Der Hund und seine Zähne

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Pflege, Behandlung, Krankheiten

Würde man die Frage nach dem Wozu einer Zahnpflege ­einem 8-jährigen Kind stellen, so wäre die Antwort vermutlich umfangreich, lernen wir Menschen doch die Grundzüge der Zahnhygiene schon von klein auf. Stellt man die Frage einem Hundehalter, so erhält man oft ein Achsel­zucken als Antwort. Warum ist das so? Putzen sich wild­lebende Wölfe auch die Zähne, und wie?

Es gibt mehrere Gründe dafür, warum Hunde immer öfter mit Zahnproblemen beim Tierarzt vorstellig werden. Zum Ersten leben heutzutage Hunde deutlich länger, mitunter ein Verdienst der modernen Medizin und der deutlich verbesserten Haltungsbedingungen. Zum Anderen werden Hundehalter immer mehr sensibilisiert auf das Vorhandensein von Zahnerkrankungen. Ein weiterer Grund liegt in der Ernährung. Kaum ein Hund muss in der Obhut des Menschen selbst jagen und rohes Fleisch vom Knochen reißen. Die moderne Tiernahrung versorgt unseren besten Freund mit allen möglichen Nährstoffen, feucht oder trocken, jedoch leider oft ohne auf den physiologischen Zahnreinigungsakt beim Kauen Rücksicht zu nehmen. Spezielles Futtermittel, sogenanntes Dentalfutter, versucht dem Rechnung zu tragen. Allerdings ist dies nur eine von vielen Variationsmöglichkeiten der tierischen Ernährung, wenngleich Studien zeigen, dass dieses Futter sehr effektiv zur Zahngesundheit beitragen kann.

Und hier sind wir schon bei einer der möglichen Lösungen für anhaltende Zahngesundheit bei unseren Wegbegleitern angekommen – der Ernährung. Doch bevor wir darauf eingehen, muss man erst verstehen, wie überhaupt „schlechte“ Zähne entstehen – wie wird Plaque und Zahnstein überhaupt gebildet? Plaque oder Zahnbelag kennt jeder von uns, es ist dies der raue gelartige Belag, den wir uns meist kurz nach dem Aufstehen morgens und vor dem Schlafengehen abends mittels einer Zahnbürste wegputzen. Dieser Belag besteht hauptsächlich aus Zellen der Maulschleimhaut, die anfallen, weil sich diese Gewebeart sehr schnell regeneriert bzw. neu aufbaut. Dazu kommen Speicheleiweiße und Bakterien, sowie mikroskopisch kleine Essens-/Futter­bestandteile. Wird Plaque nicht entfernt, so kann sich Calcium aus dem Speichel in den Zahnbelag setzen und es entsteht Zahnstein. Generell ist Plaque das ­„Gefährliche“, weil Biofilm und Bakterien hier alles vorfinden, was sie zum Leben brauchen. Zahnstein (ohne Plaque) ist „untätig“ und richtet nicht soviel Schaden an wie Plaque.

Dieser Vorgang ist bei Mensch und Hund ähnlich, allein die Form der Zähne als auch die Scherenfunktion beim Kieferschluss erleichtern die Zahnbelagsentfernung deutlicher beim Hund als beim Menschen. Allerdings, ist einmal Zahnstein entstanden, so kann dieser nur noch beim Tierzahnarzt entfernt werden. Geschieht dies nicht, so siedeln sich immer mehr Bakterien im Zahnstein an und fördern Entzündungen der Maulhöhle, die sehr schmerzhaft sein können. Andererseits können diese Bakterien aber auch in den Blutstrom gelangen und über längere Zeit erheblichen Schaden vor allem an Herz (Endokardiose), Leber und Nieren (Niereninsuffizienzen) hervorrufen.

