Der große Hundehalterreport

Die Anschaffung eines Hundes, Teil 2

Eine qualitative Studie hat vier grundsätzliche ­Hunde­halter-Typen identifiziert, die ausführlich in WUFF 12/2016 beschrieben wurden. Wie sich diese vier Typen bei der ­Anschaffung eines Hundes unterscheiden, ist Thema­ ­dieser Ausgabe. Und – wie war das eigentlich bei Ihnen? War es die berühmte „Liebe auf den ersten Blick“? Haben Sie sich lange auf den Hund vorbereitet? Was waren Ihre Kriterien für die Anschaffung gerade Ihres Hundes?

Fakt ist, dass bei der Anschaffung und Haltung eines Hundes schlichtweg Einiges zu beachten ist. Doch eine intensive Vorbereitung auf den neuen Vierbeiner wird nicht von jedem ernst genommen. So führen insbeson­dere Mangel an Zeit, Geduld und Wissen und spontanes „Haben-Wollen“ oftmals zu unvorhergesehenen Problemen, unter denen Frauchen oder Herrchen und der Hund zu leiden haben.

Informationsphase vor der ­Anschaffung ist das A und O
Die Zeitspanne zwischen dem Wunsch, einen Hund zu halten und der tatsächlichen Anschaffung sind individuell sehr unterschiedlich. So gibt es Menschen, die mindestens ein halbes Jahr über die verschiedensten Quellen wie Hunde­foren und -Blogs im Internet, mit Ratgeberbüchern, über Freunde, Bekannte oder andere Hundehalter, bis hin zu Hundeschulen, Tierheimen und Züchtern auf aktiver Informationssuche sind. Manche bereiten sich sogar über mehrere Jahre auf einen Vierbeiner vor, bis der richtige Zeitpunkt gekommen ist, zum Beispiel bei einem Umzug in eine ­größere Wohnung oder einem Jobwechsel. Die Lebensumstände müssen natürlich passend sein, um einem Hund ein gutes Zuhause bieten zu können. Vor ­allem „Bedürfnisorientierte“ Hunde­halter, die meist schon langjährige Erfahrung mit Hunden haben, appellieren an eine intensive Vorbereitung vor einer Anschaffung. Und das bedeutet: ­Welchen Hund will ich, welche Eigenschaften hat er, was braucht er, kann ich ihm das bieten, wer kümmert sich wann um ihn, wie verändert sich der Alltag etc.?

Doch kein Buch, keine Forendiskussion und kein Ratschlag können vollständig darauf vorbereiten, was wirklich passiert, wenn ein Hund ins Haus kommt. Denn jeder Hund ist anders. So lernen Hunde zwar recht schnell, doch kommt es auch auf Frauchen oder Herrchen an, wie sie oder er mit dem Hund im Lernprozess umgeht. Es braucht viel Einfühlungsvermögen und vor allem Geduld, auch darüber sollte man sich bewusst sein. Wie wichtig der Vor-Informationsprozess ist, kann man gar nicht genug betonen. Denn leider gibt es genug Menschen, die sich kurzerhand ohne große Überlegungen Hunde zulegen, bald überfordert sind und diese dann oft ins Tierheim abgeben.

Bekanntlich gibt es viele Vorurteile gegenüber Tierheimhunden. Man hat Angst vor „Problemhunden“ aus dem Tierheim, denn die Hunde dort „haben doch psychisch alle einen Knacks weg“, so auch einige Studienteilnehmer. Nur Welpen und unauffällige Hunde sind leicht vermittelbar. Allgemein herrscht wenig Bewusstsein darüber, dass nicht alle Tierheimhunde eine traumatische Vorgeschichte haben und viele sehr passable Familienhunde sind, mit ­denen jedoch bisher falsch umgegangen wurde. Es sind oftmals die Fehler von Menschen, worunter die Tiere leiden müssen. Doch auch, wenn die Hunde nicht in ein Tierheim abgegeben werden, können durch mangelnde Vorinformation viele Schwierigkeiten in der Mensch-Hund-Beziehung entstehen, die das Leben erschweren.

Kaum Vorbereitung unter ­„Toleranten“ und „Zielstrebigen“ Hundehaltern
So sind es vor allem die Hundehalter vom Typus „Tolerant“ und „Zielstrebig“, bei denen ein Hund eher spontan ­angeschafft oder zufällig übernommen wird. Hundehaltung wird dann zur „learning by doing“-Angelegenheit. Ob Rasse- oder Mischlingshund, vom Tierheim oder vom Züchter kommend, ist für diese Typen gleichgültig. Hund ist gleich Hund und es kommt nur auf den beim ersten Anblick wahrgenommenen „Charakter“ und „die herzigen Augen“ an. Sie haben keine oder höchstens nur eine dem Aussehen nach präferierte Hunderasse. „Schön und lieb soll er sein“, ist eine typische Aussage eines „Toleranten“. So wird z.B. auch schon mal ein Hovawart angeschafft, ohne zu wissen, was seine rassespezifischen Charaktereigenschaften sind.

