Bakterien im Hund – Über Antibiotika, Darmflora & Co., 2. Teil

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Wenn wir denken, unser Hund kann ohne uns nicht leben, ist das nichts im Vergleich dazu, wie es den Bakterienkulturen ohne ihren ­heimischen Darm geht. Viele der Bakterien, die in Hund und Mensch heimisch sind, gehen zugrunde, wenn man sie heraustransportiert. Das macht sie für die Forschung schwierig, denn da nützen auch sorgfältig zubereitete Nährböden nichts. Wo Hautkeime sich fröhlich verbreiten, da verenden Darmbakterien.

Wie kommt die Darmflora in den Hund?
Menschenbabys, Welpen und keimfreie Mäuse haben etwas gemeinsam; solange sie im Mutter­leib versorgt werden, sind sie absolut steril. ­Während der gesamten Trächtigkeit kommen Welpen nur mit ihrer Mutter in Kontakt, ihre Nahrung wird sorgfältig vorverdaut und der Sauer­stoff vorgeatmet. Alles, was die Welpen aufnehmen, wird von der mütterlichen Lunge und ihrem Darm vorgereinigt. Die Welpen sind in einer Fruchtblase und einer musku­lären Gebärmutter gut geschützt. Hier hat absolut nichts und niemand Zutritt. Dieser Zustand ist einmalig und unwiederbringlich.

Die Oberflächen von ­Körperzellen ­eignen sich wunderbar zum ­Ansiedeln für Bakterien. Das ist kein Zufall, bedenkt man, dass sich die ­Bakterien schon seit Jahrtausenden mit ihren bevorzugten „Lebenspartnern" mit­entwickeln. Sobald also die ­schützende Fruchtblase platzt, startet die Besiedlung des Welpen. Zuallererst einmal mit den ausgesuchten ­Bakterien, die sich im Geburtskanal der Mutter aufhalten dürfen, die sogenannte vaginale Schutzflora. Sie besteht zu einem großen Teil aus Laktobazillen, die Milchsäure herstellen und somit gleich eine saure Sicherheitskontrolle bieten. Das ist von immenser Bedeutung für die Gesundheit unseres Welpen. Denn die Vaginal­flora der Mutterhündin, die warme Mutterzunge, ein paar Haut- und Fellkeime – und, wie es beim Züchter aussieht – bieten dem Welpen den ersten Schutz überhaupt. Der sterile Magendarmtrakt von ­neugeborenen Welpen wird innerhalb von Stunden nach der Geburt mit Bakterien kolonialisiert, die im Geburtskanal und der umgebenden Umwelt vor­handen sind. Nach 24 Stunden lassen sich mehr als 108 KBE/g (Koloniebildende Einheit) aerobe und anaerobe Bakterien im Darm zählen. In den ersten Wochen nach der Geburt sind aerobe und anaerobe ­Bakterien im gleichen Verhältnis, doch im Erwachsenen­alter sind die anaeroben in der Überzahl.

Die Präsenz von Darmbakterien im frühen Leben ist wichtig, um eine ­orale Toleranz für kommensale (s.u.) Bakterien und Nahrungs­mittel-Antigene zu etablieren und um eine unangemessene Antwort des ­Immunsystems zu verhindern, die zu chronischen Magen-Darm-Entzündungen führen kann. Ein Kommensale ist, im Gegensatz zum Parasiten, ein Lebewesen, das sich von den Nahrungsrückständen eines Wirtsorganismus‘ ernährt, ohne diesen zu schädigen.

Von nützlichen Helfern
Einige der Bakterien schützen bereits vor schlechten Eindringlingen, einfach nur deswegen, weil sie schon da sind. Andere legen gleich mal los und trainieren das Immunsystem des Neugeborenen. Und wieder andere Keime sind sehr nützlich, denn sie helfen dem Welpen die noch ungewohnte Mutter­milch zu verdauen.

