Beschwichtigungssignale – Pro und Kontra

Die vielen Reaktionen teilweise hochkarätiger Hundeexperten auf die Artikel in WUFF zum Thema Beschwichtigungssignale haben größtes Interesse gefunden. „Ihre Berichte über die Calming Signals und neue Informationen darüber sind übersichtlich und geben unterschiedliche Blickwinkel und Meinungen wieder, die es dem Leser erlauben, sich seine eigene Meinung zu bilden", schrieb eine Leserin aus Wien, die in einem Satz wiedergibt, was der WUFF-Redaktion Zweck dieser Auseinandersetzung mit einem spannenden Thema ist. In ähnlicher Weise schätzt auch Norbert Wieder, WUFF-Leser aus Mannheim, diese Art von Diskussion.

Die Diplom-Biologin Mira Meyer erklärte in WUFF ihre Studie an den Streunerhunden in der Toskana (s. WUFF 3/2007, S. 20), Clarissa v. Reinhardt, die Verlegerin von Turid Rugaas’ bekanntem Buch „Calming Signals", besprach die verschiedenen Signale, wie Rugaas sie beobachtete und interpretierte (s. WUFF 2/2007, S. 15 ff.), und viele Hundefachleute wie beispielsweise Angela Weber oder Liane Rauch berichteten differenziert über Ihre Erfahrungen und schrieben ihre Meinung zum Thema.

Kein pauschales „Abgetue" der jeweils anderen Meinung, sondern offene kritische Auseinandersetzung – das prägte und prägt diese WUFF-Diskussion.

Das Vorhandensein von „Calming Signals" wurde von kaum jemandem bestritten, hatten doch schon Konrad Lorenz, Erik Zimen oder Dorit Feddersen-Petersen auf ähnliche Beobachtungen verwiesen. Es seien wichtige Kommunikationssignale, meint beispielsweise Heike Germann-Spieß aus Pfungstadt. Die Hundehalterin aus Hessen kritisiert aber – so wie auch viele andere – das Gegeneinander-Ausspielen von „Wildhunde- und Haushunde-Verhalten" und empfiehlt dazu das Buch „Hunde" von Ray Coppinger, in dem die unterschiedlichen Verhaltensweisen dieser beiden Hundepopulationen dargestellt werden.

Der Wiener Hundeexperte Dr. Wachtel kritisiert überhaupt in teils launigen Worten das Thema Beschwichtigung und weist darauf hin, dass Caniden soziale Distanz zu Artgenossen, denen sie sich unterlegen fühlen, vermindern oder Beziehungen vertiefen wollen. Weder die Bezeichnung „calming", noch die deutschen Übersetzungen „Beruhigung" oder gar „Beschwichtigung" würden da passen, denn der Sozialpartner solle nicht beschwichtigt werden, wie etwa eine zornige Hausfrau von dem beschwipst spät nachts erscheinenden Gatten, wie Wachtel erklärt. In weiterer Folge berichtet der Hundefachmann über ethologische Erkenntnisse zum Thema aus seiner Sicht (s. Kasten weiter unten).

Häufig wurde vor allem von Kritikern Turid Rugaas’ das Gähnen als Beschwichtigungssignal erwähnt. Dass das Gähnen des Hundes einen so zentralen Punkt in der Auseinandersetzung um Beschwichtigungssignale hat, versteht allerdings Monika Gutmann aus Kaufbeuren nicht. Denn Turid Rugaas hätte in ihrem Buch dem Gähnen nicht einen derart hohen Stellenwert zugemessen, wie es kolportiert wird. „Beobachten Sie Ihren Hund", fordert die Hundetrainerin aus Bayern auf, deren Hundeschule im Oktober 2007 ein zweitägiges Seminar mit Turid Rugaas veranstaltet (Infos auf http://www.modern-dogs.de).

Und um beim Gähnen zu bleiben – Tierpsychologe Jörg Tschentscher aus Düsseldorf, WUFF-Lesern bereits durch mehrere Artikel gut bekannt, stellt die Ergebnisse seiner Beobachtungen von Gähnsequenzen bei Hunden und Wölfen vor und unterscheidet vier Arten von Gähnen, die er im jeweiligen Kontext ausführlich erklärt (siehe Kasten weiter unten).

