Der Eurasier – Moderner Urhund

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Dass alle Hunde von Wölfen abstammen und nicht von Schakalen oder gar Bären, hat sich unter Hundefreunden hoffentlich herumgesprochen. Und ursprünglich gebliebenen Hunden, wie den Spitzen, zu denen der Eurasier im weiteren Sinne gehört, sieht man diese Verwandtschaft deutlich an. Mit ihrem ausdrucksstarken Wolfsgesicht, den unglaublich beweglichen Stehohren und ihrer elegant gerollten Rute verfügen Eurasier über das gesamte, fein abgestufte Ausdrucksrepertoire ihrer sozial sensiblen Ahnen. Eurasier sind sehr familienbezogene, gut erziehbare, wenn auch immer etwas eigenwillige und nie sklavisch ergebene Hunde, die sicherlich nicht damit nerven, dass sie immer hinter einem Bällchen herjagen wollen.

Urhunde für unsere Zeit
Eurasierähnlich müssen wohl jene Hunde ausgesehen haben, die gemeinsam mit dem modernen ­Menschen vor etwa 15.000 Jahren von Südostasien aus ihren Siegeszug um die Welt antraten. ­Eurasierähnlich in Aussehen und Wesen waren wohl auch jene Spitze, welche lange vor Christi Geburt die Anwesen der ­kel­tischen und germanischen Ureinwohner Europas bewachten. Eurasier sind eng an ihre Familie gebunden, freundlich-distanziert zu Fremden, aber auch recht verantwortungsbewusste Wächter mit sicherem Gefühl dafür, wann es angebracht ist, unfreundlich zu bellen und wann nicht. Wenn Eurasier anschlagen, dann hat das etwas zu bedeuten. Und nach kurzem Einhören ist am Tonfall der Stimme klar zu erkennen, ob ein Familienmitglied nach Hause kommt, Nachbars Flocki am Zaun vorbeistreunt oder ein Fremder vor der Tür steht.

Was ist ein Eurasier?
Eurasier sind mittelgroß und widerstandsfähig. Ihr pflegeleichtes Haarkleid besteht aus mittellangem, kräftigem Deck-und Grannenhaar und dichter Unterwolle. Rüden er­reichen zwischen 23-32 kg bei 52 bis 60 cm Risthöhe, während Hündinnen mit 18-26 kg bei 48-56 cm etwas ­kleiner bleiben. Diese prächtigen und ­charaktervollen Hunde entstanden aus einer Kombinationszucht aus drei Ausgangsrassen: Wolfsspitz, Chow-Chow und Samojede. Diese Hybridherkunft und der Umstand, dass es Eurasier in einer ganzen Palette von Farben gibt – wildfarben, wolfsgrau, rot, rotfalben, schwarz und schwarz mit andersfarbigen Abzeichen – sorgt in Rassehundekreisen gelegentlich für Stirnrunzeln. Aber es ist gerade die Vielfalt, die dem Eurasier innerhalb der Rassehunde seine besondere Position sichert.

Glücklicherweise gelangten vor allem die positiven Merkmale der drei Ausgangsrassen zur Ausprägung. So sind die hervorragenden Eigenschaften des Eurasiers Anpassungsfähigkeit, Intelligenz, Wachsamkeit, Ruhe und Ausgeglichenheit. Er ist kein ­Kläffer und zeichnet sich durch ­seinen ge­ringen Jagdinstinkt aus. Soll ­heißen, dass er wesentlich einfacher zu überreden ist, nicht zu jagen, als andere ursprüngliche Hunderassen. Eurasier sind gewöhnlich liebevoll und ­tolerant zu Kindern, Fremden gegenüber aber desinteressiert. Eurasier eignen sich nicht für die Zwingerhaltung, sie ­wollen mit der Familie leben und wechseln nicht gerne das Rudel. Die Urhundeigenschaften zeigen sich ganz besonders in der Feinfühligkeit im Umgang mit seinen menschlichen Rudelmitgliedern. So stellt die Übernahme eines Eurasierwelpen eine Verpflichtung für ein ganzes Hundeleben dar, was allerdings noch kaum jemanden gereut hat.

