Auf den Hund gekommen: Gegenseitige Er- und Beziehung

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Scheinbar zufällig wirkende Ereignisse erweisen sich im Nachhinein oft als gar nicht so zufällig. Wenigstens aber haben sie manchmal entscheidende Auswirkungen auf das weitere Leben, wie in diesem Beispiel.

Besteht das Leben aus einer Aneinanderreihung von zu­fälligen Ereignissen oder gehen wir einen vorgegebenen Weg, auf dem wir hier und da an Weg­gabelungen gelangen und die weitere Richtung selbst wählen können? Wenn ich überlege, wie sich mein Leben seit dem ersten Zusammentreffen mit Sally vor gut acht Jahren entwickelt hat, kann ich nur davon ausgehen, dass unser Weg vorbestimmt ist. Wie sonst lässt es sich erklären, dass ich zunächst per Internet meine damalige Partnerin im fernen Thüringen (ich bin aus Nordrhein-Westfalen) fand und über sie im Anschluss meine Hündin Sally.

Warum waren ausgerechnet an dem Tag, an dem wir uns entschieden, mit einem Tierheimhund „mal spazieren“ zu gehen, nur zwei Hunde in ihren Zwingern, während alle anderen Hunde bereits ausgeführt wurden? Und warum setzte sich der erste Hund, den man uns gab, nach 500 Metern auf den Hintern und ließ sich durch nichts mehr bewegen auch nur einen Schritt weiter mit uns zu gehen?

„Wir haben da noch eine Hündin“, sagte man uns im Tierheim, „aber die ist nicht ganz einfach.“ Pahhh, ich bin doch mit Hunden groß geworden, dachte ich mir, was wollen die dir jetzt erzählen?

Das war der Beginn einer ­mittlerweile sieben Jahre andauernden ­Erziehung und Beziehung zwischen Sally und mir. Bewusst muss ich sagen ­zwischen Sally und mir, denn von außen betrachtet fand ich die meisten ihrer „Verhaltensauffälligkeiten“ und mangelnden Sozialkompetenzen in erschreckend ähnlicher Form bei mir selbst wieder. Wie oft hat Sally mir bislang einen Spiegel vorgehalten? Und wie oft wird sie es wohl noch tun?

Das Tierheim sollte also Recht be­halten. Sally war tatsächlich nicht einfach. Sie war sogar im innerartlichen Sozialbereich so unsozial, wie ich es noch nie bei einem Hund erlebt hatte. Jeder fremde Hund war potenziell gefährlich und es galt die Devise „Angriff ist die beste Verteidigung“. Dieses mussten nicht nur ein paar andere Hunde, sondern auch ich selbst mehrfach schmerzlich feststellen.

Scheinbar brauchte ich doch Hilfe bei meiner offenbar doch nicht so ausgereiften Hundeerfahrung. Und somit begann eine – vielen anderen Hunde­haltern sicherlich ebenso bekannte – Odyssee von Hundeprofi zu Hunde­schule. Der “Hundeprofi“ kostete nur Geld, während die Hundeschule mir seinerzeit viel beibrachte. Überwiegend, wie man es nicht macht, aber auch einiges, was ich für meine Zukunft mit Sally nutzen konnte. So schaffte ich es z. B. innerhalb eines Jahres mit Sally die Begleithunde­prüfung abzulegen, auch wenn es mich zwei Wechsel-T-Shirts gekostet hat …

Der unweigerliche Absprung aus Altbackenem (oder hinausgeekelt-Werden) erfolgt, wenn man sich ­weiterbildet und vor allem sich weiter­entwickelt. So kam ich über das Fernstudium zum sog. Tierpsycho­logen und mit weiteren Fortbildungen zum mit Sally vermutlich höchst­möglich erreichbaren Ziel.

Ist-Stand heute: Ich bin mir mittlerweile sicher, dass mein Leben völlig anders verlaufen wäre, hätten Sally und ich uns nicht kennengelernt. Keine Ausbildung oder Fortbildung konnte mir mehr über das hundliche (Fehl)Verhalten beibringen als meine eigene Hündin. Sicherlich wäre mein Leben wesentlich stressfreier und einfacher verlaufen; oder auch nicht. Aber ganz sicher würden mir jetzt ganz wichtige Lektionen fehlen, die ich direkt oder indirekt durch Sally erhalten habe.

Niemand kann mir deutlicher mein Fehlverhalten ungeschönt und knallhart vor Augen führen, meine Fehler verzeihen und trotzdem ein paar Minuten später grunzend und schmatzend zufrieden neben mir liegen. Seit nunmehr sieben Jahren lernen wir von- und aneinander, und auch wenn sich so langsam erste Alterserscheinungen bemerkbar machen, sind wir, glaube ich, noch ­lange nicht fertig miteinander. Wer nämlich jetzt denkt, dass eine fast 13-jährige Dame sicherlich das Leben mittlerweile ruhig und gesittet angeht, der kennt meine Sally nicht.

Und ich bin sehr sehr froh und dankbar, dass ich dich kennen lernen ­durfte, mein Mädchen!

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Christoph Clemens ist hauptberuflich Polizei­beamter. Seit 2004 beschäftigt er sich mit der Ausbildung und Therapie von Hunden. Neben dem ­Studium zum Tierpsychologen an der ATN absolvierte er die Prüfung zum Sachverständigen nach dem ­Landeshundegesetz NRW sowie div. Praktika, Aus- und Fortbil­dungen bei namhaften Hunde­trainern und -ausbildern.  Seit 2011 betreibt er als geprüfter K-9 TheraTrail Trainer den K-9 Suchhundestützpunkt Sauerland und ist Inhaber des Pet Group Qualitätssiegels. Sein  Haupt­augenmerk liegt mittlerweile bei der Therapie von verhaltens­auffälligen Hunden. Kontakt:
Christoph Clemens,
Tel: (02371) 78 84 68 6,
Mobil: (0175) 52 14 00 6,
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www.couchwolf.de

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