Der geborene Chef? – Dominanz: Persönlichkeitsmerkmal oder Frage der Beziehung?

0
1240

Jeder halbwegs normale Hund anerkennt den ­Führungsanspruch des Menschen schon ­allein ­deswegen, weil dieser seinen Alltag ­strukturiert, ihn füttert, einfach deswegen, weil er von ihm ­abhängig ist. Seinem Vierbeiner ständig ­„Dominanz" ­beweisen zu müssen führt zu Stress und ­Verkrampfung in der Mensch-Hund-­Beziehung. Geht es ­also ­ohne ­Dominanz? Was aber ist ­Dominanz ­überhaupt? ­Woran ist sie zu ­erkennen? Ist sie ­ein­­ ­angeborener Wesenszug? Der ­folgende Beitrag des ­WUFF-Herausgebers ­behandelt diese und andere Fragen im Licht der (teils ­widersprüchlichen) ­Wissenschaft.

Es gab eine Zeit, da scheuchten Menschen ihren Hund aus dem Körbchen und legten sich selbst hinein, um eine „Rangordnung" zu ­demonstrieren. „Alphawurf", „Schnauzen­griff" sowie Strom und Stacheln waren gängige Methoden, „dominante" Hunde zu behandeln. Als dominant wurde alles bezeichnet, was nicht den Erwartungen des Halters entsprach. Dann kam eine Zeit, in der es hieß, so etwas wie Dominanz würde es bei Hunden gar nicht geben, schon gar nicht in der Mensch-Hund-Beziehung. Alles würde ausschließlich auf Kooperation beruhen, was Dominanzverhalten ausschließe. Nun beobachten aber Hundehalter im Alltag sehr wohl Vorkommnisse, welche sie veranlassen, einen Hund als dominant gegenüber anderen zu bezeichnen. Wie ist das jetzt also wirklich? Was versteht man unter ­Dominanz, welche Rolle spielt sie, wie ist sie zu bewerten? Die wissenschaft­liche Literatur ist dazu sehr widersprüchlich. In einer kurzen Übersicht stelle ich die unterschiedlichen Standpunkte dar, was Ihnen erleichtert, sich selbst in dieser Frage qualifiziert zu positionieren.

Dominanz ist ein Begriff, der für die Beschreibung von Hunden und deren Verhalten gegenüber anderen Hunden bzw. gegenüber Menschen häufig benutzt wird. Viele Erziehungs- und Ausbildungskonzepte beruhen auf einem Wolfsrudel-Modell (meist von Wölfen in Gefangenschaft), wonach das soziale Leben der Wölfe zentral von ­Dominanz bestimmt sei. An der Spitze eines Wolfsrudels stünden Alpha-Wolf und -Wölfin, die sich zu dieser Position in stetigen Auseinandersetzungen mit ­anderen ­Tieren hochgekämpft hätten. Ihre Stellung würden sie allein ihrer Charaktereigenschaft Dominanz verdanken, die genetisch angelegt sei. Dieses Modell wurde fast eins zu eins auf Hunde und deren Beziehungen übertragen.

Doch immer mehr Wissenschaftler, ­übrigens auch in der ­Humanpsychologie, sind heute eher der Meinung, dass ­Dominanz gar kein Persönlichkeitsmerkmal, also auch keine Charakter­eigenschaft sei. Aus diesem Grund wäre die Zuordnung der Bezeichnung ­„dominant" weder auf den Charakter eines Wolfes noch eines Hundes gerechtfertigt (vgl. Bradshaw 2009). Allerdings, wir erleben in unserer ­Alltagserfahrung sowohl mit Hunden als auch mit anderen Menschen durchaus das, was allgemein als „dominantes Verhalten", als „dominante Persönlichkeit" bezeichnet wird. Aber wenn Dominanz keine Eigenschaft der Persönlichkeit ist, was ist es dann?

Dominanz als Verhältnis
Die Antwort vieler Wissenschaftler lautet, dass Dominanz ein Beziehungsverhältnis darstelle. Um von Dominanz sprechen zu können, müssten nämlich mindestens zwei Individuen interagieren und Dominanz kennzeichne die Qualität einer solchen Wechselwirkung. Anders gesagt, mit Dominanz wird ein Beziehungsverhältnis beschrieben und nicht ein Persönlichkeitsmerkmal. Diese ­Unterscheidung ist nicht unwichtig, wird dadurch doch die Perspektive beim Thema Dominanz entscheidend ver­ändert. Dennoch ist die wissenschaft­liche Literatur zu dieser Frage sehr uneinheitlich und oft auch ­widersprüchlich.

