Australian Shepherd – Vom Arbeitshund zum Modehund

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1938

Wurden die Halter von ­Australian Shepherds vor nicht allzu langer Zeit noch auf den wirklich „gelungenen Mischling“ angesprochen, kennt heute fast jeder ­diese bunten Temperamentsbündel. Doch die Schönheit und die Einzig­artigkeit der Färbung des Fells des Australian Shepherds wurde der Rasse zum Verhängnis. Fast schon ein Statussymbol, wollte nun jeder so einen lustig gefleckten Hund, ohne sich vorher wirklich über die ­Eigenschaften und Bedürfnisse dieses Vollblutschäfer­hundes zu informieren. Und das ist er heute noch, ein vehement und stürmisch ­arbeitender Schäferhund, der leider von zu vielen ­Haltern nur zu Dekorationszwecken gehalten wird.

Entstehung der Rasse und ­ursprüngliches Zuchtziel
Als Ursprungsland des ­Australian Shepherds wird in der gängigen ­Literatur Amerika angegeben. Was ist er nun: Australier oder Amerikaner? Nach ausführlichen Recherchen darf man die „Australische Linie“ keineswegs außer Acht lassen, denn die ist eindeutig heute noch im „modernen“ Australian Shepherd vertreten. Geht man in die Historie der Hütehunde zurück, wird man feststellen, dass beim Australian Shepherd ursprünglich zwei Linien entstanden sind, die es in meinen Augen – entgegen der derzeit vorherrschenden Meinung – auch heute noch gibt. Eine Linie hat sich tatsächlich in Australien entwickelt.

Australische Linie
Am 20. Januar 1788 ankerten lt. alten Aufzeichnungen in der Botany Bay, Australien, elf Segelschiffe aus England und Schottland. An Bord waren nicht nur 700 Sträflinge, 200 Soldaten inkl. Frauen und Kindern, sondern auch Geflügel, Schafe und die dazugehörigen Hunde. Mit 100%iger Sicherheit handelte es sich dabei um die verschiedenen Collieschläge, die in Britannien schon lange hervorragende Hütearbeit leisteten. Dank Thomas Bewick (1753 – 1828) haben wir ja genaue Aufzeichnungen und Bilder, wie die Hunde damals ausgesehen haben.

Mit ziemlicher Sicherheit haben sich die Collies der Einwanderer mit den Dingos Australiens verpaart. Die „alten“ Hütehunde dieser Zeit waren frei mit der Herde unterwegs, und kein Dingorüde lässt sich eine kleine Liebschaft mit einer läufigen Colliehündin entgehen. Die Auslese, welcher Welpe später an der Herde gearbeitet wird, war damals ziemlich gnadenlos. Die Nachkommen, welche übermäßige Aggressionen oder zu große Beißfreude zeigten, hatten ­keine Überlebenschance, dadurch ­wurde die Wildheit der Gebrauchshunde von ganz alleine in Grenzen gehalten.

Diskussion um Dingoblut im Aussie
Heute wird von Teilen der Fachwelt bestritten, dass im Aussie Dingoblut fließt: „Die Hunde wären viel zu wild und aggressiv“, argumentieren Gegner dieser Theorie. Recherchiert man ausführlich, wird man eines Besseren belehrt. Und mal ehrlich: Ein Schoßhündchen ist der Aussie ja auch wirklich nicht. Nicht umsonst sind der Aussie, der Cattle Dog und der Kelpie heute noch die beliebtesten Arbeitshunde Australiens. Am Rande bemerkt – der Australian Cattle Dog und der Kelpie sind meines Erachtens nach nur eine kurzhaarige Variante der Collie/Dingo-Linie, also mit dem Australian Shepherd verwandt. Liest man deren Geschichte, erscheint das auch sehr einleuchtend.

