Das rechte Maß beim Spielen

0
1202

Die Kolumne zum Thema „Alltagsprobleme mit dem Hund“.  ­WUFF-Autorin Yvonne Adler, Tierpsychologin, akademisch geprüfte Kynologin und  Hundetrainerin, beantwortet Ihre Fragen. Schicken Sie uns Ihr Alltagsproblem mit Ihrem Hund , kurz formuliert und mit 1 bis 2 Bildern. In dieser Ausgabe möchte eine WUFF-Leserin ­wissen, wie sie in ihr extrem wild spielendes kleine Rudel wieder mehr Ruhe hineinbringt.

Sehr geehrte Frau Adler,
ich schreibe Ihnen heute, weil ich bei einem Problem mit meinen Hunden alleine nicht mehr weiterkomme: Ich habe eine 4 Jahre alte Französische Bulldogge namens Sheila. Damit sie nicht länger ein „Einzelhund“ bleibt, sondern einen Spielkameraden hat, habe ich vor einem Monat einen drei Monate alten American Staffordshire Terrier namens Cody dazu genommen. Anfangs hat alles gut funktioniert, die beiden haben viel gespielt – teilweise so lange, bis sie komplett erschöpft waren und dann den Rest des Tages ver­schlafen haben. Jetzt ist es jedoch so, dass die beiden immer länger miteinander spielen und gar nicht mehr zur Ruhe kommen. Sobald sich einer der beiden hinlegt, springt der andere auf den Spielgefährten und die wilde Jagd geht weiter. Sie sind mittlerweile so wild, dass sie nicht mehr zur Ruhe kommen und wirklich sehr grob spielen. Ich kann sie gar nicht mehr beruhigen. Haben Sie einen Tipp für mich?
Mit freundlichen Grüßen,
Sophia Reindler

Antwort von Yvonne Adler:

Liebe Frau Reindler,
ich finde es sehr schön, dass Sie für Ihre Sheila einen Spielgefährten auf­genommen haben – einen Artgenossen und Freund finden viele Hunde toll, und dieser kann ihren Alltag ungemein bereichern. Wenn sich die beiden ­Hunde gut verstehen und viel miteinander spielen, ist das für beide sehr lustig, jedoch auch anstrengend. Zusätzlich ist es bedenklich, wenn sich der Welpe „nur“ grobes Spiel eintrainiert, da er dies dann wahrscheinlich auch im Erwachsenenalter zeigen wird. Führt er dieses „unhöfliche Spiel“ so bei anderen Hunden aus, kann es zu einem großen Problem werden. Außerdem wird Cody sicherlich bald größer als Sheila sein. Behalten die beiden ihre wilde Art bei, kann er ihr später durch seine Größe und sein Gewicht Schmerzen zufügen. Diese Faktoren zeigen deutlich, dass man als Hundehalter dafür sorgen muss, dass die beiden angemessen miteinander spielen. Cody sollte außerdem ein „nettes“ Spielverhalten mit anderen Hunden erlernen dürfen.

Zusätzlich benötigen Hunde – anders als wir Menschen – lange Ruhephasen, um sich zu regenerieren. Als allgemeine Faustregel kann gesagt werden, dass ein erwachsener Hund ca. 16-18 Stunden pro Tag ruhen sollte. Hierzu zählt nicht nur der tiefe Schlaf, sondern auch Dösen, Faulenzen, Entspannen. Für Welpen, Junghunde und Senioren gilt sogar, dass 20 – 22 Stunden am Tag entspannt werden sollte. Werden diese Zeiten unterschritten, zum Beispiel dadurch, dass zwei Spielgefährten sich gar nicht beruhigen, kommt es zu verschiedenen Problemen. Anfangs werden die Hunde immer überdrehter. Es scheint, dass Sheila und Cody sich gerade in dieser Phase befinden. Sie werden durch das wilde Spiel nicht mehr müde, es putscht sie auf, sie ­werden immer gröber und schlafen erst vor Erschöpfung ein. ­Schreiten Sie in diesem Stadium nicht ein, ­können ernste Konsequenzen drohen: ­chronischer Schlafmangel führt unter anderem dazu, dass Hunde nervöser und reiz­barer werden. Hält die Überforderung an, können die Vierbeiner durch die Dauerbelastung und den Dauerstress auch chronisch krank werden oder bspw. gesteigertes Aggressionsverhalten zeigen. Deshalb sollten Sie nun darauf achten, dass beide Hunde ihre benötigten Ruhezeiten ­einhalten können.

