Bedingungslose Tierliebe oder naive Illusion?

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Gedanken zum (Über)leben mit einem gefährlichen Hund

Die Übernahme eines »Problemhundes« kann das Leben durchaus auf den Kopf stellen. Wie sehr und welche Herausforderungen damit auf einen zukommen, davon möchte ich hier gerne berichten.

Die Geschichte begann so: Der Geschäftsführer dieses Magazins – Gerald Pötz – erhielt den Anruf einer Tierärztin. Es wäre eine Familie mit einem 10 Monate alten Am. Staff-Mix zur Einschläferung des an sich gesund und normal wirkenden Hundes vorstellig gewesen. Die Begründung lautete, dass eben dieser Am. Staff-Mix sich in der Familie zunehmend auffällig benimmt, konkret bedroht er Kinder, wenn sie eine Gruppe im Garten oder Haus verlassen möchten. Er drückt ihnen dann seine Nase ins Gesicht und versucht sie zurück zu treiben und er hätte auch schon »gezwickt«. Da sich der Hund in der Tierarztpraxis aber völlig unauffällig benommen hatte, war dies kein Grund für die Tierärztin, dem Wunsch der Besitzer nach einer Einschläferung nachzukommen. Vielmehr bat sie Herrn Pötz um Unterstützung, die Familie doch einfach mal zu besuchen, damit er sich ein Bild von der Situation machen könne.

Der WUFF-Geschäftsführer kam der Bitte nach und besuchte die Familie. Dort angekommen, zeigte der Hund allerdings tatsächlich ein ungewöhnliches Verhalten. Er schlich an den Wänden entlang und beäugte den Besucher kritisch. Nach einem kurzen Gespräch konnte Pötz die Halterin davon überzeugen, den Hund in seine Obhut zu übergeben, da ihm dieser in seiner Lebenssituation sehr gestresst wirkte. Dort konnte er bestimmt nicht bleiben. Gesagt getan, der Hund wurde ins Auto verfrachtet und trat seine Reise in ein neues Leben an.

Mogli darf leben
Auf dem Heimweg telefonierten wir eher zufällig und es wurde beschlossen, den Hund vorerst bei mir als Pflegehund einziehen zu lassen, da zum damaligen Zeitpunkt noch Wuff-Redaktionshund Arthur sein Haus bewohnte und sich dieser über Rüdenzugang wahrscheinlich wenig begeistert gezeigt haben würde bzw. die Hunde getrennt gehalten hätten werden müssen. Mein Dalmatiner Peter war erst kürzlich verstorben und meine ältere Hündin Bini sicherlich dankbar für einen jungen Spielgefährten. So war es dann auch. Der American-Staffordshire-Terrier / Dogo-Argentino-Mix namens Mogli verließ im ersten Moment noch eher angespannt das Auto, um sich dann aber im zweiten Moment gleich begeistert mit Bini spielerisch zu vergnügen. Später stellte sich dann heraus, dass alle Hundehalter von einer Ausnahmeregelung seinerseits betroffen waren – diese schienen ihm offenbar automatisch vertrauenswürdig. Unser Glück zum damaligen Zeitpunkt. Alles schien jedenfalls soweit okay. Mogli wurde also übernommen und wir alle waren froh, dass es so gekommen war und er am Leben bleiben durfte. Er zeigte sich bei uns im Haus eigentlich sehr brav und vor allem überdurchschnittlich gut erzogen. Er gehorchte regelrecht aufs Wort. Im Vergleich zu meinen bisher wohl eher durchschnittlich erzogenen Hunden und angesichts seines jungen Lebens kam mir das doch etwas ungewöhnlich vor.

