Bleib freundlich …! – Aversive Trainingsmethoden und ihre langfristigen Folgen

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So sehr wir unsere Hunde auch lieben, jeder Hundehalter kennt Situationen, in denen wir unsere Fellnasen am liebsten auf den Mond schießen würden. Natürlich variieren die menschlichen Toleranzschwellen erheblich – während die einen Halter schon beim Gassigehen vom ständigen Ziehen an der Leine auf die Palme gebracht werden, bleiben andere selbst beim Anblick der zerkauten Lieblingsschuhe noch gelassen. Doch selbst die Gutmütigsten unter uns kommen hier und da an einen Punkt, an dem wir unseren Frust an unserem Vierbeiner auslassen. Eine aktuelle Studie hat sich nun mit den langfristigen Auswirkungen von Bestrafungsmethoden im Hundetraining beschäftigt und kommt zu erschreckenden Ergebnissen.

Obwohl aversive Trainingsmethoden wie beispielsweise die sogenannte »positive Bestrafung« oder negative Verstärkungen über die Jahre immer mehr in die Kritik geraten sind, finden sich leider genau diese Methoden immer noch in vielen Hundeschulen und auch bei sogenannten TV-Hundeexperten und damit werden derartige Trainingsmethoden salonfähig gemacht. Das Problem beginnt bereits mit den Bezeichnungen, da hierzulande »Berufsbezeichnungen« wie Hundetrainer oder Hundepsychologe keineswegs geschützt sind. Theoretisch kann sich also jeder zum Hundetrainer krönen, ob nun eine Qualifikation besteht oder nicht. Auch die Begrifflichkeiten, die im undurchsichtigen Dschungel der unterschiedlichsten Trainingsmethoden benutzt werden, können verwirren, wie beispielsweise die »positive Bestrafung«. Dabei handelt es sich schlichtweg um eine Bestrafungsmethode, bei der etwas hinzugefügt wird.

Zieht der Hund beispielsweise an der Leine, wird zur Bestrafung ein Ruck an der Leine hinzugefügt. Klapperdosen, Spritzpistolen, Griffe in die Lenden- oder gar Kehlengegend des Hundes oder simples Anschreien fallen ebenfalls in diese Kategorie. Einige dieser Bestrafungen erzeugen durchaus die gewünschte Wirkung: Richtig eingesetzt, stellt der Vierbeiner das unerwünschte Verhalten oftmals nach einigen Anwendungen der negativen Bestrafung ab. Doch welche Auswirkungen haben derartige Trainingsmethoden eigentlich langfristig?

Zum Pessimisten erzogen
Genau dieser Frage hat sich eine Studie der Universität Porto (Portugal), mit dem Titel »Does training method matter?: Evidence for the negative impact of aversive-based methods on companion dog welfare« (Spielt die Trainingsmethode eine Rolle?: Beweise für die negativen Auswirkungen aversiver Methoden auf das Wohlergehen von Begleithunden) nun gewidmet. Die Studie wurde erstmals auf der Plattform bioRxiv veröffentlicht und bestätigt frühere Arbeiten, die sich allerdings bisher immer auf die Trainingsmethoden von Arbeitshunden bezogen. Und so erklären die Forscher auch zu ihren Beweggründen: »Obwohl der Einsatz aversiver Methoden wegen der negativen Auswirkungen auf das Wohlergehen der Hunde in der Vergangenheit kritisiert wurde, finden diese Behauptungen bisher keine Unterstützung durch solide wissenschaftliche Beweise. Bisherige Forschungen zu diesem Thema lassen eine auf Begleithunde ausgerichtete Forschung, die Untersuchung des gesamten Spektrums aversiv-basierter Techniken (über Schockhalsbänder hinaus), objektive Messungen des Wohlbefindens und langfristige Wohlfahrtsstudien vermissen. Ziel der vorliegenden Studie war es, eine umfassende Bewertung der kurz- und langfristigen Auswirkungen aversiver und belohnungsbasierter Trainingsmethoden auf das Wohlergehen von Begleithunden durchzuführen.«

Für die Durchführung der Studie wurden insgesamt 92 Hunde rekrutiert: Sie wurden aus einer Reihe von Trainingsschulen in Porto ausgewählt – 42 Hunde aus drei Schulen, die ein belohnungsbasiertes Training mit Leckerlis oder Spielen anwenden, und 50 Hunde aus vier Schulen, die ein aversives Training wie Anschreien, unangenehme Geräusche oder körperliche Korrekturen anwenden. Als nächstes filmten die Forscher die Hunde während der ersten 15 Minuten vier typischer Trainingseinheiten. Zusätzlich wurden von jedem Hund zu Hause Speichelproben entnommen, um einen Ausgangswert zu bestimmen, und dann wiederum vor und nach jeder Trainingseinheit.

Wenig überraschend: Nach Durchsicht der Videos stellte das Team fest, dass die Hunde, die das aversive Training durchliefen, mehr Anzeichen von Stress, wie Lippenlecken und Gähnen, zeigten und angespannter zu sein schienen. Hunde, die das belohnungsbasierte Training absolvierten, zeigten diese stressbedingten Symptome nicht. Darüber hinaus zeigten die Speicheltests erhöhte Cortisolwerte nach den aversiven Trainingssitzungen, während die Hunde in den belohnungsbasierten Sitzungen keine Veränderungen im Cortisol zeigten.

Um dann zu sehen, ob die Auswirkungen des aversiven Trainings langfristig anhalten würden, entwarfen die Forscher eine Aufgabe zur kognitiven Verzerrung, die einen Monat später zu Hause durchgeführt wurde, um zu sehen, wie die Hunde auf die Aussicht auf eine Futterbelohnung reagierten. Die Aufgabe bestand darin, einen leeren Napf auf der einen Seite des Raumes und einen Wurstsnack auf der anderen Seite zu platzieren. Danach wurde der Napf an andere Stellen im Raum gestellt, um zu sehen, wie schnell sich die Hunde auf der Suche nach dem Leckerli nähern würden. Ganz nach dem Vorbild der menschlichen »Glas halb voll oder halb leer« Gesinnung interpretierten die Forscher dabei eine höhere Geschwindigkeit mit Optimismus und eine niedrige mit Pessimismus. Und tatsächlich näherten sich die Hunde dem Napf umso langsamer, je mehr aversives Training sie erhalten hatten. Interessanterweise lernten Hunde aus der belohnungsbasierten Trainingsgruppe die Aufgabe, den Napf zu finden, sehr viel schneller als die Hunde aus der aversiven Ausbildung. Auch ihre Cortisolwerte waren niedriger. Die Forscher resümieren: »Diese Ergebnisse zeigen, dass die Anwendung aversiver Methoden das Wohlergehen von Begleithunden sowohl kurz- als auch langfristig gefährdet.«

Auch Dr. Zazie Todd, Tierpsychologin und Buchautorin aus Kanada, die sich seit Jahren intensiv mit der Forschung rund um das Tierwohl beschäftigt, kennt die Risiken des aversiven Hundetrainings: »Im Allgemeinen zeigt die Forschung, dass aversives Hundetraining (wie das Anschreien des Hundes, Leinen-Korrekturen, Schock- und Stachelhalsbänder) Risiken für das Wohlergehen des Hundes birgt, einschließlich des Risikos von Angst, Beklemmung, Stress und Aggression. Kurzfristig besteht die Gefahr, dass die Hunde durch die Anwendung aversiver Trainingsmethoden gestresst oder ängstlich werden. Langfristig kann Stress für Hunde sehr schlecht sein (genauso wie er für Menschen schlecht sein kann). Auch bei aggressiven Hunden besteht die Gefahr, dass sich die Aggressivität verschlimmert.«

