Verhalten aus? Und welche Maßnahmen werden nach Bekanntwerden solcher Fälle ergriffen?

Im Februar machten Einsatzkräfte in der Tiroler Gemeinde Thiersee eine grausame Entdeckung. Zwei Frauen lebten mit ihren 46 Hunden und einer Katze in einem verwahrlosten, heruntergekommenen Haus. Das Gebäude wurde geräumt und die Tiere auf die Tiroler Tierheime verteilt. Angaben zufolge dürften die Hunde das Haus nie verlassen haben und die extreme Anzahl durch ­uneingeschränkte Vermehrung zustande gekommen sein. Die Frauen waren einfach nicht in der Lage, sich auch nur von einem ihrer Lieblinge zu trennen. Erschreckend bei diesem tragischen Fall von Dog Hoarding ist, dass er sich unbemerkt von Nachbarn und Freunden zugetragen haben soll. Keiner hatte etwas davon gesehen oder gehört.

Auslöser
Dass dieses Schicksal kein Einzelfall ist, kann mittlerweile nicht mehr abgestritten werden. Immer öfter ­finden sich Berichte über solche Tierhortungen in Tageszeitungen oder den Nachrichten wieder. Doch was löst dieses Verhalten aus? Was harmlos klingt und von vielen Menschen oftmals mit einem mitleidigen Gesichtsausdruck abgetan wird, gilt in Wirklichkeit zunehmend als psychische Erkrankung. Diese hält die Betroffenen davon ab, die ­katastrophale Situation wahrzunehmen. Einige wissen um ihr Problem, sind aber unfähig, etwas daran zu ändern. Die Ursache ist noch wenig erforscht, doch wird in Expertenkreisen davon ausgegangen, dass es sich um eine obsessiv-zwanghafte Störung ­handelt, die betroffenen ­Personen an Verlustängsten leiden oder sich als Retter der „gehorteten Tiere“ fühlen.

Verschiedene Typen von Tier­hortern
In einer 2009 erschienenen Studie von einem Team des Hoarding of ­Animals Research Consortium (HARC) wurden drei verschiedene Kategorien von Tierhortern unterschieden:

■  Der erste Krankheitstyp ist als „Über-Pfleger“ kategorisiert: Er kümmert sich einigermaßen gut um seine Tiere und hat auch eine starke Bindung zu ihnen. Meistens ist ein solcher Betroffener eher bereit, sein Problem einzusehen, auch wenn er es oft verharmlost. Soziale Isolation sowie veränderte Lebensumstände (z.b. der Verlust eines Partners) sind hierbei die Hauptauslöser der Krankheit.

■  An zweiter Stelle folgt der „Retter-Typ“: Er ist fest davon überzeugt, dass die „geretteten Tiere“ nur bei ihm ein schönes Leben haben. Meist nimmt er sie aus Tierschutzorganisationen oder Tierheimen bei sich auf, er befreit sie somit aus Gefangenschaft und bewahrt sie sogar vor drohender Einschläferung.

■  Die letzte Kategorie beschäftigt sich mit dem Typ des „Ausbeuters“: Er unterscheidet sich stark von den anderen beiden, da er selbst kein Interesse an den Tieren zu haben scheint. Er beutet sie lediglich für seinen Nutzen aus. Die Tiere werden gezüchtet und sollen verkauft werden. Durch verschiedene Probleme wie „Verkaufsrückgänge“ vermehren sie sich zusehends und der sonst sehr ordnungs- und kontrollliebende Mensch verliert den Überblick. Dieser Typus zeigt keine Reue und fühlt sich nicht schuldig für sein Verhalten. (Patronek 2006).

Zahlen und Fakten zum typischen Tierhorter
Natürlich lassen die drei ­Kategorien noch Spielräume für Kombinationen. Ein Betroffener kann auch ­Eigenschaften nicht nur einer Kategorie aufweisen. Doch die Zahlen des US-amerikanischen Public Health Report 114 aus dem Jahr 1999, nach denen jährlich 250.000 Tiere ge­hortet werden sollen, sprechen für sich. Demzufolge sind 76% der Tierhorter weiblich, 46% sind dabei über 60 Jahre alt und mehr als die Hälfte lebt alleine. (Patronek 1999) (Anm.d.Red.: siehe auch Über­sichtsartikel in WUFF 7/2006, Animal ­Hoarding, nicht Tierliebe, ­sondern Krankheit: http://www.wuff.eu/animal­hoarding_0706 )

Auswirkungen auf den Halter
Neben der psychischen Erkrankung, die zum Auftreten des Animal Hoardings führt, leiden die Halter oft auch unter körperlichen Gebrechen, die durch die starke Vermehrung und die hygienischen Bedingungen ausgelöst werden. Die betroffenen Personen vernachlässigen nicht nur die Tiere und ihre Wohnung, sondern auch sich selbst. Hygiene sucht man in diesen Haushalten vergeblich. Aufgrund von großen Mengen Mülls sowie Exkrementen ist die Luftqualität bedenklich schlecht. Die hohen Ammoniakwerte, die durch den natürlichen Kompostierungsvorgang in die Umgebung dringen, sind lebensbedrohlich und verursachen schon in minimalen Mengen Atemprobleme. Unhygienische Bedingungen führen aber auch zu weiteren Gesundheitsproblemen, Insekten und Bakterien vermehren sich rasant und übertragen weitere Krankheiten und Parasiten.