Leider kein Bürohund …
Ich hatte damals eine Werbeagentur in Wien und nahm meine Hunde fast immer mit ins Büro. Bereits in den ersten Stunden zeigte sich aber, dass das nun wieder neue Umfeld für Mogli nicht gerade Entspannung bedeutete. Er lag entweder völlig reglos unter dem Schreibtisch oder er lief lauthals bellend zur Tür, wenn Besucher das Büro betraten. Und sein Bellen war ausreichend beeindruckend, um die Besucher umgehend zur Salzsäule erstarren zu lassen. Man konnte das jedenfalls nicht gerade als friendly welcome der Kunden bezeichnen. Die Mitarbeiter wurden eher ignoriert, vor allem solange sie das Büro nicht verließen und dieses wieder zu betreten versuchten. Das Kommen und Gehen war ihm ein Dorn im Auge. Ein entspannt gelöster Hund sieht jedenfalls anders aus. Je länger er im Büro war, desto mehr fühlte er sich offenbar dafür zuständig, hier für Recht und Ordnung zu sorgen. Insgesamt wurde es mir allerdings immer mulmiger und er trug fortan einen Maulkorb – sicherheitshalber und bis klar war, was eigentlich mit ihm los war. Und gut war es. Soweit ich mich erinnern kann, passierte es am 3. oder 4. Tag, als die Frau meines Firmenpartners unser Büro betrat und Mogli freundlich begrüßen wollte. Da stürzte dieser nämlich zu meinem Entsetzen und ohne jegliche Vorwarnung (keine Beschwichtigungssignale wie Maul-Lecken, kein Wegdrehen, kein Knurren, kein Fletschen, absolut nichts) aus seinem Körbchen und fuhr der Frau (mit Maulkorb) direkt ins Gesicht – was im Verhältnis glimpflich, aber doch mit einem blauen Auge ausging.

Nun gut. Die Taktik musste geändert werden. Bürohund war auf den ersten Blick nicht seine primäre Bestimmung. Also blieb er mit Bini zu Hause – da unser Haus über eine große Hundeklappe verfügte, war dies soweit kein Problem. Jedoch war mir etwas mulmig zumute, da unser Garten über keine Hochsicherheitseinzäunung verfügte. Weitere unangenehme Ereignisse folgten am laufenden Band. So beispielsweise ein Besuch der Schwiegereltern. Mogli lag reglos mit Maulkorb im Körbchen. Nachdem sie bereits über eine Stunde hier waren und er in gut fünf Metern Entfernung eigentlich friedlich schlummernd wirkte, sprang er plötzlich wie von der Tarantel gestochen – wieder völlig ohne für uns erkennbare Signale – aus seinem Körbchen, über die Schwiegermutter drüber und versuchte den Schwiegervater ins Gesicht zu beißen. Wir lernten dazu – diesmal mit Ledermaulkorb blieb er von einem blauen Auge verschont. Und so ging es weiter. Besucher wurden unter dem Tisch angerempelt – oder er versuchte vorwiegend ins Gesicht zu gelangen. Ich war absolut überfordert und befand, dass ich weder ein geeigneter Pflegeplatz und natürlich schon gar kein geeigneter Fixplatz für diesen Hund war. Weder reichte meine Hundeerfahrung aus, noch hatte ich mit meinem Beruf die geeigneten Lebensumstände. Für mich war es Bedingung, die Hunde ins Büro mitnehmen zu können, da ich sie ja nicht ständig den ganzen Tag allein in Haus und Garten lassen wollte.

Endplatz für Mogli? Fehlanzeige!
Gesagt getan. Nach mehrmaliger Rücksprache mit einem Tierheim – welches den Hund aufgrund von Überfüllung (und ich fürchte auch aufgrund meiner Schilderungen) nicht übernehmen konnte oder wollte – wurde ein Inserat in einer Tageszeitung geschaltet. Schnell war klar, dass es für einen bereits auffälligen »Listenhunde-Mix« eine eher nicht optimal geeignete Interessensgruppe gab. Es meldete sich aber ein junges Pärchen, das sich von meiner detailgetreuen Schilderung über den Hund nicht abbringen lassen wollte, diesen zu adoptieren und ihr Bestmöglichstes zu versuchen. Sie hatten eine kleine Hündin, mit der er sich auf Anhieb verstand (wie übrigens mit den meisten Hunden in seinem gesamten Leben). Die Adoption hielt keine 24 Stunden. Bereits am nächsten Tag erreichte mich ein verzweifelter Anruf, dass wir ihn bitte wieder schnellstmöglich abholen mögen, er hat den mit einem Handtuchturban verkleideten Neo-Besitzer leider nicht mehr aus der Dusche gelassen … Es ist nichts passiert. Aber sie möchten ihn dann doch eher nicht behalten. Verständlich.