US-amerikanische Linie
Schon im 16. Jahrhundert wurden riesige Schafherden von Spanien nach Neumexiko verschifft. Die Schäfer, die mit den Herden nach Amerika gingen, ­kamen meist aus dem Baskenland und hatten ihre ­Pyrenäenschäferhunde dabei. Den Spaniern folgten im 18. Jahrhundert viele Schotten, die ihre Heimat wegen einer Hungersnot verlassen mussten, und selbstverständlich brachten die ihre Collies mit. Man kann mit Sicherheit davon ausgehen, dass die Pyrenäen­hunde der Basken und die Collies der Schotten einige erfolgreiche Liebes­nächte miteinander ­verbrachten. Die kleinen flinken, intelligenten Hunde wurden im Laufe der Zeit in den USA in der Herdenarbeit unentbehrlich. Ausschlaggebend für das Überleben der Hunde war auch hier nur die Arbeits­leistung. Farbe, Fellstruktur und Exterieur waren völlig unwichtig. Vor allem bei den heute „face rase“ (kurzes Haar im Gesicht) genannten Bergers des ­Pyrénées erkennt man eine große Ähnlichkeit mit dem Australian Shepherd.

Indianerhunde?
Die Frauen waren es, die lt. einer Studie den Wolf in Nordamerika domestizierten. Ich wage nun mal zu behaupten, dass auch hier Liebeleien zwischen den alten Indianerhunden und den importierten Hütehunden zu Erfolgen führten. Der „Indian Dog“ oder Song Dog weist Rassemerkmale auf, die auch für den Australian Shepherd typisch sind.

Aus Australien in die USA
Anfang des 20. Jahrhunderts importierten amerikanische Züchter erstklassige Schafe aus Australien, um ihre Linien aufzufrischen. Im Schlepptau dieser Schafherden kamen die Collie-Dingo-­Mischlinge mit über den großen Teich. Begeistert von deren außergewöhnlichen Leistungen an der Herde, nahmen die Amerikaner auch die Blutauffrischung ihrer Hütehunde gerne an. Der Name „Aussie“ war geboren. Von einem einheitlichen Rassetyp kann aber bei weitem nicht gesprochen werden.

Und nun beginnt eine Einmaligkeit in der Entstehungsgeschichte einer Hunderasse. Nicht ehrgeizigen Züchtern, wie bei anderen Rassen, ist es zu verdanken, dass der Aussie ein „Bild“ bekam, sondern einem Unterhaltungskünstler, der auf Rodeos „Lückenfüller“ mit seiner „Hundenummer“ war. Jay Sisler aus Idaho war, ohne dass er dies wusste, der eigentliche Erfinder von Dog Dancing. Auf seinen Tourneen hatte er die intelligenten Hunde dabei, und auf seinen Reisen verpaarten viele Schafzüchter nur zu gerne ihre Hündinnen mit Jays Rüden. Im Laufe der Zeit sahen sich die Hunde immer ähnlicher, und bald konnte man ansatzweise von einer „Rasse“ sprechen.

1972 wurden gleich zwei Zuchtvereine gegründet. Der „Australian Shepherd Club of America“ und die „International Australian Shepherd Association“. 1976 gab es den ersten einheitlichen Rassestandard, und bis zum Jahresende 1977 wurden 6.000 Hunde in die Zuchtbücher eingetragen. Im Jahre 1980 schlossen sich die beiden Verbände zusammen.

Bis Anfang der 1990er Jahre war der Australian Shepherd eine vom American Kennel Club nicht anerkannte Rasse. Nicht, dass der Kennel Club das nicht wollte, nein, die Aussie-Verbände wehrten sich dagegen, denn sie befürchteten eine „Verwässerung“ ihrer hervorragenden Arbeitshunde. Wären sie nur dabei geblieben! Der Aussie hütet ALLES, egal ob Schafe, Kühe, Enten, Hühner oder Meerschweinchen. Das „Hüte­material“ sollte nur von einer gewissen „Robust­heit“ sein. Im Gegensatz zum Border Collie, der ja hauptsächlich mit den ­„Augen hütet“, zeigt der Aussie bei ­seiner Arbeit doch schon mal mehr ­„vollen Körper- und Zähneeinsatz“.