Die Anschaffung muss sich insbeson­dere für „Tolerante“ situativ gut anfühlen und ist allen voran eine Bauchentscheidung. Mögliche Probleme werden (meist unbewusst) ausgeblendet, denn nur das Positive im Leben ist für sie das, was zählt – nämlich den lieben Hund in das geschützte Heim zu holen. Auch „Zielstrebige“ wägen im Vorhinein kaum ab, ob der Hund in das eigene Leben passt. Stattdessen ergreifen sie die Chancen zur Hundehaltung aufgrund von Spontanität und Neugierde. Sie vertrauen dabei in ihr eigenes Gefühl und gehen davon aus, dass sie mit dem Hund schon alles richtig machen werden. Doch, wenn man nichts über artgerechte Hundeerziehung und die spezifischen Eigenschaften einer Hunderasse weiß, kann vieles falsch gemacht werden. Vor allem, weil unsere Gesellschaft grundlegende Erwartungen an das Verhalten eines Hundes hat.

Ein „guter Hund“ nach ­gesellschaftlicher Definition ist ein braver, ruhiger, unauffälliger, stubenreiner, sozialer und aggressionsloser Hund. Auch wenn viele Menschen offen gestanden keine derartigen Ansprüche an einen Hund stellen, erwarten sie dennoch Folgsamkeit und das Einhalten von „Spielregeln“. Wenn der Hund sich nicht daran hält und man nicht mit ihm umgehen kann, fühlt sich üblicherweise nicht der Halter in der Schuld, sondern der Hund „funktioniert nicht“. „Tolerante“ und „Zielstrebige“ sind sich wenig darüber bewusst, dass derartige gesellschaftliche „Grund­ansprüche“ an einen braven Hund Dinge sind, die der Halter selbst in der Hand hat und durch richtiges Training formen kann. Und wenn man sich aus ­Unwissen etwa eine Hunderasse angeschafft hat, die viel Auslauf benötigt – wie Border Collie, Golden Retriever, Husky oder Irish Setter – dem Hund aber nicht genug Energieabbau gewährt wird, wird dieser frustriert, unerklärlicherweise aggressiv oder drückt seine Langeweile mit Stubenunreinheit, Bellen oder Zerbeißen von Gegenständen aus. Zweimal am Tag um den Häuserblock Gassigehen reicht da nicht aus, um dem Bewegungsdrang des Hundes nachzukommen.

Gefahren bei unüberlegter ­Anschaffung eines Hundes
Natürlich ist es nicht verwerflich, einen Hund aus dem persönlichen Umfeld oder aus „Hoppalawürfen“ zu übernehmen oder einen zugelaufenen Hund aufzunehmen. Auf solche spontanen Entscheidungen kann man sich nicht ausreichend vorbereiten. Zumindest kann man sich aber anschließend über eine richtige Art und Weise der Hundehaltung informieren. Leider findet gerade bei „Toleranten“ auch nach der Übernahme eines Hundes keine Reflexion statt. Sie verhätscheln und vermenschlichen den Hund eher, um mit Sicherheit seine Liebe und Treue zu gewinnen. Dabei helfen sie aber mehr sich selbst, eine heile Welt vorzuspielen, als dass sie dem Hund helfen. Unter Vermenschlichung ist hier zu verstehen, dass dem Hund menschliche Eigenschaften zugesprochen werden und der Mensch dadurch oft hundliches Verhalten falsch interpretiert und seine wahren Bedürfnisse nicht erkennt.

Auch „Zielstrebige“ zeigen wenig Bereitschaft, sich Basiswissen über Hundehaltung anzueignen. Erst wenn Probleme mit dem Hund aufgetreten sind, beginnen sie die Fehler zu suchen. Die Fehler werden dann aber in erster Linie bei anderen gesucht und gefunden. Und gerade wenn man die Wahl eines Hundes nur aufgrund seines rassenspezifischen Aussehens trifft, tut man ihm und sich selbst damit nichts Gutes. Die Gefahr spitzt sich insbesondere bei „Hinterhofkäufen“ oder über Verkaufsplattformen zu, bei denen man Rassetiere zu ­billigen Preisen und ohne aussagekräftige Papiere, ganz im Unwissen über etwaige (Erb-)Krankheiten erstehen kann. Wenn man sich nicht ausreichend über die Herkunft eines Hundes informiert, kann es passieren, dass man unwillentlich Qualzüchtungen unterstützt. „Ich brauch‘ keine Papiere“, „Mein Hund hat auch keine Papiere und ist glücklich“, sind oft Aussagen dieser beiden Typen. Hohe lebenslange Tierarztkosten und Leiden des Hundes sind der Tausch für den billigen Preis. Von solchen Käufen sollte man auch bei Mitleid mit den Tieren Abstand ­halten, da es das Geschäft der unseriösen Züchter nur ankurbelt und sich nichts an der Gesamtsituation verbessern wird. Insbesondere sollte man sich das Auftreten und die Persönlichkeit des Züchters genauer ansehen, seine Reputation sowie die Ordentlichkeit und Sauberkeit der Zuchtstätte, eine strenge Kontrolle durch Rassepapiere und Tierarztbesuche fordern und auf die ­Aufzuchtbedingungen achten. Ein seriöser Züchter würde einen Welpen niemals vor der 8. Woche von seiner Mutter trennen – abhängig von der Rasse oft erst ab der 12. Woche.

Gezielte Vorbereitung unter ­„Disziplinierten“ und „Bedürfnis­orientierten“ Hundehaltern
Anders ist es bei „Disziplinierten“ und „Bedürfnisorientierten“, denn diese überlegen sich ganz genau, welche Rasse zu ihnen passt. Denn Hund ist für sie nicht gleich Hund. Je nach Rasse, Temperament und Alter hat ein Hund individuelle Bedürfnisse, auf die es bedarf mit ausreichend Auslauf, Training und geistiger Beschäftigung einzugehen. Wenn man weiß, welche Merkmale von unterschiedlichen Rassen durch die Elterntiere vererbt wurden, kann man vorausplanen. Deswegen sind auch Rassepapiere von einem seriösen und geprüften Züchter so wichtig. Sie stehen nicht nur für die Gesundheit eines Hundes, sondern bieten eben eine Möglichkeit, die Hundehaltung optimal auf den Vierbeiner abzustimmen.

Zwischen dem „Disziplinierten“ und „Bedürfnisorientierten“ Typus von ­Hundehalter muss man hier aber genauer differenzieren. „Disziplinierte“ bereiten sich zwar viel auf einen Hund vor und suchen nach einer Rasse, die zu ihnen passt. Dahinter können jedoch die Motive der Kontrolle und Prestigeorientierung stehen. Der Hund muss gut aussehen, darf keine Verhaltensauffälligkeiten zeigen und soll bestenfalls von Anfang an auf die eigene Person fixiert sein. Um einen optimal beschaffenen Hund von klein auf heranzuziehen, kaufen sie nur von Züchtern. Dabei legt man auch viel Wert auf die Zucht der Schönheitslinie. Tierheimhunde kommen für sie kaum in Frage. Die jeweiligen Merkmale von Rassehunden fördern und nutzen sie für ihre eigenen Zwecke. Beispielsweise wird ein Border Collie angeschafft, um diesen für Agility-Wettbewerbe zu trainieren. „Für mich als Hundesportler kommt nur ein Rassehund mit Papieren in Frage“, ist eine typische Aussage von „Disziplinierten“, wenn es um die Anschaffung eines Hundes geht.

Dagegen sind ­„Bedürfnisorientierte“ von dem Motiv der richtigen und ­artgerechten Vorsorge getrieben. Ob Rasse- oder Mischlingshund ist für sie gleichgültig, alle Hunde sind intelligente Tiere, auf die man individuell eingehen und mit denen man bestenfalls trainieren kann, außer es kommen für eine Ausbildung zum Rettungs- oder Therapiehund nur ganz bestimmte Rassen in Frage. Im Gegensatz zum „Disziplinierten“ Typus, welcher die Hunde nach seinen eigenen Bedürfnissen aussucht, versucht der „Bedürfnis­orientierte“ Typus seine Bedürfnisse nach dem Hund zu richten. Außerdem hat der zweite Typus ein stark ausgeprägtes Moralbewusstsein. Wenn möglich, wird die Übernahme von Hunden aus dem Tierschutz oder ausländischen Tötungsstationen wie aus Spanien, Ungarn, der Slowakei, Russland oder ­Rumänien bevorzugt. Sie sind sich darüber bewusst, dass Verhaltensauffälligkeiten und Trauma­tisierungen der Hunde keinesfalls einfach mit Liebe „wegzustreicheln“ sind. Aber, wenn man ein gewisses Basiswissen über Hunde hat, sollte man laut bedürfnisorientierten Personentypen von egoistischen Motiven absehen und dieses Wissen einsetzen, um Tierleid zu reduzieren.

