Beschwichtigung um jeden Preis?

Im August des Vorjahres wurde die Diplomarbeit der deutschen Biologin Mira Meyer, „Beschwichtigungssignale der Hunde", veröffentlicht. Darin hat sie einige dieser Signale, wie sie in dem in Hundekreisen als legendär geltenden Buch „Calming Signals" der Norwegerin Turid Rugaas ausführlich beschrieben wurden, an einer Gruppe von 13 frei lebenden Streunerhunden in der Toskana untersucht. Meyer stellte in ihrer Untersuchung fest, dass die lt. Rugaas als Beschwichtigungssignale geltenden Verhaltensweisen wie Schnüffeln, Gähnen, Vorderkörpertiefstellung und Harn-Absetzen fast ausschließlich in Situationen auftraten, in denen die Hunde allein waren. Es hätte also keinen Grund für eine Beschwichtigung gegeben. Daraus schließt die Studienautorin, dass diesen genannten Signalen „keine beschwichtigende Wirkung" zuzuschreiben sei.

Um diese Schlussfolgerung entbrannte in der „Hundeszene" eine teils sehr heftige, allerdings überwiegend polemisch und nicht wissenschaftlich geführte Diskussion, an der die Autorin der Studie selbst nicht beteiligt war. Mit dem Themenschwerpunkt „Beschwichtigungssignale" ist daher die WUFF-Redaktion bemüht, die Diskussion auf dem Boden der Sachlichkeit und Wissenschaftlichkeit zu führen, unter Einbeziehung aller Interessierten, wie beispielsweise der deutschen Verlegerin des Buches von Turid Rugaas, Clarissa v. Reinhardt, WUFF-LeserInnn und der Diplombiologin Mira Meyer.

Wichtige und wertvolle Untersuchungen
Grundsätzlich sind beide Untersuchungen wichtig und wertvoll. Sowohl die Ergebnisse von Turid Rugaas an Tausenden Haushunden wie auch die von Mira Meyer an 13 verwilderten und in einer Gruppe lebenden Streunerhunden sind es wert, darüber zu diskutieren. Beide Untersuchungen haben Mängel, beide haben Stärken. Um Missverständnisse zu vermeiden: Es geht hier nicht um das Pro oder Contra dieser oder jener Ergebnisse, sondern vielmehr um die so wichtige Klarstellung der Methodik und um den Beweis der Vergleichbarkeit von Ergebnissen, etwas, das in der Wissenschaft auch Usus ist. Denn das muss uns auch klar sein: Es hat nicht grundsätzlich immer die gerade letzte wissenschaftliche Publikation gegenüber den früheren „die Wahrheit gepachtet", genauso wenig wie etwas nur deswegen „wahr" ist, weil „viele es sagen" oder es „immer schon so war" …

Unterschiedliche Forschungspopulationen
Bevor die beiden unterschiedlichen Ergebnisse von Rugaas und Meyer verglichen werden können, muss neben der Methodik auch die jeweilige „Forschungspopulation" betrachtet werden. Dass nun diese Vergleichbarkeit gegeben sei, daran zweifeln jedoch nicht nur manche WUFF-Leser, sondern auch Wissenschaftler.

Denn erstens: Die „Forschungsobjekte", also die Hundepopulationen, sind zwei völlig unterschiedliche. Mira Meyer untersuchte die Signale an einer Hundegruppe von frei lebenden Streunerhunden in der Toskana, während Turid Rugaas’ Ergebnisse von Hunden stammen, die ständig in engem direktem Kontakt zum Menschen leben und mit diesem intensiv interagieren. Dass es hierbei eine möglicherweise unterschiedliche Anwendung eines sonst identen Signalrepertoires geben könnte, vor allem auch, wenn man die hohe Anpassungsfähigkeit des Hundes an den Menschen berücksichtigt, wäre durchaus möglich.

