Der Familienhund – Ein Hund, den es nicht gibt …

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Nanny, Psychotherapeut und Bodyguard – das sind die Attribute, die manche von einem sog. „Familienhund" erwarten. Dass es einen solchen Hund nicht geben kann, versteht sich von selbst, meint Jörg Tschentscher.

So ein Familienhund hat es nicht leicht. Immerhin soll er etwas sein, das es eigentlich gar nicht gibt. Von ihm erwartet man, dass er die Familie vervollständigt. Er soll seine Menschen glücklich machen und sie schützen. Eigentlich sind das die Rollen einer Nanny, eines Psychotherapeuten und eines Bodyguards – und das Ganze ohne Ausbildung. Kaum anzunehmen, dass ein Hund alle diese Aufgaben erfüllen kann. Um zu ­verstehen, was ein Familienhund eigentlich bedeutet, befassen wir uns zunächst einmal mit den dazuge­hörigen Begrifflichkeiten, nämlich mit Familie und Hund.

Die Familie
Im 19. Jahrhundert bestand eine Familie aus Oma, Opa, Mama, Papa und einem Haufen Kids. Mitte der 1950er Jahre wohnten Oma und Opa häufig alleine, bis die Wohnung ­aufgegeben wurde. Entweder waren sie gestorben oder ins Altersheim gegangen. Hatte sie einen Hund, dann lief er so nebenher. Er war einfach dabei.

Die Anzahl der Kinder in den Familien wurde geringer. In unserem Jahrtausend hat eine Familie selten mehr als zwei Kinder, der Trend geht eher zum Ein-Kind-Haushalt. Seit einigen Jahrzehnten ist es üblich, dass auch die Frau einem Beruf nachgeht. Die alten Familienstrukturen gibt es heute kaum noch. Damit hat sich im Wandel der Familienstruktur auch das Umfeld des Hundes verändert.

Mensch & Hund früher
In der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts war der Aufenthaltsplatz des Hundes eher der Stall bzw. draußen im Freien. Er hatte klare Aufgaben und wurde als Hofhund oder Jagdhund gehalten und auch so bezeichnet. Mitte der 1950er ging dann mit der Zahl der Höfe auch die der Hunde zurück. In den Städten gab es noch relativ wenige Hunde, und wenn, dann gehörten sie oft zu den Rassen Dackel, Pudel oder Schäferhund. Dann kam eine Zeit der Boxer, Cocker Spaniels und ­Kleinspitze. Jede Zeit hatte ihre Hunde und zu jener Zeit wurden die Hunde oft als ­Modehunde bezeichnet. Es war eben Mode, einen Hund dieser oder jener Rasse sein Eigen zu nennen. Den Ausdruck Familienhund gab es damals noch nicht wirklich. Lag es daran, dass die Zusammensetzung der Familie im Wandel war oder waren die ­Ansprüche an den Hund bzw. der Anschluss des Hundes an die Familie geringer?

Kinderliebe Familienhunde?
Seit etwa zwei Jahrzehnten jedenfalls werden nun zunehmend u.a. Golden Retriever, Labradore oder z.B. Elos® häufig als sog. „kinderliebe Familienhunde" angeboten. Was ist da passiert? Der Goldie und der Labbi sind Apportierhunde, werden gerne auch zur Bergung von geschossenem Wild aus dem Wasser eingesetzt. Wie ­wurden diese Hunde plötzlich zu Familienhunden? Ganz einfach. Es gibt einen Wurf und die Hunde müssen verkauft werden. Aber sie haben keine Auf­gabe mehr, es gibt heute weniger Jäger als früher. Eine Verkaufsmöglichkeit ist die ganz einfache Anpassung an den Markt. Die Hunde müssen etwas sein, was sich die potenziellen ­Halter wünschen. Und das ist gar nicht schwer. Fast jeder Mensch wünscht sich Zusammenhalt, Geborgenheit, ­Partnerschaft, gemeinsame Aktivitäten – also eine Familie, in welcher Form auch immer.

Immer häufiger ist heute deshalb ­folgende Situation anzutreffen: ­Heirat, Kind, Wohnung oder ­Häuschen – und jetzt muss ein Hund her. Und welcher Hund? Natürlich ein Familien­hund, denn der komplettiert das Familienglück aus Mann, Frau und zwei Kindern. D.h. ein Familienhund ist ein Hund für die ganze Familie.

Unterschiedlichste Erwartungen
Weil aber nun jeder Mensch – auch innerhalb einer Familie – anders ist, wird vom Familienhund einiges erwartet. Er müsste bspw. folgende Bedürfnisse erfüllen können: Der Mann der Familie geht entweder joggen, Fahrrad fahren oder schwimmen, trinkt gerne mal ein Glas Bier oder Wein, raucht vielleicht, liest und isst gerne, arbeitet viel. Die Frau bleibt wegen des Mutterschutzes eine Zeit lang zu Hause, geht entweder mit ihrem Mann Sport treiben oder trifft sich mit ihren Mädels, isst gerne Kuchen, geht gerne shoppen und liebt es, auf dem Sofa zu kuscheln. Das eine Kind krabbelt gerade, zieht und zerrt mal gerne an irgendetwas, schreit viel. Das andere Kind will gerne mit dem Hund kuscheln und verkleidet ihn manchmal oder setzt ihn verkleidet in den Puppenwagen, spielt draußen mit Freunden und hört gerne laute Musik. Ich habe das jetzt ganz bewusst ­klischeehaft dargestellt.

Und hier ist dann der Familienhund: Ein mitjoggender, geselliger, verfressener, gerne shoppen gehender, verspielter, an-sich-ziehen-lassender, verkleidet-im-Puppenwagen-sitzender Hund, der gerne im Wasser spielt und laute Musik mag. Dazu haart er kaum und knurrt nie, denn ­Aggression und herumliegende Haare mag die Familie gar nicht. Und eine solche Kreation eines Hundes würde dann alle Familienmitglieder gleichermaßen glücklich machen sollen.

Der Hund
Und jetzt zum Begriff Hund. Der Canis lupus familiaris, ein Beute­greifer, hoch sozial. Lebt seit ca. 15.000 Jahren mit dem Menschen und hat es in ­dieser Zeit geschafft, sich einen Platz neben ihm zu sichern. Wenn wir uns die frei lebenden Hunde überall auf der Welt anschauen, wird klar, dass die Hunde die Nähe des Menschen gerne suchen, denn hier gibt es immer Futter. ­Entweder in Form von im Napf serviert oder in Form von Mülltonnen, die man plündern kann.

Schnittmenge Hund und Familie
Fasst man jetzt die Begriffe ­Familie und Hund zusammen, ergibt sich eigentlich eine sehr geringe Schnittmenge. Zum einen profitieren Kinder in ihrer Entwicklung und Erwachsene im normalen Alltag vom Zusammenleben mit Hunden und zum anderen profitieren auch Hunde davon, fest beim Menschen zu leben. Sozialer Kontakt, Gesundheitsfürsorge und ein sicheres Umfeld gefallen einem Hund. Das kann aber ein Hund jeder Rasse sein. Es ist einfach entscheidend, wie das Tier sozialisiert wurde, aufgewachsen ist und ob es bereit ist, diese Lebensform als seine anzunehmen, sich in sein Umfeld zu integrieren.

Die Heritabilität (Vererbbarkeit) von Verhaltensweisen, die im Zusammenhang mit Attributen wie dem „Familien­hund" genannt wird, ist nach Aussagen von Fachleuten so niedrig, dass man kaum von zucht­relevanten Merkmalen sprechen kann. D.h. man kann eigentlich nicht auf „Familienhund"-Eigenschaften ­selektieren.

Und jetzt haben wir so einen Hund, der zufällig einer als Familienhund bezeichneten Rasse angehört, und stecken ihn in eine Familie mit den oben beschriebenen Erwartungen. Kann ein Hund solche Erwartungen erfüllen und macht es ihn glücklich, dies zu tun?

