Ariel darf raus – Tierschutz auf Hawaii

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Die hawaiianische Urlaubsinsel Kauai ist für kilometerlange Wanderwege und weitläufige Strände bekannt. Eine perfekte Kombination, meint das örtliche Tierheim – und ermuntert Urlauber dazu, bei ihren Ausflügen einen Hund aus dem Tierheim auszuführen. Wir sind dem Aufruf gefolgt.

Da sitzen wir nun, Ariel und ich. Der Strand in greifbarer Nähe, das Meer schon zu hören. Am Horizont hüpfen Surfbretter über die Wellen. Der ideale Ort für eine Wanderung, hatte ich gedacht. Doch Ariel sieht das anders. Die vierjährige Mischlingshündin kann mit Wasser, Sand und Surfern offenbar nur wenig anfangen. Jetzt sitzen wir hier, einen Meter neben dem Parkplatz, und blinzeln in die Sonne. Ariel rührt sich nicht vom Fleck, also mache auch ich es mir gemütlich. Der Strand kann warten. Erst mal beschnuppern.

Ariel und ich kennen uns gerade einmal 30 Minuten. Wir sind noch nie zusammen Gassi gegangen, haben noch nie getobt oder auf dem Sofa gedöst. Ich weiß nicht einmal, was Ariel frisst. Trotzdem habe ich die kurzhaarige Hundedame nun an der Leine, und das ganz bewusst. Auf der hawaiianischen Insel Kauai wendet sich das örtliche Tierheim gezielt an Urlauber. Da viele sowieso in der Natur unterwegs sind, sollen sie ihre Ausflüge mit einem Hunde-Trip kombinieren.

Wer Lust hat, kommt morgens vorbei, sucht einen Hund aus, und bringt ihn am Abend wieder zurück. Oder noch besser: behält ihn gleich ganz. Knapp 250 Hunde hat die »Kauai Humane Society«, die das Tierheim betreibt, in den vergangenen zehn Jahren auf diese Weise schon vermittelt. Auf einer Landkarte kann man sehen, wo die Tiere ein neues Zuhause gefunden haben: die meisten in Kalifornien, gefolgt von den amerikanischen Bundesstaaten Oregon und Washington. So schnell kann es also gehen: Straßenhund landet im Tierheim. Urlauber besucht Tierheim. Urlauber fährt nach Hause mit Vierbeiner im Gepäck.

Auf den zweiten Blick
Ariel ist mir erst auf den zweiten Blick aufgefallen. Während ihre Nachbarin, eine Bulldogge, mit wedelndem Schwanz zur Zwingertür kam, hatte sich Ariel nur langsam vorgetastet. Ihre Augen wirkten traurig, aber vertrauenerweckend. »Eine schüchterne, aber total liebe Hündin«, hatte die Pflegerin gesagt. »Sie braucht einfach etwas Zeit.« Als die anderen Hunde längst in den Autos der anderen Urlauber saßen, musste Ariel auf die Rückbank getragen werden. »Das ist am Anfang immer so«, beruhigte mich die Pflegerin. »Sie liebt Ausflüge, wenn sie erst mal dabei ist.«
Tatsächlich trottet Ariel fröhlich los, nachdem wir am Ziel sind. Doch weit kommen wir nicht. Je mehr Menschen in Badeshorts an uns vorbeilaufen, je näher die Musik rückt, die aus diversen Handy-Lautsprechern dröhnt, desto misstrauischer schaut die Hündin. Dabei will ich doch gar nicht zur Strandparty, sondern nur den nahegelegenen Wanderweg ansteuern. »Ariel, come on!«, rufe ich, aber da ist es schon zu spät. Ariel steht wie angewurzelt. Nix zu machen.

Da ich keine bessere Idee habe, setze ich mich ins Gras und kraule Ariel hinter ihren Schlappohren. Prompt kuschelt sie sich an mich. Sobald aber andere Menschen vorbeikommen, zuckt sie zusammen. Auch bei dem netten Mann aus der benachbarten Hotelanlage, der an uns vorbeiläuft. »Schöner Hund«, sagt er und holt sein Handy hervor. Ein Dobermann leuchtet auf dem Display. »Der ist auch aus dem Tierheim«, erklärt er stolz. »Am liebsten hätte ich noch einen. Aber meine Frau erlaubt’s nicht.« Ich möchte schon darüber lachen, da schaue ich zu Ariel. Sie zittert.

Zurück ins Tierheim?
Zu viele Menschen, zu viel Lärm, das alles ist Ariel nicht geheuer. Noch dazu ich, ein Wildfremder, der sie einfach so mitnimmt. Mist, denke ich. Eigentlich wollte ich Ariel für ein paar Stunden aus dem Tierheim-Alltag befreien, ihr einige schöne Momente bereiten. Oder in Wahrheit vielleicht doch eher mir? Wie muss es auf einen Hund wirken, jeden Tag mit einem anderen Menschen rauszugehen? Andererseits: Im Zwinger ist der Alltag bestimmt auch nicht rosig.