Trotz anderslautender Gerüchte sind Eurasier gut erziehbar und bestehen problemlos in der Begleithundeaus­bildung. Sie bringen es zu ausgezeichneten Leistungen in Fährte und in Agility und waren sogar als Lawinenhund im Einsatz. Dabei behalten Eurasier stets ihre eigenständige Persönlichkeit. Wer absolute Unterordnung und Gehorsam sucht, dem sei vom Eurasier abgeraten. Verläuft die Ausbildung spielerisch, so kooperiert er mit hocherhobenem Kopf und Rute, in „Eigenverantwortung" sozusagen. Die gelegentlich eigenwilligen Rüden brauchen allerdings die Konsequenz eines verständnisvollen Halters.

Wie es zum Eurasier kam
Viel züchterische Pionierarbeit, verantwortliche Vereinsarbeit, aber auch eine Reihe von Zufällen ­säumten den Weg zu jenen gesunden und ­robusten Hunden, die Eurasier heute sind. So entsprang aus einer Paarung aus Chow-Chow und Deutschem Schäfer­hund in den 1930er Jahren bei Konrad Lorenz die rote Hündin Stasi. Ob ihres faszinierenden Verhaltens verewigte sie der große Naturforscher in seinem Buch „So kam der Mensch auf den Hund". Der deutsche Rassegründer Julius Wipfel mag dieses Buch gelesen haben, jedenfalls besaß er selber einen nordischen Spitzmischling, der ihn sehr faszinierte. Da es ihm nach dem Krieg nicht mehr gelang, einen solchen Hund aufzutreiben, blieb wohl nichts anderes übrig, als ihn neu zu „komponieren". Versuchszuchten in den 1950er und 1960er Jahren mit Chows und Wolfsspitzen ergaben zunächst die interessanten „Wolfs-Chows". Allerdings waren diese ­Hunde wegen ihrer recht eigenwilligen Ruppig­keit nicht unbedingt ideale Lebensgefährten. Erst die ­Einkreuzung von Samojeden gab dem neuen Hunde­schlag Eleganz und ein sanf­teres Wesen. Aufgrund der Herkunft der Ausgangsrassen wurde der neue Hund schließlich Eurasier genannt.

Eurasier gibt es offiziell seit 1973
Mit der Anerkennung der neuen Rasse durch die FCI (Standard Nr. 291) im Jahre 1973 begann die planmäßige Zucht des Eurasiers. Der anfängliche Versuch, durch strenge Selektion rasch ein streng standardgemäßes, einheitliches Rassebild zu schaffen, führte in den Anfangsjahren in die Inzuchtdepression und damit beinahe in die Katastrophe. Die Neueinkreuzung von Ausgangshunden und die konsequente Vermeidung von Inzucht im letzten Jahrzehnt behoben dieses Problem. Heute werden Eurasier in ihrer gesundheitlichen Robustheit als vorbildlich angesehen. Und das wird aufgrund der Zusammenarbeit der maßgeblichen europäischen Eurasier-Zuchtklubs auch so bleiben.

Kein Modehund
Dass jeder Eurasier ein unverwechsel­bares Individuum ist (siehe unten), bedingt ein uneinheitliches Rassebild. Auch deshalb eignen sich Eurasier nicht für die Karriere zum Modehund. Und es hat schon manchem Eurasierbesitzer Kummer bereitet, dass es gelegentlich nicht nur Laien schwer fällt, unsere Rasse richtig zu erkennen. So lernt man mit der Zeit, milde zu lächeln, wenn uns schon wieder ein Hundefreund auf der Straße anspricht und meint, so einen prächtigen Chow (oder auch Wolfsspitz) hätte er schon lange nicht mehr gesehen. Immer noch ­besser als die ebenfalls vorkommende ­Verwechslung mit Huskies, mit denen sie beinahe gar nichts gemeinsam haben. Dass aber unlängst sogar ein leitender Funktionär des ÖKV (Österr. Kynologenverband) einen hoch­prämierten Eurasierrüden falsch zuordnete, wird ihm der Besitzer wohl lange nachtragen …

Gerade die Hybridherkunft und die Vielfalt der Eurasier sprechen oft Hundeliebhaber an, die den Rassehunden – aus welchem Grund auch immer – eher skeptisch gegenüberstehen. Damit wird ein neues Segment von Mitgliedern für die Klubs und Dachverbände gewonnen, was gerade in unserer gelegentlich recht hundefeindlichen Zeit keinen Nachteil darstellt. Eurasier sind eben als robuste, selbstbewusste Individualisten für ebensolche Hundehalter konzipiert. Als ruhiger Haus-und Begleithund ist er Hansdampf in vielen Gassen, passt sich problemlos auch dem Leben in einer Wohnung an und ist begeisterter Begleiter bei Wanderungen oder Radfahrten, aber ohne das starke Be­wegungsbedürfnis von Schlittenhunden.