Langsam wurde klar, dass der Kelch nicht so recht an mir vorüber gehen wollte. Ich versuchte fortan mich eher auf Profis betreffend Vermittlung zu konzentrieren, denn alle anderen waren – ebenso wie ich – sicherlich überfordert und die Gefahr schien mir zu groß, dass nicht doch einmal etwas Ernsthaftes passieren könnte. Und so lautet dann meine erste Erkenntnis: Laien wissen nicht, worauf sie sich mit so einem Hund einlassen, und Profis wollen es nicht – weil sie wissen, was es bedeutet. Nach langem Hin und Her also, wagte ich es – gemeinsam mit meinem damaligen Lebensgefährten – der ihn ebenso wie ich rasch in sein Herz geschlossen hatte, weil er, wenn er einmal Vertrauen gefasst hat, ein ausgesprochen lieber Hund war, uns auf ihn einzulassen. Die Hosen hatten wir allerdings beide voll – durchaus zu Recht, wie ich jetzt im Nachhinein befinde.

Aus Mogli wird David
So kam es, dass er von Mogli auf David umbenannt wurde (ich dachte, ein wenig Bowie-Spirit kann nicht schaden) und fix bei uns blieb. Ich begann also konkret daran zu arbeiten, wie man doch ein gemeinsames Leben hinbekommen könnte. Ich musste mich dringend weiterbilden. Einige Monate und vier Hundetrainer später erfasste ich langsam die Situation – ein »normales« Hunde-/Menschenleben wird das unter diesen Voraussetzungen nicht. Ein Zitat von Antoine de Saint-Exupéry kam mir im Laufe des Lebens mit David immer wieder in den Sinn: »Du bist ewig für das verantwortlich, was du dir vertraut gemacht hast.« So war es und so hielt ich es.

David war damals 10 Monate alt, als ich ihn übernommen hatte, und das in der Prägezeit erlernte Verhalten ist aus meiner Sicht im Wesentlichen unveränderbar, zumindest wird es nie »vergessen«. Ich denke auch spätere, schwer traumatisierende Situationen sind ausreichend, um einen Hund (auf Lebzeiten) zum »Selbstverteidiger« werden zu lassen. Denn das ist es, was er tat. Auch wenn es nicht immer danach aussah.

Man liest es, man hört es, will es aber nicht glauben. Bei aller Liebe. Bei allem Training und selbst wenn der Hund das Verhalten monate- oder sogar jahrelang nicht mehr wiederholen/ausüben kann. Bei einer »passenden« Situation wird auf das erlernte und bestätigte Verhalten zurückgegriffen. Es hat sich ja bewährt, es hat ihm (aus seiner Sicht) das bisherige Überleben ermöglicht. Das kann weder vergessen und schon gar nicht wegtrainiert oder wie manch wohlmeinende Hundetrainer meinen, »überkonditioniert« werden. Eine massive Unterschätzung der hundlichen Intelligenz. Und gefährlich dazu. Bei rückblickender Betrachtung kommt es mir mittlerweile sogar völlig lächerlich vor.

Hochentwickelte Gehirne und hochkomplexe soziale Verhaltensweisen haben dazu geführt, dass die kanide Spezies fast alle Teile der Welt und alle sozialen Gesellschaftsschichten bevölkert hat. Eine unvorstellbar großartige Leistung. Und wir denken, dass wir mit gestellten Trainingssituationen so ein intelligentes Wesen einfach »umprogrammieren« können? Ich kann nur berichten – es war bei David jedenfalls nicht möglich. Er war intelligent genug, um eine Trainingssituation von einer echten Situation unterscheiden zu können. Da er ja sehr gehorsam war, hat er gemacht, was von ihm verlangt wurde. Es wurden in meinem Beisein problemlos Leckerlis von Fremden angenommen etc. Solange ich konzentriert war und die Situation geregelt habe, ist absolut nichts passiert. Aber wehe, wenn dem nicht so war. Da hat er ratzfatz die Verantwortung für sein Leben, seine Sicherheit übernommen und eben selbständig eingeschätzt, ob eine Bedrohung vorlag oder nicht. Irgendwie äußerst sinnvoll eigentlich.