Neuer Versuch. »Ariel, come on!«, rufe ich, so fröhlich es geht, doch Ariel macht weiter das, was man auf einem Parkplatz eben tut: parken. Die Leckerchen-Tüte, die mir das Tierheim mitgegeben hat, beschnüffelt sie neugierig. Aber bestechen lässt sie sich nicht. Stattdessen dreht sie auf ihren vier Pfoten um und schaut die Straße hinauf. Wieder zurück ins Tierheim? Na gut, denke ich, nachdem weitere 20 Minuten vergangen sind. Und dann kommt doch alles anders.

Gassigehen am Grünstreifen
Als wir neben dem Auto stehen, macht Ariel keine Anstalten hineinzuspringen. Stattdessen bleibt sie auf dem Grünstreifen neben der Straße stehen. Will sie etwa hier Gassi gehen, direkt neben dem Verkehr? Natürlich will sie! Und natürlich will ich jetzt auch. Der Grünstreifen entfaltet eine geradezu magische Wirkung. Zwar ist Ariel von einem putzmunteren Hund noch weit entfernt, doch zumindest hat sie den Spaß am Spaziergang entdeckt. Kein Zittern mehr, keine eingeklemmte Rute. Also gehen wir, vorbei an Golfplätzen, Hotelanlagen, eingezäunten Villen. Einen Bürgersteig gibt es nicht, nur einen etwa drei Meter breiten Rasen neben der Straße. Die Hawaiianer, die in ihren Pick-up-Trucks vorbeifahren, schauen besorgt.

Irgendwann endet der Grünstreifen; in der Ferne zeichnet sich die Auffahrt zum Highway ab. Zeit zum Umdrehen. »Come on, Ariel«, rufe ich, inzwischen geübt. Und siehe da: Ariel dreht um. »Good girl! Good girl!« Hat sie etwa kurz mit dem Schwanz gewedelt? Auf jeden Fall kein Vergleich zu dem Hund, den ich noch vor einer Stunde an der Leine hatte. Selbst die Hecken am Straßenrand sind jetzt interessant. Ich freue mich und werde gleichzeitig nachdenklich: Wird Ariel am nächsten Tag wieder so schüchtern sein? Muss der nächste Urlauber auch auf dem Grünstreifen ­laufen? Ein geregeltes Leben, ein liebevolles Zuhause, das wäre das Richtige für Ariel. Ob sie wohl eins findet?

Während wir in der Mittagssonne zurücktrotten – Ariel hechelnd, ich schwitzend –, kommt uns ein Pärchen mit einer anderen Hündin entgegen. Auch sie trägt ein rotes »Adopt Me-Geschirr«, das sie als Tierheim-Hund ausweist. »Wir waren schon am Strand«, erzählt die junge Amerikanerin, »und wollten noch ein Stück hier entlanglaufen.« Jetzt taut Ariel richtig auf. Während wir reden, beschnuppert sie ihre Artgenossin – so sehr, dass es der anderen Hündin zu viel wird. Ein kurzes Knurren, dann ist Ruhe.

Survival-Paket
Auf der Rückfahrt wirkt Ariel entspannt. Sie streckt sich auf der Rückbank aus, Kopf auf den Vorderpfoten. Hätten wir mehr Zeit, könnten wir noch woanders hinfahren. Vielleicht ein entlegener Wanderweg. Oder ein ruhigerer Strand. Doch das geht nicht, weil das Tierheim-Leben einer strengen Routine folgt: Füttern um neun, Spazieren um elf, Einschluss um sechs. Überhaupt, die Regeln: Wer einen Hund ausführt, muss zahlreiche Hinweise beachten. Hund anleinen, Hundehaufen aufsammeln, ausschließlich Hundestrände besuchen. Und niemals, niemals einfach ins nächste Flugzeug steigen. Um all das sicherzustellen, musste ich meine Kreditkarten-Daten hinterlassen. Im Gegenzug gab es ein Survival-Paket: Wassernapf, Leckerli, Handtücher fürs Auto. Und natürlich Kot-Beutel.

Zurück im Tierheim, fällt mir der Abschied schwer. Auch wenn ich Ariel nur drei Stunden hatte, ist sie mir ans Herz gewachsen. Theoretisch könnte ich sie mit nach Deutschland nehmen, doch das will ich ihr nicht antun. Allein der Flug wäre eine Tortur: sechseinhalb Stunden nach Los Angeles, danach noch einmal zwölf Stunden bis Deutschland. Und selbst dann wäre sie noch nicht am Ziel. Für eine sensible Hündin wie Ariel wäre ein solcher Trip der Horror.

Was bleibt, sind Leckerchen
Ein letztes Mal streicheln, dann führt sie ein Mitarbeiter zurück in ihren Zwinger. »Feeding time!«, ruft er, und Ariel scheint sich tatsächlich zu freuen. Erst im Flugzeug merke ich, dass mir ein kleines Andenken geblieben ist: Die Leckerchen, die sie nicht fressen wollte, kullern noch immer durch meine Tasche.