Alles in allem eine sehr spannende und differenziert geführte Diskussion auf hohem Niveau, in der es letztlich um das geht, was die Münchnerin Ulrike Hüttner schon im ersten Teil der Diskussion meinte: „Es soll um Hunde gehen, um unser besseres Verständnis und unsere Kommunikation mit ihnen. Den Hunden gerechter zu werden, sollte über dem Recht Haben stehen."

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„Experten-Raufbolde" – unerwünscht!

Grundsätzlich sind Beschwichtigungs-Signale (die Unwohlsein signalisieren) sowie Freudens-Signale oder Trauer-Signale wichtige Kommunikations-Signale. Sie zu erkennen ist im Umgang mit Tieren (aller!) absolut notwendig. Die Signale zu beschreiben und zu benennen, sollte für Menschen – und ganz wichtig für Experten – kein Grund zum gegenseitigen Kritisieren, sondern Anlass zum Diskutieren sein. Zeigt ein Hund Unbehagen/Unwohlsein, sollte die Motivationsgrundlage von beobachtenden Experten zum Wohl der Hunde erörtert und nicht „um die Beute" gerauft werden.
P.S.: Zu genannter Diplomarbeit: Meines Erachtens hinkt der Vergleich Wildhunde-Verhalten und Haushunde-Verhalten! Empfehlenswerte Literatur zu Verhaltensweisen von Dorfhunden und unseren Haushunden: „Hunde" von Ray Coppinger und Lorna Coppinger, Animal Learn Verlag.

Heike Germann-Spieß
D-64319 Pfungstadt

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Die Interpretation liegt bei uns

Mit Veröffentlichung der Diplomarbeit von Mira Meyer steht die Hundewelt Kopf. Auf einmal hat Turid Rugaas nur noch Unrecht und alle müssen umdenken. Ist Gähnen denn nun nie, zu keiner Zeit und nie mehr ein Beschwichtigungssignal?

Gibt es nur eine Wahrheit, nur schwarz oder weiß? Ich habe mir verschiedene Gähnsequenzen von Wölfen und Hunden angeschaut und im Wesentlichen 4 verschiedene Gähnarten gefunden.

1. Müdigkeitsgähnen
Dieses Gähnen wird eher von liegenden Tieren gezeigt. Der Hund hebt den Kopf, öffnet den Fang, schließt dabei häufig die Augen. Die Lippen bedecken Zähne und Zahnfleisch, der Maulwinkel ist kurz und rund. Mit steigendem Öffnungsgrad des Fanges werden die Zähne und das Zahnfleisch sichtbar, ebenfalls wird der Maulwinkel länger. Dieses Gähnen als Kommunikationsbestandteil zu werten, ist sehr schwierig, da die Signale ineinander (weder komplett offensiv noch defensiv) laufen und unadressiert sind.

2. Gähnen in Anwesenheit und im Dialog mit einem Sozialpartner (eher Mensch als Hund)
Hierbei wird gegähnt, wobei der Fang in einer kurzen, relativ schnellen Sequenz weit geöffnet wird. Der Maulwinkel ist lang und das Zahnfleisch bedeckt. Des Weiteren sind die Augen meist geöffnet. Hierbei wird oftmals die Anspannung beim Gähnen sichtbar. Der Kopf „zittert" ein bisschen.

3. Aufmerksamkeitsgähnen
Der Hund möchte etwas, und der Adressat reagiert nicht. In diesem Fall wird – neben anderen körperlichen Signalen (z.B. Pföteln etc.) – ein Gähnen wie unter 2 beschrieben gezeigt, welches dann auch von akustischen Signalen (jaulartig) begleitet werden kann.

4. Spannungsgähnen
Gähnen wie unter 3 beschrieben mit dem Unterschied, dass der Hund auf eine Forderung (Überforderung, Unverständnis?) hin das Gähnen zeigt.