Zwei weitere große Erkenntnisse haben mir letztendlich weitergeholfen. Ich bin mit David zu einem bekannten Hundeausbilder nach Deutschland gefahren, der an vier Tagen verschiedene Tests mit ihm durchgeführt hat. Mein größter Schockmoment war, als er, als Figurant (so heißen die merkwürdig verkleideten Schutzdiensthelfer) verkleidet, auf uns zugekommen ist und David offenbar sofort wusste, was zu tun ist. Er hat ihm ganz gezielt den Schutzarm vom Körper gerissen und ist allerdings nicht, wie im Sportschutzdienst erwünscht, vom Spiel mit dem Schutzarm begeistert gewesen, sondern hat danach zielgerichtet versucht, den Figuranten ins Gesicht zu beißen. Das heißt, es schien also, als wäre mit David viel zu früh und viel zu unprofessionell Schutzhundesport begonnen worden. So schätzte es jedenfalls der Trainer ein, mir schien es schlüssig. Möglicherweise war er auch aufgrund seiner Veranlagung nicht dazu geeignet – er hat über keinen besonders ausgeprägten Spiel-/Beutetrieb, jedoch über einen sehr starken Wehrtrieb verfügt. Unprofessionell muss es jedenfalls zugegangen sein. Wirkliche Profis hätten erkannt, dass da etwas in die falsche Richtung lief. Vielleicht haben sie dies auch getan – aber offenbar zu spät. Vielleicht hatten sie der Familie damals dann auch die Euthanasie empfohlen. Wir wissen es nicht. Ich hatte mit der Familie kurz Kontakt, den sie jedoch von sich aus dann rasch abgebrochen hatten.

Nicht als Privathund geeignet
Jedenfalls hat dieser Hundeausbilder befunden (er war früher Polizeihundeausbilder), dass David zu den 5 Prozent Hunden gehöre, die bei keiner auch noch so starken Bedrohung zurückweichen – und somit wäre er zwar bestens für die Polizeiarbeit, nicht jedoch für einen Privathaushalt geeignet. Wäre er in einem deutschen Tierheim vorstellig geworden und hätte er ihn zu beurteilen gehabt, hätte er eine sofortige Euthanasie veranlassen müssen, da dieser Hund fürs Tierheimpersonal viel zu gefährlich gewesen wäre. Wäre er noch im Polizeidienst gewesen, hätte er ihn aber gerne genommen – da er an sich gut zu führen und »klar im Kopf« sei. Über diese Aussage habe ich noch lange nachgedacht.

Mir kam ja ursprünglich vor, als hätte der Hund ein Problem, das »wegtherapiert« werden muss. Aber eigentlich war es so nicht. Er hat getan, wofür man ihn (versehentlich?) ausgebildet hat (die Familie hatte zwei kleine Kinder, die wollten bestimmt keine »Waffe« heranziehen), wofür er offenbar veranlagt war und was er für richtig befunden hat. Er hat eigentlich nur sehr selten gestresst gewirkt. Von einem Häufchen Elend war er weit entfernt. Das traf schon eher auf mich zu als auf ihn. Ich hatte ein Problem – denn ich war unglücklich über sein Verhalten, das nicht in mein Leben gepasst hat. Er hat es natürlich nicht reflektiert und ich denke, er hat auch nicht besonders darunter gelitten. Er wurde jedenfalls bei guter Gesundheit 14,5 Jahre alt – für diesen Rassetyp schon eher ungewöhnlich, und ich denke, man kann von einer relativen seelischen Zufriedenheit ausgehen, wenn so ein langes, gesundes Leben gelingt.

Zur zweiten wichtigen Erkenntnis verhalf mir ein weiterer – österreichischer – Hundetrainer. Dieser hat relativ schnell erkannt (auch ohne Tests), worum es bei dem Hund ging. Nämlich um gute Führung. Ausschließlich darum! Das war das Beste, was man erreichen konnte. Das heißt, ich musste sicherer werden und ihn gut handeln können. Und er sollte Spaß beim Gehorchen bekommen. Und das erreichten wir dann auch. Wir wurden ein gutes Team und hatten auch jede Menge Spaß beim Training und unseren täglichen Spaziergängen miteinander.

Bis zuletzt habe ich mich allerdings nicht recht an den Gedanken gewöhnen können, dass David fremde Menschen und vor allem Kinder schlichtweg nicht mag, weil sie ihm offenbar bedrohlich vorkamen. Ich musste mir immer wieder vorsagen, dass er nicht schuld sei und nichts dafür könne. Einfach war das allerdings nicht immer. Denn eigentlich bin ich der Meinung, dass die Freundlichkeit zum Menschen einen Hund und eben die gegenseitige Beziehung auszeichnen sollte. Ein Haustier soll ja eigentlich im Wesentlichen Freude machen und für gute Stimmung sorgen. Das erfüllte er logischerweise nur teilweise.

