Berührungen – Balsam für die Hundeseele

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Themenschwerpunkt: Die Gefühlswelt der Hunde

Abends auf dem Sofa mit dem Vierbeiner kuscheln und ihn kraulen – für viele Hundehalter Entspannung pur. Doch auch Streicheln will gelernt sein, egal, ob als Kontaktaufnahme, Belohnung oder eben Entspannungseinheit. Macht man es richtig, können auch Hunde diese Liebkosungen richtig genießen.

Streicheln ist gesund – für Hund und Halter! „Ähnlich einer entspannenden Massage ist Streicheln sehr angenehm und führt zu einer stärkeren Bindung zwischen Hund und Halter«, sagt Dr. med. vet. Ulrike Peper aus dem hessischen Allendorf. Die Tierärztin hat sich seit fast 15 Jahren ausschließlich auf Physiotherapie und Rehabilitationsmedizin spezialisiert. Sie weiß, dass die Intensität der Berührung dabei eine tragende Rolle spielt. »Man sollte immer mit sanften Berührungen beginnen und dann die Intensität steigern – solange man auf der Muskulatur streichelt.« Auf Knochen und insbesondere Knochenvorsprüngen sei stärkerer Druck hingegen unangenehm für den Hund.

Von solchen Kuscheleinheiten profitiert die Gesundheit gleich in mehrfacher Hinsicht. Verschiedene Studien fanden heraus, dass Streicheln nicht nur die Stresshormonausschüttung sowie die Herzfrequenz senkt, sondern zudem die Ausschüttung des Kuschelhormons Oxytocin fördert (Hennessy 1998, Kühne 2014, Petersson 2017). Ausschlaggebend ist die Geschwindigkeit der Bewegungen. Streichelt man schnell, macht die anregende Wirkung den Hund munter. Langsam und in Wuchsrichtung des Fells zu streicheln wirkt hingegen beruhigend. Dabei kann der Hund herunterfahren und entspannen. Peper empfiehlt vor allem ruhige und fließende Bewegungen, Streicheln in Zeitlupe sozusagen. »Dabei sollte immer in Fellwuchsrichtung gestreichelt und der Kontakt zum Hund gehalten werden.« Während die eine Hand langsam streichelt, bleibt die andere ruhig auf dem Hund liegen. »Am besten man fängt eine Streichelsession in entspannter Atmosphäre in einer für Hund und Halter bequemen Position mit sanftem Streichen an«, rät die Tierärztin, die auch Massagekurse für Hundehalter durchführt. Die abendliche Kuscheleinheit auf dem Sofa ist also prinzipiell auch für den Hund keine schlechte Idee.

No-Go Zonen
Doch manchmal passt es nicht, da stimmt einfach das Timing nicht oder die Situation wird falsch interpretiert. »In Puncto Streichelzonen von Hunden liegen Halter leider öfters falsch.« Obwohl, so die Tierärztin, Halter es in der Regel natürlich nur gut meinen. »Doch ist der Vierbeiner nicht immer ebenfalls auf Körperkontakt aus. Er wird dann regelrecht damit überfallen.« So zum Beispiel, wenn der Hund gerade gemütlich auf der Couch vor sich hindöst und plötzlich vom Halter in Liebe geknuddelt wird. Auch birgt die komplexe Körpersprache von Hunden aus menschlicher Sicht oft eine andere Motivation. Zeigen wir Menschen doch selbiges Verhalten schlicht in einem anderen Kontext. Ein Beispiel für ein solch typisches Missverständniss ist das Anheben der Pfote. Hunde werden an den Pfoten meist nur ungern angefasst – auch wenn sie sie einem manchmal hinhalten. »Es gibt nur sehr wenige Hunde, die sich gerne die Pfoten massieren lassen – wenn überhaupt, dann meist beginnend mit etwas Druck von unten auf die Ballen und dann die einzelnen Zehen«, weiß Peper aus langjähriger Erfahrung. Zum einen sind die Pfoten aufgrund der vielen Rezeptoren dort sehr empfindlich, zum anderen haben laut der Tierärztin gerade größere, ältere Hunde oft Arthrosen in den Zehengelenken. Pfoten und Zehen sollten daher nur zur Gewöhnung gestreichelt werden.