Die in den Punkten 2–4 beschriebenen „Gähner" sind immer auch mit einer (worin auch immer begründeten) körperlichen und/oder seelischen Anspannung verbunden. Lässt die Anspannung nicht nach, wird auch mehrmals hintereinander gegähnt. Das Gähnen kann somit auch in Verbindung mit einer Muskelentspannung gesehen werden, was bedeuten würde: Hunde gähnen, um Anspannungen abzubauen. Warum gehe ich nicht auf die konkrete Diskussion „Gähnen = Beschwichtigung Ja oder Nein" ein? Ich freue mich über jeden Hundehalter, welcher positiv animiert – wodurch auch immer (Rugaas, Meyer u.a.) – seinen Hund beobachtet, über dessen Verhalten nachdenkt und – neugierig geworden – mehr über diese faszinierenden Tiere wissen möchte. Die Wissenschaft geht weiter. Wir werden auch in Zukunft immer wieder Neues entdecken, Bekanntes ergänzen oder auch widerlegen. Das ist wichtig und positiv. Bei der Arbeit mit unseren Hunden sollten wir aber eins nicht vergessen: Hunde sind genauso individuell wie wir Menschen, jeder Hund lebt in einem anderen Umfeld und zeigt somit auch ein Verhalten, welches durch seine Umgebung, seine Sozialpartner und seine individuellen Gegebenheiten beeinflusst wird. Und auch wenn der eine oder andere Hund gähnt – die Interpretation liegt bei uns.

Jörg Tschentscher
D–40476 Düsseldorf

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Unterschiedliches Kommunikationsrepertoire unterschiedlicher Hundegruppen?

Die Problematik bei der Bewertung von Arbeiten liegt doch schon darin, dass jeder Mensch sofort auf seine Weise interpretiert und bewertet. Jemand, der den Hund als reinen Befehlsempfänger sieht, der wird die Signale als Humbug abtun. Wer seinen Hund als Sozialpartner akzeptiert, der wird bemüht sein, eine auf Vertrauen basierte Beziehung zu seinem Hund aufzubauen.

Weil wir Menschen immer sofort beginnen, Dinge mit unserem Weltbild abzugleichen, gibt es genügend Interpretationsmöglichkeit. Ich habe in keiner Zeile des Buches von Turid Rugaas gelesen, dass sie dem Gähnen einen besonders hohen Stellenwert zumisst – sie schildert dieses Signal genauso wie alle anderen. Wenn man das Buch wirklich aufmerksam liest und versucht, seine eigenen Interpretationen wegzulassen, wird man feststellen, dass die Autorin immer wieder anmerkt, dass es ein beschwichtigendes Signal sein kann, aber nicht muss, eben je nach Zusammenhang. Ich finde die deutsche Definition des Begriffs sowieso etwas fehlerhaft – to calm heißt korrekt übersetzt „beruhigen". Genau das ist auch das, was (nach meiner Interpretation) Turid Rugaas mit ihren Beobachtungen ausdrückt. Signale, die der Hund aussendet, um in stressigen Situationen sich oder andere zu beruhigen, zu zeigen, dass man in friedlicher Absicht kommt oder dass erregte Gemüter beruhigt werden.

In diesem Jahr haben wir Turid Rugaas zu einem 2-tägigen Seminar nach Deutschland in unsere Hundeschule eingeladen. Dort kann sich jeder von ihr ein eigenes Bild machen.

Warum wird an halb wild lebenden und von Menschen angefütterten Hunden in einem Waldstück in Italien geforscht anstatt dort, wo der Hund seit 15.000 Jahren lebt: In Kooperation mit dem Menschen, als Sozialpartner, als Warmhalte-Decke, als Spielkamerad, Müllbeseitiger, Jagdhelfer etc.. Kein anderes Tier hat es geschafft, sich dermaßen unserem menschlichen Lebensraum anzupassen, die Sozialstruktur der Menschen anzunehmen, Kooperationsbereitschaft zu zeigen und sich in vielen Fällen nicht einmal gegen den tyrannischsten „Erzieher" aufzulehnen. Kann es nicht einfach sein, dass Hunde, die in Städten leben, wo viele Artgenossen in ein und demselben Territorium zu finden sind, die nicht in artgleichen Verbänden leben, ein etwas anderes Kommunikationsrepertoire haben als wild lebende Hunde? Kann es nicht sein, dass wir uns im Laufe unserer Evolution die Hunde herausgesucht haben, die wir am besten verstehen konnten und die uns am besten „interpretieren"?

Monika Gutmann
D-87600 Kaufbeuren

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Keine Einseitigkeit!

Im Gegensatz zu anderen Hundemagazinen, die ich bisher gelesen habe, werden in WUFF nicht einseitig die „neuen" Theorien zu den Beschwichtigungssignalen verherrlicht und quasi außer Frage gestellt, sowie Turid Rugaas‘ Beobachtungen ad absurdum geführt. Nein, hier wird offen mit beiden Methoden umgegangen, und siehe da, so abwegig können die langjährigen Beobachtungen von Turid Rugaas nicht sein.