Wie häufig ist überhaupt eine ­Zahnsteinbildung beim Hund?
Eine Studie aus dem Jahr 1999 hat rund 31.500 Hunde auf ihre Haupterkrankungen untersucht, mit folgendem Ergebnis: an erster Stelle liegt Zahnsteinbildung mit 20,5%, an zweiter Stelle die Gingivitis (Zahnfleischentzündung) mit 19,5%, und an dritter Stelle, etwas abgeschlagen, die Otitis externa (Ohrenentzündung) mit 13%. Das Ergebnis spiegelt eine eindeutige Situation wieder. Jeder fünfte Hund, egal welchen Alters, welcher Rasse oder welchen Geschlechts, leidet an einer behandlungswürdigen „Erkrankung“ oder ist auf dem besten Weg dahin! Andere besorgniserregende Zahlen hört man immer öfter in der Werbung: „80% aller Hunde über 3 Jahren leiden an Zahnproblemen.“ Leider erkennen wir Erkrankungen in der Maulhöhle sehr spät. Ein Grund liegt sicher im Wesen des Hundes, Schmerzen nach außen kaum zu kommunizieren. Es würde in der Natur zu einem Wettbewerbsnachteil führen, Schmerzen „öffentlich“ zu machen. Das heißt, Hunde fressen scheinbar normal, spielen vielleicht etwas weniger mit härteren Gegenständen, möchten plötzlich nur mehr weiches Futter angeboten bekommen oder werden schlicht „älter“, „müder“, „träger“ – dies alles können allerdings auch Symptome für chronische Schmerzen sein!

Was kann ich als Hundehalter ­dagegen tun?
Die Antwort ist so simpel, wie sie zugleich auch neue Fragen aufwirft: Zahnpflege = Zähneputzen! Derzeit gibt es für Hunde leider noch kein adäquates Mittel, das einer Plaque­entfernung mit der Bürste das Wasser reichen könnte. Unterstützende Maßnahmen wie Dentalfutter, Zahnpflegeprodukte (z.B. Zahnpflegesnacks), speziell getrocknete Rinderhaut, Knorpel (z.B. Ohren, Schlund usw.) erfüllen ebenso ihren Zweck, können allerdings die Zahn­bürste nicht komplett ersetzen. Vermieden sollten jene Produkte werden, die härter oder ebenso hart sind wie Zahn, dazu zählen Knochen, Hornschuhe, Geweihe, Harthölzer oder Nylonspielzeug (bspw. Vollplastikbälle). Diese Produkte können zu Absplitterungen der Zahnhartsubstanz führen, am häufigsten im Oberkieferreißzahnbereich, und zwar aufgrund enormer Kräfte und der Hebelwirkung.

Wie putze ich meinem Hund die ­Zähne?
Eine der wichtigsten Grundvoraussetzungen ist die Freude, mit der „Hund und Halter“ zur Tat schreiten sollten. Hunde merken sofort, ob ihr Besitzer diese Tätigkeit gerne macht oder keinen Spaß dabei empfindet. Junge Hunde sind gelehriger als alte Hunde, ihnen spielerisch die Zähne zu bürsten, kann ein junger Hund durchaus auch als Ehre empfinden – „mein Rudelführer widmet nur mir Zeit!“ Auf jeden Fall sollten dem Tier dabei keine Verletzungen oder Schmerzen zugefügt werden. Eine ­weiche Zahnbürste, Wasser, Schlämmkreide (bitte nicht bei Katzen!) oder ­spezielle Hundezahncreme – und los geht’s. Beginnen Sie im Backenzahnbereich, da die Schneidezähne sehr sensibel sind. Diese sollten erst gebürstet werden, wenn sich der Hund an den Vorgang gewöhnt hat. Heben Sie die Lefzen und bürsten Sie mit kreisenden Bewegungen – ähnlich wie bei uns Menschen – tagtäglich. Die wichtigsten Zähne, an denen zuerst Zahnstein gebildet wird, liegen im Oberkiefer. Es sind dies der Caninus, sowie der Oberkieferreißzahn (P4). In diesem Bereich (in der Lefze) liegen die Hauptspeichelausführungsgänge, die das Calcium in den Zahnbelag bringen. Das Intervall zwischen dem Zähneputzen sollte 1-2 Tage nicht übersteigen, da innerhalb von 18-36 Stunden aus weichem Zahnbelag harter Zahnstein werden kann.

Wenn Zähneputzen bei einem Hund nicht möglich oder dem ­Hundehalter zu aufwändig ist, helfen spezielle Zahnpflegesnacks dabei, Zahnbelag zu reduzieren und Zahnsteinbildung vorzubeugen. Auch als Ergänzung des täglichen Zähneputzens beim vierbeinigen Gefährten sind Zahnpflege-Snacks ohne Zuckerzusatz sinnvoll. Achten Sie bei der Auswahl des Snacks unbedingt auf die Angaben zur Reduzierung von Zahnbelag und Zahnstein. ­Tätigkeiten wie Spielen, Tragen, Kauen oder Arbeiten tragen zur Zahngesundheit bei, Gründe, warum größere Hunde deutlich weniger Probleme in diesem Bereich haben als Zwerghunde. Auch gewisse Rassen ­leiden leider vermehrt unter Zahnsteinbildung, allen voran der Yorkshire Terrier.