Emotionale Faktoren bei der Anschaffung sind zu reflektieren
Vorbereitung und rationale Abwägung hin oder her. Wenn der Wunsch nach einem Hund so stark ist und man sich in die Augen eines ganz bestimmten Hundes verliebt hat, werden alle rationalen Überlegungen von unbewussten Systemen überlappt. Das Gehirn des Menschen schaltet dann auf den sogenannten „Autopiloten“ – es zählt nur mehr der Hund, alles andere, wie die Seriosität eines Züchters, fehlende Rasse­papiere oder eine mögliche Traumatisierung, wird ausgeblendet. Diese „Liebe auf den ersten Blick“ ist das wichtigste Kriterium bei der Anschaffung, das alle vier Typen von Hundehaltern eint. Die nachträgliche Reflexion allerdings ist typabhängig. Disziplinierte und Bedürfnisorientierte wägen mehr ab als Tolerante und Zielstrebige, ob der Hund in das eigene Leben passt oder nicht. Diese Reflexion darf nicht unterschätzt werden. Ein Hund ist eine Partnerschaft für die nächsten 10-15 Jahre.

Um das Bewusstsein zu schärfen, dass man mit einem Hund Verantwortung quasi wie für ein Kleinkind übernimmt (das aber stets ein solches bleibt), finden Sie zum Abschluss eine Checkliste für „Frischlinge“ in der Hundehaltung. Diese Fragen können gute Anhaltspunkte bei der Vorbereitung bieten.

Übersicht
Der Hundehalterreport im Überblick
Damit Sie stets wissen, in welcher Ausgabe es worum geht, hier ein Überblick über die wesentlichen Themen dieser WUFF-Serie. Die anhand der Studie identifizierten vier Hundehaltertypen wurden ausführlichst im ersten Teil (WUFF 12/2016) beschrieben, in den folgenden geht es um die verschiedenen Phasen im Leben einer Mensch-Hund-Beziehung.

Teil 1 (WUFF 12/2016)
• Die vier Hundehalter-Typen
• Umgang mit dem Hund
Teil 2 (WUFF 1/2017)
• Anschaffung eines Hundes
Teil 3 (WUFF 2/2017)
• Ernährung und Gesundheit – ­
unterschiedliche Zugänge je nach Typologie.
Teil 4 (WUFF 3/2017)
• Erziehung und Ausbildung –
welche Methoden werden präferiert? Und wozu tendieren Sie?
Teil 5 (WUFF 4/2017)
• Betreuung, Sozialisierung,
Tod Wie gestalten die verschiedenen ­Typologien das alltägliche Leben mit ihrem Hund?

Hintergrund
Die vier Hundehaltertypen
Sollten Sie die Ausgabe 12/2016 nicht gelesen haben, hier eine kurze Zusammenfassung der vier Hundehalter-Typen.

1. Der „Großmütig-Tolerante“,
2. der „Verantwortungsbewusst-­Zielstrebige,
3. der „Erfahren-Disziplinierte“ und
4. der „Sachkundig-Bedürfnis­orientierte“.

Natürlich gilt hier wie bei jeder Typologie, dass Mischformen häufiger vorkommen als reine Typen, bei denen einfach jeder Punkt zutrifft. Dennoch kann sich jeder Hundehalter in einer bestimmten Typologie eher wiederfinden als in einer anderen.

Hintergrund
comrecon
brand navigation

Wie ist es zu dieser Studie gekommen? Wer steht dahinter?
comrecon brand navigation ist ein Institut für Markenführung mit Spezialisierung auf Markt- und Motivforschung. In dieser unabhängigen Eigenstudie mit WUFF als Medienpartner wurde die Beziehung zwischen Hundehaltern und ihren Vierbeinern unter die Lupe genommen.

Mittels der Methode „comrecon crowd research“ wurde ein 16-tägiges landesweites Online-Forum mit Hundehaltern eingerichtet, die sich unter Moderation zu allen Themen rund um den Hund austauschten. Es wurden Fragen diskutiert, Aufgaben gelöst und Tagebücher verfasst, die Einblick in den Alltag ermöglichten.

„Ziel dieser qualitativen Studie ist es, das Bewusstsein im Umgang mit Hunden zu schärfen, eigene Ver­haltensweisen zu reflektieren sowie Bedürfnisse des Hundes wahrzu­nehmen.“, sagt Charlotte Hager, ­Geschäftsführerin von comrecon brand navigation.
http://www.comrecon.com.

Pdf zu diesem Artikel: hundehalterreport_teil2

 

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