Der Goldschakal in Österreich

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Auch in der Kulturlandschaft Österreichs, zerschnitten von den Asphaltbändern der Auto- und den Drahtverhauen der Bergbahnen, eingeengt von Krebsgeschwüren gleich wuchernden Städten mit ihren Industrierevieren, können wir immer wieder beobachten, dass die Natur trotzdem jede Gelegenheit nutzt, um sich verlorene Räume zurück zu erobern oder neu zu besetzen. Die Tierwelt kann hier mit besonderen Überraschungen aufwarten: Wer hätte beispielsweise noch vor einem Jahrzehnt gedacht, dass einmal wieder Wölfe durch die einsamen Kiefernwälder der Mark Brandenburg pirschen würden, dass der Luchs gleich an mehreren Stellen Deutschlands wieder jagt, dass der Uhu praktisch wieder flächendeckend die Nacht durchstreift, dass in einigen Bundesländern Österreichs von den Ewiggestrigen schon von einem „Bärenproblem" schwadroniert wird? Und nach dem Marderhund (s. WUFF Mai 1999) noch ein weiterer Canide sich für seine alte Heimat Österreich interessiert – der Goldschakal.

Juwelen unserer Kulturlandschaft
Alle diese Tiere sind als unsere Fauna bereichernde Elemente willkommen zu heißen und ein Zeichen dafür, dass die uralten Naturgesetze der Neueroberung von Lebensräumen auch im dichtbesiedelten und hochindustrialisierten Mitteleuropa ihre Gültigkeit nicht verloren haben. Und genau aus diesem Grunde auch wird sich unsere heimische Fauna mit diesem Neuzugang problemlos arrangieren können.

Tiere, die von selbst einwandern und sich bei uns vermehren, sollten nach gründlicher Prüfung und mit Bedacht in unsere bestehenden Artenschutz- und Jagdgesetzgebung aufgenommen werden, denn einen direkten Zusammenhang zwischen dem Verschwinden einer einheimischen Art und der Ausbreitung einer neuen Art auf den ersten Blick zu erkennen, ist unter wildbiologischen Aspekten zumindest fragwürdig und in der einheimischen Wildbahn bislang noch nicht nachgewiesen. Im Falle des Goldschakals wird das inzwischen auch von dem fortschrittlichen Teil der Jägerschaft so gesehen: Es gibt sicher keinen Grund den Goldschakal in Mitteleuropa durch gezielte Schonung zu fördern; es besteht aber auch kein Anlass, ihn unter Beseitigung elementarer Tierschutzaspekte zu behandeln (HESPELER).

Der neu angekommene Beutegreifer also ist der von der Balkanhalbinsel und Ungarn nach Österreich (bislang Steiermark, Waldviertel und Salzburg) sowie Norditalien (Region Udine) vorstoßende Goldschakal (Canis aureus). In diesem Raum hat er praktisch keine natürlichen Feinde. Er wird nur Opfer von Schiene und Autobahn, der Mensch stellt ihm – wenn auch (noch?) nicht gezielt – mit Fallen und auf Treibjagden nach.

Zurück in die alte Heimat
Für Österreich ist der Goldschakal kein Neubürger, sondern lediglich ein Tier, das seine alte Heimat nach langen Jahren der Abwesenheit wieder besiedelt: Die in früheren Zeiten beschriebenen und bis in die 1920er Jahre auch erlegten „Rohrwölfe" des Neusiedler Sees, des Donaudeltas und ähnlicher Lebensräume waren – wie damals vermutet – eben keine besonders kleinen und schwachen Wölfe, sondern wahrscheinlich eher Goldschakale.

Meidet die Alpen
Die Biotopansprüche des europäischen Goldschakals ähneln denen des Fuchses: Er bevorzugt unterholzreiche Wälder, Fluß- und Seeuferlandschaften mit Schilfröhricht („Rohrwolf!") ebenso wie offenes Gelände. Höhere Gebirgslagen meidet er, er fühlt sich aber in felsigem und schluchtenreichem Gelände durchaus wohl. Er meidet ebenfalls große und dicht geschlossene Waldungen. Der Goldschakal bevorzugt niederschlagsarme und sommerwarme Gegenden, er meidet somit alle Regionen mit kalten und schneereichen Wintern, umgeht deshalb auch bei seiner Expansion nach Norden die Alpen.

Er kann durchaus als „Kulturfolger" – wie einige andere Caniden auch – bezeichnet werden, durch den landwirtschaftlichen Strukturwandel werden auch die potenziellen Schakalbiotope vergrößert. Neben der Nähe menschlicher Siedlungen schätzt er durch Feldgehölze und Hecken strukturiertes Ackerland. Durch seine Nähe zum Menschen ist natürlich wieder ein Konflikt programmiert, da der Schakal sich nicht nur mit Abfällen begnügt, sondern auch gerne sich an kleineren Haustieren und Geflügel vergreift, die er erhobenen Hauptes hinwegträgt.