Leben in Gefahr
Aber nicht nur die Tiermessies leiden an den unhygienischen ­Bedingungen ihrer Krankheit, sondern Animal Hoarding hat auch verheerende Auswirkungen auf die Tiere. Neben ­gesundheitlichen Problemen ent­wickeln sich auch ­psychische Belastungen, sogar der Tod von Tieren kann eine Folge der Hortung sein. Unter- und Mangelernährung sind aufgrund unzureichender Fütterung bei vielen Hortungsfällen zu finden. Die finanziellen Aufwendungen würden das Budget des Besitzers übersteigen und somit ernähren sich die Hunde von Müll oder Essensresten. Selten wird artgerechtes Futter zur Verfügung gestellt. Da die Tierhortung nicht auffallen soll, suchen die Betroffenen auch keinen Tierarzt auf, Krankheiten oder Verletzungen werden nicht medizinisch behandelt.

Ein oft anzutreffendes Krankheitsbild bei Messie-Tieren ist Pseudoobstipation – ein mit Kot verklebter After, durch den kein Kot mehr abgesetzt werden kann. Sobald Hortungsfälle sich über einen längeren Zeitraum hinziehen, werden einige Tiere verenden. Doch die toten Körper werden nicht entfernt und bleiben an der Ver­endungsstelle zurück. Dort verwesen sie entweder oder werden von den anderen Artgenossen ­aufgefressen. Der Stress und die schlechten gesundheitlichen Zustände führen zu einem höheren Aggressionspotenzial, was zu Hundekämpfen und darauffolgend zu schweren Verletzungen (bis zum Tod) führen kann.

Gerettete Hunde – wohin?
Sobald der Amtstierarzt verständigt wird und die Einsatzkräfte aufgrund dringenden Verdachtes das ­Gebäude eines Messies räumen, werden gerettete Vierbeiner von Tierärzten medizinisch versorgt und ihr allgemeiner Gesundheitszustand wird ermittelt. Nach den Untersuchungen folgt der schwierige Akt, für jedes Tier einen vorübergehenden Aufenthaltsort zu ermitteln. Tierheime in der näheren Umgebung sowie ­Pflegestellen werden kontaktiert, aber auch über Bundeslandgrenzen hinaus wird die Unterbringung organisiert. Tierheime sind nach der Aufnahme zum Bersten voll und durch Annoncen und Beiträge in Zeitungen oder Radiosendungen wird auf das Schicksal der Tiere aufmerksam gemacht, um schnellstmöglich einen geeigneten (Lebens-)Platz zu finden. Doch auch für die vorübergehenden Plätze werden immer wieder unterstützende Hände sowie Spenden gebraucht.

Tierhortung ist strafbar
Einen zusätzlichen Paragrafen für Tierhortungsfälle gibt es in österreichischen und deutschen Gesetzeswerken (noch) nicht, doch der Tat­bestand der Tierquälerei lässt sich bei schweren Fällen durchaus anwenden. Laut dem österreichischen Straf­gesetzbuch (StGB) § 222 werden all jene angezeigt, die ein Tier einem qualvollen Zustand aussetzen, also es roh misshandeln, ihm unnötige ­Qualen zufügen oder es auch mut­willig töten. Das StGB sieht als Strafmaß für solche Fälle eine Freiheitsstrafe von bis zu einem Jahr oder eine Geldstrafe bis zu 360 Tagessätze vor. Das deutsche Tierschutzgesetz sieht in §17 sogar höhere Strafen vor: Demzufolge wird auf das Töten eines Tieres oder die Zufügung von erheblichem Schmerz und Leid eine Freiheitsstrafe von bis zu drei Jahren angedroht.

Animal Hoarder, die sich einer psychiatrischen Behandlung unterziehen, haben dennoch eine Rückfallquote von bis zu 100%. Sie werden also sofort wieder zu horten beginnen, wenn man sie lässt.

Zusammenfassung
Animal Hoarding gilt als eine ­komplizierte Krankheit, ähnlich dem Messie-Syndrom, und wird ­darüber hinaus als Missbrauch an Tieren ­angesehen. Aber auch die Tierhalter brauchen Hilfe, da ihre psychische Erkrankung therapiert werden sollte und auch ihr allgemeiner gesundheitlicher Zustand sich ­rapide verschlechtern kann. Sobald der Verdacht besteht, jemand aus dem Umfeld könnte Tiere horten, sollten die ­Ordnungsbehörden sowie ein Tierarzt verständigt werden. Diese stimmen im Fall eines tatsächlichen Tierhortens das weitere Vorgehen ab.

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