Bevor der Welpe das erste Mal an der Zitze gesaugt hat, hat die Besiedelung des Welpen also schon längst begonnen. Nach zwanzig Minuten haben einige Bakterien bereits die nächste Generation gegründet. In den jungen Därmen wird fleißig kolonialisiert, denn wer zuerst kommt, hat auch größere Chancen zu bleiben. Natürlich kann sich das noch ändern, je nachdem, was dem neugierigen Welpen vor die Nase kommt oder ins Maul rutscht.

Ein Augenmerk sollten wir vielleicht noch auf die Hundemama und ihre Muttermilch richten. Die Hündin ­bildet zu Beginn einen wunderbaren, natürlichen Schutz für ihre Welpen. Da die ersten Bakterien von der Mutter­hündin kommen, ist es für den Welpen auch am einfachsten, mit diesen ­weiterzumachen. So werden die ersten Stämme auch richtig stark, was das Immunsystem auf Vordermann bringt und den Stoffwechsel begünstigt. Spannend hierbei ist, dass sinnvolle Darmbakterien über Generationen weitergegeben werden können. Also eine Hundemutter, die Weizen- und Milchprodukte gut verträgt, kann diese Bakterienstämme an ihre Welpen mitgeben, die dann wiederum selber gut mit diesen Nahrungs­mitteln zurechtkommen.

Aber nicht nur auf die Hundemama, sondern auch die Gegend, wo sie lebt, und die dadurch ­vorkommenden Nahrungsmittel sind Bakterien ­spezialisiert. So kann es gut sein, dass Hunde, die bei Fischern leben und so über Generationen viel Fisch bekommen haben, Fisch als Nahrung viel besser vertragen als ihre Verwandten im Landesinneren, die bei einem Jäger Wild bekommen.

Die Muttermilch selbst ist ein ausgeklügeltes Produkt der Natur. Wer seine Hündin ausgewogen ernährt, kann sich jetzt entspannt zurücklehnen. Die Muttermilch schneidet besser ab als alle Nahrungsergänzungsmittel. Sie hat alles, weiß alles und kann alles. Zusätzlich versorgt sie die Welpen mit etwas Immunsystem der Mutter. Denn in der Muttermilch sind Anti­körper, die schädliche Bakterien­bekanntschaften abfangen können.

Der Kaiserschnitt
Ein Thema, das die Wissenschaftler bisher bei Menschen mehr bewegt als bei Hunden, ist der Kaiserschnitt. Auch bei Hunden ist diese Form der Geburt zunehmend ein Thema. Neben Geburtsproblemen gehört vor allem bei Rassen mit sehr ­großen ­Köpfen und schmalen Becken, wie zum ­Beispiel dem Mops oder dem Boxer, der Kaiserschnitt schon fast zum Standardverfahren. Für diese Form der Geburtshilfe werden die Mutterhündin und somit auch die Welpen narkotisiert. Innerhalb von 20 Minuten werden die Welpen entnommen und dann von menschlichen Helfern trocken gerubbelt, die Atmung angeregt, die Nabelschnur durchtrennt, die Nachgeburt entfernt und die Welpen warm gehalten. Etwa nach zwei Stunden können die ­Welpen erstmals bei der Hundemutter an­gelegt werden.

Solche Welpen kommen in ihren ersten Lebensstunden vor allem mit Latexhandschuhen, etwas Haut anderer Menschen und den Materialien in der Tierarztklinik in Kontakt. Dementsprechend werden die Hundewelpen vor allem von Haut- und Umgebungsbakterien besiedelt und müssen sich ihre Darmflora daraus zusammenbasteln. Auf die spezifischen Keime ihrer Mutter müssen sie erstmal verzichten.

Von Menschen weiß man, dass es bei Kaiserschnittkindern viele Monate dauert, bis sie normale ­Darmbakterien haben. Erst ab dem siebten Lebensjahr kann man kaum noch Unterschiede zwischen der Darmflora normal entbundener Kinder oder der von ­Kaiserschnittbabys ausmachen. Zudem haben sie ein erhöhtes Risiko Allergien oder Asthma zu entwickeln. Aber auch schlechte Ernährung, un­nötiger Einsatz von Antibiotika, zu viel Sauberkeit oder zu viele ungute Keime können schlechte Anfangszusammensetzungen im Darm kreieren.