Göttlicher Anubis
Im alten Ägypten wurde dem Schakal göttliche Verehrung zuteil, und er ist in der Gestalt des Anubis auf zahllosen Darstellungen auf den Tempelwänden im Niltal erhalten geblieben: Anubis war der Gott der Toten und der Wächter der Gräber. Von Gott Osiris hatte Anubis, der gewöhnlich mit einem menschlichen Körper und dem Kopf eines Schakals dargestellt wird, die Aufgabe, die Herzen der Toten zu wiegen. Vermutlich wurde der Schakal durch seine Eigenschaft, menschliche Gräber aufzuscharren und die Leichen zu fressen, mit den späteren Totenriten in Verbindung gebracht.

Der nahe mit dem Wolf verwandte Goldschakal ähnelt in seinem Habitus stark einem kleineren und schlanken Wolf, unterscheidet sich aber in vielen Bereichen seines Verhaltens wesentlich von diesem. Die Länge von der Schnauzen- bis zur Rutenspitze kann einen Meter überschreiten (wobei allerdings bis knapp 30 cm auf die Rute entfallen), große Exemplare erreichen eine Schulterhöhe von 50 cm. Das Gewicht variiert sehr stark nach der Region. Während Goldschakale in Indien und Ostafrika oftmals deutlich unter 10 kg wiegen, kann ein starker Rüde vom Balkan bis zu 15 kg auf die Waage bringen. Das Gesicht, durch die schmale und spitze Schnauze bedingt, ähnelt dem unseres Rotfuchses, die großen Stehohren messen bis 10 cm. Die Rute mit ihrer oft schwarzen Spitze wird immer abwärts getragen, von ihr geht – im Gegensatz zu Wölfen und Hunden – bei den Schakalen kaum eine Signalgebung bei der innerartlichen Kommunikation aus.

Landmarken aus Urin
Das eigentliche Territorium des europäischen Goldschakals kann mehrere km2 groß sein, sein Streif- und Jagdgebiet erstreckt sich aber auch über größere Entfernungen. Dieses Territorium wird von Rüde und Fähe gemeinsam gegen Eindringlinge verteidigt, und beide markieren durch Urin und teilweise auch Kot dessen Grenzen. Das Markieren des Rüden erfolgt canidentypisch durch Beinheben, die Fähe markiert darüber in der Hocke, wobei aber auch sie eine Hinterpfote zumindest einige Zentimeter anhebt. Durch die hundetypischen Scharrbewegungen werden die Duftstoffe besser verteilt.

Variabler Speiseplan
Die Nahrungsauswahl charakterisiert den Goldschakal als einen äußerst variablen Opportunisten, der alle ihm zur Verfügung stehenden Ressourcen in seiner Umwelt geschickt zu nutzen weiß: Neben organischen Abfällen nahe menschlicher Siedlungen und Aas erbeutet er – auch hier wieder ein typischer Canide – mit seinem „Mäuselsprung" kleine Nager und Kleinsäuger bis zur Größe eines jungen Hasen oder Kaninchens. Er sucht auch Gelege von bodenbrütenden Vögeln bzw. jagt er Feldhühner bis zur Größe eines Fasans. Auf seinem Speisezettel stehen ebenso Frösche, Eidechsen und auch Insekten. Zu seiner vegetarischen Nahrung gehören Früchte wie u.a. Birnen, Äpfel und Beeren, Mais in der Milchreife; Pilze werden ebenfalls nicht verschmäht.

Meist einsamer Jäger
Meist jagt er allein, da kann er kleinere Paarhufer bis zur Größe einer Ziege überwältigen, d.h. er vergreift sich durchaus bei sich bietender Gelegenheit auch an Haustieren. Jagen zwei bis drei Goldschakale gemeinsam in einer Gruppe, können sie die Beute wie Hasen oder Bisamratten umstellen und sich dann gegenseitig zutreiben. Kleinere Tiere überlistet er, wie dies ebenfalls von den Rotfüchsen bekannt ist, indem er sich tot stellt und dann blitzschnell zugreift. Erjagte Beutetiere werden meist nicht an Ort und Stelle verzehrt, sondern weggetragen, und überschüssige Nahrung vergräbt der Schakal an mehreren Stellen.

Tagträumer
Goldschakale sind ausdauernde Läufer und gute Schwimmer; ihre Aktivitätsphasen beginnen mit fortgeschrittener Abenddämmerung und liegen in den ersten Nacht- sowie den sehr frühen Morgenstunden. Den Tag verschlafen sie gut geschützt in Dickungen, Schilfröhrichten, unter Baumtellern oder aber auch in vorgefundenen oder selbst gegrabenen Höhlen. Diese Bauten, die ihnen auch als Wurflager dienen können, sind einfache und bis zu 3 Meter lange Röhren ohne Seitengänge, die in einem Kessel enden. Die Schakale leben paarweise in lebenslanger Einehe und ziehen ihre Jungen gemeinsam auf. Zusammen mit den noch nicht geschlechtsreifen Jungtieren bilden sie einen Familienverband.