Auch das Kraulen unterm Kinn genießen Hunde entgegen landläufiger Meinung nicht immer. »Gerade das kurzzeitige Kraulen am Kinn wird von Hunden eher als negativ empfunden.« Oft ertragen die Vierbeiner das dortige Kraulen bloß stillschweigend. Den Grund, weshalb Hunde das sanfte Streicheln unterm Kinn erdulden, hatten Anfang des Jahrhunderts verschiedene Studien herausgefunden (Landsberg 2003, Peachy 2004, de Keuster 2005): Es ähnelt dem Lecken im Bereich des Maules eines anderen Hundes, was gepaart mit einer devoten Körperhaltung, als Form der aktiven Unterwerfung verstanden wird. Krault allerdings der Halter das Kinn, kann die Situation eine vollkommen andere sein: Laut Peper hängt dies – wie alles beim Streicheln und Kraulen – von der Beziehung zwischen Hund und Halter ab. »Wenn man im Laufe einer längeren Kuscheleinheit mal das Kinn oder auch die Schnauze beziehungsweise den Nasenrücken streichelt oder krault, lassen das viele Hunde gerne und entspannt zu.« Letztlich sei das gegenseitige Belecken – auch im Gesicht –innerhalb einer bestehenden sozialen Gruppe von Hunden durchaus Teil der Körperpflege, ohne dass dadurch gleich die Rangordnung eine Rolle spiele.

Ein klarer Unterschied besteht also im Streicheln von fremden oder von vertrauten Hunden. »Bei fremden Hunden ist neben dem Kinn der gesamte Kopf- und Schnauzenbereich eher tabu«, so die Expertin. Auch haben die meisten Hunde – fremd oder vertraut – das klassische Streicheln über den Kopf nicht gerne. Beim Anblick der sich nähernden Hand tauchen viele mit dem Kopf nach unten ab. Selbiges hatte Franziska Kühne, Fachtierärztin für Tierschutz und Verhaltenskunde an der Justus-Liebig-Universität Gießen herausgefunden. »Während der Testsequenzen Pfote und Kopf versuchten sich die Testhunde besonders aktiv der Mensch-Hund-Interaktion zu entziehen«, berichtet Kühne in ihrer Studie (Kühne 2012). Ausnahmen bestätigen bekanntlich die Regel: Besteht bereits ein sehr gutes Vertrauensverhältnis zwischen Hund und Halter, könne es auch andersherum gehen, meint Peper. Dann nämlich strecke so mancher Hund sogar Kopf und Schnauze der Hand entgegen. »Hunde, die sich gut kennen, lecken sich ja gegenseitig auch am Kopf und entspannen dabei«, so die Tierärztin.
Das kurze, klassische Getätschel über den Kopf ist aus Menschensicht meist als Antwort oder Lob gedacht. So werden laut Peper gerade Hunde, die um Futter betteln, mal schnell vorne am Kopf angefasst, weil sie halt gerade so süß schauen. Oft patscht der Mensch dem Hund auch als Belohnung ein paarmal rasch auf den Kopf. »Hunde sind anpassungsfähig, deshalb können sie so gut mit uns zusammenleben. Für viele Hunde ist eine solche Berührung mittlerweile positiv besetzt«, erklärt die Tierärztin. Arbeite der Hund allerdings in dem Moment konzentriert, bedeute eine Berührung für ihn vor allem Ablenkung und Störung. »Deshalb mögen Hunde bei der Arbeit oft gar nicht gerne angefasst werden. Ein verbales Lob, ein Leckerchen oder eine Spielbelohnung sind dann sinnvoller.«

Dabei kann Streicheln sehr wohl als Belohnung dienen, wie eine Studie um Erica Feuerbacher von der Universität Florida zeigte (Feuerbacher 2015). Werden verbale Signale mit kurzen Streicheleinheiten kombiniert, lernen Hunde nicht nur zeitlich weitaus schneller, sie verinnerlichen das Gelernte auch besser, so die Forscher. Bereits 1967 hatte eine Studie von Roger McIntire und Thomas Colley von der Universität Maryland zu ähnlichen Ergebnissen geführt (McIntire 1967). Dem kann Peper nur beipflichten: »Kombiniert mit verbalem Lob und gegebenenfalls Leckerchen lernen Hunde selbst die für sie an sich eher unangenehmen oder neutralen Berührungen wie das klassische über den Kopf streicheln als Belohnung anzusehen.«