Wie bleiben Bakterien im ­Gleichgewicht
Damit die Darmflora in der sogenannten Eubiose (einem gesunden Gleichgewicht) bleibt, ist ein gut zusammengesetztes Futter ausschlaggebend. Dadurch werden die vorteilhaften Bakterienstämme miternährt, breiten sich aus und verhindern die Ansiedlung ungesunder Bakterien. Hier kann man beispielsweise darauf achten, dass dem Futter Fructo-Oligosaccharide (deklariert als FOS) beigefügt sind. FOS stimuliert das Wachstum von Bifidobakterien. Aber auch Inulin (wird aus Chicorée oder Artischocken gewonnen) oder Galactooligosaccharide (GOS) sind förderlich. Noch weniger verbreitet, aber auch als nützlich gelten Mannan-Oligosaccharide (aus der Hefezellwand), die durch Mikroorganismen fermentierbaren Disacchariden Laktose und Lactulose oder die wiederum in Futter­mitteln verbreiteten pektinreichen Verarbeitungsprodukte der Zuckerrübe ­(Trockenschnitzel). Kleiner Tipp: Falls der eigene Hund zur Magenblähung bzw. –drehung neigt, kann die zusätzliche Gabe von Fett nützen. Denn auch Fette wirken auf die Mikrobiota, haben aber auf diese einen eher beruhigenden Effekt.

Falls die Waage dann doch mal ins Negative kippt, vielleicht durch massive Fütterungsfehler oder Infektio­nen, spricht man von Dysbiose. Bei einer Dysbiose kann es sein, dass sich Bakterien plötzlich in eher bakterien­armen Gegenden ansiedeln oder dass eine übermäßige Bildung von Stoffwechselprodukten schädlich wirkt. Falls also der Hund trotz aller Untersuchungen und Diäten noch immer Durchfall hat, kann man den Tierarzt bitten, den Kot mikrobiologisch zu untersuchen. Schuld könnte ein ­Bakterium namens Clostridium perfringens Typ A sein.

Proteingehalt
Die übermäßige Besiedelung des Magen-Darm-Trakts durch Cl. per­fringens kann durch ein Futter mit zu hohem Eiweißgehalt entstehen. Bei einseitig zusammengesetztem Futter mit hohem Eiweißgehalt, vor allem, wenn es sich dabei um bindegewebereiche Produkte handelt, nimmt die Zahl eiweißspaltender Bakterien wie dem Cl. perfingens um mehrere Zehnerpotenzen zu. Dies auf Kosten der nützlichen und beschützenden ­Bakterien und zu Gunsten von Enterotoxinen. Enterotoxine sind Gifte, die den Darm angreifen und Nahrungsmittelvergiftungen begünstigen. Da reicht es manchmal aus, dass der Hund nicht ganz einwandfreies Futter zu sich nimmt, um den Magen-Darm-Trakt erkranken zu lassen.

Antibiotika
Auch nicht ganz harmlos, jedoch oft sehr sinnvoll, ist die Gabe von Antibiotika. Diese Medikamente töten gefährliche Krankheitserreger sehr zuverlässig ab und alles, was noch im Entferntesten ähnlich aussieht. Antibiotika wirken folglich gegen gefährliche und gegen gute Bakterien. Sie werden gelöchert, vergiftet und zeugungsunfähig gemacht. Antibiotika sind im Kampf gegen Bakterien sehr effizient und sollen, wenn es angebracht ist, absolut verwendet werden. Übrigens werden bestimmte Antibiotika von den Bakterien auch selber hergestellt.

Trotzdem sollte man bei Antibiotika, auch beim Hund, den Spruch „so viel wie nötig, so wenig wie möglich" berücksichtigen, denn sie verändern die Darmflora deutlich: Die Vielfalt der Darmmikroben nimmt ab und auch ihre Fähigkeiten können sich verändern, zum Beispiel, ob Vitamine hergestellt werden oder welche ­Nahrung verwertet wird. Das liegt daran, dass die Tabletten über das Maul erst einmal in den Magen und Darm wandern, dort ihre tödliche Wirkung auf Mikroorganismen entfalten und erst danach in den Blutkreislauf gelangen, um an die wirk­lichen Problemstellen zu gelangen.