Interview

Manchmal sind alle Zwinger leer
Seit 2012 können sich Urlauber auf Kauai einen Tierheim-Hund ausleihen. Laura Lee, Chef-Fundraiserin der »Kauai Humane Society«, ist mit der Resonanz zufrieden. Rund 250 Hunde hätten auf diese Weise schon ein neues Zuhause gefunden.

Frau Lee, warum werden auf Kauai so viele Hunde ausgesetzt?

Laura Lee: Das muss man relativieren. Von unseren 250 Bewohnern sind etwa zwei Drittel Katzen und ein Drittel Hunde. Letztere werden auf Kauai häufig für die Schweine- und Ziegenjagd genutzt. Manche Jäger schaffen sich 20 bis 30 Hunde an, von denen aber nicht alle für diese Aufgabe geeignet sind. Oft werden sie dann einfach ausgesetzt. Bei uns gibt es aktuell noch keine Chip-Pflicht, was die Sache nicht einfacher macht.

Ihr Anwesen wirkt sehr gepflegt und großflächig. Wie finanzieren Sie das alles?

Laura Lee: Manche behaupten, wir wären das »Grand Hyatt« der Tierheime. Unser Jahresbudget beträgt 2,7 Millionen Dollar, wovon 700.000 Dollar der Landkreis ­bezahlt. Den Rest werben wir ein. Es gibt viele Privatpersonen, Unternehmen und Sponsoren, die uns unterstützen. ­Auß­­erdem nehmen wir – gegen Gebühr – Hunde vom Festland auf, die in ­Quarantäne müssen, bevor sie auf die Insel dürfen. Ohne freiwillige Helfer ginge all das trotzdem nicht. Sie sind für uns ­extrem wichtig.

Wie sind Sie auf die Idee gekommen, Urlauber fürs Gassigehen einzuspannen?

Laura Lee: Wir haben zwar ein schönes Gelände, aber trotzdem kommen wir mit den Hunden nur etwa 20 Minuten am Tag raus. Mehr schaffen wir personell und zeitlich einfach nicht. Vor sechs Jahren hat uns eine Besucherin gefragt, warum wir die Hunde eigentlich nicht an Urlauber vermitteln. Die gehen doch sowieso jeden Tag spazieren. So entstand unser »Field Trip«-Programm. Und tatsächlich: Heute kommen so viele Urlauber, dass manchmal alle Zwinger leer sind.

Wie viele von ihnen nehmen den Hund danach mit nach Hause?

Laura Lee: Insgesamt haben wir etwa 250 Hunde auf diese Weise vermittelt – was erstaunlich ist, denn die Kosten sind nicht unerheblich. Je nach Airline zahlt man bis zu 150 bis 200 Dollar Transportkosten, um einen Hund bis Kalifornien zu fliegen. Für die Ostküste kostet es bis zu 600 Dollar, von Flügen nach Europa ganz zu schweigen. Dennoch haben wir sogar nach Deutschland schon drei Hunde vermittelt. Natürlich ist die Reise sehr anstrengend, aber am Ende haben sie ein neues, liebevolles Zuhause. Das ist es wert.

Sie drücken jeden Tag aufs Neue wildfremden Menschen eine Leine in die Hand. Haben Sie da keine Bedenken?

Laura Lee: Natürlich kann immer etwas passieren. Bis jetzt hatten wir drei Fälle, in denen ein Hund weggelaufen ist. Die haben wir aber am Ende alle wiedergefunden. Auch passt nicht jeder Mensch zu jedem Hund. Deshalb geben wir allen Besuchern am Anfang ausreichend Zeit, um ihren Hund bei uns kennen zu lernen. Für alle Fälle notieren wir auch die Anschrift und die Kreditkartendaten unserer Besucher. Aber es ist doch so: Niemand holt sich im Urlaub einen Hund, wenn er daran kein Interesse hätte.

Wie ist es für die Hunde, immer von anderen Menschen ausgeführt zu werden?

Laura Lee: Ganz verschieden. Manche schlafen im Auto direkt ein, andere müssen erbrechen. Für alle Fälle statten wir die Teilnehmer unseres »Field Trip«-Programms mit allen Utensilien aus: Handtücher fürs Auto, Leckerli, Wasser und Hundekot-Beutel. Die meisten Hunde freuen sich total, wenn sie rauskommen. Ein Ausflug an den Strand ist ein echtes Highlight. Selbst wenn die Personen wechseln: Am Ende ist alles besser als ein Tag im Zwinger.

Hintergrund

Kontakt: Kauai Humane Socitey,
3-825 Kaumualii Highway, Lihue, HI 96766, USA
http://www.kauaihumane.org
Prozedur: Urlauber können die Tierheim-Hunde jeden Tag (außer Sonntag) ausführen. Die Abholzeiten sind Dienstag bis Freitag zwischen 11 und 13 Uhr sowie Samstag und Montag von 10 bis 12 Uhr. Eine Voranmeldung ist nicht nötig. Gassigeher müssen mindestens 18 Jahre alt sein und über eine gültige Kreditkarte verfügen.

Pdf zu diesem Artikel: tierschutz_unter_palmen

 

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