Zusammenfassend heißt das, um ­meinem Hund die Behandlung beim Tierzahnarzt möglicherweise zu ersparen, sollte ich schon in jungen Jahren nach dem Zahnwechsel (6. - 10. Lebensmonat) beginnen, die Zähne zu putzen und regelmäßig beim Tierarzt 1 - 2x jährlich kontrollieren zu lassen. Wird diese Zahnpflege mit dem nötigen Ehrgeiz betrieben, so ist es durchaus möglich, eine für meinen Hund lebenslange Zahngesundheit zu gewährleisten!

Im Folgenden zu den häufigsten Zahn­erkrankungen beim Hund, abgesehen von Zahnsteinbildung:

Zahnfraktur
Wie schon in diesem Artikel etwas früher erwähnt, ist eine ähnlich häufige Zahnerkrankung beim Hund die Gingivitis oder Zahnfleischentzündung, die bereits den ersten Grad einer Parodontitis, eine Erkrankung des Zahnhalteapparats, darstellt. Was viele unterschätzen ist die Tatsache, dass auch nur dieser erste Grad heilbar ist, alles was danach kommt, bedarf aufwändiger chirurgischer Maßnahmen oder der Entfernung (Extraktion) des betroffenen Zahns.

Bei jungen Hunden ist die Zahnfraktur ein oft gesehener Vorstellungsgrund beim Tierarzt. Die Zähne junger Hunde haben noch weite Nervenkanäle und sind dementsprechend „fragiler“ als adulte Zähne, und junge Hunde ­spielen viel und müssen ihre Umwelt erst erkunden – was leider oft auch mit Unfällen verbunden ist. Hat ein solcher Zahnbruch erst einmal stattgefunden, so findet nach Eröffnung der sogenannten Pulpa (Nerven/Gefäßkanal) immer eine Infektion statt. Diese Infektion dringt in die Tiefe ein und führt unbehandelt zu einem Wurzelspitzenabszess, zu einer Kieferknocheninfektion, im Extremfall sogar zu einer Septikämie (Blutver­giftung).

Erkennt man die Verletzung früh genug, können zahnerhaltende Maßnahmen ergriffen werden. Ähnlich wie in der Humanmedizin können Wurzelbehandlungen dazu führen, dass der Zahn nicht gezogen werden muss. Leider sind diese Eingriffe sehr arbeitsintensiv und erfordern eine lange Narkose, weswegen sich viele Hundehalter dann doch für eine Zahnextraktion entscheiden. Prinzipiell versuchen wir in der Veterinärzahnheilkunde eher die Funktion des Gebisses zu erhalten als deren Ästhetik, was einen deutlichen Unterschied zur Humanmedizin darstellt. Mit anderen Worten, ein Haushund sieht sich nicht im Spiegel und bedauert Zahnlücken, er möchte vielmehr keine Schmerzen haben und fressen können. Ein Diensthund muss mit seinem Gebiss arbeiten können, das heißt fassen, und dazu benötigt er seine Zähne, die in diesem Fall absolut erhaltenswert sein sollten. Wenn zu viel Substanz vom Zahn fehlt, hilft meist nur noch eine Wurzelbehandlung mit anschließender Überkronung. Auch das ist möglich, allerdings ist dies ein rein funktioneller Ersatz und hat wenig mit unseren Porzellankronen zu tun.

Tumore in der Maulhöhle
Eine weitere Erkrankung, die scheinbar immer häufiger auftritt, sind Tumore in der Maulhöhle. Glücklicherweise sind diese „Geschwülste“ beim Hund nur zu 30% bösartig, im Gegensatz zur Katze, bei der sie zu 90% bösartig sind. Auch hier spielt die Früherkennung eine bedeutende Rolle. Je früher eine Umfangsvermehrung in der Maulhöhle erkannt und untersucht wird, desto besser ist die Prognose für eine chirurgische Entfernung bzw. eine Chemo- oder Bestrahlungstherapie.

Es macht also Sinn, seinem Hund mehrmals wöchentlich die Zähne zu putzen, nicht nur, um die Zahngesundheit zu erhalten, sondern auch um ­systemischen Erkrankungen vorzubeugen und ­etwaige Umfangsvermehrungen schnell zu erkennen und behandeln zu können. Keine andere präventive Maßnahme kann eine derart hohe Erfolgschance versprechen wie die Zahnhygiene. Für Ihren Hund!

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Pdf zu diesem Artikel: zahnpflege

 

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