Der Hund: Objekt der Liebe und des Hasses

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Hunde sind mit Sicherheit die loyalsten Partner des Menschen.
Doch so viele Menschen auch Hunde lieben, so gibt es viele, die sie ablehnen oder gar hassen. Dr. Béatrice Werlen, eine Psychotherapeutin aus der Schweiz, über Hunde als Objekt der Liebe und des Hasses.

„Hunde sabbern, stinken, scheißen überall hin – und sie sind doof genug, dass sie 100 Mal demselben Stück Holz sinnlos hinterherrennen. Eigentlich sind Hunde überflüssig und sollten ausgemerzt werden“. Im vergangenen Frühling waren diese hier zitierten Aussagen in der Schülerzeitung eines Schweizer Gymnasiums zu lesen. Die Reaktionen darauf waren harsch. Der Rektor der besagten Schule sah sich zu beruhigenden Worten und einer Entschuldigung befleißigt; der ­Schüler sei „im Sinne der journalistischen Freiheit und des jugendlichen Aus­probierens wohl ein wenig über das Ziel hinausgeschossen.“

Auch wenn das oben genannte ­Beispiel eher von der Gnade jugendlicher Unkenntnis und Intoleranz beseelt ist, bleibt die Tatsache, dass kaum ein anderes Verhältnis zu einem Haustier ähnlich ambivalent ist wie das zwischen Hund und Mensch. Derzeit haben sich die Lager noch mehr gespalten; einerseits ist die Rede von den Kampfhunde-Attacken, der Verschmutzung der Umwelt durch Hundekot und von Hunden als Kinder-Ersatz der Egoistengeneration der „Dinks“ (Double income no kids). Andererseits geht vielen Menschen ihr geliebtes Tier über alles, und es werden keinerlei Kosten gescheut, bis hin zur Nuklearmedizin, falls dies nötig wird. Der Tod eines geliebten Hundes kann Depression oder Suizidalität ­auslösen.

Frühe Partnerschaft
Gemäß einer Max-Planck-Studie (Science, 22. November 2002) verlief die Domestikation des Hundes unter anderem deshalb so erfolgreich, weil Hunde eine einzigartige Fähigkeit besitzen, mit Menschen zu kommunizieren. Diese Fähigkeit ist nicht stammesgeschichtlich begründet, also nicht von den Wölfen vererbt, sondern sie ist das Ergebnis der permanenten Selektion durch den Menschen. Aus Knochenfunden schloss man bis anhin, dass vor ca. 15.000 Jahren Wolfswelpen aus der Höhle geholt wurden, welche die Frauen vermutlich neben dem eigenen Nachwuchs an der Brust säugten. (s. auch Zimen, WUFF 1 und 2/1996) Aufgrund neuer genetischer Untersuchungen soll das Miteinander zwischen Mensch und frühem Hund sogar schon vor 135.000 Jahren begonnen haben: Interessant ist dabei die These, nicht etwa der Mensch habe den Hund domestiziert, sondern dieser habe sich selber „verhaustiert“, also sich seinerseits freiwillig und aktiv dem Menschen angenähert.

„Gute“ Hunde: In Schnee und Eis, in Krieg und Weltraum

Dieser Prozess jedenfalls hat zu ­Jagdhelfern, Herdenhütern und Zugtieren geführt; auf manchem Bauernhof der Schweiz und auch in anderen Ländern wurden früher Milch und Marktwaren traditionellerweise auf Hunde-Karren transportiert.

Modernere ­Nutzungspotenziale ­finden wir heute bei Lawinensuch- und Blindenführhunden; es gibt Assistenz­hunde für Behinderte, Wasser- und Rettungshunde, Minensuchhunde, Sanitätshunde, Schutz- und Herdenschutzhunde, Wach- und Polizeidiensthunde sowie, relativ neu, sogar Leichensuchhunde. Und es gibt die Pitbulls; die kämpften früher gegen Bären und Bullen – und heute gegen ihren schlechten Ruf.

Bleiben wir bei den „Guten“: Zum Beispiel Barry: Seine Geschichte ist legendär. Er ist der berühmteste Bernhardiner weltweit. Geboren 1800 auf dem Großen Sankt Bernhard, ­wurde er von den Mönchen des Hospizes zum wohl ersten Schneerettungshund ausgebildet. Gemäß Akten und Überlieferungen rettete dieser Hund zur Zeit der napoleonischen Kriege über 40 Menschen das Leben, die sich in Nebel, Sturm und Eis verirrt hatten. Der Letzte, dem er zu Hilfe kam, war ein russischer Deserteur: Dieser verwechselte Barry mit einem Wolf und stach mit einem Messer auf ihn ein, als ihn der Hund im Schnee fand und so vor dem Erfrierungstod bewahrte. Der Hund überlebte die Attacke schwerverletzt, kam alledings nie mehr richtig auf die Beine. Deshalb verbrachte er seine letzten Jahre als kranker und trauriger Stadthund in Bern.