Noch uneinheitlicher und oft auch unreflektiert wird das Thema unter Hundehaltern abgehandelt. So wird gar nicht selten bspw. das Frustrationsverhalten von Hunden, deren normale Bedürfnisse nicht erkannt bzw. nicht erfüllt werden, als Dominanz klassifiziert. Die dafür manchmal empfohlenen Behandlungen dieser angeblich dominanten Eigenschaft des Hundes verstärkten jedoch das Problem nur noch und eröffneten damit einen Teufelskreis.

Zur komplexen Situation von Dominanz sagt Dr. John Bradshaw, Anthrozoologe der Universität Bristol: "Obwohl Dominanz richtigerweise eine Eigenschaft von Beziehungen ist, wurde sie irrtümlich verwendet, um das Charaktermerkmal eines individuellen Hundes zu beschreiben, obwohl es kaum Beweise dafür gibt, dass ein solches Verhaltensmerkmal existiert."  Und, wie Bradshaw weiter meint, so bestünde selbst bei der korrekten Annahme der Dominanz als Beschreibung einer Beziehung zwischen zwei Individuen die Tendenz, Dominanz als eine Motivation für soziale Interaktionen anzunehmen, wobei es sich dabei doch lediglich um die Qualität einer Beziehung handle (vgl. Bradshaw 2009).

Tatsächlich wird häufig angenommen, dass der Wunsch „dominant zu sein" die Motivation für – zumeist aggressives – Verhalten des Haushundes sei. Eine direkte Korrelation zwischen Dominanz in einer Beziehung und agonistischem Verhalten wird aber in der Wissenschaft längst nicht einheitlich gesehen (dazu später mehr). Allerdings, sowohl bei Wölfen als auch bei Hunden gibt es ­charakteristische Kommunikationsmerkmale sozialer Hierarchie bzw. Dominanz, wobei die Rutenhaltung eine zentrale Bedeutung hat (Fatjó 2007).

Unterschiedliche Ergebnisse
Was aber bedeuten die ­unterschiedlichen wissenschaftlichen Erkenntnisse über Dominanz? Was ist anders daran, ob ich Dominanz als eine Eigenschaft des Charakters oder einer Beziehung klassifiziere? Ändert sich ­dadurch auch etwas in unserer Beziehung zu unserem Hund?

Die Antwort auf diese Frage hängt ­davon ab, inwieweit ein Dominanzkonzept in der Beziehung zu Ihrem Hund für Sie eine bewusste Rolle spielt und wie Sie Dominanz verstehen. Wie sehr dieses also Ihr Verhältnis zu Ihrem Vierbeiner bestimmt. Wenn Sie etwa den Wunsch Ihres Hundes, auf dem Sofa zu liegen, als Dominanzstreben interpretieren und es ihm deshalb verwehren, werden Sie anders über dieses Thema denken als wenn Sie der Meinung sind, dass der Hund einfach aus demselben Grund gern auf dem Sofa liegt, aus dem auch Sie das Sofa einem harten Sessel (oder dem Boden) vorziehen. Nämlich einfach, weil es bequemer ist.

Dass es darüber hinaus tatsächlich Fälle gibt, wo das Thema Sofa für den Hund andere Gründe als bloße Bequemlichkeit hat, soll natürlich nicht bestritten werden. Diese Fälle sind aber deutlich seltener und bedürfen natürlich einer verhaltenstherapeutischen Beratung.

Der Halter im Hundekörbchen
Es gibt Dominanzkonzepte, in denen tatsächlich weder die unterschied­lichen Bedürfnisse noch die Charaktere der Hunde berücksichtigt werden, die ja nach den verschiedensten Gesichtspunkten und für die unterschiedlichsten Aufgaben gezüchtet wurden. Entsprachen diese nun nicht den Erwartungen des Menschen, so wurden v.a. extra­vertierte temperamentvolle Hunde sofort als dominant klassifiziert. Und dieser Dominanz müsse man begegnen, andernfalls würde der Hund eine Gefahr für den Menschen darstellen. Das war noch bis vor rund 15 Jahren ein gängiges Konzept.