Und zweitens gibt es weitere wichtige Unterschiede, die Einfluss auf die Ergebnisse haben können und daher hinsichtlich deren Vergleichbarkeit beurteilt werden müssen. Das sind u.a. die Anzahl der untersuchten Hunde, die spezielle Vor-Ort-Situation innerhalb der Hundegruppe sowie die Jahreszeit und die Dauer der Untersuchung. So berichtet Rugaas von mehrjährigen Beobachtungen an „mehreren Tausenden Hunden" (allerdings leider ohne klare Zahlenangabe, auch ohne statistische Auswertung) durch sie und ihre Kunden, während es bei Meyer 13 Hunde einer Hundegruppe innerhalb des kurzen Zeitraumes von 22 Tagen waren. Allerdings, trotz dieser sehr geringen Anzahl der untersuchten Hunde konnte mit dem Wilcoxon-Test (das ist ein statistisches Prüfverfahren zur Berechnung der Irrtumswahrscheinlichkeit) bewiesen werden, dass die Ergebnisse kein Zufall, sondern statistisch relevant sind. Diese Relevanz gilt bei noch nicht bewiesener Vergleichbarkeit der beiden Hundepopulationen allerdings zunächst nur für Meyers Hundegruppe, und auch dies nur unter den Voraussetzungen der beschriebenen konkreten Untersuchungsbedingungen. Und diese waren auch noch deswegen sehr speziell, als zwei der untersuchten Hunde (also rund 15% der untersuchten Population) läufig waren.

Vergleichbarkeit der Hundepopulationen wird vorausgesetzt
Dass also die Ergebnisse bei den beiden völlig unterschiedlichen Hundepopulationen diskrepant bzw. inkongruent sein können, sollte einleuchten. Bei wissenschaftlichen Arbeiten ist es üblich, ein Ergebnis in Bezug auf bereits bekannte Ergebnisse zu diskutieren, vor allem wenn sich Diskrepanzen zeigen. Dann wird versucht zu erklären, wie der andere Autor zu dem differenten Ergebnis gekommen sein könnte, warum die eigenen Ergebnisse so sind wie sie sind, oder es wird festgestellt, dass sich dies nicht eindeutig klären lässt und weitere Untersuchungen nötig sein werden. Oder aber man stellt vielleicht fest, dass die beiden Populationen überhaupt nicht vergleichbar sind. Diese Diskussion und Auseinandersetzung zur Vergleichbarkeit (oder Nicht-Vergleichbarkeit) – und das ist eine konkrete sachliche Kritik an der Diplomarbeit von Mira Meyer – wird in ihrer Arbeit nicht geführt. Die Komparabilität wird vielmehr unbewiesen vorausgesetzt.

Die große Diskussion
In den beiden vergangenen WUFF-Ausgaben wurde das Thema unter dem Generaltitel „Unter Beschuss: Die Beschwichtigungssignale der Hunde" zunächst aus zwei Perspektiven von der Hundeexpertin Angela Weber sowie von der Verlegerin von Turid Rugaas’ Buch („Die Beschwichtigungssignale der Hunde"), Clarissa v. Reinhardt, behandelt. Zahlreiche Leser haben dazu Beiträge verfasst, es entstand eine lebhafte Diskussion, die auch in der kommenden Ausgabe noch weiter fortgeführt werden wird.

Das Vorhandensein der „Calming Signals" wurde in keinem einzigen Beitrag bestritten. Es seien wichtige Kommunikationssignale, die beachtet werden sollten, meinten fast unisono alle WUFF-Leser. Für viele wären die Erkenntnisse von Turid Rugaas erst der Beginn eines besseren Verständnisses ihres Hundes gewesen und hätten zu einer besseren Kommunikation geführt. Andererseits wurde es auch von fast allen Lesern abgelehnt, jedes, aber auch jedes hundliche Signal als „Beschwichtigung" zu deuten. Bei einigen Hundefreunden wurde durchaus die Tendenz zur Übertreibung wahrgenommen. Von daher mag auch das in der Diskussion häufig postulierte „Ende des Beschwichtigungswahns" verstehbar werden. So berichtet Liane Rauch aus Wasserburg am Inn in lebendigen Worten über ein Seminar, auf dem vermutlich tatsächlich ein solcher Wahn vorherrschte. Pferde, Katzen und Hunde würden die gleiche Körpersprache haben, hieß es dort. Und schon zwei Tage alte Welpen würden „Beschwichtigungssignale an die Mutter und die Geschwister" aussenden –, so blind wie die Welplein da noch sind … Zeigt damit übrigens das von Liane Rauch beschriebene „Seminar" in Wahrheit auch auf, was sich an selbsternannten „Hundeexperten" heute alles in der Hundeszene tummelt. Jeder kann sich Hundeexperte nennen, Hundetrainer, was auch immer. Ein gesetzlich ungeregelter Raum, nicht selten zum Schaden unbedarfter Hundebesitzer und natürlich der Hunde. Und wenn in dem Seminar dann auch noch dem staunenden Publikum erzählt wird, dass es ebenfalls ein „Beschwichtigungssignal" sei, wenn der Hund ein Kind anknurrt, dann wird es wirklich gefährlich, wie auch Liane Rauch konstatiert. Drohgebärden, die Hunde – hoffentlich – noch haben, nicht nur nicht zu erkennen, sondern in einem Seminar auch noch falsch interpretiert zu „lehren", sei schlichtweg brandgefährlich.

Besser Beruhigung statt Beschwichtigung?
Das Kind gleich mit dem Bade auszuschütten und den Beschwichtigungssignalen die Bedeutung abzusprechen, sei Nonsens, meinen einige Leser. Andere, wie Gabriela Höllbacher aus Fels am Wagram, wiesen darauf hin, dass möglichweise der Ausdruck „Beschwichtigungssignal" für Calming Signal falsch gewählt sein könnte und es besser sei, dies mit „Beruhigungssignal" zu übersetzen. Caniden seien Rudeltiere und ein Rudel müsse funktionieren, was durch solche Beruhigungssignale gefördert werde, so die Niederösterreicherin. Eine ähnliche Meinung vertritt auch die Hundetrainerin Marie-Luise Zopf aus Berlin und weist darauf hin, dass es sich außerdem um Verhaltensweisen handele, die je nach Kontext unterschiedliche Bedeutung hätten. Dass ein Signal jeweils in der Gesamtheit der Körperhaltung des Hundes interpretiert werden müsse, meint auch Verena Winkel aus Sachsen.

Besseres Verständnis, bessere Kommunikation
Die Art, wie ein Hundetrainer aus der Eifel die Ergebnisse von Mira Meyers Diplomarbeit benutzt, um gegen Turid Rugaas zu polemisieren, wird allerdings von vielen Lesern kritisiert. Ute Rott aus Templin in Brandenburg berichtet sogar über „sonderbare Ausfälle gegen Turid Rugaas und ihre Erkenntnisse" auf den Seminaren dieses Hundetrainers, was aber der Auseinandersetzung mit den Signalen und ihrer Anwendung in der Praxis nicht schaden würde. Dass Mira Meyers Diplomarbeit die Arbeiten von Turid Rugaas in Misskredit bringen würde, glaubt Ulrike Hüttner aus München nicht. „Korrekturen sollten erlaubt sein, sofern die Beobachtungen, die dazu führten, objektiv, solide, valide und fair erhoben wurden." Die Müncherin kritisiert, dass es in der Diskussion möglicherweise um Recht-Haben und persönliche Eitelkeiten gehen könnte, meint aber abschließend: „Dabei sollte es um Hunde gehen, um unser besseres Verständnis und unsere Kommunikation mit ihnen. Den Hunden gerechter zu werden, sollte über dem Recht Haben stehen." Und das ist letztlich auch die Absicht von Mira Meyer, wenn sie in ihrem Beitrag in WUFF (siehe Kasten auf Seite 20) erklärt: „So wie Turid Rugaas uns dazu brachte, Hunde genauer zu beobachten, kann meine Arbeit vielleicht dazu beitragen, dass Beschwichtigungssignale differenzierter betrachtet werden."