Schokoladen-Stellen
Streicheln sollte vom Hund nicht als Störung empfunden werden, sondern vor allem eines sein: Zeit der Aufmerksamkeit für den Vierbeiner. Zeit, in der er ohne Leistungsdruck und verbale Ansprache die Nähe seines Menschen genießen kann. »In entspannter Atmosphäre in einer für Hund und Besitzer bequemen Position sanft an Rücken und Brustwand zu streicheln ist der perfekte Anfang für eine Streicheleinheit«, ermuntert Peper Hundehalter dazu, ihre Vierbeiner mehr und öfters liebevoll anzufassen. Die traute Zweisamkeit hat gleich doppelpositiven Effekt: Nicht nur fördert sie die Gesundheit. Der Hund gewöhnt sich zudem daran, überall angefasst zu werden.

Nach einem wie von Peper beschriebenen Anfang kann man sich von seinem Hund regelrecht leiten lassen. Denn Hunde zeigen in der Regel recht gut, wo sie gestreichelt werden möchten und wo nicht. An bestimmten Stellen finden die Vierbeiner dies sogar besonders klasse. Diese Schokoladenseiten halten sie meist einfach hin. Ist der Hund der Meinung, dass es an einer anderen Stelle mit dem Streicheln weitergehen soll, dreht er sich in der Regel entsprechend. Mag er die Stelle gerade nicht, dreht er sich weg.

Viele Hunde lassen sich dann sogar gerne am Bauch kraulen. »Rollt sich der Hund ganz entspannt wedelnd auf die Seite und dann auf den Rücken, dann ist Bauchkraulen eine positive Sache für ihn und seine Geste eine Aufforderung zum Kraulen.« Trotzdem rät Peper zur Vorsicht. »Liegt der Hund jedoch mit eingezogener Rute und starr ausgestreckten Beinen auf der Seite oder dem Rücken, demonstriert er damit absolute Unterwerfung und empfindet Berührung in dieser Situation als bedrohlich.« In diesem Fall sollte man besser mit dem Streicheln aufhören.

Besonders gerne werden die meisten Hunde laut der Expertin hinter den Ohren und am Hals gekrault. Ein Übergang in eine Massage von dort aus sei möglich, aber nicht ratsam. Negative Erfahrungen oder Schmerzen hätten bei vielen Hunden diese Stellen leider negativ belegt. An der Brust gestreichelt zu werden, finden hingegen fast alle Hunde umwerfend schön, was diese Stelle auch ideal für eine Kontaktaufnahme macht. »Auch als Start für die Rückenmassage ist Streicheln an der seitlichen Brustwand ein guter Punkt.« Manche Hunde reagieren dabei mit einer heftigen, reflexartigen Kratzbewegung mit der Hinterpfote. Zwar gibt es dazu verschiedene Theorien. Am nachvollziehbarsten findet Peper jedoch die des Mitkratzens. »Da sich Hunde genau an dieser Stelle selbst nicht kratzen können, empfinden sie kräftiges Kraulen dort als sehr angenehm und kratzen quasi mit.«