Geräuschvolle Brautschau
Die Ranz der Goldschakale spielt sich im südosteuropäischen Raum in den Monaten Januar bis März ab. Dies geschieht teilweise – wie auch beim Rotfuchs – temperamentvoll und laut, insbesondere kann man kurze Kläfflaute und kurzes heiseres Bellen, aber auch Knurren und Winseln vernehmen. Wie bei allen Vertretern der Gattung Canis ist die Goldschakalfähe ebenfalls rund neun Wochen trächtig. Die Welpen werden in der schon beschriebenen Höhle oder vielleicht auch Felsspalte gewölft, wenn der Winter seinem Ende entgegen geht. Man zählt maximal acht Welpen, im Schnitt eher drei bis fünf, die als typische Nesthocker blind und hilflos zur Welt kommen und in den darauf folgenden Wochen ihre Nahrung zunächst an einer der vier Paar Zitzen suchen und finden. Der Rüde, der sich schon beim Bau des Wurflagers beteiligt hat, hilft seiner Fähe bei der Aufzucht.

Sozialkontakt Schnauzenlecken
Am 10. Tag nach der Geburt öffnen sich – in diesem Falle sind die Schakale im Vergleich zu den Hunden und Wölfen in ihrer Entwicklung schneller – die Augen der Welpen. Von der Mutter die ersten sechs Lebenswochen gesäugt, nehmen sie schon nach der vierten Woche vorverdaute Nahrung auf, die der Rüde – oder eins an der Aufzucht beteiligten älteren Geschwister – ihnen vorwürgt. Dieses Vorwürgen wird ausgelöst, wenn der Rüde mit Beute zum Bau zurückkehrt und die Welpen ihn durch Schnauzenlecken anbetteln und begrüßen. Diese Verhaltensweise bleibt lebenslang im innerartlichen Sozialverkehr als Begrüßungs- und Beschwichtigungsgeste erhalten.

Ihre ersten Jagderfahrungen sammeln die nunmehr herangewachsenen Jungtiere nach ihrer vollständigen Entwöhnung ab der 8. Lebenswoche. Sie verbleiben bis zur Geschlechtsreife (bei unseren europäischen Goldschakalen im Alter von ca. 20 Monaten) bei den Elterntieren und den dann schon geborenen jüngeren Geschwistern im Familienverband, um später abzuwandern.

Wieder daheim!
Der Goldschakal ist wieder bei uns in Mitteleuropa – er kommt von selbst und möchte sich bei uns ansiedeln. Wir wollen ihn nach langer Abwesenheit begrüßen und uns freuen, dass unsere heimische Tierwelt um eine faszinierende Art reicher geworden ist. Eine reiche Umwelt bedeutet nicht zuletzt für den Menschen ein Stück Lebensqualität!

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Unterscheidungsmerkmal Hautfalte

Die Goldschakale Südost-Europas können von den Unterarten aus dem afrikanischen Raum, dem Vorderen und Mittleren Orient sowie Südasiens durch ihre etwas kleineren Ohren, durch ein dichteres Fell und die an der Spitze abgestumpfte Rute unterschieden werden. Wichtigstes Unterscheidungsmerkmal, an dem man den Schakal nach seiner Erlegung oder nach einem Totfund sauber von Fuchs, Wolf und auch Hund erkennen kann, ist eine Hautfalte zwischen dem 3. und 4. Ballen an den Vorderpfoten; beim Fuchs ragen außerdem die Fangzähne (Canines) sehr viel weiter in den Unterkiefer hinein, als dies beim Goldschakal der Fall ist.

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Feinde des Schakals

In Europa sind die meisten seiner Feinde selten geworden oder aus der Wildbahn ganz verschwunden. Goldschakale meiden den Lebensraum des Wolfes, da dieser ihnen teilweise heftig nachstellt. Zumindest Jungschakale werden von Luchs und Steinadler geschlagen. Das Ansteigen der Schakalpopulation auf dem Balkan und im ehemaligen Jugoslawien wird teilweise durch die verschärfte Bejagung des Wolfes erklärt; die Wolfsbestände werden reduziert, um devisenbringenden Jagdtouristen aus dem Westen größere Schalenwildbestände vor die Gewehrläufe treiben zu können.

Alle Krankheiten, die unsere Hunde, Füchse und Wölfe befallen, machen ebenfalls den Goldschakalen zu schaffen: Insbesondere seien Staupe, Leptospirose und Tollwut, Räude und eine Anzahl von Parasiten genannt. Die maximale Lebenserwartung in der freien Wildbahn dürfte acht Jahre nicht überschreiten; Goldschakale unter Zoobedingungen können sehr viel älter werden und erreichen ein Alter von maximal zwölf Jahren.

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