Auf den Hund gekommen: Miss Marple, die Dogge

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Diva ist acht Jahre alt, für eine Dogge heutzutage ein hohes Alter. Sie lebt in Rohrbach in Bayern. Dass sie immer noch so fit ist, ­verdankt sie offensichtlich ihrem Frauchen, das aus Diva eine
Miss Marple machte …

Als mein geliebter Wasco mit nur 4 Jahren an Leber- und Nierenversagen starb, brach eine Welt für mich zusammen. Ich wollte keinen Welpen und auch keine Bordeauxdogge mehr. Zusammen mit meinem Mann und meiner ­Mutter, die mit uns lebt, entschied ich mich für eine Deutsche Dogge aus dem Tierschutz. So kam ich zu Diva, einer 4-jährigen schwarzen Manteltigerdogge, die zusammen mit einem Rüden in einem Stall gehalten wurde. Sie hatte dort im November 2005 ohne jegliche tierärztliche Versorgung ihre Welpen zur Welt bringen ­müssen – insgesamt 12 Stück, von denen aber nur 5 überlebten. Sie selbst war in einem sehr schlechten Zustand, musste durch eine Notoperation eine eitrige Gebärmutterentzündung überstehen, und vor allem sollten nun auch ihre seelischen Wunden heilen. Als wir bei der Pflegefamilie, bei der sie aufgepäppelt wurde, ankamen, lief sie mit wehenden Ohren und Lefzen auf uns zu und begrüßte uns so freudig, als würden wir uns schon ewig kennen und wären endlich zurückgekommen, um sie zu holen. So hat sie buchstäblich unser Herz im Sturm erobert.

Rasch machten wir mit Divas Jagdtrieb Bekanntschaft: Nach einem ­Spaziergang hatten wir sie schon ins  Auto gesetzt und fuhren einen Feldweg entlang, als ein Hase den Weg kreuzte und in das Feld lief. Diva ­flippte vollkommen aus. Sie fiepte, hüpfte im Auto hin und her, ­kratzte mit ihren Krallen an den ­Scheiben und versuchte, irgendwie dem Hasen ­hinterher zu kommen. Auch als der schon außer Sichtweite war, blieb sie völlig aufgelöst. Sie zitterte am ­ganzen Körper und fiepte und ­hechelte. Wir waren ziemlich überrascht, doch wussten nun, welche Aufgabe wir hatten … 

Vom Baum „gepflückt“
So zog sie bei uns ein und gewöhnte sich sehr schnell an unseren Tages­ablauf. Mein Mann und ich gehen tagsüber ins Büro, währenddessen sich meine Mutter um alles kümmert. Sie geht täglich um 9 Uhr mit Diva Gassi und war von Anfang an begeistert von ihrer Leinenführigkeit. Sobald wir dann nach Hause kommen, gibt es Entertainment-Programm in Form von Spaziergängen und/oder Training.

Wir hatten Diva gerade mal zwei Tage, als sie zum ersten Mal eine Wildspur aufnahm und davonlief. Natürlich riefen, pfiffen und rannten wir hinter ihr her, doch ohne Erfolg. Sie kam zwar nach kurzer Zeit wieder zurück, aber leider war dann noch ein Eichhörnchen so frech und kreuzte ihren Weg, um auf einen Baum zu klettern. Es war wie im Comic: Diva hüpfte am Baum entlang und versuchte, dem Eichhörnchen hinterher zu klettern. So konnten wir sie aber von ihrem Baum „pflücken“, und sie ging widerwillig mit. Es dauerte noch über eine halbe Stunde, bis sie sich wieder beruhigt hatte, und auch bei uns saß der Schock tief.

Mit Mantrailing zur Miss Marple
Ich wollte sofort an diesem Jagd­problem arbeiten und entschied mich schließlich dazu, mit Diva Mantrailing zu machen. Bei dieser Art von Suche lernt der Hund anhand von Geruchsproben vermisste Personen auf deren Spuren zu folgen und sie aufzufinden. Dies kann sowohl im Wald, auf Wiesen und Feldern, wie auch auf asphaltierten Straßen und Wegen geschehen. Mantrailing lastet den Körper und den Geist aus, macht müde und glücklich. Was hat das aber mit dem Jagdtrieb zu tun? Nun, ich lernte meinen Hund zu lesen, also zu deuten, wann er eine Spur hat und wann nicht. Das hat den Vorteil, dass ich sagen kann: jetzt ist der Zeitpunkt, um sie besser anzuleinen, weil sie wahrscheinlich einen interessanten Wildgeruch in der Nase hat und gleich durchstarten wird. Wir haben uns an eine private ­Trainerin gewandt und fleißig geübt. Wir haben diverse Prüfungen abgelegt, und tatsächlich konnte ich schon bald die ersten Erfolge verbuchen, indem sie abrufbarer wurde, wenn wir Wild begegneten.