Falsch verstandener Tierschutz?
Dazu möchte ich ergänzen, dass ich für die Forderung wohlmeinender Tierschützer, einen deutlich auffällig gewordenen Hund (also einen Hund, der einen Mensch ernsthaft verletzt hat), nicht zu euthanasieren, zwar grundsätzlich vollstes Verständnis habe – bzw. hatte, bevor ich David bekam. Doch für einen »Normalhundehalter« ist die Gefährlichkeit eines »fehlgeprägten« Hundes schlicht nicht vorstellbar. Es ist daher heute aus meiner Sicht in den meisten dieser (Gott sei Dank sehr wenigen) Fälle völlig unmöglich, so einen Hund – eben schon allein aus Sicherheitsgründen für das Personal – in einem Tierheim zu halten. Und da spreche ich noch lange nicht davon, ob es moralisch legitim ist, einen Hund lebenslänglich zu »verwahren«, was dann nämlich passiert, wenn zwar ein Handling, aber eben kein neuer Halter gefunden wird. Denn eine solche lebenslange Verwahrung ist aus meiner Sicht moralisch nicht legitim. Eine Verhinderung des Auslebens artgemäßer Anlagen ist nicht als Leben im ursprünglichen Sinn zu verstehen. Das betrifft Wildtiere im Zoo gleichermaßen wie Haustiere, die nicht ihrer ursprünglichen Bestimmung nachkommen können. Und unsere mittlerweile sehr limitierende Haushundehaltung ist aus meiner Sicht schon in einem normalen Hundeleben durchaus zu hinterfragen.

Man müsste eben so einen Hund zum Schutz der Mitarbeiter des Tierheims wahrscheinlich halten wie ein Raubtier im Zoo – ohne direkten menschlichen Kontakt. Bei vielen dieser Hunde sind Auslöser »generalisiert« – das heißt man wird einen Angriff nicht vorhersehen können und daher kein geeignetes Handling erarbeiten können. Ein Tierheim ist aber kein Zoo (hoffentlich) und ein Hund kein wildes Raubtier. Zum artgerechten Leben eines Hundes gehört mindestens eine fixe menschliche Bezugsperson (was im Tierheim nicht ermöglicht werden kann). Das ist überhaupt die einzige Chance, so einen Hund schadlos zu handeln. Ich denke es kann kaum jemand beurteilen, was es bedeutet, einen »für das gefahrlose Leben in der Gesellschaft« nicht geeigneten Hund zu betreuen, der das nicht selbst über geraume Zeit gemacht hat.

Ich habe mein Leben danach ausgerichtet, dass dieser Hund ein Leben führen kann wie ein »ganz normal sozial verträglich geprägter« – und dies ohne Zwinger und ohne dass jemand zu Schaden kam. Es braucht aber niemand zu denken, dass ich nicht zu Beginn auch darüber nachgedacht hatte, ihm einen solchen zu bauen. Ich könnte ein Buch darüber schreiben, welche Strategien einem da so durch den Kopf gehen, damit nur ja nichts passiert. Fehler im Handling sind aber nie auszuschließen. Und es wurde mit David nicht gerade leichter, als er schlechter zu hören begann. All das ist eine Verantwortung, die ich mir nicht vorstellen konnte und sie hatte enorme Auswirkungen auf meine Lebensgestaltung.

Mein Leben ändern für den Hund?
So wurde ein Wohnwagen angeschafft, damit wir überhaupt in den Urlaub fahren konnten. Es konnte ja niemand auf ihn aufpassen, zumindest nicht die ersten Jahre – später hatten wir dann ausgiebig mit zwei Hundesitterinnen trainiert, da klappte dann die Betreuung in unserem Haus. Die Einfriedung unseres Gartens glich dem Hochsicherheitstrakt eines Gefängnisses. 3,5m hoch und 1m tief in die Erde vergraben – ich wollte sicher gehen, dass er nicht ausbüxen kann. Bei jedem Besuch natürlich ein striktes Handling. Schreckmomente, wenn der Nachbar mit sicherheitshalber bei ihm deponiertem Hausschlüssel sich einbildete, die bei ihm abgegebenen Pakete von der Post in den Garten legen zu müssen (»geh, der schaut eh so nett aus, der macht mir schon nix«…).