Im nächsten WUFF der zweite Teil der Diskussion. Wollen auch Sie Ihre Meinung dazu abgeben, schreiben Sie an WUFF (A-3034 Maria Anzbach, Großrassberg 11 oder [email protected]).


WUFF DISKUSSION


Calming Signals: Besser als „Beruhigungssignale" übersetzen?
Verfolge mit großem Interesse Ihre Artikel von Befürwortern und Gegnern der Calming Signals. Dabei ist mir aufgefallen, dass meiner Meinung nach ein Großteil des Pro und Contra daraus resultiert, dass man diese „Sprache" als Beschwichtigungssignale bezeichnet. Vielleicht würde so mancher Kritik die Grundlage entzogen werden, wenn man diese Bezeichnung, die in meinen Augen ein Übersetzungsfehler ist, in „Beruhigungssignale" umbenennt. Beschwichtigen hat immer so einen unterwürfigen Beigeschmack. Die Caniden sind Rudeltiere, und ein Rudel kann nur dann reibungslos funktionieren, wenn sich alle Mitglieder wohlfühlen. Daher ist eines der grundlegendsten Gebote die Harmonie in der Gruppe, und dieses Ziel wird für mich durch solche Beruhigungssignale gefördert.

Gabriela Höllbacher
A–3481 Fels am Wagram

 

WUFF DISKUSSION


Es ist gut, darüber zu diskutieren
Zunächst einmal finde ich es gut, dass über Beschwichtigungssignale diskutiert wird. Seit Erscheinen des Buches wird es von vielen Menschen gelesen, von „normalen" Hundebesitzern, Trainern, Ausbildern in Vereinen … Viele werfen die Erkenntnisse des Buches sofort auf den Müll, weil sie nichts damit anfangen können, so wie sie mit Hunden umgehen. Wer seinen Hund „abrichtet" und Kadavergehorsam erwartet, legt vermutlich nicht viel Wert darauf, zu wissen, wie sein Hund sich fühlt. Andere nehmen jetzt erst recht jede Gelegenheit wahr, ihren Hund in Watte zu packen, nach dem Motto: „Hilfe, mein Hund beschwichtigt!" Die Wahrheit liegt – wie so oft – in der Mitte. Jeder – egal ob Trainer oder Hundebesitzer –, der sich ernsthaft und kritisch mit den Beschwichtigungssignalen auseinandersetzt, stellt fest, dass es in der Praxis funktioniert, wenn ich die Gesamtsituation im Auge habe. Ja, manchmal pinkeln Hunde einfach, weil die Blase voll ist, oder sie gähnen, weil sie müde sind.

Zu der Diplomarbeit (von Mira Meyer, Anm.) ein paar Worte. Zunächst finde ich es gut, wenn sich jetzt auch Wissenschaftler mit den Beschwichtigungssignalen befassen. Wenn allerdings eine Arbeit so angegangen wird, dass man auf Teufel komm raus beweisen muss, dass etwas Funktionierendes auf keinen Fall stimmen darf, dann kann es mit der Wissenschaftlichkeit nicht weit her sein. Leider habe ich von Günther Bloch schon mehrfach in seinen Vorträgen sonderbare Ausfälle gegen Turid Rugaas und ihre Erkenntnisse gehört. Eigentlich schade, dass er das nötig hat. Der Auseinandersetzung mit den Beschwichtigungssignalen und ihrer Anwendung in der Praxis wird das aber nicht schaden.

Ute Rott
D–17268 Templin


WUFF DISKUSSION


Geht es nur um Recht-Haben, Eitelkeiten und Marktanteile?
Dass es die Diplomarbeit nur in der Hundeschule in der Eifel, also bei Günther Bloch, gibt und diese 16,50 Euro kostet, finde ich normales Geschäftsgebaren. Umgekehrt wird Calming Signals von Animal Learn verlegt und kostet 19 Euro. Also, was sind das für Argumente?