Der Weg nach Europa
Auch hier wieder eine absolute Aus­nahme. Nicht über Zuchtauslese oder Verwendungszweck, nein, hier ­leisteten die ersten in Europa abgehaltenen Rodeos Hilfe. Mit dem Reitzubehör ­begeisterter Westernfans kamen auch die Hunde aus den USA zu uns.

Das Wesen des Aussies
„… Der Australian Shepherd ist intelligent, in erster Linie ein Arbeitshund mit starkem Hüte- und Schutztrieb. Er ist ein außergewöhnlicher Begleiter. Er ist vielseitig und leicht zu trainieren und erfüllt die ihm gestellten Aufgaben mit großem Stil und Enthusiasmus. Er ist Fremden gegenüber reserviert, zeigt jedoch keine Scheu. Obgleich er ein aggressiver und autoritärer Arbeiter ist, ist Bösartigkeit gegenüber Menschen und Tieren nicht tolerabel … “. So steht’s geschrieben im Rassestandard aus den 1970ern, der heute noch gilt.

Hier zeigt sich aber ein Widerspruch in sich, der auch in standardisierten Rassebeschreibungen immer wieder auffällt. Starker Hüte- und Schutztrieb, aggressiver und autoritärer Arbeiter, aber Bösartigkeit nicht tolerabel … Wie soll der Hund das eigentlich wissen? Einerseits soll er schützen, aber aggressiv darf er nicht werden. Kennen Hunde da Abstufungen? Ich glaube nicht. Dies führt uns auch wieder zur Theorie, dass in der australischen Linie doch Dingos mitgemischt haben müssen. Ein großer Teil Schutztrieb schlummert sehr wohl im Aussie. Sieht man außerdem, wie herzhaft der Aussie zur Not das zu treibende Vieh in die Fersen kneift, lässt das darauf schließen, dass die extrem hohe Beißhemmung gegenüber den Herdentieren, die die Collieschläge aus Britannien mitgebracht hatten, die Generationen nicht vollständig überlebt hat. Auch in der amerikanischen Linie muss ein Hund (Song Dog?) in der Blutlinie gewesen sein, der auch mal „kraftvoll zwicken“ kann. Kühe sind größer als Schafe und auch wesentlich schwerer zu treiben. Was ich nicht nur vermute, sondern aus eigener Erfahrung weiß, ist, dass der Aussie ein ganz außer­gewöhnlich lauter Hund sein kann. Oh ja, er kann sehr laut sein, das heißt, er „spricht“ wie fast alle anderen Hüte­hunde auch unheimlich ausdauernd und gerne. Grob gesagt, der Aussie kann ein Kläffer sein.

Das Aussehen
Tja, wie sieht er denn nun aus, der Aussie? Da dürfte für jeden Geschmack etwas dabei sein. Genau das ist es, was an allen Hütehundschlägen so faszinierend ist. Es sind alle Farben, alle Haarlängen und die verschiedensten Größen vertreten. So wird der Aussie in 16 Farbschlägen gezüchtet, die einzeln aufzuführen und zu beschreiben den Rahmen dieses Porträts sprengen würde. Deshalb für Interessierte im Web nachzulesen (www.ashgi.org/color/standard­aussiecolors.htm). Auf dieser Seite findet man auch die sogenannten „Fehlfarben“, die mir – gestehen Sie mir die persönliche Aussage zu – am besten gefallen.

Zucht und heutige Verwendung
Bei uns ist der Aussie heute zweifellos ein Modehund. Das ist leider nicht mehr von der Hand zu weisen. Man kann nur hoffen, dass es dieser außergewöhnlichen Rasse nicht genauso schlecht ergeht wie in den 1970er Jahren ihrem Verwandten, dem Collie. Die einzigen, die wirklich gegen diesen Modetrend ­arbeiten könnten, wären die Züchter. Von Rasseverbänden erwarte ich per­sönlich schon lange keine Einsicht mehr.