Erste Bewährung im Ernstfall
Dann kam der Tag, an dem mich ­meine Trainerin anrief und mir vorschlug, nach einem entlaufenen Hund zu suchen. Denn Diva war ­darauf ­trainiert worden, sowohl nach Menschen  als auch nach Hunden zu suchen. Etwas aufgeregt und zweifelnd, ob wir denn schon so weit wären, in einem Ernstfall zu helfen, stimmte ich schließlich zu. Wir waren eines von vier Suchteams, die sich abwechselten. Es war August und so heiß, dass die Hunde maximal 5 bis 10 Minuten eingesetzt werden konnten. Wir holten also eine Geruchs­probe und setzten Diva an dem Punkt an, wo der Hund zuletzt gesehen wurde. Sie suchte zwar die Wege ab, kam aber immer wieder zu mir zurück, hatte also zunächst keine Spur. Erst ein Stück weiter nahm sie eine Spur auf, die in ein Maisfeld führte. Da es dunkel wurde, mussten wir die Suche abbrechen.

Die Besitzer gaben sich alle Mühe ihren Hund zu finden und hängten viele Suchplakate auf. Daraufhin meldeten sich auch immer wieder Leute, die ihn gesehen hatten. Das war wichtig, denn es macht nur bei aktuellen Sichtungen Sinn die Spur zu verfolgen, denn durch Wind und Wetter wird die Spur immer schwächer und auch verfälscht. So beteiligten wir uns auch nach dieser zweiten Sichtung an der Suche. Diva konnte wieder eine Spur aufnehmen und verfolgen, aber die führte in den Wald. Da es bereits dämmerte, war die Chance, den Hund dort zu finden, eher gering. Wir ruhten uns eine Weile aus und wollten gerade nach Hause fahren, als ein Anruf kam, dass gerade jetzt der Hund in einem kleinen Dorf hinter dem Wald gesehen wurde. So fuhren wir also dorthin und versuchten erneut unser Glück. Obwohl Diva schon sehr geschafft war, lief sie auf dem Trail zu einem Dickicht. Dieses war von keiner Seite einsehbar, aber die Vermutung lag nahe, dass sich der Hund darin befinden könnte. Ob dies wirklich der Fall war, konnte man nicht erkennen, aber die herbeigekommenen Besitzer versuchten den Hund aus dem undurchdringlichen Dickicht herauszulocken, doch vergebens. Erschwert wurde das Ganze durch den Umstand, dass der Hund erst seit 5 Tagen bei seinen neuen Besitzern war, somit noch keine Bindung zu ihnen aufgebaut hatte. Wir konnten nichts weiter tun und verabschiedeten uns. Dennoch, da Diva dieses Dickicht deutlich angezeigt hatte, wurden dort und an anderen geeigneten Plätzen in der Nähe Futterstellen eingerichtet.

Happy End
Aufgrund der Sichtungen und der von Diva angezeigten Trails konnte man ein bestimmtes Dreieck eingrenzen, in dem sich der Hund aufhielt. Die Idee war, dass der Hund dort, wo er Futter findet, immer wieder hingeht und man ihn dort schließlich auf­greifen können wird. Das hat dann zwar noch eine Woche gedauert, doch es hat funktioniert. Die Besitzer konnten ihren Hund schließlich wieder in die Arme schließen. Ein schönes Happy End – und für uns Motivation, ­weiterzumachen.

Diva hat seit diesem ersten Einsatz mittlerweile schon vielen verzweifelten Hundebesitzern helfen können, ihre entlaufenen Hunde wiederzufinden. Einmal konnte sie einen Dackel ausfindig machen, der einer Gassi­gängerin im Tierheim ­München entwischt war. Ein anderes Mal ­konnte eine ängstliche Hündin, die am 1. Weihnachtstag ihrer neuen Be­sitzerin entlaufen war, gleich am nächsten Tag wieder eingefangen werden. Dank der Hinweise von Diva wusste die Besitzerin, wo sie sich postieren musste, und die Hündin war tatsächlich dorthin gekommen.
 
Durch das Training können wir nun sogar entspannt ohne Leine im Wald spazieren gehen, denn Diva ist ­wirklich sehr gut zu lesen. Natürlich muss ich sie ständig im Auge behalten, denn nur ein kleiner  Moment der Unachtsamkeit, ein Hase, der kreuzt, und sie ist wieder weg. Diese Jagdausflüge sind Gott sei Dank noch immer glimpflich ausgegangen. Man darf sich da auch keinen Illusionen hingeben, dass ein Hund, der jagdlich ambitioniert ist, durch Mantrailing plötzlich nicht mehr jagen geht.
Er wird lediglich „handlebarer“. Und wenn ich mir nicht sicher bin oder ­einfach einen schlechten Tag habe, dann nehme ich eben die Schleppleine und sichere sie so ab.