Kinderwünsche sollten ebenfalls nicht in der Lebensplanung vorkommen. Offenbar hat er mit den Kindern in der Vorfamilie nicht die besten Erfahrungen gemacht. Allein Kindergeräusche führten zu einer Erstarrung und zum Aufstellen der Haare vom Kopfansatz bis zur Schwanzspitze, geschweige denn, wenn er einen Kinderwagen erblickte. Das Schicksal sorgte jedenfalls dafür, dass ich relativ bald, nachdem ich David bekommen hatte, meine Agentur verkaufte und fortan zu Hause arbeiten konnte – planbar war das aber nicht. Es hätte sich auch in eine ganz andere Richtung entwickeln können – wer hätte ihn dann betreut und nicht nur verwahrt?

Kleines Detail am Rande betreffend die unsinnigen »Listenhunde-Verordnungen«. Den Sachkundetest mit Prüfung habe ich mit David selbstverständlich mit Bravour abgelegt. Er war ein sehr folgsamer Hund und es war überhaupt kein Problem, so einen Test zu absolvieren. Das heißt, das Ausfiltern von potenziell gefährlichen Hunden ist so definitiv nicht möglich. Es ist auch völlig absurd, dies auf spezielle Rassen zu beschränken. Eine Sachkundeausbildung wäre aus meiner Sicht für alle Hundehalter empfehlenswert. Und die Tierheime (sowie auch Hundetrainer) sollten sich ihrer hohen Verantwortung gegenüber nicht bedingungslos sozial-kompatiblen Hunden bewusst werden. Sehr häufig werden diese Hunde »in der Szene« bekannt, oftmals sind sie ja sog. »Wanderpokale«, bis dann endgültig etwas Schlimmes passiert. David hätte problemlos aus dem Verkehr gezogen werden können, ja aus meiner Sicht gezogen werden müssen. Es hat niemand davon ausgehen können, dass das für einen Laien wie mich schaffbar war und dass ich das Risiko überhaupt beurteilen konnte. Aber das Gegenteil war der Fall. Man war froh, dass sich ein naiv tierliebender Mensch gefunden hat, der das auf sich nahm und offenbar hoffte man, dass es schon irgendwie gut gehen würde … Selbstverständlich ist es allen Hundeliebhabern ein Gräuel, wenn dann doch einmal eine Euthanasie-Entscheidung getroffen werden muss. Aber dazu haben wir ja die Profis, die das eigentlich beurteilen können sollten, wenn eine Grenze überschritten wird.

Zusammenfassend möchte ich sagen, dass es gelogen wäre, würde ich behaupten, dass ich es nie bereut hätte, ihm ein gemeinsames Leben ermöglicht zu haben. Das habe ich sogar oft getan. Immer wieder dann, wenn mir bewusst wurde, dass ich in einer Situation wieder einmal Glück (und offenbar Hilfe von oben) hatte, dass nichts passiert ist. Man kann nicht alle potenziell für andere gefährlichen Situationen vorhersehen. Nicht einmal ich als praktizierender Kontrollfreak. Man kann es nur so gut wie möglich versuchen. Oder wenn diese oder jene private Unternehmung mal wieder nicht möglich war etc.

Mein Lebenshund
Ich habe aber auch viel über diese hochinteressanten Tiere gelernt und natürlich wird er auf gewisse Weise mein Lebenshund bleiben. So eine Situation schafft schon Raum für eine besondere Beziehung. Er hatte ja ein grundsätzlich wirklich liebenswertes Wesen, aber ausschließlich den Menschen gegenüber, denen er vertraute. Das waren zwar keine zehn in seinem Leben, aber immerhin, es gab sie. Niemals habe ich von ihm auch nur einen »Minifletscher« oder auch sonst eine aggressive Handlung mir gegenüber erlebt. Er war, so schräg das für manche wahrscheinlich klingt, auch ein wirklich toller Hund. Schön, kraftvoll, souverän, zärtlich, lustig, … – auch das war alles da. Er hatte eben zwei Gesichter.