… Ich glaube nicht, dass diese Diplomarbeit die Arbeiten von Turid Rugaas in Misskredit bringen, ihre Verdienste in Abrede stellen kann. Ich halte es aber für absolut zulässig und auch wünschenswert, hier und da Beobachtungen von anderen zu berücksichtigen. Korrekturen sollten immer erlaubt sein, sofern die Beobachtungen, die dazu führten, objektiv, solide, valide und fair erhoben wurden. Die Ausführungen von Frau Weber hinsichtlich von Übersprungshandlungen machen für mich durchaus Sinn, zumal sich bislang keiner meiner Hunde durch mein Gähnen beeindrucken, beeinflussen, beruhigen oder beschwichtigen ließ. Schlimm und schade an der Diskussion, die die Diplomarbeit ausgelöst hat, ist, dass ich mich des Eindrucks nicht erwehren kann, dass es um Recht-Haben, persönliche Eitelkeiten und Marktanteile geht – und zwar von beiden „verlegenden" Seiten. Dabei sollte es um die Hunde gehen, um unser besseres Verständnis und unsere Kommunikation mit ihnen. Den Hunden gerechter zu werden, sollte über dem Recht-Haben, v.a. über wirtschaftlichen Interessen stehen.

Ulrike Hüttner
D–80997 München


WUFF DISKUSSION


Nicht alles ein Beschwichtigungssignal
In dem Beitrag von Angela Weber („Beschwichtigung auf Teufel komm raus?" in WUFF 2/2007, S. 16 ff.) wird u.a. geduckte Haltung bzw. sich klein machen als Beschwichtigungssignal beschrieben. Aber entgegen ihren Angaben ist es das doch nicht immer. Man muss dazu die gesamte Körperhaltung und Spannung des Hundes sehen. Bei meinem Rüden und auch bei anderen Hunden kann ich sehr gut beobachten, dass sich abducken, anschleichen und den Entgegenkommenden dabei fixieren durchaus keine Beschwichtigung ist. Der Hund ist dabei gespannt wie eine Sprungfeder, und bei Erreichen des anderen Hundes kann daraus auch ein Angriff entstehen. Beschwichtigende Hunde, die sich klein machen, sind nicht so angespannt, haben auch z.B. eine andere Ohrenhaltung und fixieren nicht so. Nachzulesen auch z.B. bei Günther Bloch, der das sehr anschaulich als „Geierhaltung, einer Rakete mit Turbolader gleich" beschreibt und dem Jagdverhalten zuordnet.

Verena Winkel
D–02906 Quitzdorf am See


WUFF DISKUSSION

Calming Signals missverstanden?
Es geht auch um Sich-selbst-Beruhigen!
Obwohl ich schon seit meiner Kindheit immer mit Hunden zusammen gelebt habe, hat mir das Buch „Calming Signals" von Turid Rugaas die Augen für die körpersprachliche Kommunikation unter Hunden geöffnet. Kein interessierter und wirklich gut beobachtender Hundebesitzer wird die Existenz dieser Signale und ihre Bedeutung bestreiten können. Mein Verdacht ist vielmehr, dass es sich bei der Kontroverse um ein sprachliches Missverständnis handelt. Die Bedeutung von „Calming Signals" ist mit dem Wort „Beschwichtigungssignale" meines Erachtens nicht vollständig erfasst. „To calm" bedeuted auch „beruhigen". Man kann andere beruhigen, aber auch sich selbst beruhigen, sich abregen. Auch dazu dienen die „Calming Signals", was eventuell von Autoren wie Günther Bloch und Mira Meyer falsch verstanden wurde. Dass es sich bei den Beschwichtigungssignalen um Verhaltensweisen handelt, die auch in anderen alltäglichen Situationen gezeigt werden und dort keine kommunikative Bedeutung haben, halte ich für selbstverständlich. Auch bei anderen Tierarten, die in sozialen Verbänden leben, gibt es Verhaltensweisen, die je nach Kontext unterschiedliche Bedeutung haben.