Familientreffen
Durch einen Zufall konnten wir Kontakt zu zwei von Divas Söhnen herstellen. Einer davon, Murphy, wohnt in Österreich, der andere, Einstein, etwa 100 km von uns entfernt. Beide haben wir schon besucht. Ob Diva ihre Söhne erkannt hat, kann ich nicht sagen, aber sie hat sich gut mit ihnen verstanden. Es ist spannend zu sehen, welche Gemeinsamkeiten sozusagen „in der Familie“ liegen. Schön wäre es, wenn wir auch noch die anderen drei Kinder kennenlernen könnten. Leider sträubt sich die Leitung des Tierschutzvereins, die damals die Welpen vermittelt hat, den Kontakt herzustellen. Zu Divas Ex-Pflegefrauchen haben wir immer noch Kontakt. Als wir sie das erste Mal besuchten, ca. ein halbes Jahr, nachdem wir Diva zu uns geholt hatten, trafen wir auch auf Divas ehemaligen Lebenspartner, einen blauen Doggenrüden. Die beiden haben sich sofort wiedererkannt und sind gemeinsam über die Wiesen getobt. Das war so schön mitanzusehen. Dieser stattliche Rüde hatte nichts außer seinem Stall kennengelernt, doch sein Pflege­herrchen gab sich alle Mühe, ihm die Welt zu erklären. Leider ist der Rüde im Sommer 2009 an einem plötz­lichen Herztod beim Gassigang verstorben, und sein Herrchen Sepp, der sich so viel um ihn bemüht hatte, war ziemlich schockiert darüber. 

Diva ist nun 8 Jahre alt. Das ist für eine Dogge (leider) schon ziemlich alt. Man sagt ja zwischen 6 und 10 Jahre Lebenserwartung hätten diese sanften Riesen. Unsere denkt aber nicht im Geringsten an ihre Rente. Wenn wir auch nicht mehr an Echteinsätzen im Mantrailing teilnehmen, so trainieren wir immer noch, natürlich nur bei optimalem Wetter. Diva mag keine Nässe, weder von oben, noch von unten. Und im langen kalten Winter wird sie zu Hause „bespaßt“. So habe ich ihr ein paar Tricks beigebracht. Sie hat gelernt, die Schublade in der Küche mittels einem Band, das wir dran gebunden haben, zu öffnen, ihren Plüschknochen rauszuholen und in einer Kiste aufzuräumen. Jedes Suchspiel, egal ob zu Hause oder während des Gassigehens, ist willkommen. Dabei beobachtet sie mich so genau, dass ich mir schon etwas einfallen lassen muss, um sie auszutricksen. Wenn wir unterwegs sind, habe ich immer mehrere kleine Gegenstände dabei, die ich „verliere“. Ein kleines Lederfleckchen, die Hülle eines Labellos oder ein silberner Taler an einem roten Bändchen, den ich schon mal in einen Baum hänge. Im Schnee hatte ich das Problem, dass ich selbst meine Gegenstände schwer wiederfinden konnte, also brachte ich ihr bei zu bellen, wenn sie sie gefunden hat. Sonst reicht es, wenn sie die Dinge mit der Pfote berührt und wartet, bis ich zu ihr komme. Wir nutzen aber auch den Wald als Agility-Parcours. So habe ich sie gelehrt, sich auf einen Baumstumpf mit den Vorderpfoten zu  stellen, wie die Löwen im Zirkus. Oder wir machen Cavaletti-Übungen über am Boden liegende kleine ­Bäume. Bei all dem muss der Spaß an erster Stelle stehen. Wir üben meist nur ein paar Minuten, dann wird weitergegangen und sie darf sich wieder ihrem Schnüffeln widmen. Nun haben wir damit begonnen, Dummyarbeit zu machen. Es macht uns beiden riesigen Spaß, und obwohl wir erst am Anfang sind, war ich wieder überrascht, wie schnell sie lernt und mit wie viel ­Feuereifer, sie bei der Sache ist.

Aus tiefstem Herzen
Natürlich gibt es auch ein paar Wermutstropfen. Diva kann Stress überhaupt nicht aushalten. Sie reagiert dann mit Inkontinenz. Das ist auch ein Grund, warum ich nicht in eine Hunde­schule gehe. Das wäre zu stressig für sie. Ich vermeide große Ansammlungen von Menschen, aber auch deswegen, weil ich das selbst nicht leiden kann. Diva ist körperlich noch so topfit, dass ich oft darauf angesprochen werde und man es kaum glauben kann, dass sie schon 8 Jahre alt ist. Hoffentlich bleibt das noch lange so. Sie ist mir so sehr ans Herz gewachsen und ich kann mir ein Leben ohne sie nicht mehr vorstellen. Ich werde zwar nie meinen geliebten Wasco, meinen Seelenhund ver­gessen, aber ich werde auch immer Diva lieben. Aus tiefstem Herzen.

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