Aus selbigem Grund sind auch andere Stellen magische Punkte. Wie auch die seitliche Brustwand sind die Seiten, der Rücken und die Flanken laut der Physiotherapeutin Bereiche, die bei den meisten Hunden gut geeignet sind zu einer Kontaktaufnahme und auch um eine Massage oder Streicheleinheit zu beginnen. Sie selbst bevorzugt den Rücken. »Ich persönlich beginne Massagen mit Streichungen am Rücken.« Liegt der Hund in Seitenlage, beginnt man von vorne, indem man mit der Länge des ganzen Rückens lange Streichungen vornimmt. Dabei kann man auch mal die Schwanzwurzel entspannend massieren. »Der Bereich oben auf der Kruppe und an den Hüften ist für viele Hunde sehr beliebt zum Kraulen und Streicheln.« Ähnlich wie bei der Vorderbrust kann sich der Hund dort nicht selbst kratzen. Doch nicht nur das: »Viele Hunde haben außerdem an den Hintergliedmaßen im Bereich der Lenden und Kruppe Verspannungen. Eine Massage dort ist für diese Hunde ein ganz besonderer Genuss.« Zum Beginn der Kontaktaufnahme ist die Kruppe jedoch nicht geeignet. »Das Anfassen von oben auf diesen Bereich ähnelt dem dominanten Aufreiten der Hunde untereinander.« Zudem: Die Gegend unter der Rute ist eine der kaninen Tabuzonen. »Drückt sich der Hund allerdings im Stand der Hand entgegen, ist dies natürlich ein klares Zeichen, dass er dort gekrault werden möchte.«

Nicht jeder ist verschmust
Doch nicht jeder Hund kann sich für diese Stellen begeistern. »Auch beim Streicheln gibt es persönliche Vorlieben und Abneigungen«, verrät Peper, warum nicht alle Hunde auf die gleichen Stellen abfahren. Aus Erfahrung mit Patienten in ihrer Praxis weiß die Tierärztin, dass hinter der Abneigung verschiedene Gründe stecken können. Viel hängt von persönlichen Erfahrungen ab. »Gerade bei Tierschutzhunden ist oft nicht genau bekannt, ob der Hund zum Beispiel geschlagen wurde.« Dem Hund fehlt das Vertrauen in die Menschheit, er möchte gar nicht angefasst werden. Körperliche Probleme spielen ebenfalls eine Rolle. »Bei Schmerzen in bestimmten Körperregionen ist den Hunden dort angefasst zu werden unangenehm.« Aber auch das Gegenteil kann der Fall sein. »Bei Verspannungen, zum Beispiel im Lendenbereich, streckt sich der Hund der Hand geradezu entgegen, um dort unbedingt gestreichelt oder massiert zu werden.«
In der Regel gilt: Tut es dem Hund an einer Stelle weh, möchte er dort auch nicht angefasst werden. »Gerade Hunde, die an wiederkehrenden Ohrentzündungen leiden, werden im gesamten Bereich um die Ohren herum nicht gerne angefasst.« Je nach Hund und Vorerfahrungen ist für viele Vierbeiner auch der Hals eine Tabuzone. Erzieherische Maßnahmen wie der Griff ins Nackenfell, negative Erfahrungen mit Halsbändern oder anderen Hunden seien laut der Tierärztin mögliche Gründe, warum einem Hund diese Stellen vergrämt worden seien. Und: »Viele Hunde empfinden Berührungen nur in entspannter Atmosphäre und von ihnen vertrauten Personen als angenehm.«

Das Vertrauen in die streichelnde Person spielt beim Streicheln überhaupt eine zentrale Rolle. Um genießen zu können, muss man sich sicher fühlen und entspannen können. Stimmt die Vertrauensbasis, dann wird fast jeder Hund gerne an Hals, Brust, Nacken und Bauch gekrault. Für das notwendige Vertrauen ist vor allem eins nötig: Der Hund muss sicher sein, verstanden zu werden. Dazu gehört zum einen, dass schmerzende Stellen erkannt werden und dann tabu sind. Zum anderen muss der Hund bestimmen können, wann aufgehört wird. »Entzieht sich der Hund der Situation, indem er wegrobbt, aufsteht oder weggeht, setzt er damit ein mehr als deutliches Zeichen.« Wenn möglich, sollte es erst gar nicht so weit kommen. Denn bis zu diesem Zeitpunkt hat der Hund sein Missbehagen bereits anderweitig kundgetan: So heben Hunde anfangs nur den Kopf, wenn sie an der bestimmten Stelle nicht gestreichelt werden möchten. »Manchmal schieben sie sogar die streichelnde Hand weg«, sagt Peper. Gerade bei unsicheren Hunden seien die Signale weitaus subtiler. Oft zeigen diese Hunde nur Beschwichtigungssignale. »Sie sehen weg oder züngeln.« Auf alle diese Signale sollte umgehend reagiert werden. Beim kleinsten Anzeichen von Unmut also besser an einer anderen Stelle weiter streicheln!