Sheila und Cody müssen lernen, dass auch neben dem Spielfreund ruhig geschlafen werden kann. Da dies vor allem für einen Welpen schwierig umzusetzen ist, sollten die beiden vorerst zum Schlafen getrennt werden, damit sie sich gegenseitig nicht mehr stören können. Diese Trennung sollte so lange beibehalten werden, bis die beiden ein Ruhekommando beherrschen (dazu später mehr).

Die Trennung können Sie erreichen, indem Sie zum Beispiel Sheila und Cody in zwei verschiedenen Zimmern räumlich durch ein Kindergitter trennen. Falls dies nicht möglich ist, können Sie sie anfangs in getrennten Zimmern schlafen lassen. Zuerst mit geschlossener Tür, damit sich die beiden nicht stören können. Wenn die Hunde sich an die neuen Schlafplätze gewöhnt haben, kann die Tür nach und nach geöffnet werden. Beginnen Sie den Hunden anzutrainieren, dass die Ruhezeit immer im gleichen Raum stattfindet. Um dies umzusetzen, können Sie zum Beispiel die Fütterung in diesem Zimmer machen. Auch Kaugegenstände sollten zukünftig auf dem Ruheplatz des jeweiligen Hundes genossen werden. Viele Kaugegenstände sind für Sheila und Cody wichtig, da ihnen dies unter anderem hilft, Stress abzu­bauen und eine andere Beschäftigung zu haben, als nur mit dem neuen Freund zu toben.

Außerdem ist es notwendig, ein Ruhekommando einzuführen, das den Hunden die Ruhezeit signalisiert, in der nicht gespielt werden darf. ­Dieses Kommando kann „Gute Nacht“, ­„Schlafen“, „Entspannung“ etc. sein. Um das gewählte Wort mit der Ruhezeit zu verknüpfen, sollten Sie immer dann, wenn Ihre Hunde sich hinlegen und ausruhen wollen, das neue Kommando sagen. Wenn Sie nach zwei bis drei Wochen das Gefühl haben, dass das Wort von beiden Hunden richtig verknüpft wurde, können Sie beginnen, es auch dann einzusetzen, wenn die Hunde sich beruhigen und hinlegen sollen. Natürlich sollten auch Sie darauf achten, dass Sie in dieser Zeit entspannt sind und nicht genau in der Ruhezeit „aufregende“ Hausarbeit zu machen haben (z.B. Staubsaugen).

Zusätzlich empfehle ich Ihnen, einen geregelten Tagesablauf für die beiden Vierbeiner einzuführen. Füttern Sie die Hunde immer zu gleichen Zeit, gehen Sie immer zur gleichen Zeit mit Ihnen die Gassirunde und achten Sie ­darauf, die Ruhezeiten jeweils zur selben Uhrzeit einzufordern. Dies hilft Ihren Hunden im Alltag, da Rituale Sicherheit geben.

Ich wünsche Ihnen, dass zwischen Sheila und Cody bald Ruhe einkehrt und Sie mit den beiden viele entspannte Zeiten genießen können.
Ihre Yvonne Adler

TEILEN
Vorheriger ArtikelLob, Futter oder Streicheleinheiten? – Was Hunde wirklich wollen
Nächster ArtikelErlaubnispflicht für Hundetrainer – Der umstrittene Paragraph 11 TierschG in Deutschland
Yvonne Adler
Yvonne Adler lebt und arbeitet seit mehr als 20 Jahren mit Hunden. Sie schloss das Studium zur Tierpsychologin mit Auszeichnung ab und ist zudem eine von Europas ersten akademisch geprüften KynologInnen. Neben ihrer Tätigkeit als Sachverständige für Hunde, absolviert sie laufend weitere in- und ausländische Aus- und Fortbildungen im Bereich der Kynlogie, um stets auf dem aktuellsten Stand der internationalen Hundewissenschaft zu sein. Kontakt: Yvonne Adler – Adler Dogs® www.adler-dogs.at

KEINE KOMMENTARE

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT