Der Hund als Tamagotchi?

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In der sehr alten Beziehung zwischen Wolf (Hund) und Mensch traten die Grundtypen der heutigen Hunde schon sehr früh auf. Bereits auf 5.000 Jahre alten Darstellungen aus dem Nahen Osten sind Molosser, Wind- und Zwerghunde zu sehen (s. Abbildungen im Artikel „Hunderassen im Wandel der Zeit“ in WUFF 3/97, Anm. d. Red.). Aber die züchterische Übertreibung von Merkmalen bis hin zur schweren Beeinträchtigung der Lebensqualität der betroffenen Hunde („Qualzucht“) und die Korrektur des Äußeren durch das Skalpell („Kupieren“) war in seiner vollen Intensität eine Entwicklung der letzten hundert Jahre. Womit sich auch die Frage stellt, was dies wohl für das Verhalten der Hunde und ihre Kommunikationsfähigkeit bedeutet. Und kann das so weitergehen? Ist der Hund auf dem besten Weg zu einem Spielzeug á la Tamagochi?

Muss das sein?
Die Frage nach den Gründen für diese Entwicklungen, sowie nach deren Auswirkungen auf Verhalten und Verständigungsmöglichkeiten innerhalb der Hunde und zwischen Hund und Mensch, kann man auf mehreren Ebenen stellen:
1. Man kann fragen, ob Kupieren „sein muss“, weil dadurch der Gebrauchswert der Hunde steigt (Verletzungsgefahr). Im Falle der Qualzucht stellt sich diese Frage natürlich nicht.
2. Es ist sicherlich auch relevant, den menschlichen Neigungen nachzuspüren, welche zur Entwicklung von Moden führten, die sich wiederum im Herauszüchten extremer Merkmalsausbildung bei Hunden äußern.
3. Behindern „Qualzuchten“ und „Kupieren“ die Kommunikationsfähigkeit und damit die soziale Kompetenz und Verhaltensfähigkeit der Hunde?
4. Und schließlich muss man sich als Hundefreund auch der ethischen Dimension des Problems bewußt sein. Kann es jenseits aller Nützlichkeits- und Tierschutzargumente überhaupt zulässig sein, unseren „besten Freunden“ belastende Merkmale anzuzüchten oder ihr Aussehen mit dem Skalpell zu korrigieren?

Hunde und Schweine?
Die Kupier- und Qualzuchtproblematik stellt im Zusammenhang mit dem gesamten Tierschutz natürlich ein relativ geringes Problem dar. Aber es wäre zynisch, das Leid der Hunde deswegen gering zu bewerten, weil die landwirtschaftliche „Tierproduktion“ und Vermarktung (s. Tiertransporte) die noch größeren Probleme aufwirft. Umgekehrt ist das Argument schlicht pervers, das Kupieren bei Hunden sei nicht so schlimm, schließlich würden auch die meisten Ferkel heutzutage kupiert. Denn die armen Schweinderln kupiert man, weil sie sich sonst aufgrund ihrer völlig unzureichenden Haltungsbedingungen selbst die Ringelschwänzchen abbeißen würden.

Gebrauchswert und Verletzungsrisiko
Zur Frage 1: Es ist auch darauf hinzuweisen, dass dies eine „hinterher-Diskussion“ ist, denn der Gesetzgeber muss aufgrund einer bindenden Europäischen Konvention (siehe Meldung auf Seite 9 in dieser Ausgabe) Kupieren und Qualzuchten verbieten, die Sache ist daher ohnehin schon „gelaufen“. Die Frage, ob Kupieren angebracht wäre, um den Gebrauchswert zu verbessern, das Verletzungsrisiko zu verringern, darf man natürlich trotzdem stellen. Generell gibt es keine haltbaren, von Daten gestützten Sachargumente für das Kupieren. Allerdings wird im Falle weniger Jagdhunderassen (Deutsch Drahthaar, Deutsch Kurzhaar) von einem erheblichen Prozentsatz verletzter Ruten im Jagdeinsatz berichtet.

Eitelkeit und Absatz
Zur Frage 2: Wie kommt es, dass auf extreme Merkmale gezüchtet wird? In Analogie zur Erklärung von Evolutionsprozessen kann hier das Modell eines eskalierenden, nach oben offenen Prozesses angewandt werden. Das heißt, dass Form- und Zuchtwertrichter meist dazu neigen, den Rassestandard in Richtung extremer Merkmale zu interpretieren. Wie auch Herr Fischer, der Präsident des deutschen Rassehundedachverbandes (VDH) anprangerte. Und dies geschieht im Einklang mit den meisten Züchtern. Diese tendieren dazu, sich von der Masse der Rasse abzuheben und in ihren Zwingern ein „unverwechselbares typisches Produkt“ zu erzeugen, welches nicht nur das Ansehen im Zuchtverband steigert, sondern sich auch gut absetzen läßt.

Hund verkommt zum Objekt
Der Hund wird dadurch zum tierarzt- und betreuungsintensiven Mode- und Statusobjekt. Das langzeitliche Wohl der Rassen bleibt dabei auf der Strecke (wohl gemerkt, das alles gilt natürlich nicht für Rassen, bei denen Ausstellungsergebnisse wenig Bedeutung für die Zucht haben!). Champion- und Linienzucht begünstigen die Bildung von Inzuchtdepressionen und fördern den raschen Niedergang. Entgegenwirken könnte man allenfalls durch bessere Ausbildung von Züchtern und Richtern (wie von Herrn Fischer vehement gefordert) und durch die Ächtung von Übertreibungszucht in den entsprechenden Verbänden, sowie jener Körperschaften, welche Qualzucht betreiben.

Kommunikation durch Körpersprache
Zur Frage 3: Natürlich behindern Kupieren und manche Zuchtauswüchse die Kommunikation zwischen den Hunden und zwischen Hund und Mensch. Um beurteilen zu können, was in den einzelnen Rassen an Defiziten vorliegt, benötigt man einen geeigneten Vergleich, etwa mit dem Stammvater Wolf oder entsprechend ursprünglich gebliebenen Hunderassen, wie Huskies oder Eurasier. Körpersprachliche Kommunikation von Stimmungszuständen und Absichten bei Hunden ist ein Gesamtgeschehen, an welchem einzelne Merkmale entsprechend beteiligt sind. Mit Hilfe von Körperstellungen, Mimik und dem Sträubezustand des Haarkleides kann im sozialen Bereich äußerst differenziert kommuniziert werden und ich kann aus eigener Erfahrung mit Eurasiern bestätigen, wie informativ und beglückend dies auch in der Hund-Mensch-Kommunikation sein kann.

Stummeln statt wedeln
Fallen nun einzelne Merkmale aus, dann ist die Kommunikation natürlich entsprechend beeinträchtigt. Schlappohren etwa können die vielen Nuancen der beweglichen Wolfs- und Eurasierohren nicht bieten und kupierte Schwänze können höchstens per Stummel wedeln oder nicht, damit hat sich’s. Ausdrucksnuancen des Schwanzes fallen weg. Pudel können natürlich das Fell nicht mehr sträuben und die Feinheiten der Mimik gehen bei vielen Rassen in der überbordenden Gesichtsbehaarung unter. Trotzdem ist zu bemerken, dass auch dermaßen gehandicapte Hunde noch ganz gut imstande sind, ihre grundlegenden Stimmungslagen mitzuteilen. Zu einem kompletten Zusammenbruch der sozialen Kommunikation kommt es auch beim „verzüchtetsten“ Hund nicht.

Vergröberung der Ausdrucksmittel
Verglichen mit der Wildform führt Hundezucht also beinahe automatisch zu einer Vergröberung des Mitteilungsvermögens bei den einzelnen Rassen. Menschen waren und sind offenbar an diesen Feinheiten nicht wirklich interessiert und benötigen sie auch nicht in der Kommunikation mit ihren Hunden. Solange die Wahrnehmung der Hunde intakt bleibt, können diese den Willen ihrer Halter richtig einschätzen und entsprechende Anweisungen befolgen. Die Vermittlung genauer Stimmungsbilder vom Hund Richtung Mensch ist offenbar in der Hund-Mensch-Beziehung weniger wichtig. Auch dadurch wurden Hunde immer abhängiger von den Menschen.
Da im Zusammenhang mit der Signalwirkung von Körpersprache und Mimik auf den Empfänger viel Lernen im Spiel ist (das Signal an sich, also das Schwanzwedeln ist zwar hochgradig erblich, seine Bedeutung wird aber in der Sozialisierungsphase der Welpen weitgehend gelernt), schaffen es auch grob „verzüchtete“ oder kupierte Hunde gut, sich kommunikativ in ein soziales Netz einzubauen, solange sie nur ausreichend, also früh genug, mit Menschen und Hunden sozialisiert werden. Die Vergröberung der Ausdrucksmittel durch Zucht und Kupieren ist daher zwar bedauerlich und mag sogar unethisch sein, ein zwingendes ethologisches Sachargument, etwa dass dies die inner- und zwischenartliche Kommunikation in tierschützerisch inakzeptabler Weise behindern würde, ist davon aber nicht abzuleiten.