Magische Zonen

Tabuzonen und Lieblingsstellen

Bis auf wenige, situationsbedingte Ausnahmen werden Hunde an folgenden Stellen nur ungern angefasst:
Kinn, Schnauze, Nasenrücken, Kopf, Pfoten, Intimzone, Rutenansatz (seitlich und unten), Po

Fast alle Hunde lieben Berührungen an diesen Stellen:
Hals, Brust, Schulter, Seite

Wie so oft bestätigen Ausnahmen die Regel. So mögen es einige Hunde besonders gern, wenn man mit den Fingernägeln ganz schnell vor und zurück über ihre Backenpartie rubbelt. Andere wiederum finden ein leichtes Kneten an der Schwanzwurzel unwiderstehlich. Beides Körperstellen, an denen Hunde sich in der Regel nicht gerne anfassen lassen. Da es sich jedoch um Bereiche handelt, an denen sie sich selbst nur schwer oder gar nicht kratzen können, sind es gleichzeitig magische Punkte, an denen viele Hunde solche Berührungen genießen. Gerne dürfen diese dann auch etwas forscher ausfallen.

Buchtipp

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Hunde und Menschen gehören zwar verschiedenen Arten an, aber die aktuelle Wissenschaft liefert faszinierende und unwiderlegbare Beweise dafür, dass unsere Gemeinsamkeiten größer sind als unsere Unterschiede. Das gilt auch für die Fähigkeit zum Empfinden von Gefühlen, die Hunden wie allen anderen Tieren auch von der Wissenschaft lange Zeit abgesprochen wurde. Die Autorin beleuchtet, wie Gefühle entstehen, wozu sie dienen und warum sie für Menschen und Tiere gleichermaßen wichtig sind. Dabei weiß sie wissenschaftliche Tatsachen so mit Herz und Humor zu vereinbaren, dass das Lesen zu einem gleichermaßen lehrreichen wie unterhaltsamen Vergnügen wird. Lesen Sie, wie Angst, Zorn, Glück, Liebe, Mitleid, Trauer oder Eifersucht unsere Hunde und uns miteinander verbinden und wie wir lernen können, die subtilen Signale der Gesichtsmimik und Körpersprache unserer Hunde als Gradmesser für ihren Gefühlszustand besser zu erkennen: Ab sofort werden Sie Ihren Hund mit anderen Augen sehen. Vorsicht, wenn Sie anfangen, dieses Buch zu lesen: Es könnte sein, dass Sie bis tief in die Nacht hinein wach bleiben. »Ein Muss für alle Hundebesitzer.« (Stanley Coren)
Autorin: Patricia B. McConnell
Hardcover, 364 Seiten, s/w-Fotos
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Berührung liegt in der Luft

Warum Hunde bei der Berührung einiger Stellen förmlich dahinschmelzen, aber nicht überall angefasst werden wollen, liegt vor allem an ihrem Tastsinn. Wie bei Menschen ist dieser auch bei Hunden der wohl wichtigste aller Sinne. Denn: Kommunikation geht über die Haut.

Auf dem größten Organ des Hundes befinden sich unzählige, verschiedene hoch spezialisierte Hautrezeptoren, die dem Hund das Tasten, Fühlen und Spüren ermöglichen. Diese Rezeptoren sind von feinen Nervenendigungen ­umgeben, die empfangene Signale über das Rückenmark ins Hirn leiten, wo diese dann verarbeitet und wahrgenommen werden. Jede einzelne Haarwurzel ist von solchen Nervenendigungen umgeben. Noch häufiger allerdings sind sie als freie Nervenendigungen ganz oberflächlich in der Haut zu finden. Diese leiten zusätzliche Informationen von Schmerz ins Gehirn. Über diese Tastrezeptoren nehmen Hunde mechanische Reize wie Berührung, Druck und Vibration, thermische Reize oder Schmerz passiv wahr.
Insgesamt vier Arten solcher Rezeptoren gibt es. Alle sind zwischen 0,1 bis 1 Millimeter winzig klein: Für die Wahrnehmung von Berührung und Druck sind die Haarscheiben zuständig, die vermehrt in der wenig behaarten Haut vorkommen. Vor allem auf großflächige Berührung oder Druck reagieren die sogenannten »Vater-Pacini-Körperchen«, schnell adaptierende Mechanorezeptoren. Wärme und Dehnung hingegen wird von den »Ruffini-Körperchen« wahrgenommen. Ebenso wie der Mensch hat der Hund zudem »Meissner Körperchen«, die bei uns vor allem in Fingerkuppen und Lippen vorkommen. Beim Hund scheinen diese aber keine wichtige Bedeutung mehr zu haben.