Die Einordnung von sogenannten »bösen« und »guten« Hunden (oder auch Menschen) gibt es aus meiner Sicht ohnedies nicht (Literaturempfehlung dazu »Das sogenannte Böse« von Konrad Lorenz). Die Frage ist immer die des Verhältnisses – welche Anteile überwiegen und in welcher Ausprägung. Und wie sehr können die »guten« (sozial kompatiblen Ressourcen) die » sog. bösen« (für andere gefährlichen Anteile) kontrollieren (bei David war eben ich in Gesellschaft die sozial kompatible Ressource) und ab welchem Verhältnis muss »jemand« an der Teilnahme des gemeinschaftlichen Lebens gehindert werden.

Bei Menschen ist das nicht anders als bei Hunden. Es gibt ja leider auch Menschen, die aus die Allgemeinheit gefährdenden Gründen lebenslänglich verwahrt werden (müssen). Da könnte man jetzt natürlich aufschreien »eben, diese Menschen werden ja auch nicht euthanasiert«. Gott sei Dank wird hier zu Recht ein Unterschied gemacht! Der Mensch besitzt (außer im schweren psychischen Krankheitsfall) immer ein Bewusstsein, das es ihm ermöglicht (wieder) ein wertvoller/gefahrloser Teil unserer Gesellschaft zu sein. Daran kann er täglich arbeiten. Es gibt auch ausreichend gelungene Beispiele, wo sich Schwerverbrecher, ohne je wieder strafrelevant auffällig geworden zu sein, in die Gesellschaft eingegliedert haben (manchen ist es aber leider auch nicht gelungen, das ist eben der Preis, wenn man Menschen die Chance auf Resozialisierung gibt). Hunde haben dieses Bewusstsein nicht. Es fehlt der freie Wille zur Unterscheidung von »Recht« und »Unrecht«. Aus Sicht des Hundes ist es nicht unrecht, einen Menschen schwer zu verletzen oder zu töten. In eben diesem Moment handelt er seinen Erfahrungen und Instinkten entsprechend. Es bedeutet für ihn wahrscheinlich Stress und Unbehagen – weil es ja einen ihm unangenehmen Auslöser für sein Verhalten gegeben hat –, aber er wird danach kein schlechtes Gewissen haben und er kann sich daher auch nicht ändern.
Außerdem möchte ich dazu ergänzen, dass wir auch bei der Sterbehilfe bei Mensch und Tier deutlich unterscheiden (auch völlig zu Recht aus meiner Sicht) und dass ich an sich dieses völlig absurde, zwiegespaltene Verhalten unseren Haustieren gegenüber in Erinnerung rufen möchte. Bei einem sozial inkompatiblen Hund, der andere gefährdet, wird laut aufgeschrien, ihn am Leben zu lassen (selbst will man zwar nichts damit zu tun haben, aber es wird sich schon wer finden). Aber täglich töten wir völlig gesunde, nicht gefährliche Tiere, weil wir sie aufessen?

Nichtsdestotrotz, würde ich es bestimmt nicht noch einmal machen und schon gar niemandem so eine Entscheidung empfehlen, wie ich sie getroffen habe. Denn wenn doch etwas passiert wäre, man hätte mit den Folgen leben müssen. Und das wäre bestimmt nicht einfach gewesen. In diesem Sinne bedanke ich mich bei allen lieben Menschen in meiner Familie und in meinem Freundeskreis und bei meinen beiden Tiersitterinnen, die mich und David immer unterstützt haben! Allein hätten wir es definitiv nicht geschafft!

Buchtipps

Literatur, die mir in Erinnerung geblieben ist und die mir im Zusammenleben mit David oft hilfreich war:

• »Mit dem Hund auf du« von Eberhard Trumler
• »Hunde ernst genommen« von Eberhard Trumler
• »Der Hund« von Erik Zimen
• »Der Wolf im Hundepelz« von Günther Bloch
• »Hundepsychologie« von Dorit U. Feddersen-Petersen
• »Das Aggressionsverhalten des Hundes« von James O’Heare
• »Calming Signals« von Turid Rugaas
• »So kam der Mensch auf den Hund« von Konrad Lorenz
• »Er redete mit dem Vieh, den Vögeln und den Fischen« von Konrad Lorenz
• »Das sogenannte Böse«, von Konrad Lorenz

Pdf zu diesem Artikel: gefaehrlicher_hund1

 

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