Marie-Luise Zopf
D–14167 Berlin


WUFF HINTERGRUND

Beschwichtigungssignale bei Hunden

Von Mira Meyer

Beschwichtigungssignale sind für Tiere, die in Gruppen leben, ein äußerst wichtiges Kommunikationsmittel. Sie verhindern unnötige kräftezehrende Auseinandersetzungen und sichern ein friedliches Zusammenleben. Aber nicht nur innerhalb einer Gruppe vermeiden oder vermindern diese Signale aggressive Auseinandersetzungen – sie werden auch artübergreifend eingesetzt. Vor allem bei unseren Haushunden können wir diese Signale fast täglich beobachten.

Turid Rugaas spricht von ca. 29 Beschwichtigungssignalen, die Hunde in konfliktträchtigen oder unangenehmen Situationen zur Beschwichtigung einsetzen. Diese Anzahl erscheint sehr hoch und wird oft diskutiert. Durch meine Arbeit wollte ich überprüfen, ob einige der von Rugaas beschriebenen Signale wirklich eine beschwichtigende Wirkung haben können. Dazu wurden insgesamt sieben Signale getestet. Vorrangig zu überprüfen waren Schnüffeln, Gähnen, Vorderkörpertiefstellung und Harn-Absetzen. Als Referenz dienten die schon von Lorenz, Zimen und Feddersen-Petersen beschriebenen Signale Sich-Klein-Machen, Pföteln und Licking Intentions.

Eine Gruppe von 13 verwilderten Haushunden wurde in Italien von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang beobachtet. Dabei wurde jedes der definierten Signale notiert, sobald es bei den Hunden zu sehen war. Zusätzlich wurde die Situation unmittelbar vor und nach der „Beschwichtigung" erfasst und festgehalten, ob sich die Hunde in Gesellschaft eines Interaktionspartners befanden, als das Signal eingesetzt wurde. Die Datenaufnahme fand während der Läufigkeit der Hündinnen in der Gruppe statt. Es war eine sehr konfliktträchtige Zeit, und dadurch konnten mehr als das Doppelte der statistisch nötigen Signale erfasst werden. Insgesamt wurden 4883 Signale beobachtet.

Die Ergebnisse der Datenaufnahme wurden mit statistischen Tests ausgewertet und graphisch dargestellt. Die Auswertung der Tests ergab, in Kombination mit den Ergebnissen aus den Graphen, dass die Referenzsignale, also Sich-Klein-Machen, Pföteln und Licking Intentions, fast ausschließlich in Situationen gezeigt wurden, in denen die Hunde einen Interaktionspartner hatten, auf den das Signal gerichtet war. Anders war es für die zu überprüfenden Verhaltensweisen Schnüffeln, Gähnen, Vorderkörpertiefstellung und Harn-Absetzen. Diese Signale traten fast ausschließlich in Situationen auf, in denen die Hunde alleine waren. Daraus kann man schließen, dass diese Signale keine beschwichtigende Wirkung haben können.

Ausnahmen gibt es natürlich immer, jedoch konnte eine Regelmäßigkeit im Auftreten der Signale festgestellt werden. Die schon von mehreren Canidenforschern beschriebenen Referenzsignale dienten auch bei den italienischen Hunden als beschwichtigendes Verhalten in konfliktträchtigen Situationen. Turid Rugaas hat diese Signale in ihrem Buch genannt, und dies ganz zu Recht. Allerdings konnte den vier kritisierten Signalen nach der statistischen Auswertung kein beschwichtigender Charakter zugesprochen werden. Die Untersuchungsmethode, die in dieser Arbeit angewandt wurde, hat sich schon in vielen von der DFG (Deutsche Forschungsgemeinschaft) geförderten Arbeiten bewährt.