Die Mittel, „dominante" Hunde zu „therapieren", reichten vom sog. ­„Alphawurf" und „Schnauzengriff" bis hin zu seltsamsten ­Verhaltensweisen des Menschen, wie etwa stets als erster – also vor dem Hund – durch eine Tür zu gehen oder den Hund erst nach dem eigenen Essen zu füttern und dergleichen mehr. Vielfach sollte man auch Stachelhalsbänder und Elektroreizgeräte einsetzen, um den Willen des „dominanten" Hundes zu brechen, damit er in der Familie nicht gar den obersten Rang einnimmt, den er doch stets anstrebe. Manchmal scheuchten Hundehalter ihren Hund, der gerade in seinem Körbchen lag, weg und legten sich selbst kurz hinein, um ihrem – verwunderten – Vierbeiner die Dominanz des Halters zu demonstrieren. Das waren Ratschläge, wie sie Hundehalter noch vor 15 bis 20 Jahren auf vielen Hundeplätzen zu hören bekamen. Dass die Mensch-Hund-Beziehung so zu einer krampfhaften Angelegenheit wurde, ist nur logisch.

Schließt Kooperation Dominanz aus?
In einer guten Beziehung kennt einer die Besonderheiten des anderen und richtet sich danach. Man könnte auch sagen, er fügt sich. Aber, und das ist eben das Wichtige daran, es handelt sich dabei um eine gegenseitige Angelegenheit. Jeweils einer akzeptiert Verhaltens­weisen des anderen. Mit dem Konzept von Dominanz bzw. Unterwerfung als einem Persönlichkeitsmerkmal kommt man da nicht weit. Auch der Ausdruck ­Dominanz passt hier nicht wirklich. Wenn überhaupt, müsste man das als wechselseitige Dominanz bezeichnen, was aber das ganze alte Dominanz­konzept ad absurdum führt, das ja Dominanz für eine Charaktereigenschaft hält. Ein passenderer Ausdruck für diese Art von Beziehung ist hingegen Kooperation.

Natürlich soll nicht bestritten werden, dass dieses Beziehungsgefüge asymmetrisch sein kann und es meist auch ist. Diese Asymmetrie hängt meiner ­Meinung nach ab von zwei Parametern. Einerseits von Persönlichkeitsmerkmalen (bspw. intro- vs. extravertiert, „Macher" vs. „Zauderer" etc.) und andererseits natürlich auch von Kompetenzen. So ist bspw. Führungskompetenz in einem bestimmten Bereich nicht angeboren, sondern muss erworben werden. Und es wäre biologisch nicht sinnvoll, würde bei Tieren diese durch (gefährliche und damit die soziale ­Gruppe schädigende) aggressive Rangauseinandersetzungen erworben, so nach dem Motto, der Dominantere setzt sich durch und wird Chef, der dann darüber hinaus diesen Führungsstatus durch Kämpfe auch immer wieder beweisen und so erhalten muss, wodurch viel Kraft verloren geht, die der Gruppe dann wieder fehlen würde.

So zeigt eine Studie, in der die ­Wesenseigenschaften von Welpen getestet wurden, dass es keine gibt, die voraussagen lässt, welcher Welpe im Erwachsenenalter „dominant" wird (Diederich 2006). D.h. es scheint keine angeborene Eigenschaft zu geben, die man als „Dominanz" bezeichnen könnte. Nein, in sozialen Gruppen geht es in erster Linie um Kooperation, sagen viele Zoologen und Biologen. Denn Überleben und Fortbestand einer Gruppe lassen sich nur durch Kooperation sichern. Es kann nicht jeder alles können. Dass man jedoch damit das unübersehbare Bestehen von Dominanz in Beziehungen nicht wegerklären kann, versteht sich von selbst.

Entstehen der Führungsposition
Ein Wolfs- bzw. ein Hunderudel als eine Art erweiterte Familie zu sehen, trifft sowohl den Kern der Sache, als es auch nicht gegen die Existenz von Dominanz in dieser Beziehungsstruktur spricht. Natürlich existiert in einer Familie und in Gruppen eine Hierarchie, sowohl bei Menschen als auch bei sozial organisierten Tieren. Und natürlich soll in der Mensch-Hund-Beziehung der Mensch die Führungsposition einnehmen. Dass jedoch Führungsposition nicht per se etwas mit Dominanz und Aggression zu tun haben muss, zeigen die zahllosen Seminare und Bücher, die Führungskräften die unterschiedlichsten Konzepte für „richtiges Führen" vermitteln wollen. Nie geht es da um Dominanz und Aggression, sondern vielmehr um kompetente Leitung, um Kooperation mit den „Nachgeordneten", um Motivation der Gruppenmitglieder und um die Erreichung gemeinsamer Ziele. Bei Wölfen und Hunden ist das nicht anders. Natürlich besuchen sie keine Coachings (oder eben doch?) und natürlich ist ihre Sprache anders, für uns rauer und vor allem viel unmittelbarer. Aber im Prinzip geht es um dasselbe. Und genauso ist dies auch in Mensch-Hund-Beziehungen der Fall.