Hunde werden seit jeher eingesetzt bei kriegerischen Auseinandersetzungen, in Versuchslaboren im Namen der Medizin, der Wissenschaft und der Forschung: Im Krieg pflegte man sie mit aufgepackten Sprengsätzen über die feindliche Grenze zu schicken; sie waren – allerdings ohne zuvor gefragt worden zu sein – die Vorläufer der modernen Selbstmordattentäter.

Und Laika: Am 3. November 1957 wurde diese Hündin auf eine ­Reise ohne Wiederkehr geschickt; sie ­verglühte im All im Dienste der Menschheit an Bord von Sputnik 2. Nach den aktuellen Aussagen des am Projekt beteiligten Biologen ­Malaschenkow starb die Mischlingshündin bereits wenige Stunden nach dem Start an Überhitzung und ­extremem Stress. Die ­frühere, ­jahrzehntelang als die offizielle ­sowjetische Version aufrechterhaltene ­Darstellung besagte, Laika habe ­mehrere Tage in der Kapsel überlebt. (s. auch WUFF 12/2002)

Zwischen November 1957 und März 1961 teilte eine ganze Anzahl ­weiterer russischer Hunde das Schicksal von Laika; in den Orbit geschossen, ­ebneten sie den Weg für Juri Gagarin. Im Laufe der Zeit überlebten sogar einige davon und kehrten in ihrer ­Kapsel auf die Erde zurück.

Der Preis der Liebe

Die Nützlichkeit und Nutzbarkeit von Hunden ist hinreichend belegt; es gäbe noch unzählige weitere Beispiele. Was macht denn aber aus, dass Hunde wie kein anderes Lebewesen von den einen abgöttisch geliebt und von den anderen verabscheut werden?
Die Gründe sind im Emotionalen und im Psychologischen, nicht in der Ratio zu suchen. Hunde sind in ihrer bedingungslosen Loyalität und ihrem enormen Maß an forderungsfreier Liebe ungewollt zu knallharten Konkurrenten für manche menschliche Partnerschaft geworden. In einer Zeit, in der sogenannte Lebensabschnittspartner mit einer Halbwertszeit von bestenfalls einigen Jahren die Norm sind, besteht parallel dazu eine tiefe Sehnsucht nach der wahren Liebe, oder zumindest nach einer verlässlichen, dauerhaften, tiefen Bindung.

Es gibt viele Menschen, welche sowohl ihre Partner, ihre Familie und Freunde – und gleichermaßen auch ihre Hunde lieben. Eifersucht ist jedoch dann vorprogrammiert, wenn einem Menschen nichts über seine Bindung zum Tier geht. Die einen lösen dies, indem sie keine näheren menschlichen Beziehungen mehr eingehen und sich nur noch auf den (mit Sicherheit loyalsten) Partner Hund fokussieren. Die anderen jedoch werden treulos, sobald sie ihr Partner vor die klassische „Entweder-Oder“- ­Entscheidung stellt; typisch hierzu eine Anzeige auf der Website des American Pitbullterrier Clubs der Schweiz: „Mein Herrchen hat mich als kleinen Welpen zu sich genommen; ich war ihm sieben Jahre lang treu! Doch plötzlich kam diese Frau, die meinte: ,Entweder ICH oder der Hund‘. Nun muss ich weg – aber wohin?!“

Eine gewisse ­Inkompatibilität der Lebensweisen von Mensch und Hund erhöht zudem das Problem dieser Partnerschaft. Der Hund trägt in sich die Gene vom Laufraubtier Wolf, der moderne Mensch ­hingegen diejenigen des Couch-Potatoes. Auch eifrige Feier­abendsportler verbringen meist den ganzen Tag sitzend im Büro. Wenn ein ­hochsoziales Gesellschaftstier wie der Hund zehn Stunden allein in der ­Wohnung vor sich hindämmert, entspricht dies nicht seinen Bedürfnissen. So ist bekannterweise die genetische Prädisposition eines Border-Collies die des absoluten Arbeitstieres, dazu geboren, täglich stundenlang Schafe zu treiben. Von unterbeschäftigten Exemplaren, als Stubenhunde „stillgelegt“, sind Selbstverstümmelungen dokumentiert: Diese unglücklichen Hunde nagen sich aus Verzweiflung selber die Pfoten an. Die Borderline-Persönlichkeits­störung jetzt auch bei Hunden? (Borderline-Syndrom: eine Persönlichkeitsstörung, bei der sich Patienten häufig Selbstverletzungen zufügen, z.B. durch Schneiden an den Handgelenken. Der äußerliche Schmerz soll von der inneren unaushaltbaren Unruhe und Angetriebenheit ablenken.)

Die Motivationen für die Anschaffung eines Hundes sind vielfältig; oft steht dahinter eine implizite Erwartungshaltung. Manchmal handelt es sich um die Projektion der eigenen Wünsche und Bedürfnisse – ungeachtet ­dessen, ob deren Erfüllung überhaupt im Naturell und in den Möglichkeiten des Tieres liegt.

Oft ist es leider so: Sobald ein Hund sich verhält, wie seine Gene es ihm vorgeben – beispielsweise zu ­graben, zu jagen, sich fortzupflanzen –, dann werden Verhaltensweisen als „Un­tugenden“ geahndet und sanktioniert. Der wohl extremste und schockierendste Fall einer solchen Sanktion fand vor einem knappen Jahr in der Schweiz statt, er sei an dieser Stelle nochmals aufgegriffen: Weil der Nachbarshund ihre Hündin unerwünscht deckte, machte eine Bäuerin kurzen Prozess: Sie schnitt dem „fehlbaren“ Rüden bei vollem Bewusstsein den Hodensack auf und die Hoden heraus. Danach ließ sie den Hund ohne jede Wundversorgung laufen. Sie informierte weder die Hundebesitzerin noch einen Tierarzt, sondern überließ das Tier seinem Schicksal. Der Hund verblutete in der Folge auf seinem Rückweg nach Hause. In dieser Geschichte gibt es viele ­Unklarheiten. Die von der Staatsanwaltschaft ausdrücklich anerkannte „Brutalität und Rohheit der Tat“ steht in krassem Gegensatz zur anschließend ausgesprochenen, lächerlich geringen Buße und nur bedingten (!) Geldstrafe.

Da stellt sich die Frage: Wo liegt denn hier der Hund begraben? Geht es, psychoanalytisch betrachtet, um die eigenen, unbewussten Kastra­tionsängste der Richter – weil „nicht sein kann, was nicht sein darf“ (ein männliches Wesen wird durch ein weibliches entmannt) – oder geht es darum, dass es sich ja „lediglich um einen Hund“ gehandelt hatte? (Wir erinnern uns: Das sind jene ­Geschöpfe, die im Dienste der Menschheit auf vielfältigste Weise gebraucht und verbraucht werden).

„Böse“ Hunde: Zum Beispiel Kampfhunde
Unvergessen der Angriff von drei ausgerissenen Pitbull-Terriern, die 2005 im Kanton Zürich (oder irgendwo auf der Welt) ein Kind töteten. Diese Vorfälle sind schrecklich – und natürlich ist jeder einer zu viel. Meist liest sich jedoch die Vorgeschichte – der Vorlauf des Geschehens – wie eine Anleitung zum Herstellen einer Zeitbombe. Ja, es ist wahr: Wenn man einen Wurf junger Pitbulls in einem Gitterverschlag, in dem sie nicht einmal aufrecht stehen können, in einer Einzimmerwohnung aufzieht, ihnen zudem jeglichen Auslauf und jeglichen Sozialkontakt verweigert – dann ist die Entstehung schwerster Verhaltensstörungen und der Aufbau angestauter Aggressionen garantiert! Genauso wie bei jedem anderen Hund, der so „gehalten“ wird. Mit dem tragischen Unterschied, dass ein malträtierter Pitbull eher als ein malträtierter Dackel über die Kräfte verfügt, ein Kind zu töten.

Hunde werden gefährlich durch die Missachtung ihrer elementarsten Grundbedürfnisse; nicht allein durch die Tatsache ihrer Geburt. Und – wie auch bei der Psychopathologie des Menschen – bestätigen Ausnahmen die Regel. Wieso hält man sich Pitbullterrier? Ist es die Sehnsucht nach der urtümlichen Männlichkeit in einer Welt voller Ängste um die Rente und den Arbeitsplatz? Die bereits er­wähnte Hoffnung nach einem loyalen, zuverlässigen Freund und (Lebens-) Partner? Reaktiviert ein Kampfhund, angetan mit nietenbeschlagenem Stachel-Halsband, das verlorengegangene Feeling des starken Marlboro-Mannes? Seit Rauchen inzwischen auch auf den Packungen – schriftlich und hochoffiziell – tödlich geworden ist, wird es zunehmend schwieriger, das Klischee des Machos zu bedienen. Soweit die Aufzählung von Allge­meinplätzen in den einschlägigen ­Diskussionen um die Hundehaltung.

Die Wahrheit ist, wie oft, differenzierter und weniger platt. Erstens sind auch viele Frauen Liebhaberinnen dieser Rassen. Zudem hält sich der Anteil gebildeter, intelligenter rücksichtsvoller Normalbürger unter den Haltern sehr wohl die Waage zu den verantwortungslosen, und ist statistisch nicht anders verteilt als bei den Haltern anderer Rassen.

Weshalb ist es so schwer zu ver­stehen, dass auch hier die Freiheit der Wahl gilt? So wie gewisse Menschen von der Eleganz und der Kraft eines Lamborghinis hingerissen sind, so sind andere eben fasziniert von der Kraft und Schönheit eines Mastiffs oder eines Pitbulls. Man wird dem Lieb­haber eines schnellen, eleganten Autos auch nicht per se, ­automatisch und pauschal, eine Neigung zur unkontrollierten Aggression und ­Primitivität unterstellen.

Pit bedeutet Ring, Arena. Nachdem im elisabethanischen England die Hundekämpfe ihre Hochblüte hatten, wurden sie 1835 verboten. Immi­granten von Irland und England machten die Zucht von Kampfhunden um 1860 in Amerika populär. Der Pitbull gilt als eine amerikanische Kreation aus verschiedenen Rassen, deren Bestimmung der Kampf war. Eine erhöhte Gefährlichkeit dieser Tiere ist umstritten: Eine Studie der Universität Hannover kommt zum Schluss, dass „nicht die Rasse einen Hund gefährlich macht“. Ausgewertet wurden die Wesenstests von 415 Hunden der Rassen American Staffordshire-Terrier, Bullterrier, ­Rottweiler, Dobermann und Staffordshire Bullterrier, sowie Hunde vom Pitbull-Typus. Als Kontrollgruppe dienten 70 Golden Retriever, die als zutraulich gelten. Die Studie zeigte keinen ­signifikanten Unterschied hinsichtlich des aggressiven Verhaltens der ­verschiedenen Hunderassen. (2004, Tieräztliche Hochschule Hannover: Untersuchung des Verhaltens von Golden Retrievern im Vergleich zu den als gefährlich eingestuften Hunden im Wesenstest nach der Niedersäch­sischen Gefahrtierverordnung vom 5. 7. 2000)

Der Sack und der Esel

In der heutigen Welt bestehen viele diffuse Bedrohungen und Mächte, denen man sich passiv ausgeliefert fühlt: Terroranschläge, Umweltkata­strophen, Pandemien, fremde Staatsmächte, welche die eigene Souveränität bedrohen, und was der Ängste noch mehr sind. Wir leben wie selten zuvor in einem Zeitalter der Angst und der Bedrohung. Obwohl wir materiell alles haben, sind die Lebensängste virulenter denn je; Angst und Depressionserkrankungen stehen in höchster Blüte und füllen die ­psychiatrischen Kliniken; Menschen greifen zu ­Drogen, um so mittels „chemischer ­Ferien“ Pause von der harten Realität zu ­nehmen. Die Folgen sind tiefste Verunsicherung und das Gefühl der Machtlosigkeit.

Ein in der Psychotherapie hochrelevanter Begriff ist die Selbstwirksamkeit. Das heißt, die Handlung einer Person führt zu einem (beabsichtigten) Ergebnis, sie verpufft nicht in der Wirkungslosigkeit. Die Erfahrung von Selbstwirksamkeit ist eine wichtige Komponente der psychischen Gesundheit.

Das Gegenteil davon, den Begriff der erlernten Hilflosigkeit, prägte 1967 der amerikanische Psychologe ­Martin Seligman: Menschen resignieren und werden ­behandlungsbedürftig depressiv, wenn sie das Gefühl bekommen, nichts bewirken zu ­können und den Umständen hilflos ausgeliefert zu sein.
Während man beispielsweise Feinstaub und CO2 nicht sehen oder anfassen kann, so ist ein Hundehaufen auf dem Trottoir ein wunderbares Corpus delicti – und der Täter ist physisch fassbar. Es ist ein uraltes Bedürfnis des Menschen, seine diffusen Ängste und Ärgernisse fassbar zu machen, sie auf ein konkretes Ziel – einen Sündebock – hin auszurichten, eben, wirksam zu sein. So kann es wunderbar befreiend und kathartisch sein, Nachbars Schäferhund samt Besitzer wegen eines Kothaufens auf der Straße anzuzeigen; dies vermittelt die Illusion von Macht und Kontrolle. Ob es sich um die Angst vor fundamentalistischem Terror oder der Ohnmacht gegenüber der Schweinegrippe handelt; auch hier spielt die Psychologie des Stellvertreters: Ein Objekt, an dem man den Ärger abladen kann, dient der seelischen Entlastung.
Im Gegensatz zu Atomtransporten oder einer Ölkatastrophe kann man Hunden in Parkanlagen mit Verboten und restriktiven Verordnungen Einhalt gebieten. In Wahrheit schlägt man
den Sack und meint den Esel.

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