Der ethische Aspekt
Zur Frage 4: Jenseits aller praktischer Tierschutz- und Sachargumente, sind und bleiben Qualzucht und Kupieren meiner Meinung nach verwerflich. Es kann mir niemand einreden, dass es zu rechtfertigen ist, Hunde zu züchten, die ständig Gefahr laufen, an ihrem eigenen Gaumensegel zu ersticken oder auch Rassestandards mit dem Skalpell zu erzielen. Hunde können sich im Gegensatz zu Menschen nicht für oder gegen Schönheitschirurgie entscheiden. Ein partnerschaftliches Verhältnis mit dem Hund verbietet einfach Qualzucht und Kupieren. Traurig, dass diese Einsicht nicht in den entsprechenden Zuchtverbänden und Körperschaften wuchs, sondern erst die Reaktion des Gesetzgebers über den Druck der öffentlichen Meinung erforderte. Und sollten in Einzelfällen tatsächlich Probleme mit nicht schwanzkupierten Hunden auftreten (etwa beim jagdlich geführten Dt.-Kurzhaar und Drahthaar), dann muss diesen mit züchterischen Maßnahmen, nicht aber mit dem Skalpell begegnet werden.

Aus der Sackgasse
Im Interesse des Bestandes vieler alter Hunderassen ist zu hoffen, dass sich der bereits in Gang gekommene Prozess des Umdenkens beschleunigt, dass Zuchtverbände und Züchter einsehen, dass Linien- und damit Inzucht und Merkmalsübertreibung in Sackgassen führen, dass Züchter extremer Übertreibungen von Richtern und Verbänden geächtet werden und dass auch die Welpenkäufer immer bewusster nicht nur auf „schöne“ (was oft besonders absonderlich oder monströs bedeutet), sondern vor allem auf robuste, langzeitlich-gesunde, natürliche Hunde Wert legen.



>>> WUFF – INFORMATION


Zuchtkriterien aus ethologischer Sicht

Tatsächlich sind wohl alle Hundefreunde gegen „Qualzucht“, schwieriger aber wird es schon, den Begriff für die Praxis zu definieren (z.B.: Wie mopsköpfig etwa darf ein Hund sein, um dies als Qualzucht zu werten?). Auch aus ethologischer Sicht sind mir dazu folgende Kriterien eingefallen:

A) Hunde sollten auf optimale Gesundheit, Robustheit, Vitalität und Fitness gezüchtet werden:
– Keine Zucht mit manifest erbkranken Linien (z.B. Stoffwechselerkrankungen, HD, übersteigerte Aggressionsbereitschaft, etc.)
– Die Fruchtbarkeit der Rasse muss sich statistisch um den größten Mittelwert bewegen
– Die gesamte Reproduktion, von der Kopulation bis Geburt und Jungenaufzucht muss in der Regel (Notfälle gibt es immer) ohne tierärztliche Hilfe möglich sein
– Die Welpensterblichkeit muss vernachlässigbar klein sein
– Die durchschnittliche Lebensdauer sollte wesentlich über 10 Jahre liegen.

B) Hunde müssen auf volle Verhaltens- und Sozialisierfähigkeit gezüchtet werden:
– Ihre Bewegungsfähigkeit ohne Beschwerden muss in der Regel bis ins Alter gewährleistet sein
– Wahrnehmung und physiologische Leistungen müssen normal funktionieren
– Individuen müssen sowohl mit Hunden als auch Menschen gut sozialisierbar sein (keine ungewöhnliche Scheu, „wesensfest“, keine übersteigerte Aggressionsbereitschaft).

C) Hunde sollen eine gewisse „Natürlichkeit“ behalten:
– Der Rassestandard darf keine chirurgischen Hilfestellungen erforderlich machen. Hunde sind generell so zu züchten, dass auch keine „gesundheitsbedingten“ Korrekturen erforderlich werden.

Selbstverständlich darf man Individuen, auf die das eine oder andere Kriterium zutrifft, nicht einfach euthanasieren, aber man kann sie von der Zucht ausschließen. Und man könnte Rassen und Zuchtvereinen, bei denen einschlägige Probleme existieren, eine 10jährige Beobachtungsfrist einräumen, innerhalb der sich die Situation signifikant verbessert haben muss, weil es sonst wohl Pflicht der Behörde wäre, im Einklang mit den Tierschutzgesetzen, ein Zucht-, Ausstellungs- und Haltungsverbot zu erlassen.

 

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Prof. Dr. Kurt Kotrschal ist Präsident des Eurasier Club Austria (ECA) und langjähriger Eurasier-Halter. Die WUFF-Leser kennen ihn auch von den ­Artikeln über das Wolf Science Center (WSC), das er gemeinsam mit Friederike Range und Zsófia Virányi leitet. In ­diesem Zusammenhang ist auch sein Buch „Wolf - Hund - Mensch - Die Geschichte einer jahrtausendealten Beziehung" neu erschienen, über das Sie im nächsten WUFF mehr er­fahren.

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