Das Ende einer Tragödie – Der Fall Chico

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Hannover am 3. April 2018. Eine 52-jährige im Rollstuhl sitzende Frau und ihr 27 Jahre alter schwer kranker Sohn werden in ihrer Wohnung tot aufgefunden. Die für jeden Hundehalter unfassbare Tragödie, dass der eigene Hund seine Besitzer getötet hat, wird von der Gerichtsmedizin bestätigt. Wie ein Hund zwei Menschen auf ein Mal töten kann, ist unerklärlich und wird es vermutlich auch bleiben, denn es gibt keine Zeugen. Da Chico eine kräftige Statur hat und eine imposante Erscheinung ist, werden die Boulevardblätter auf den Plan gerufen. Ein neues „Opfer“ ist gefunden und die passende Headline gleich dazu: „Kampfhund tötet Mutter und Sohn.“ Chico ist jetzt kein Hund mehr, sondern ein „Kampfhund“. Er wird von den Medien zum Staffordshire-Terrier-Mischling gemacht, obwohl das in keiner Weise erwiesen ist. Das erhöht offenbar die Verkaufsquoten der Zeitungen. Ist es unangebracht oder gar pietätlos, einen Hund, der zwei Menschen getötet hat, als Opfer zu bezeichnen? Beantworten Sie die Frage am Ende dieses Artikels für sich selbst.

Natürlich gab es – wie bei nahezu jedem Beißunfall – eine Vorgeschichte. Chico wird bereits 2011 auffällig und soll einen Wesenstest absolvieren. Die Besitzer sollen sich laut Medienberichten geweigert haben, und dann soll der Fall bei den zuständigen Behörden in Vergessenheit geraten sein. Die gehbehinderte Frau und ihr kleinwüchsiger Sohn, die aus dem Kosovo stammten, seien mit dem Rüden überfordert gewesen, heißt es. Chico soll in einem Metallkäfig in der Wohnung gehalten worden sein und sein Löseplatz soll der Balkon gewesen sein. Immer wieder sollen Nachbarn das Veterinäramt verständigt haben, weil Chico sein Geschäft auf dem Balkon verrichtet habe. Zahlreiche Experten sind sich einig, dass dieser Hund bei dieser Familie nie bleiben hätte dürfen, weil sie völlig überfordert waren. Dennoch wird Chico nicht abgenommen und verbleibt zehn Jahre in dieser nicht hundegerechten Haltung.

Chico soll leben!
In der ersten Reaktion der Stadt Hannover heißt es, dass Chico getötet werden solle. Die Nachricht verbreitet sich über die Sozialen Medien rasant und schnell ist eine Petition ins Leben gerufen „Lasst Chico leben!“. Innerhalb weniger Tage erreicht die Petition fast 290.000 Unterschriften und es sieht so aus, dass Chico eine zweite Chance bekommt. Die Hundewelt ist gespalten, was dieses Thema angeht. Die Einen kämpfen für Chicos zweite Chance, die Anderen sind der Meinung, dass ein Hund, der zwei Menschen getötet hat, keinesfalls weiterleben sollte. Nicht aus Beweggründen wie Rache, sondern weil Chico vermutlich auch weiterhin kein schönes Leben haben würde. Isoliert und ohne Sozialkontakte. Weggesperrt.

Sehr viele Ungereimtheiten
Die Gerichtsmedizin bestätigt als Todesursache der beiden Opfer Bissverletzungen durch einen Hund. Die Toten sollen blutüberströmt in der Wohnung vorgefunden worden sein. Warum Chico bei der Abholung vom Tatort absolut keine Blutspuren auf dem Fell gehabt haben soll, wirft noch mehr Fragen auf. Auch warum sich ein Hund, der angeblich gerade zwei Menschen getötet haben soll, von normalen Einsatzkräften einfach so einfangen lässt. Chico wirkt verunsichert, aber ruhig. Die Schwester des Toten soll ausgesagt haben, dass sie ihren Bruder tot am Boden liegend durch das Fenster gesehen haben will. Laut Medienberichten soll sich die Wohnung aber in einem oberen Stockwerk befinden. Auch will in dem Mehrfamilienhaus niemand von den Nachbarn Schreie oder Geräusche gehört haben. Kann ein Hund mitten unter Nachbarn lautlos und ohne einen Tropfen Blut abzubekommen, zwei Menschen töten? Fragen über Fragen und keine Antworten.

Chico wird untersucht
Am 13. April entscheidet die Stadt Hannover, die Kosten für eine CT-Untersuchung für Chico zu übernehmen. Im Zuge der genauen Untersuchungen unter Narkose wird unter anderem festgestellt, dass Chico an einer frischen schmerzhaften Kieferverletzung leidet. Auch zwei kaputte Fangzähne werden gefunden. Einer herausgebrochen, der andere fast ausgerissen. Auch eine offene Verbindung zur Nasenhöhle soll festgestellt worden sein. Die Verletzungen scheinen zeitgleich mit dem Vorfall stattgefunden zu haben. Aber woher stammen sie und wer hat sie Chico zugefügt? Ein Experten-Team, bestehend aus Vertretern der Stadt Hannover, der Tiermedizinischen Hochschule, des Tierheims und des Landwirtschaftsministeriums, entscheidet, Chico nicht mehr aus der Narkose aufwachen zu lassen, weil eine – nicht oder nur schwer – behebbare gesundheitliche Störung vorliegt und jede weitere Behandlung mit einer Narkose verbunden wäre.

Chico ist tot
Chico-Sympathisanten organisieren Mahnwachen und es folgen Morddrohungen gegen die Verantwortlichen für Chicos Tod. Eine Tierschutz­­organisation postet im Internet Plakate mit der ­Aufschrift „Tod den Entscheidungsträgern“. Ob Chico je glücklich geworden wäre, kann wohl niemand sagen. Jedenfalls wurde mit Chicos Tod das einzige Beweismittel vernichtet, und was in dieser Wohnung wirklich vorgefallen ist, werden wir wohl nie erfahren. Was in den Köpfen der Menschen bleibt, ist der „Kampfhund, der zwei Menschen getötet hat“. Die Boulevardpresse ist zufrieden – wurde sie doch zwei Wochen lang mit den „perfekten Schlagzeilen“ versorgt …

Pdf zu diesem Artikel: aktuell_chico

 

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