Seitdem die Arbeit veröffentlicht wurde, laufen heiße Diskussionen. Eine Frage wird heiß diskutiert: Kann man die Ergebnisse der Arbeit auch auf Haushunde übertragen? In der Diplomarbeit werden wild lebende italienische Hunde beschrieben, Turid Rugaas arbeitete mit Haus- und Familienhunden. Natürlich gilt die Arbeit primär für die beobachtete Population, aber eine Diplomarbeit kann nicht tausende von Testhunden erfassen, dafür reicht die Zeit nicht. Dennoch sind die Ergebnisse aussagekräftig, und bis zum Beweis des Gegenteils muss man davon ausgehen, dass Signale, die Hunde untereinander nicht einsetzen, auch nicht im Kontakt mit Menschen zur Kommunikation eingesetzt werden. Eine Ausnahme besteht dann, wenn ein Signal direkt vom Menschen übernommen wurde, wie beispielsweise das Lächeln des Hundes. Für die in dieser Arbeit getesteten Signale gilt dies aber nicht, denn in der Regel urinieren oder schnüffeln Menschen nicht zur Beschwichtigung, und sie setzen auch keine Vorderkörpertiefstellung ein. Diese als beschwichtigend geltenden Signale wurden aber auch bei den italienischen Hunden beobachtet, die kaum näheren Kontakt zu Menschen haben. Wie es sich mit den anderen Signalen verhält, sollte in einer weiterführenden Arbeit an Familienhunden getestet werden.

Dass eine Diplomarbeit kostenpflichtig zu erwerben ist, ist nicht ganz unüblich. In der Industrie kommt es häufiger vor, dass bei Diplomarbeiten, die als Forschungsaufträge durch die Industrie finanziert werden, der Auftraggeber die Arbeit zurückhalten oder über deren Verbreitung entscheiden darf. Da die Familie Bloch die Arbeit in erheblichem Maße durch Fahrzeug, Wohnung und elektronisches Material unterstützt hat, sehe ich Parallelen zu den in den Labor- und Ingenieur-Wissenschaften nicht unüblichen Verfahren.

Leider wurden die Ergebnisse aus Rugaas’ Beobachtungen viel zu oft missverstanden und überinterpretiert, wie Clarissa v. Reinhardt es in WUFF (3/2007, S. 16 ff.) beschreibt. Durch diese Überinterpretationen können wahrlich gefährliche Situationen zwischen Mensch und Hund entstehen. So wie Turid Rugaas uns dazu brachte Hunde genauer zu beobachten, kann meine Arbeit vielleicht dazu beitragen, dass der so genannte Beschwichtigungswahn etwas nachlässt und Beschwichtigungssignale differenzierter betrachtet werden.


WUFF HINTERGRUND

Beschwichtigung um jeden Preis?

Von Liane Rauch

Es ist nicht abzustreiten, dass Hunde Beschwichtigungssignale einsetzen, selbstverständlich tun sie das. Es ist auch richtig, dass Hunde eher Konfliktmeider denn Konfliktsucher sind, alles bewiesen, alles klar. Beim Thema Beschwichtigungssignale wird aber pauschalisiert, was das Zeug hält. Jeder Hund zeige in der gleichen Situation die gleichen Beschwichtigungssignale – und das immer. Doch genau dieses „immer" muss endlich aufgebrochen werden …

Ich glaube, nicht einmal die weltweit bekannte Autorin dieses so wichtigen Buches („Calming signals" von Turid Rugaas, Anm.) ist damit glücklich, die hervorragende Kommunikation unter Hunden und deren phantastische Körpersprache auf diese Art und Weise regelrecht zu reduzieren. Hunde drücken viel mehr aus als ständig zu beschwichtigen.

Gefährliche Thesen …
Zufälligerweise habe ich mir kürzlich einen Seminarabend zum Thema „Die Sprache der Hunde" gegönnt. Die Vortragende, eine professionelle Hundetrainerin wie sie betonte, stellte meiner Ansicht nach einige – für mich – sehr überraschende, teilweise sogar gefährliche Thesen auf. Zwei Stunden lang wurden Beschwichtigungssignale durchgekaut, von denen ich bisher nicht auch nur ansatzweise geahnt hätte, dass es sich dabei um solche handelt. Und ein unbeschriebenes Blatt bin ich ja nun auch nicht mehr. Das reichte vom allgemein bekannten Kopf-weg-drehen, Gähnen, Lefzenlecken über Blinzeln bis zum Hinsetzen und Hinlegen. Alles, was die Hunde auf den von dort gezeigten Bildern und Videos taten, wurde als Beschwichtigungssignal interpretiert.