Norbert Wieder
D-68309 Mannheim

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Kritik an „Calming Signals"

Kritisch verfolgt der Wiener Hundeexperte Dr. Hellmuth Wachtel die Diskussion über das Für und Wider der Beschwichtigungssignale.

Wenn man die Diskussionen zu diesem Thema liest, meint man in einer Welt zu leben, in der es noch keine Ethologie gibt und die Größen dieser Wissenschaft, Konrad Lorenz, Erik Zimen, Dorit Urd Feddersen-Petersen nicht so verdienstvoll geforscht hätten. R. Schenkel hat an Wölfen die Verhaltensformen studiert, die er aktive und passive Unterwerfung nannte. Damit suchen Caniden die soziale Distanz zu den Artgenossen, denen sie sich unterlegen fühlen, zu vermindern. Oder aber Beziehungen zu vertiefen. Weder „calming", noch die deutschen Übersetzungen „Beruhigung" oder gar „Beschwichtigung" passen hier so recht, denn der Sozialpartner soll nicht beschwichtigt werden, wie etwa eine zornige Hausfrau von dem beschwipst spät nachts erscheinenden Gatten. Wollen wir uns die beiden Verhaltensweisen näher ansehen. Die folgende Gliederung wurde von der Ethologie durchwegs angenommen und hat sich bewährt:

1. Passive Unterwerfung zeigt ein gerade bedrohter Hund oder Wolf, indem er sich auf die Welpenstufe zurück versetzt. Saugwelpen werfen sich vor der Mutter auf den Rücken, damit diese ihre nur dann erfolgenden Ausscheidungen reinigen und damit das Wurfnest sauber halten kann. Das festigt auch die Mutter-Welpen-Bindung. Aber auch der erwachsene Hund/Wolf kann sich so in die Welpenrolle versetzen und damit positive Gefühle im erwachsenen Hund, also die Brutpflegemotivation wecken. Damit werden auch die friedlichen Absichten bekundet. Bei sehr ernsten Kampfsituationen wirkt das aber nicht und kommt dabei auch meist nicht vor.

Das ist vergleichbar dem Küssen bei Menschen, entstanden in der Zeit, als die Mütter ihre Babys noch mit fein zerkauter Nahrung Mund-zu-Mund füttern mussten.

2. Aktive Unterwerfung wird angewendet, wenn eine soziale Distanz zu einem Sozialpartner oder allgemein in der Gemeinschaft verringert werden soll, ohne dass eine ernste Bedrohung vorliegt, was bis zu emotionsgeladenen „Begrüßungszeremonien" ausgeweitet werden kann. Die Heul-, Begrüßungs- und Versammlungsrituale der Wölfe nach der Ruhe bzw. vor der Jagd entsprechen ähnlichen Verhaltensweisen von Menschen in kriegerischen oder auch sportlichen Anlässen. Der Hund/Wolf nähert sich mit tiefer Haltung, intensiv wedelnd und mit Leckintention. Auch das ist eine Überlieferung aus der Welpenzeit der Wölfe, als die Welpen sich in dieser Haltung an die heimkehrenden Rudel heranmachten, um sie zur Überlassung von vorgewürgtem oder mitgebrachtem Futter zu bewegen. Auch das also bewirkt auch im späteren Alter eine freundliche Stimmung beim Gegenüber.

Auch unsere Hunde kennen noch solche „ritualen Zeremonien", viele Hunde spielen sie uns vor, wenn sie uns nach längerer Zeit wieder sehen oder merken, dass es zur „Jagd", sprich Gassi gehen soll, wie bei dem „epideiktischen Ritual" (Gepränge) der Krieger eines Naturvolkes vor dem Häuptling.

3. Die dritte Möglichkeit, die Stimmung freundlich und „fröhlich" zu gestalten, ist die Spielaufforderung, vorwiegend durch Vorn-Niedergehen mit gespreizten Vorderläufen.

Auf all’ die Varianten dieser Möglichkeiten der Gestaltung des Soziallebens kann ich hier nicht eingehen. Natürlich kann manches davon auch als „beruhigend" bezeichnet werden, weil es Konfrontationen verhindern und eine positive Atmosphäre schaffen soll. Aber es wäre irreführend, eine inflationäre Aufzählung teils unbewiesener, weil nicht wissenschaftlich ermittelter „calming signals" als letzte Errungenschaft der Kynologie zu betrachten.

Dipl. Ing. Dr. Helmuth Wachtel
A–1230 Wien

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