In seinen „Heimatländern“ (ganz bewusst in der Mehrzahl!) ist der Aussie noch immer Hüte-Spezialist. Ob seiner Vergangenheit in den USA ist er natürlich auch in Europa DER Reitbegleithund Nummer 1. Entgegen der allgemeinen Meinung ist er aber dafür nicht besser geeignet als der Border Collie, da der Aussie ebenfalls zu diesem übertriebenen Hüteverhalten neigen kann, das Pferde sehr nervös machen kann, und im ungünstigsten Fall dazu noch un­unterbrochen bellt und zwickt.

Eine Leistungsrasse kaputt züchten
Als mir vor ein paar Jahren die Hunde aus diesen sogenannten Aussie-Show-­Linien das erste Mal auf der Internatio­nalen Hundeausstellung in München begegneten, hat es mir fast die Sprache verschlagen. Da war ein Rüde, dessen Körper aussah wie der eines Teddybären, eher Berner Sennenhund. Mit riesigen „welpenartigen“ Tatzen und einer langen, schmalen „Collie-Nase“. Die Proportionen unpassend, nicht ­harmonisch – mir unverständlich, wie man so einen Hund schön finden kann. Die Beine dieser Hunde waren relativ kurz, dafür hatten sie einen beeindruckenden Rough-Collie-Kragen aufzuweisen. Mit einem „echten“ Australian Shepherd hatten diese Hunde auf jeden Fall nicht mehr viel Ähnlichkeit. Abgesehen davon, dass es absolut keinen Sinn macht, aus einer spezialisierten Hunderasse eine Showlinie auszüchten zu wollen! Das „alte Erbe“ ist da, und auch ein Showhund kann alle Anlagen eines Schäferhundes zeigen. Es gibt weit über 400 anerkannte Hunderassen und unzählige nicht anerkannte „Land­schläge“. Da muss doch für jeden etwas dabei sein, ohne dass man eine heute noch sehr gesunde und robuste Rasse wie den Aussie mit züchterischer Eng­stirnigkeit kaputt „kreiert“.

Und noch weniger brauchen wir einen Mini-Australian-Shepherd. Ohne Sinn und Zweck wird der Hund „kleiner ­gemacht“, nur damit exzentrische ­Möchtegernhundehalter einen bunten Hund in der Wohnung halten ­können? Es gibt genügend Kleinhunde, da braucht es keinen „Neuen“.

Rassespezifische Krankheiten
Noch ist er sehr gesund, der Aussie, NOCH. Muss es wirklich sein, eine bisher gesunde Rasse mit noch mehr Defektgenen zu belasten? Das Merle-Gen ist doch schon genug. Vergleicht man die rassespezifischen Krankheiten, vor allem das inzwischen gehäufte Auftreten von Augenerkrankungen in den sogenannten Show-Linien mit denen beim Rough Collie, lässt das viel befürchten. Und leider auch bei dieser Rasse vielfach außer Acht gelassen: Der MDR1-Defekt, ein Gen­defekt, bei dem es zu Überempfindlichkeiten gegen gewisse Arznei­mittel kommt.

Aussies in Not
Im Sinne dieser wundervollen Rasse ist zu hoffen, dass die Mode wieder vergeht. Nicht umsonst gibt es so viele Aussies in Not. Abgabegrund ist oftmals Überforderung des ­Halters. ­Interessenten sollten, bevor sie einen dieser ja wirklich faszinierenden Hunde in ihr Zuhause holen, eine gute und vor allem unabhängige (!) Rasseberatung in Anspruch ­nehmen. Züchter sind hier leider nicht wirklich ­immer die richtigen Ansprechpartner. Sie werden sicherlich niemals die nega­tiven Seiten der von ihnen gezüchteten Rasse ansprechen, und das wird leider vielen Haltern und vor allem den ­Hunden zum Verhängnis.

Pdf zu diesem Artikel: rasseportrait_australian_shepherd

 

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