Seltsame „Beschwichtigungs-Beweise"
Mit keinem Wort wurde erwähnt, dass Hunde selbstverständlich ebenso über massive Droh- und Unterdrückungsgesten verfügen und diese auch sehr wohl einsetzen. Als besonders gefährlich empfand ich eine Geschichte dieser Dame, in der sie sogar das Anknurren eines Kindes als Beschwichtigungssignal des Hundes interpretierte. In meinen Augen bedeutet das Knurren ein eindeutiges „Noch ein Mal und es knallt …" und ist keinesfalls ein Beschwichtigungssignal.

Ein weiteres „Beschwichtigungssignal-Beweisbild" zeigte einen Hund in der Vorderkörpertiefstellung vor einer Ente. „Sehen Sie, der Hund beschwichtigt diese Ente …" teilte die Vortragende strahlend mit. Ups, großes Fragezeichen! Warum denn? Hat dieses böse, böse Entchen das arme, arme Hundi bedroht? Warum um alles in der Welt sollte ein Hund eine Ente beschwichtigen? Und wie bitte reagiert die Ente darauf? Auch mit Beschwichtigungssignalen, vielleicht mit „Schnabellecken"? Das erklärte uns die Vortragende aber nicht, und nun stehe ich hier, ich armer Tor, und bin so klug als wie zuvor. Ich denke aber zu wissen, dass dieser Hund andere „Hintergedanken" gegenüber der Ente hatte.

Großes Staunen und „Mei süß …" gab es dann im Saal, als die ersten Welpenbilder auftauchten. „Schon zwei Tage alte Welpen senden Beschwichtigungssignale an die Geschwister und Mutter aus", erzählt die Dame dem mit großen Augen lauschenden Hundevolk. Grübel, grübel und studier? Zwei Tage alte Welpen sind doch blind, taub und haben auch noch kaum einen Geruchssinn. Ich überlege, „Wie kann ein Hund Signale aussenden, wenn er doch noch nicht mal welche empfangen kann?".
Es wird mir ein ewiges Rätsel bleiben, der Seminarleiterin aber wohl auch …

Es kommt auf die Situation an
Ich persönlich denke, ein Hund tut nichts ohne Grund, doch so manch selbst ernannter „Hundeflüsterer" ergeht sich in Interpretationen, die für mich teilweise haarsträubend klingen. Egal ob beschwichtigen, drohen oder angreifen, wichtig ist die Situation, in der ein Hund etwas tut. Für Hunde hat jedes Handeln einen tieferen Sinn, den der Mensch nur nicht immer erkennt. Ein Hund gähnt nicht sinnlos in der Gegend rum, sondern nur in Momenten, in denen es für ihn einen wirklichen Sinn macht. Egal ob es der Beschwichtigung dient oder ob er einfach nur müde ist, der Hund leckt sich die Lippen auch dann, wenn er gerade etwas Leckeres gefressen hat, und er legt sich hin, weil er vielleicht einfach nicht mehr stehen möchte. Dem Ganzen die „absolute" Erklärung Beschwichtigungssignal zu geben, halte ich persönlich für kritisch. Und für gefährlich sogar, wenn an solchen Abenden auf die ebenfalls vorhandenen Drohsignale nicht eingegangen wird. Würden DIESE von Menschen früher verstanden, gäbe es sicherlich weniger Beißunfälle.

Es gibt sie, die Beschwichtigungssignale, ja, auch wenn der Eindruck entsteht, ich würde das abstreiten. Dieser Eindruck täuscht, ich streite das nicht ab. Ich möchte mich einer von mir sehr geschätzten Tierlehrerin anschließen, die in einem Workshop sagte: „Ich würde diese Signale lieber als Respektssignale der Hunde dem Menschen gegenüber sehen". Und genau das ist es, sollten wir nicht auch endlich anfangen, unseren Hunden mehr Respekt zu zeigen, als sie auf ständig um Vergebung bittende Bauchkriecher zu reduzieren? Das wäre mein Wunsch.


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