Ich sehe hier die Gefahr einer Instrumentalisierung des Hundes. Man entfernt sich von der Akzeptanz natür­licher Verhaltensweisen wie z.B. Knurren oder dem Meiden von Situationen, wenn etwa der Hund die Situation verlassen möchte anstatt verkleidet in den Puppenwagen gesetzt zu werden.

Vielmehr überträgt man dem Hund nun Aufgaben (Spielpartner für Kinder, Sportpartner für Erwachsene etc. zu sein), die ihn überfordern können. Ebenfalls fehlt mir in diesem Zusammenhang die Berücksichtigung der Individualität eines Hundes. Der eine ist Neuem gegenüber aufgeschlossen, neugierig und anpassungsfähig. Ein anderer tut sich mit Neuem schwer, ist introvertiert. Beide sind aber Hunde, beide können der gleichen Rasse angehören. Und nun? Was ist, wenn wir einen Hund in unsere Familie holen möchten? Gibt es gar keinen Hund, der unsere Erwartungen erfüllen könnte, oder der auch einfach nur so nebenher läuft?

Individuell entscheiden
Setzen Sie sich doch mal mit der gesamten Familie zusammen. ­Welche Rasse würde denn gefallen? Soll es Rüde oder Hündin sein? Wie groß darf der Hund werden? Wofür ­wurde die von Ihnen ausgewählte Rasse eigentlich ursprünglich gezüchtet? Gehört die Rasse zu den Hunden, für welche es von der Behörde ­Auflagen bzw. Vorschriften gibt, bspw. Listenhunde? Und dann legen Sie doch mal fest, welche Aufgaben der Hund in der Familie übernehmen soll. Soll er ­wachsam sein oder eher der Bootsmanntyp? Zum Thema Spielen ein paar wichtige Kriterien, die es zu beachten gilt: Der Hund kann mit den Kindern – und umgekehrt – unter Aufsicht spielen. Er ist dabei aber kein Spielzeug. Der Hund braucht Zu­wendung, die hundegerecht sein muss. D.h. ­bürsten ja, streicheln ja, verkleiden oder an­ziehen, nein. Wie wird der Gassigang organisiert? ­Kleine Kinder dürfen nicht alleine mit einem Hund laufen. Ein Hund kann bis zum 8-fachen ­seines Körperge­wichtes ziehen. Das sind bei einem 30 kg-­Labrador schnell mal bis zu 240 kg! Den kann kein Kind halten, wie gut erzogen auch immer der Hund sein mag. Hunde handeln – trotz bester Erziehung – nämlich wie Hunde! Sie handeln nicht nach menschlichen Maßstäben. Deshalb ist es auch so wichtig, dass alle ­Familienmitglieder die „Hundesprache" ­verstehen und sprechen. So können auch viele ­Beißunfälle vermieden werden.

Es gibt viele weitere Aspekte, die man gar nicht einfach so erwähnen kann, weil sie ganz spezifisch auf Ihre Bedürfnisse, Ihren Lebensstil und Ihre Familie zugeschnitten sind. ­Nanny, Psychotherapeut und ­Bodyguard – kein Hund kann alle ­diese Aufgaben erfüllen, ein Familien­hund schon gar nicht. ­Dennoch gilt, Hunde sind eine absolute Bereicherung für jeden Menschen, jede Familie. Aber sie haben auch ­eigene Bedürfnisse.
Es ist eine große Verantwortung, die Sie erwartet. ­Nehmen Sie sie an!

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ist ausgebildeter Tierpsychologe (IK), Verhaltensbeurteiler und Fachautor mit Sitz in Düsseldorf. Die fachliche Orientierung hat den Schwerpunkt auf der Psychologie & Neurologie des Hundes mit dem Hauptaugenmerk auf kommunikative Signale.
  • Kontakt: www.hundesprache.net
  • Aktuelles Buch: „Mensch-Hund-Psychologie“

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