Langfristige Auswirkungen auf die Hundepsyche
Hundetraining, das Bestrafungen beinhaltet, kann durchaus funktionieren, auch das belegen einige Forschungen, doch haben diese Methoden langfristige negative Auswirkungen auf die Vierbeiner. Sie werden nicht nur pessimistischer und misstrauischer, aversive Trainingsmethoden wirken sich auch auf die Mensch-Hund-Beziehung aus. Darauf deutet eine zweite Studie, ebenfalls unter der Leitung von Dr. Ana Catarina Vieira de Castro von der Universität Porto, hin. Die Studie mit dem Titel »Carrots versus sticks: The relationship between training methods and dog-owner attachment« (Zuckerbrot gegen Peitsche: Die Beziehung zwischen Trainingsmethoden und Hund-Besitzer-Bindung) untersuchte erstmals die Auswirkungen unterschiedlicher Trainingsmethoden auf die Hund-Mensch-Bindung. Dabei kamen die Forscher zu folgendem Urteil: »Die Beweise für eine starke Bindung an den Besitzer sind bei Hunden, die mit belohnungsbasierten Methoden ausgebildet werden, konsistenter als bei Hunden, die mit aversiven Methoden ausgebildet werden.«

Bedeutet also: Die Anwendung von Bestrafungen oder harten Korrekturen löst Unbehagen oder gar Schmerz aus und dies wird langfristig immer mit dem Halter in Verbindung gebracht. Diese Hunde leben in ständigem Stress, da sie lernen bei jeder Trainingsmethode auch emotional auf uns zu reagieren und so wird ein Training mit Gewalt oder Bestrafung die Mensch-Hund-Bindung schwächen, während ein belohnungsbasiertes Trainingsprogramm diese stärkt. Auch Dr. Todd empfiehlt ein belohnungsbasiertes Training: »Diese Methoden sind effektiv und haben nicht die Risiken, die mit der Anwendung von aversiven Methoden verbunden sind. Darüber hinaus hat das belohnungsbasierte Training den zusätzlichen Vorteil, dass es für Ihren Hund eine unterhaltsame und bereichernde Aktivität darstellt. Nutzen Sie positive Verstärkung, um den Hund für Verhaltensweisen zu belohnen, die Ihnen gefallen. Die beste Belohnung ist das Futter, obwohl manchmal auch Spielen oder Streicheln eine angemessene Belohnung sein kann. Normalerweise verwende ich kleine Stücke Hühnchen, aber Wurst, Roastbeef, Käse oder andere Leckereien können alle gut funktionieren. Verwenden Sie die Lieblingsbelohnungen Ihres Hundes für Verhaltensweisen, die wirklich wichtig sind, wie zum Beispiel, dass er auf Zuruf kommt, wenn es viele konkurrierende Ablenkungen in der Umgebung gibt. Wenn Ihr Hund ein Verhalten zeigt, das Ihnen nicht gefällt, funktioniert es manchmal sehr gut, wenn Sie es ignorieren, aber Sie können auch kurze Auszeiten nutzen. Achten Sie darauf, dass Sie auch positive Verstärkung einsetzen, um dem Hund ein Alternativverhalten beizubringen.«

Das nächste Mal, wenn Ihr Hund also sogenanntes unerwünschtes Verhalten zeigt oder gar Ihr Blut zum Kochen bringt, nehmen Sie sich einen Augenblick Zeit und überlegen: Was ist wirklich wichtig? Unbedingter Gehorsam oder ein glücklicher Hund und eine enge Bindung? Training muss nicht daraus bestehen, den Hund von unerwünschtem Verhalten abzuhalten. Stattdessen sollte man sich vielmehr überlegen, welches Verhalten man sich denn von seinem Hund wünscht. Dieser Perspektivenwechsel kommt Mensch und Tier zugute! Am Ende des Tages liegt es an jedem Halter, sich für eine Trainingsmethode zu entscheiden – doch macht es nicht Sinn, auch das Wohlbefinden des Hundes in die Rechnung mit einzubeziehen?

Pdf zu diesem Artikel: aversive_trainingsmethoden

 

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