Dass wir als Hundehalter also die Führung in dieser Beziehung übernehmen müssen, ist klar. Anders wäre es gar nicht machbar! Doch hat das nichts damit zu tun, dass wir dem Hund ständig unsere Dominanz beweisen müssen, nicht selten auch in aggressiver Weise. Der Ausdruck „der Hund muss wissen, wer der Boss ist" zeigt gerade ein solches Denken. Führung hat es in Wahrheit überhaupt nicht notwendig, sich durch Dominanz und Aggression ständig zu beweisen. Vielmehr sind Kompetenz und Organisation des mensch-hundlichen Alltags das, worum es geht. Jeder halbwegs normale Hund anerkennt den sich daraus ergebenden Führungsanspruch des Menschen. Das heißt, der vorhin erwähnte Satz muss vielmehr heißen „der Hund weiß, wer der Boss ist", und zwar einfach aufgrund der Führungskompetenz seines Menschen. Diese Sichtweise ist trotz ähnlich klingender Semantik eine ganz andere (und vor allem entkrampftere) Perspektive.

Dadurch, dass in den meisten Fällen wir es sind, die den Alltag des Hundes strukturieren, und dass er von uns in der Nahrungsbeschaffung abhängig ist ebenso wie für Auslauf und Beschäftigung, entsteht also ganz von selbst eine soziale Hierarchie, in der wir die Führungsposition innehaben. Anders gesagt, unsere Führungsposition ergibt sich aus der Befriedigung der Bedürfnisse unseres Vierbeiners. Tun wir das nicht, sei es bspw., dass wir ihm zu wenig Auslauf geben oder keine Beschäftigung, kann beim Hund ein für uns ­unerwünschtes Verhalten ­entstehen. Nur zu oft wird dieses dann als ­Dominanz missdeutet und entsprechend falsch darauf reagiert. Ich habe schon eingangs darauf hingewiesen auch dass damit ein Teufelskreis beginnt.

Ungeklärte Verhältnisse?
Anders hingegen ist es, wenn im mensch-hundlichen Beziehungsgefüge die erwähnte Führungskompetenz des Menschen vom Hund in Frage gestellt wird. Dies ist allerdings nicht primär durch ein Dominanzstreben des Hundes bedingt, sondern zumeist deswegen, weil die Führungsposition vom Menschen nicht wahrgenommen wird. Es ist nicht viel anders als in einer Familie, wo die Mutter und/oder der Vater bei ihren Kindern alles laufen lassen, wo es keine Regeln und auch keine notwendigen Einschränkungen gibt. Dass man solchen Kindern nichts Gutes tut (und auch nicht sich selbst), weiß man spätestens seit den 1960er Jahren, als die antiautoritäre Erziehung Mode war. Dass ihr Gegenteil nicht automatisch autoritär bedeutet, wurde damals (noch) nicht verstanden. Das völlige Fehlen einer Führungskompetenz bedeutet sowohl für die menschliche Familie als auch für die Mensch-Hund-Beziehung ein Problem und führt durchaus zu problematischem Verhalten auf Seiten des Hundes, der sich nun veranlasst sieht, die Leitung der „Gruppe" zu übernehmen. Haben Sie das Gefühl, dass dies bei Ihnen der Fall ist, dann ist die Beiziehung eines kompetenten Hundetrainers unbedingt anzuraten. Meist liegt es dann am Halter, etwas zu lernen, weniger am Hund. Auch wird ein guter Hundetrainer die selteneren Fälle erkennen, in denen tatsächlich das Problem beim Hund liegt.

Resümee
Wenn ich einen Hund aufgenommen habe und mit ihm gemeinsam lebe, dann geht es nicht um Dominanz, sondern um den Aufbau und die ­Etablierung einer guten Beziehung. Darin beachte ich selbstverständlich die Bedürfnisse und normalen Anforderungen meines Hundes, woraus sich automatisch meine Führungsposition ergibt. Diese muss also nicht erst mit Dominanz und Aggression von mir erkämpft bzw. die des Hundes abgewehrt werden. Es ist für den normalen Hund als soziales Wesen selbstverständlich, die Führungsposition dessen anzuerkennen und auch nicht in Frage zu stellen, von dem er Futter bekommt, der ihm Beschäftigung und Auslauf ermöglicht und für viele Dinge seines Lebens die Entscheidung und Sorge übernimmt. Da ist kein krampfhaftes Rangordnungsverhalten nötig. Es ist letztlich wie die normale Hierarchie zwischen Eltern (= Mensch) und Kindern (= Hund) in einer Familie. Jede Hierarchie lässt sich durchaus auch als stabiles Dominanzverhältnis bezeichnen. Zugleich ist aber auch zuzugeben, dass der Begriff ­Dominanz – aufgrund seiner missbrauchten Vergangenheit als Rechtfertigung für Gewalt – heute oft missverstanden wird.