Dass ihm Herumtollen im Schnee mehr Freude macht als heiße Sommertage, sieht man ihm an. Viele Eurasier schwimmen gerne, apportieren, suchen und gehen auf Fährte, ohne es aber in dieser Hinsicht mit den Spezialisten aufnehmen zu können. Keinesfalls sollte man einen Eurasier zum Schutzhund ausbilden, denn er besitzt genügend natürliche ­Wachsamkeit und Situationsgespür, man sollte ihn nicht „entsichern".

Vorsicht: nicht alles, was Eurasier heißt, ist auch einer
Wie bei allen anderen Hunderassen auch gilt die eiserne Regel: Hände weg von Welpen, die aus dem Kofferraum heraus, von einem Tierhändler oder von einem Erwerbszüchter angeboten werden. Es mag schon sein, dass diese Tiere ein paar Hunderter billiger sind als seriös gezüchtete und aufgezogene Welpen, aber widerstehen Sie der Versuchung, den lieben Kleinen als Sonderangebot oder aus Mitleid zu kaufen. Denn damit fördern Sie tierquälerische Hundezucht und Sie erwerben damit auch die Wahrscheinlichkeit, viel Geld bei Ihrem Tierarzt zu lassen. Viele Welpen aus diesen Kanälen sind krank, die allermeisten sind wesensgeschädigt und damit lebenslang recht unangenehme Gefährten.

Nicht jeder aus irgendwelchen nordischen Hunden zusammengezüchtete Hund ist auch ein Eurasier, selbst wenn er irgendwelche Papiere haben sollte. Nicht alles was Eurasier genannt wird, trägt diesen Namen auch zu Recht. Vor Erwerbszüchtern und Hundehändlern sei nochmals ausdrücklich gewarnt!

Gerade bei Eurasiern ist gute Sozialisation äußerst wichtig. Kaufen Sie daher einen Welpen ausschließlich bei Züchtern, die ihrem Hobby im Rahmen einer der seriösen Eurasiervereine (am besten jener, die in der Föderation für Eurasierzucht zusammengeschlossen sind, s. oben) nachgehen. Dann können Sie sicher sein, dass nur mit gesunden Eltern gezüchtet wurde und dass der Kleine im Kreise einer Familie aufwuchs.

Wie komme ich zu einem Welpen?
In den verschiedenen Ländern be­fassen sich Klubs, die Mitglied bei der FCI und der Föderation für Eurasierzucht sind mit der Zucht der neuen Rasse. Wenden Sie sich daher mit Ihrem „Eurasierwunsch" in Österreich an den ECA, oder in Deutschland an einen der beiden im Info-Kasten angegebenen Klubs, denn hier gewährleisten Fachwissen und Sorgfalt gesunde Welpen. Um die gute Unterbringung des Nachwuchses zu sichern, werden Eurasier nach Bedarf gezüchtet. Zugegeben, dies kann zu kurzen Wartezeiten führen, aber wer wirklich einen Eurasier will, hält das schon durch. Und sollten in Ihrem Land mal keine Welpen zu bekommen sein, dann helfen meist die Klubs der Föderation aus. In der Wartezeit ­können Kontakte mit ­Eurasierbesitzern, die Teilnahme an Spaziergängen oder Besuche bei Züchtern über den zukünftigen Hausgenossen informieren. Bald genug merkt man dann, dass der Spruch von der Vorfreude, welche bekanntlich die schönste Freude sein soll, nicht stimmt. Denn nichts geht über das Zusammenleben mit einem oder mehreren Eurasiern.

WUFF-INFORMAION

Die Föderation für Eurasierzucht

Im ersten Jahrzehnt der Eurasierzucht kam es zwischen einigen der Pioniere prompt zu Glaubenskämpfen (wovon auch andere Hunderassen nicht ganz verschont zu sein scheinen) und bald gab es in Deutschland drei größere und ein paar kleinere Eurasiervereine. Aber schließlich setzte sich im Interesse der Hunde doch weitgehend die Vernunft durch und heute arbeiten alle maßgeblichen mitteleuropäischen Vereine zusammen und tauschen zuchtbezogene Daten und Welpen aus. Um planvoll gesunde Hunde züchten zu können, wurde 1997 die „Föderation für Eurasierzucht" gegründet. WUFF berichtete ausführlich darüber in seiner Juniausgabe 1999. Sieben Vereine taten sich zusammen, EKW und ZG aus Deutschland, der finnische SEK, die EFS und IGS Schweiz, EVN Niederlande und der österreichische ECA. Weitere assoziierte Vereine sind die Eurasiervereine aus Dänemark, USA, Belgien, Großbritannien und Norwegen. IN der IFEZ sind Daten von mehr als 15000 Eurasiern erfasst und intensive Gespräche über Zucht sind über alle Vereinsgrenzen hinweg jederzeit möglich.

Oberstes Prinzip ist es, nur kerngesunde, nicht verwandte Hunde zu ver­paaren. Die Entscheidungen liegen bei den Zuchtwarten und den ­Züchtern, Ausstellungsergebnisse spielen dabei keine Rolle. Championzucht, die bei so vielen Rassen zu genetischen Engpässen, Verlust an Vitalität und ­Gesundheitsproblemen führte, ist strikt verpönt. Die Erfolge geben uns Recht. ­Hüftdysplasie, Haut- und Stoffwechselkrankheiten oder Wesensprobleme sind bei Eurasiern kein Thema. Die Vitalität dieser Hunde zeigt sich an ihrer durchschnittlichen Lebenserwartung von über 13 Jahren und einer Wurfgröße von mehr als 7 Welpen. Nicht nur das Wort „Welpensterblichkeit" ist für Eurasierzüchter ein Fremdwort, die gesamte Vermehrung, Kopulation, Trächtigkeit, Geburt und das Aufziehen der Welpen erledigen Eurasiereltern gewöhnlich ohne menschliches Zutun!

Die konsequente Vermeidung von Inzucht und von Selektion auf Fellfarbe bringt nicht nur gesunden, sondern auch bunten, individuell vielfältigen Nachwuchs in allen Farben des Wolfes. Noch immer mokiert sich gelegentlich ein uninformierter Zuchtwertrichter darüber, dass diese Rasse nicht „durch­gezüchtet" sei. Soll heißen, Eurasier sind in Erscheinungsbild und Wesen ­Individualisten. Es liegt den maßgeblichen Zuchtvereinen auch gar nichts ­daran, die Rasse weiter zu vereinheitlichen, denn klonähnliche Hunderassen gibt es wahrlich schon genug.

Das schöne Fell ist pflegeleicht

Zumindest einmal wöchentlich sollte der Hund kräftig gebürstet werden. Wenn man bereits im Welpenalter anfängt, gefällt ihm das durchaus. Die langen Deckhaare sind schmutzabweisend und sogar nach einem Staub- oder Schlammbad (soll in den besten Familien vorkommen) ist der Hund nach ein paarmal Schütteln wieder sauber. Die dichte ­Unterwolle ist fein wie beim Alpaka, isoliert gegen Kälte, Hitze und Feuchtigkeit und wird zweimal jährlich gewechselt. Auch das ist kein Problem, der Pelz lässt sich tadellos ausbürsten und die Wohnung bekommt kaum etwas davon ab. Nicht wenige Eurasierbesitzer sammeln übrigens die Unterwolle, denn die kann man nach dem Verspinnen zu wunderbar warmen Pullovern verstricken. Eurasier sind also doch Schafe im Wolfspelz!

Klubs und Züchter

Die Internationale Föderation für EurasierZucht (IFEZ)
http://www.ifez-eurasier.com

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Prof. Dr. Kurt Kotrschal ist Präsident des Eurasier Club Austria (ECA) und langjähriger Eurasier-Halter. Die WUFF-Leser kennen ihn auch von den ­Artikeln über das Wolf Science Center (WSC), das er gemeinsam mit Friederike Range und Zsófia Virányi leitet. In ­diesem Zusammenhang ist auch sein Buch „Wolf - Hund - Mensch - Die Geschichte einer jahrtausendealten Beziehung" neu erschienen, über das Sie im nächsten WUFF mehr er­fahren.

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