Trotzdem sollte man, wenn der Hund es nötig hat, die ganze verschriebene Antibiotikakur verabreichen. Denn Antibiotika töten selten alle ­Bakterien, sondern in der Regel gewisse Gemeinschaften. Wenn es jetzt aber doch ein paar Überlebende gibt, fördert dies eine sogenannte Resistenzbildung. Denn die Bakterien, die eine Antibiotikakur durch eine kluge Technik überlebt haben, geben diese Technik an ihre Nachkommen weiter. Und da es nur eine begrenzte Anzahl von Antibiotika gibt, kann es durchaus sein, dass nach mehreren Antibiotikakuren nur noch solche Bakterien den Darm bevölkern, die mit allen Kuren vertraut sind. Sprich, es gibt dann kein wirksames Mittel mehr, um gegen die feindlichen Bakterien vorzugehen, und das kann je nach Krankheit tödlich enden. Eben deshalb muss die ganze Kur verlässlich verabreicht werden, denn dann werden wirklich alle Bakterien vernichtet, wodurch sich auch keine Resistenz bilden kann.

Übrigens ist es aus diesem Aspekt heraus sinnvoll, auf eine gute Fleischqualität von sorgfältigen Schlachtbetrieben zu achten. Denn die oft nötigen Antibiotikabehandlungen bei der Massentierhaltung für die Fleisch­gewinnung führen ebenfalls, so wie eine nicht abgeschlossene Antibiotikakur, zur Resistenzbildung.

Neue Therapien
Doch was geschieht, wenn das Innenleben unseres Hundedarms in den eines anderen transportiert wird. Klingt abwegig? Es gibt Fälle in der Tier- und Humanmedizin, wo genau das getan wurde, um aussichtslose Darmpatienten zu kurieren. Wissenschaftler wären nicht Wissenschaftler, wenn sie jetzt nicht herausfinden wollten, wie das funktioniert. Im Zusammenhang mit dem Darm forschen sie gerne an keimfreien Mäusen. Das sind die saubersten Lebewesen der Welt. Sie werden durch keimfreie Kaiserschnitte geboren, verbringen ihre Zeit in desinfizierten Gehegen und leben von dampfsterilisierter Nahrung. Sie sind absolut unnatürlich und in der Natur nicht überlebensfähig. Diese Mäuse sind extrem anfällig, weshalb sie nur in sterilen Zimmern überleben können. An ihnen beobachten Forscher, was ein arbeitsloses Immunsystem so tut. Aber auch ihr Verhalten, denn das ist für Mäuse sehr seltsam. Sie sind oft hyperaktiv und verhalten sich auffallend unvorsichtig. Sie essen mehr als ihre normal besiedelten Kollegen und brauchen länger beim Verdauen. Sie haben riesige Blinddärme, verkümmert-unzottige Darmschläuche mit wenig Blutgefäßen und weniger Immunzellen. Flößt man ihnen Darmbakteriencocktails anderer Mäuse ein, kann man Erstaunliches beobachten. Bekommen sie Bakterien von Typ-2-Diabetikern, entwickeln sie kurze Zeit später selbst die ersten Probleme beim Zuckerstoffwechsel. Bekommen keimfreie Mäuse Darmbakterien übergewichtiger Menschen, werden sie viel eher selbst übergewichtig, als wenn sie die Keimlandschaft Normalgewichtiger erhalten. Aber auch einzelne Bakterien werden verabreicht, die dann im Alleingang die Keimfreiheit rückgängig machen, das Immunsystem ankurbeln, den Blinddarm auf Normalgröße zusammenschrumpfen und das Essverhalten normalisieren. Solche Resultate machen neugierig auf mehr. Und Wissenschaftler sind von Natur aus neugierig. Weiter geht‘s im dritten und letzten Teil im ­nächsten Heft.

Anmerkung: Die Literaturhinweise zu dieser Artikelserie finden Sie beim Teil 1 in Heft 4/2015.

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