Bereits ab Geburt ist der Tastsinn überlebenswichtig: Lange bevor sich Augen und Ohren öffnen, lernt der Welpe, seine Umwelt, andere Hunde und seine Mutter über den Tastsinn wahrzunehmen. Es wird genäselt, gepfötelt und genuckelt. Bereits jetzt gewinnt die taktile Kommunikation an Wichtigkeit. So baut der Hund soziale Bindungen auf – später auch zu uns Menschen.

Hunde setzen ihren Tastsinn auch aktiv ein. Form und Textur von Objekten, Härte, Elastizität oder Oberflächenbeschaffenheit wie Feuchte erkennen Hunde dank ihres Tastsinns. Hierzu dienen ihnen vor allem die Tasthaare an Schnauze, Augen und Kinn. Auch an Beinen und Pfoten kommen diese sogenannten Vibrissen vor – wenn auch nur vereinzelt. Sie haben an den Haarwurzeln gleich mehrere Nervenendigungen und reagieren deshalb um ein Vielfaches empfindlicher auf Berührungen und andere Reize als alle anderen Haare. Vibrissen sind leicht zu erkennen: Sie unterscheiden sich maßgeblich von anderen Haaren, sie sind länger, dicker und dreimal so tief verwurzelt. Je nach Rasse variiert Länge und Dicke.

Studien haben gezeigt, dass Berührungen der Gesichtsvibrissen im Gehirn einem großen Bereich entsprechen. Denn ihnen kommt eine wichtige Aufgabe zu: Die Vibrissen im Gesicht schützen den Hund als eine Art Frühwarnsystem zum Beispiel vor Kollisionen. Nicht nur starre Objekte und direkte Berührungen, sondern die ganze Umgebung nimmt der Hund durch seine Vibrissen wahr. Dafür braucht es noch nicht einmal eine Berührung. Alle wichtigen Informationen über Größe, Schnelligkeit oder auch Form von naheliegenden Objekten registriert der Hund aus einiger Entfernung über Luftbewegungen dank seiner Vibrissen. Oft merkt der Hund also bereits vorher, wo ihn sein Halter gleich berühren wird!

Literaturquellen

Die im Artikel zitierte Literatur in alphabetischer Reihenfolge:

• De Keuster T. et al. Dog bite prevention – How a Blue Dog can help. EJCAP 2005;15:136-139.
• Feuerbacher E., Wynne, C. Shut up and pet me! Domestic dogs (Canis lupus familiaris) prefer petting to vocal praise in concurrent and single-alternative choice procedures. Behavioural Processes 2015;110:47-59.
• Hennessy M. et al. Influence of male and female petters on plasma cortisol and behaviour: can human interaction reduce the stress of dogs in a public animal shelter? Appl Anim Behav Sci 1998; 61(1):63-77.
• Kühne F. Affektive Verhaltensreaktionen von Hunden auf taktile Mensch-Hundinteraktionen. Berliner u. Münchener Tierärztl. Wochenschrift 2012;125(9/10): 31-38.
• Kühne F. et al., Appl Anim Behav Sci 2014;161:113-120.
• Landsberg G et al., Handbook of behavior problems of the dog and cat. Saunders 2003.
• McIntire R., Colley T. Social Reinforcement in the Dog. Psychology Reports 1967;20(3).
• Peachy E. Children and dogs. The APBC Book of companion animal behavior. Souvenir Press 2004.
• Petersson M. et al., Oxytocin and Cortisol Levels in Dog Owners and Their Dogs Are Associated with Behavioral Patterns: An Exploratory Study. Front Psychol 2017; 8:1796.

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