WUFF-Information
Dominanzstatus & Persönlichkeit beim Gassigehen

Von GPS-Sendern aufgezeichnete Bewegungsmuster einer Gruppe von sechs Hunden beim Gassigehen lassen Dominanzstatus und Persönlichkeitsmerkmale erkennen, wie in einer ­ungarischen Studie berichtet wird.

Dr. Szuzsa Ákos, Biologin an der Universität Budapest, untersucht hierarchische Strukturen bei verschiedenen Tierarten. So zeichnete sie das Bewegungsverhalten einer Gruppe von sechs Hunden beim Gassigehen auf, die mit ihrem Frauchen unterwegs waren. Die Hunde waren unangeleint, konnten also je nach eigenem Antrieb herumlaufen. Sie waren mit individuellen GPS-Sendern ausgerüstet, wodurch Ákos genaue Bewegungsmuster erhielt. Insgesamt wurden 14 solche Spaziergänge von jeweils 30-40 Minuten Dauer durchgeführt.

Anhand der Bewegungsmuster stellte die Wissenschaftlerin fest, dass die sechs Hunde sich grundsätzlich an ihrem Frauchen orientierten. Sie liefen von ihr weg, drehten dann um und kehrten in Schleifen zu ihr zurück. Interessanterweise hatte jeder Hund sein individuelles Bewegungsmuster, konnte also allein aus diesem identifiziert werden. Die Führungsposition der Hunde in der Gruppe wechselte zwar, auf lange Sicht ließ sich aber ein Hund als der identifizieren, dem die anderen überwiegend folgten. D.h. diesem Hund folgten bei Bewegungsänderungen beim Herumlaufen die anderen Hunde zwar nicht jedesmal, aber insgesamt deutlich häufiger als allen anderen. Ákos schließt daraus, dass die „kollektive Bewegung einer Hundegruppe durch das ihr zugrundeliegende hierarchische soziale Netzwerk beeinflusst wird". D.h. der in der Hierarchie am höchsten stehende Hund beeinflusst das Bewegungsverhalten der Gruppe beim gemeinsamen Freilauf. Dieser Hund ist zugleich derjenige, der bei den alltäglichen zwischenhundlichen (agonistischen) Auseinandersetzungen im Haushalt zumeist gewinnt.

Dominante Hunde besser trainierbar
In weiterer Folge stellt die Biologin auch einen Zusammenhang der sozialen Hierarchie mit bestimmten Charaktereigenschaften fest: „Führende/dominante Hunde haben eine eigene Persönlichkeit; sie sind besser trainierbar und kontrollierbar sowie zeigten auch aggressiveres Verhalten als die anderen Hunde. Zudem sind sie älter."

Man kann der Studie natürlich vorwerfen, dass die Beobachtung einer einzigen Gruppe von 6 Hunden keine derartige Verallgemeinerung zulasse. Da ja zudem auch die Persönlichkeit des Halters eine Rolle spielt, könnten die Ergebnisse in anderen Fällen anders sein. Dennoch sind die Beobachtungen von Ákos von Interesse und lassen sich ja auch in Beziehung setzen mit denen von anderen Untersuchern.

• Ákos Z. et al. Leadership and Path Characteristics during Walks Are Linked to Dominance Order and ­Individual Traits in Dogs. PLos ­Comput Biol 2014;10(1)

WUFF-Information
Literaturquellen

• Bradshaw JW et al. Dominance in domestic dogs – useful construct or bad habit? J Vet Behav 2009; 4:135-144
• Diederich C, Giffroy JM. ­Behavioural testing in dogs. a review of methodology in search for standardisation. Appl Anim Behav Sc 2006; 97:51-72
• Fatjó J et al. Ambivalent signals during agonistic interactions in a captive wolf pack.Appl Anim Behav Sc 2007; 105:274-283

TEILEN
Vorheriger ArtikelKnigge für Mensch-Hund-Teams
Nächster ArtikelExpertentipp: Hundebegegnung an der Leine
Dr. Hans Mosser
Der Arzt und Theologe Mag. Dr. Hans Mosser ist Mitbegründer und Herausgeber von WUFF und arbeitet im Hauptberuf als leitender Arzt und ­Professor in einem Universitätsklinikum.

KEINE KOMMENTARE

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT